{"id":19819,"date":"2025-03-31T13:03:33","date_gmt":"2025-03-31T13:03:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19819"},"modified":"2025-04-05T13:32:04","modified_gmt":"2025-04-05T13:32:04","slug":"angsthase-adieu","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19819","title":{"rendered":"Angsthase adieu"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19819&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19819&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Moderne altmodisch gedacht \u2013 treffen sich zwei per Mausklick statt per Kupplerin. Blo\u00df ein paar wenige S\u00e4tze in den Bildschirm getippt, und spontan vor dem gro\u00dfen, alten, alles \u00fcberragenden Dom verabredet.<\/p>\n<p>Die U-Bahn ist voller Nachtschw\u00e4rmer, Sp\u00e4tschichtler und Exzentriker, entweder noch hellwach oder schon im Halbschlaf, manchmal hochschreckend, in der Hoffnung, die eigene Station noch nicht verpasst zu haben. Seine Stimme \u2013 noch immer ein Schauer \u00fcber ihrem R\u00fccken, wenn sie an das kurze Telefonat denkt. Dann endlich, nach wenigen Stationen, erreicht sie, etwas zu fr\u00fch, ihr Ziel. Im Stimmengewirr der nachtaktiven Menge wartet sie nerv\u00f6s neben dem alten, schweren, h\u00f6lzernen Tor des Doms. Ob die Realit\u00e4t das verhei\u00dfungsvolle Versprechen halten oder brechen wird?<\/p>\n<p>Durch die n\u00e4chtliche Beleuchtung erh\u00e4lt das alte, pomp\u00f6se Geb\u00e4ude eine unheimliche Aura, die Anna, unsere Protagonistin, immer wieder aufs Neue faszinierend findet.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sieht sie ihn \u2013 Valerio, unser Protagonist, erscheint auf der Bildfl\u00e4che. Von ihrem Standort aus blickt sie genau auf den Auf- beziehungsweise Abgang zur U-Bahn-Station. Nerv\u00f6s l\u00e4chelnd kommt sie ihm entgegen \u2013 sie sieht aus wie auf ihren Bildern: warme Rundungen, langes Haar, das im Laternenlicht dunkelblond erscheint, ein sanftes L\u00e4cheln, unsicher \u2013 darf er Besch\u00fctzer sein?<\/p>\n<p>Die junge Frau wei\u00df sofort, dass sie in seiner Gegenwart sicher ist, ein Blick in seine ruhigen, dunklen Augen gen\u00fcgt. Als er sie umarmt, l\u00e4sst sie es geschehen, sich von der Vertrautheit einfangen. Die Finger in die des anderen eingehakt schlendern sie durch die n\u00e4chtlichen, von der Sommerhitze pulsierenden Gassen Wiens. Schlie\u00dflich f\u00fchren ihre Schritte sie zum Donaukanal, der unter dem sp\u00e4rlichen Licht der Laternen seines n\u00e4chtlichen Weges flie\u00dft. Die Lichter der umliegenden Lokale und Stra\u00dfenlichter spiegeln sich auf der sonst, ob der sp\u00e4ten Stunde, unsichtbaren Wasseroberfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Sie finden ihren Platz auf der obersten Stufe einer zum Wasser hinabf\u00fchrenden Treppe. Zwei zerkratzte Herzen haben sich gefunden, die Worte \u00fcberschlagen sich, als sie aus den noch jungen M\u00fcndern flie\u00dfen, bis alles erz\u00e4hlt ist. Und doch halten sie von Zeit zu Zeit schweigend inne, sich fragend, was gerade passiert, woher dieses Vertraute gerade kommt. Die