{"id":20008,"date":"2025-05-08T07:17:21","date_gmt":"2025-05-08T07:17:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20008"},"modified":"2025-08-15T13:32:14","modified_gmt":"2025-08-15T13:32:14","slug":"vom-lesen-und-vom-sterben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20008","title":{"rendered":"Vom Lesen und vom Sterben"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20008&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20008&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u201eIch kann das nicht lesen.\u201c Roberts kleiner Zeigefinger tippte vorwurfsvoll auf die handschriftliche Widmung auf der ersten Seite seiner wundersch\u00f6n illustrierten Ausgabe von \u201eGrimms M\u00e4rchen\u201c. Seit er zwei Jahre zuvor in die Grundschule gekommen war, ging er immer davon aus, dass er alles Geschriebene auch lesen konnte. Aber wer kann das schon?<\/p>\n<p>\u201eDu hast Recht\u201c, sagte ich, \u201edas ist auf eine alte, schwierig zu lesende Art geschrieben. Es lautet: F\u00fcr Robertchen, mit Liebe \u2013 deine Oma Gertrude.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch kann mich nicht an sie erinnern! Wie sah sie aus?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie hatte ein sehr altes, g\u00fctiges Gesicht. Lange Haare, die hinten in einem Knoten zusammengehalten wurden \u2013 aber zwei oder drei kleine Str\u00e4hnen wollten sich einfach nicht b\u00e4ndigen lassen und fielen ihr immer ins Gesicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOkay. Und wann hat sie mir dieses Buch geschenkt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, wei\u00dft du, das war eins <em>meiner<\/em> Lieblingsb\u00fccher, als ich so alt war wie du, und sie hat mir immer daraus vorgelesen. Sie war eine super Vorleserin!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarum kann sie dann nicht kommen und mir etwas vorlesen? Du hast immer so wenig Zeit!\u201c<\/p>\n<p>\u201eSchau mal, sie ist gestorben, als du erst zwei Jahre alt warst. Deshalb kannst du dich auch nicht mehr an sie erinnern. Aber sie hat dich sehr liebgehabt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas ist denn passiert? Wo war sie, als sie \u2026?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie hat fr\u00fcher immer bei uns gewohnt, in dem gro\u00dfen Zimmer oben, das jetzt Mamas Arbeitszimmer ist. Aber als sie zu schwach geworden war, ging sie in ein Heim f\u00fcr alte Menschen. Da ist sie gestorben.\u201c<\/p>\n<p>Der kleine Robert fing an zu weinen. Ich wei\u00df bis heute nicht, ob er vor der schwarzen Wand des Todes zur\u00fcckgeschreckt war, die er niemals zuvor gesehen hatte, oder ob er schon dazu in der Lage war, eine Vorstellung von Altenheimen mit ihrer Einsamkeit zu entwickeln. Vielleicht hatte er von beidem eine ungef\u00e4hre Ahnung bekommen. Oder kam in ihm eine nebul\u00f6se Erinnerung auf \u2013 vielleicht durch unvorsichtig gemachte Bemerkungen in der Vergangenheit \u2013 von dem Tag, an dem sie allein starb?<\/p>\n<p>Wir waren bei ihr im Heim gewesen. Es war Karneval in Deutschland. Alle waren wir f\u00fcr den Rosenmontagszug verkleidet \u2013 Robertchen in seinem wei\u00dfen Clownskost\u00fcm mit einem winzigen roten Punkt auf seiner Nase \u2013, als sie uns anriefen. Meine Frau und ich fuhren schnell zum Heim, es war nicht weit. Wir luden Robertchen und seinen Buggy aus dem Auto und hasteten in das Zimmer, in dem sie seit dem Tod meines Gro\u00dfvaters allein wohnte. Sie hatte Fieber, war aber geistig ganz klar. Sobald Robertchen auf dem Arm meiner Frau in den Raum kam, fixierte sie ihn.<\/p>\n<p>\u201eRobertchen, Robertchen, komm her zu deiner Urgro\u00dfoma!\u201c<\/p>\n<p>Robert konnte mit seinen kleinen Armen nicht bis zu ihr hin reichen, deshalb musste ich ihm den Teddy in den Arm legen, den sie ihm unbedingt hatte geben wollen.