{"id":2002,"date":"2015-01-06T17:38:54","date_gmt":"2015-01-06T17:38:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2002"},"modified":"2024-06-26T07:33:36","modified_gmt":"2024-06-26T07:33:36","slug":"das-schiff","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2002","title":{"rendered":"Das Schiff"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2002&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2002&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Das Leben ist eine immerw\u00e4hrende Verwandlung. Dennoch besteht unser Hauptbem\u00fchen darin, den fl\u00fcchtigen Augenblick festzuhalten und zu bewahren. Wir suchen Sicherheit gegen\u00fcber Ver\u00e4nderungen, die unweigerlich \u00fcber uns hereinbrechen. Wie j\u00e4mmerlich ist unsere Angst, wie \u00fcberfl\u00fcssig unsere Anstrengung, wie l\u00e4cherlich unsere Hybris.<br \/>\nVerwandlung geschieht unmerklich und st\u00e4ndig, auch wenn wir die Augen davor verschlie\u00dfen und uns festhalten wollen am Bekannten und Sicheren.<br \/>\nDabei ist die F\u00e4higkeit zur Verwandlung unser gr\u00f6\u00dftes Geschenk. Nehmen wir es an, wird uns der Himmel zuteil, verweigern wir uns ihm, bleiben wir gefangen oder binden uns selbst die Fesseln. Wollen wir die Zeit n\u00fctzen, machen wir uns zu Sklaven. Lernen wir, uns verwandeln zu lassen, werden wir frei.<\/p>\n<p>In meiner Kindheit gab es eine entlegene Ein\u00f6de, in der ein Mann lebte, der eines Tages damit begann, ein Schiff zu bauen. Man redete davon, wie verr\u00fcckt es sei, an einem Hang, einem sanften H\u00fcgel im Bayrischen Wald ein Schiff zu bauen. Trotzdem lie\u00df der Pionier sich nicht beirren und werkelte unverdrossen auf der Wiese neben seinem Haus. So entstand eine Arche. Das ging langsam vorw\u00e4rts und zog sich jahrelang hin. Er muss Pl\u00e4ne studiert und B\u00fccher gew\u00e4lzt haben, um diese Idee in die Tat umsetzen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nLange habe ich nur davon geh\u00f6rt und mir das Wachsen dieses Schiffes in meinem Inneren ausgemalt. Es ergab sich keine Gelegenheit, es anzuschauen. Vielleicht wollte ich es auch gar nicht ansehen. Mir gen\u00fcgte das Bild, das ich davon im Kopf hatte. Davon ging so viel Kraft aus und es lebt bis heute in mir.<\/p>\n<p>Ich stellte mir vor, im Bauch dieses Schiffes zu sein, als eine Passagierin im Zwischendeck. Im Deutschen Museum in M\u00fcnchen gibt es dazu eine eigene Abteilung, die meine diesbez\u00fcgliche Vorstellung speiste. \u00c4rmliche Familien, die nach Amerika auswandern und wochenlang darben. Ich bin an Bord und breche in die Neue Welt und ein neues Leben auf, voller Hoffnung, dem alten f\u00fcr immer zu entrinnen, sobald Manhattan am Horizont erscheint. Dabei gibt es keinen anheimelnderen Ort als den Bauch des Schiffes, der trotz der Enge, der Dunkelheit und des Dr\u00f6hnens so viel Geborgenheit besitzt. Auch der Ozean erscheint mir nicht als Gefahr. Das Wasser schaukelt meist sanft, manchmal auch etwas fester, auf dass ich seekrank werde, aber das macht mir keine Angst. Das Schiff tr\u00e4gt mich \u00fcber den Ozean und eigentlich will ich nie ankommen. Die Bilder der Neuen Welt k\u00f6nnen gar nicht so verlockend sein.<\/p>\n<p>Einmal kam ich aber dann doch am Schiff auf der Wiese vorbei. Es war auch schon fast fertig und grau verschmiert. Ich wunderte mich \u00fcber die H\u00f6he des Rumpfes. Zum ersten Mal wurde mir klar, wie tief ein Schiff im Wasser liegt. Ich sah es auf der Wiese neben dem kleinen Wohnhaus stehen, festgezurrt, allzeit bereit zum Stapellauf. Dieses Bild hat sich eingepr\u00e4gt. Ob es jemals zum fernen Meer gelangt ist, hab&#8216; ich nie mehr erfahren. Ich wollte es auch nie mehr wissen. Vielleicht steht es ja immer noch dort und wartet auf den rechten Augenblick. Was kann einem noch passieren, wenn man ein Schiff im Garten hat, wohlgemerkt ein seetaugliches.<\/p>\n<p>Jahre sp\u00e4ter las ich den Leviathan von Joseph Roth und erinnerte mich wieder an das Schiff auf der absch\u00fcssigen Wiese. Der Korallenh\u00e4ndler Nissen Piczenik aus Progrody will nach Kanada auswandern, um dem Ungl\u00fcck zu entfliehen, aber es kommt zum Schiffbruch. Anstatt sich zu retten, folgt er dem Sog der Korallen, um neben dem Leviathan Frieden zu finden. Wie fix kann doch eine Idee werden, dass man der rufenden Stimme folgen muss, und sei es bis auf den Grund des Meeres. Auch den Schiffbauer aus dem Bayrischen Wald muss ein \u00e4hnlicher Ruf erreicht haben.<\/p>\n<p>Insgeheim hoffe ich, dass der graue Rumpf unver\u00e4ndert auf der Wiese wartet, inzwischen schon verwittert und etwas morsch geworden. Das Schiff steht sicher da und kann keinen Passagier der Verlockung der Fluten aussetzen und dem Ruf der Meerestiefen. Und dann m\u00f6chte ich wieder darin wohnen, losgel\u00f6st von der Zeit, im seligen D\u00e4mmern des Halbdunkels, ohne das geringste Bed\u00fcrfnis, nach drau\u00dfen zu gehen.<br \/>\nEinfach zu stehen, zu sitzen, zu liegen und zu horchen. Den anderen Sinnen bieten sich keine Reize. So h\u00f6re ich auf ein Knacksen im Holz als Zeichen der Bewegung im Au\u00dfen. Ein Klopfen macht mich neugierig und ich bewege mich in die Richtung, aus der es kommt. Vielleicht klopfe ich zur\u00fcck, aber ich glaube eher nicht. Ich f\u00fchle mich ja nicht gefangen, sondern geborgen. Dann h\u00f6re ich ein sanftes Rauschen, ein Wind streichelt die Au\u00dfenwand. Die Umarmung ist auch innen zu sp\u00fcren. Selbst ein Sturm kann dem Schiff nichts anhaben, er will nur auf sich aufmerksam machen. Es gibt die Bewegung im Au\u00dfen, das darf man nicht vergessen.<br \/>\nUnd nach dem Hauch sehne ich mich dann auch, so wie der Korallenh\u00e4ndler Nissen in Joseph Roths Geschichte sich nach dem Leviathan sehnt.<\/p>\n<p>So kehre ich immer wieder mit meinen Gedanken zu dem Schiff auf der Wiese zur\u00fcck und habe mich dort l\u00e4ngst eingerichtet. Zu einem Stapellauf wird es wohl nie mehr kommen, der wird ja auch von niemandem mehr erwartet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 15006<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Leben ist eine immerw\u00e4hrende Verwandlung. 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