gelegentlichen Str\u00f6me vorbeiziehender Nachtschw\u00e4rmer lassen kurz aufhorchen, innehalten. Bricht der Zauber ob des kurzen Einfalls der restlichen Welt? Doch nichts bricht, nur zwei K\u00f6pfe, die sich wieder aneinanderschmiegen, H\u00e4nde, die sich finden, nacheinander greifen. Die lange Nacht ist kurz, die Stunden schnell vergangen. Als Valerio auf die Uhr blickt, ist es halb vier. Langsam setzt bei beiden die M\u00fcdigkeit ein, weshalb sie aufbrechen, noch am Donaukanal entlangspazieren, bis zur n\u00e4chsten U-Bahn noch einige Umwege nehmend. Die Nacht tr\u00e4gt sie, doch schon bald muss sie dem neuen Tag weichen. \u201eDarf ich dich bis vor deine Haust\u00fcre bringen?\u201c, fragt Valerio, \u201eich m\u00f6chte nicht, dass du alleine um diese Uhrzeit fahren musst!\u201c Anna nickt, l\u00e4chelt \u2013 freut sich. Sie k\u00fcssen sich erneut, wie so oft in den letzten Stunden.<\/p>\n<p>Wenige Tage vergehen, Valerio holt Anna zum ersten Mal von der Arbeit ab. In der Hand hat er einen Strau\u00df Lilien, sich erinnernd, dass sie ihre Lieblingsblumen erw\u00e4hnt hat. Das Strahlen in ihren Augen freut ihn, doch die abwehrenden Worte, sie h\u00e4tte diese liebevolle Geste nicht verdient, treffen ihn. Warum ist sie so hart zu sich selbst, anstatt es anzunehmen, die vorhandene Freude \u00fcberhand nehmen zu lassen? Wochen, Monate vergehen, im Schein zwei sich n\u00e4herkommender Leben. Valerios Herz klopft jedes Mal vor Freude, wenn er merkt, dass Anna sich ihm \u00f6ffnet, doch ihr h\u00e4ufiges, nachfolgendes Verschlie\u00dfen trifft ihn umso mehr. Jedes Mal. Manchmal, wenn Anna Valerio beobachtet, reut sie ihre Angst, gleichzeitig f\u00fchlt sie, dass auch seine Angst gr\u00f6\u00dfer wird. F\u00fchlt immer einen kleinen Stich in ihrem Herzen, wenn er von Freundschaft plus spricht und doch so viel Zuneigung zeigt, sie besch\u00fctzen will.<\/p>\n<p>Es ist ein ungew\u00f6hnlich warmer Oktoberabend, als Anna Valerio zuf\u00e4llig sieht \u2013 wer wohl die Frau ist, mit der er scheinbar so vertraut ist? Als er Anna entdeckt, zuckt er zusammen, verabschiedet sich rasch und kommt auf sie zu. Zum ersten Mal l\u00f6st Betretenheit Vertrautheit ab, auch wenn keiner der beiden dar\u00fcber spricht. Anna l\u00e4chelt, verabschiedet sich schnell, ehe Valerio viel sagen kann. Schweigend blickt er ihr nach \u2013 die Zuneigung zu ihr und die Angst vor Entt\u00e4uschung ringen miteinander. Doch zeigt sich, die Angst ist zu vertraut, die Komfortzone zu bequem. Das Herz wird wehm\u00fctig, wenn der Wind sich dreht \u2013 wenn gef\u00fchlt werden soll, was nicht gef\u00fchlt werden will.<\/p>\n<p>Der Ton der Nachrichten ver\u00e4ndert sich in den n\u00e4chsten Tagen, der Blick scheint durch sie hindurchzusehen. Anna f\u00fchlt sich wieder wie das kleine M\u00e4dchen, das nicht gesehen wurde, wenn es seinen Eltern etwas erz\u00e4hlen wollte. Und die N\u00e4he f\u00fchlt sich falsch an \u2013 Anna wehrt sich sichtlich mehr als sonst.