<\/p>\n<p>\u201eFrau Schmitz macht diese sch\u00f6nen Teddys. Wisst ihr, die alte Dame, die dement ist und immer ihre Unterw\u00e4sche \u00fcber ihren Kleidern anzieht. Sie ist eine gute, alte Seele. Ich hatte diesen hier schon vor Monaten bestellt, und jetzt ist er fertig!\u201c<\/p>\n<p>Der Teddy war gro\u00df und weich, und Robert fing sofort an, ihn ein bisschen auf und ab zu sch\u00fctteln; dann untersuchte er sein Gesicht. Meine Oma schien erleichtert. Dann erz\u00e4hlte sie uns von der b\u00f6sen Erk\u00e4ltung, die sie nicht loswerden konnte, und meinte, dieser Winter k\u00e4me ihr endlos vor. Sie fragte auch nach unseren Aktivit\u00e4ten zu Karneval, aber dann wurde sie wieder aufgeregt.<\/p>\n<p>\u201eEs ist schon sp\u00e4t, oder? Ist es nicht l\u00e4ngst Zeit f\u00fcr Robertchens Mittagsschl\u00e4fchen?\u201c<\/p>\n<p>Wir versuchten abzuwiegeln, sie zu beruhigen. Aber etwas in ihrer Stimme hatte Robert verunsichert, und er fing an zu greinen. Das passte gar nicht zu ihm, aber die ganze Atmosph\u00e4re in dem halbdunklen Zimmer mit dem Krankenhausgeruch und den ged\u00e4mpften Stimmen kam ihm wohl nicht ganz geheuer vor.<\/p>\n<p>\u201eJa, du hast Recht. Wei\u00dft du, was wir machen? \u2013 Wir fahren schnell nach Hause und kommen wieder, sobald er seinen Mittagsschlaf gehalten hat.\u201c<\/p>\n<p>Aber Robert verhielt sich weiterhin unnormal. Erst a\u00df er viel langsamer als sonst und spuckte die H\u00e4lfte des Essens sofort wieder aus. Dann wollte und wollte er nicht einschlafen. Ich erz\u00e4hlte ihm irgendeine bl\u00f6de Geschichte oder sang ihm ein dummes Gute-Nacht-Lied vor; ich erinnere mich nicht mehr so genau. Endlich schlief er ein \u2013 und wachte lange Zeit nicht mehr auf.<\/p>\n<p>Stunden sp\u00e4ter \u2013 Robert hatten wir inzwischen zur Nachbarin gebracht \u2013 gingen meine Frau und ich den gleichen d\u00fcsteren Flur bis zu ihrer T\u00fcr. Sie stand offen. Die Nonnen knieten auf dem blankgescheuerten Linoleum, und Omas ehemalige Verk\u00e4uferin, die ich noch nie leiden gemocht hatte, sagte: \u201eSie ist tot.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dft du, wenn deine Urgro\u00dfoma mir etwas vorlas, war das immer wie Urlaub. Oder wie ein sch\u00f6ner Sommertag \u2013 angef\u00fcllt mit dem Geruch vom frischem Heu, dem Summen von Bienen, dem Geschmack von Erdbeeren. Ein endloser, wundersch\u00f6ner Urlaubstag.\u201c<\/p>\n<p>Ich \u00fcberflog das Inhaltsverzeichnis mit all seinen lustigen und grimmigen Geschichten.<\/p>\n<p>\u201eUnd wenn sie zu Ende gelesen hatte, habe ich mich immer nur an den Anfang der Geschichte erinnert, niemals an das Ende.\u201c<\/p>\n<p>Robert war w\u00e4hrend meiner Reminiszenzen seltsam still geworden. Dann nahm er behutsam meine Hand von der Inschrift und deutete mit meinem Zeigefinger auf das kleine Bild zu \u201eSchneewittchen\u201c.<\/p>\n<p>\u201eOkay, Papa. Es ist okay. Wollen wir jetzt lesen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Frank Joussen<br \/>\naus &#8222;<a href=\"https:\/\/buchshop.bod.de\/kleinkrieg-und-frieden-9783752840728\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kleinkrieg und Frieden<\/a>&#8222;, hrsg. von Frank Jou\u00dfen\/D.C. Hubbard<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\"><span style=\"color: #0066cc;\">auszugsweise<\/span><\/a> | Inventarnummer: 25109<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch kann das nicht lesen.\u201c Roberts kleiner Zeigefinger tippte vorwurfsvoll auf die handschriftliche Widmung auf der ersten Seite seiner wundersch\u00f6n illustrierten Ausgabe von \u201eGrimms M\u00e4rchen\u201c. Seit er zwei Jahre zuvor in die Grundschule gekommen war, ging er immer davon aus, dass er alles Geschriebene auch lesen konnte. 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