{"id":1991,"date":"2015-01-05T19:32:36","date_gmt":"2015-01-05T19:32:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1991"},"modified":"2015-01-08T11:49:09","modified_gmt":"2015-01-08T11:49:09","slug":"seltsame-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1991","title":{"rendered":"Seltsame Geschichte"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1991&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1991&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Wir k\u00f6nnen nicht einfach dar\u00fcber hinwegsehen: Es geht in dieser \u00e4u\u00dferst seltsamen Geschichte um keine Diskussion, keine Auseinandersetzung \u2013 es handelt sich hier um Krieg! Es ist ein Kampf der Geschlechter und der Generationen, um Vormachtstellung, eine brutale Konfrontation der Charaktere, ein w\u00fcrdeloses Aufeinanderprallen von Gro\u00df und Klein, Schwarz und Rot. Wir halten uns selbst zum Narren, wenn wir so einf\u00e4ltig sind zu glauben, dass wir auch nur die kleinste Chance h\u00e4tten, diesem Krieg ein Ende bereiten zu k\u00f6nnen: Nicht das smarte \u201cSowohl-als auch\u201d, sondern ein hartes \u201cEntweder-oder\u201d ist die beherrschende Devise und es gibt keinen Kompromiss.<\/p>\n<p>Dabei l\u00e4sst sich alles an wie fast immer: Die Herren sind in der \u00dcberzahl, eine Dame alleine.<br \/>\nNoch. Auch ein J\u00fcngling ist da und schl\u00e4gt sich zur Minderheit. Kein Wunder: Er ist jung, will alles wissen. Er zieht die Gesellschaft von Damen vor \u2013 hat ihm doch sein junges Leben in Hort und Schule immer nur Buben und \u00e4ltere Herren geboten. Die kennt er zur Gen\u00fcge, was er noch nicht kennt, sind diese erregenden anderen D\u00fcfte des Lebens.<br \/>\nDie schon anwesenden Herren nehmen es ein bisschen interessiert, aber ansonsten \u00e4u\u00dferst gelassen, fast belustigt hin. Sie am\u00fcsieren sich, warten auch ab, bis die anderen geladenen Damen erscheinen. Erst dann werden sie sich in Szene setzen, sich ums andere Geschlecht k\u00fcmmern, der Sache ihren Stempel aufdr\u00fccken. Diese \u00e4u\u00dfere Gelassenheit ist nicht gespielt, obwohl die Szene eine gewisse Spannung erzeugt, von der es scheint, dass auch sie sich ihr nicht v\u00f6llig entziehen k\u00f6nnen.<br \/>\nInsbesonders Monsieur P., der sich ans Instrument lehnt, l\u00e4sst den Harfenspieler von Zeit zu Zeit die Konzentration auf sein Spiel durch die Bef\u00fcrchtung vernachl\u00e4ssigen, Jean k\u00f6nnte abrutschen und dabei \u2013 wenn nicht gleich das Instrument, so doch sein Spiel ruinieren. Es scheint, als sp\u00fcrten alle im Raum diese Ahnung.<\/p>\n<p>Die K\u00fcnste des Musikers lassen auch nach, was dem Publikum aber noch nicht weiters auff\u00e4llt.<br \/>\nAllein der K\u00fcnstler selbst vermisst vermehrt akzentuierte Synkopen, bemerkt an sich eine verminderte Courage zur wohldosierten Pause \u2013 ja, sogar Fehler in der Melodief\u00fchrung kommen vereinzelt vor und ein jeder l\u00e4sst ihn kurz mit der Braue \u00fcber dem linken Auge zucken.<\/p>\n<p>Abgesehen von diesen vordergr\u00fcndig fast zu vernachl\u00e4ssigenden Misslichkeiten ist die Stimmung friedlich: Die Menge mischt sich tr\u00e4ge, wie von einem unsichtbaren, zur Melancholie neigenden Dirigenten gef\u00fchrt, die Bewegungen der jetzt schon sehr zahlreich erschienen G\u00e4ste scheinen auch unausgesprochenen Befehlen zu gehorchen.<br \/>\nVon einer dieser Bewegungen profitiert der schwarzgekleidete Herr K., der es sich bis dahin auch in der N\u00e4he des Instruments bequem gemacht hatte. Er findet einen freien Platz, der ihm ungest\u00f6rten Blick auf eine der Damen erm\u00f6glicht \u2013 deren offensichtliches Desinteresse an seiner Person ihm v\u00f6llig entgeht oder ihn einfach nicht st\u00f6rt. Sie l\u00e4sst K.s Blick jedenfalls v\u00f6llig kalt, ja es scheint, sie sonnt sich mehr im steigenden Interesse des somnambulen Jungen \u2013 nicht ohne aber auch ihrerseits den Blickkontakt mit Monsieur P. zu suchen, der wiederum seinerseits dem Musiker sichtlich mehr und mehr Kopfschmerzen bereitet.<br \/>\nDas best\u00e4ndige Geschiebe und Gedr\u00e4nge bietet ihr dazu allerdings nicht allzu viele M\u00f6glichkeiten: In m\u00f6gliche Blickkontakte schiebt sich stets eine Gruppe von G\u00e4sten und in den wenigen Situationen, in denen sich diese Kontaktaufnahme geradezu aufdr\u00e4ngt, blickt P. woanders hin. Bewusst?<\/p>\n<p>Wir sp\u00fcren bei dieser \u00e4u\u00dferst seltsamen Geschichte fast k\u00f6rperlich das Scheinbare des Friedens, f\u00fchlen schmerzhaft das tr\u00fcgerische Au\u00dfen, erahnen bereits den letalen Ausgang und bekommen diesen auch augenblicklich glatt best\u00e4tigt: Der unsichtbare Dirigent schmei\u00dft den Taktstock hin \u2013 anders w\u00e4re es auch schlecht erkl\u00e4rbar, wieso sich pl\u00f6tzlich unterschiedlichste Interaktionen in dem Moment paaren, der sich schicksalshaft \u00fcber alle ergie\u00dft: W\u00e4hrend etliche Akteure die Szenerie betreten (unter anderem der Stiefbruder vom Sorgenkind des Pianisten) und eine schielende Dame, die beide der gerade eben gewonnenen Blickkontakte sogleich wieder verliert, verstummt das allgemeine Geplauder \u2013 die Bef\u00fcrchtung des Harfenspielers wandelt sich zur konkret begr\u00fcndeten Angst: K. stolpert, schl\u00e4gt dabei mit dem Ellenbogen hart in die Saiten, das Instrument f\u00e4llt, der Musiker bricht sein Spiel ab, alles ist aus.<br \/>\nDas ist schon das dritte Schei\u00df-Solitaire, das sich heute nicht ausgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Christoph Stantejsky<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=426\">schr\u00e4g &amp; abgedreht<\/a>| Inventarnummer: 15005<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir k\u00f6nnen nicht einfach dar\u00fcber hinwegsehen: Es geht in dieser \u00e4u\u00dferst seltsamen Geschichte um keine Diskussion, keine Auseinandersetzung \u2013 es handelt sich hier um Krieg! 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