<\/p>\n<p>Es regnet, als Anna und Sarah im Regen von der Arbeit zur nahegelegenen Shopping-Mall hasten. Anna ist m\u00fcde, hat sich dennoch von ihrer Freundin und Kollegin zu einem Kaffee \u00fcberreden lassen, ehe sie den Heimweg antreten. Gerade als sie das Einkaufszentrum, in dem sich ihr Lieblingscaf\u00e9 befindet, betreten wollen, f\u00e4llt Annas Blick auf den eine andere Frau k\u00fcssenden vertrauten Mann. Er erschrickt, als er hochblickt, so h\u00e4tte sie es nicht erfahren sollen. Nicht so, nicht hier, am besten gar nicht, denkt er, er wollte keine Tr\u00e4nen. Anna ist regungslos, nur f\u00fcr einen kurzen Moment, ehe sie weitergeht, ohne Valerio und die Frau weiter zu beachten. Unterdr\u00fcckte Tr\u00e4nen, w\u00e4hrend in ihr alles schreit und tobt &#8230;<\/p>\n<p>Vergiss ihn, sagt der Verstand. Doch das Herz klopft, wehrt sich die Vernunft \u00fcbert\u00f6nend. Anna ist schweigsam, abwesend. Sarah fragt nicht nach, hat es mitbekommen, will nicht weiter in der Wunde stochern.<\/p>\n<p>Eine Hand streift Annas Unterarm, als sie das Geb\u00e4ude verlassen \u2013 Valerios Blick ist sehnsuchtsvoll distanziert, er will etwas sagen, sich erkl\u00e4ren, um den erwarteten Gef\u00fchlsausbruch zu bes\u00e4nftigen. Anna verabschiedet sich von Sarah und sieht Valerio an, ohne sich anmerken zu lassen, dass ihr Herz zu zerspringen droht. Doch die Erkl\u00e4rung ist lahm \u2013 <em>es f\u00fchlt sich gerade richtig an. <\/em>Anna sch\u00fcttelt nur den Kopf, verl\u00e4sst die Szene wortlos, weil Herz und Verstand die Worte fehlen, sie nichts mehr h\u00f6ren will. Doch das Herz l\u00e4sst sich nicht leicht tr\u00f6sten, die Intuition nicht \u00fcberlisten. Die Wochen vergehen wortlos, intensiv. Ein vermissendes Herz, Augen, die Augen in der Menge suchen. Doch die vertrauten Blicke kreuzen sich nicht, bis Anna ihren letzten Arbeitstag hat. Und schlie\u00dflich das vernichtende Facebook-Update: Valerio ist in einer Beziehung.<\/p>\n<p>Die Monate vergehen, langsam h\u00e4lt der Fr\u00fchling Einzug, verzaubert die Welt mit seiner unschuldigen Sch\u00f6nheit. Ohne Annas Wissen fragt sich Valerio oft, wie es Anna geht, vermisst das Gef\u00fchl, das er hatte, wenn er mit ihr zusammen war. Anna w\u00fcnscht sich oft, sie w\u00e4re mutiger gewesen, h\u00e4tte seine Zuneigung vorbehaltlos angenommen.<\/p>\n<p>Doch bleibt es am Zufall h\u00e4ngen, den ersten Schritt zu machen, da die beiden es nicht wagen, zum Telefon zu greifen. Es ist ein milder Fr\u00fchlingsabend, als Anna in die U-Bahn steigt und einem bekannten Gesicht gegen\u00fcbersteht. Sie l\u00e4chelt, ohne es bewusst wahrzunehmen \u2013 genau wie Valerio. Und dieses Mal fl\u00fcstern beide: <em>Angsthase adieu &#8230;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Cornelia Hell<\/p>\n<p class=\"Textbody\" style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a>| Inventarnummer: 25087<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moderne altmodisch gedacht \u2013 treffen sich zwei per Mausklick statt per Kupplerin. Blo\u00df ein paar wenige S\u00e4tze in den Bildschirm getippt, und spontan vor dem gro\u00dfen, alten, alles \u00fcberragenden Dom verabredet. 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