{"id":19755,"date":"2025-03-19T14:50:33","date_gmt":"2025-03-19T14:50:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19755"},"modified":"2026-04-27T16:47:30","modified_gmt":"2026-04-27T16:47:30","slug":"auszeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19755","title":{"rendered":"Auszeit"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19755&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19755&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ihre Begegnung war fl\u00fcchtig, nahezu beil\u00e4ufig. Schlicht, unspektakul\u00e4r, und doch auf einer Seelenebene, die eine ganz besondere Tiefe ersp\u00fcren l\u00e4sst. Wie selbstverst\u00e4ndlich trafen sie sich, als h\u00e4tten sie sich verabredet. Um sich noch ein einziges Mal in die Augen zu sehen. Vielleicht ein letztes Mal. Nichts deutete auf eine belanglose Zuf\u00e4lligkeit hin. Vielmehr schien es lange geplant und doch unerwartet, vertraut und doch fremd, verbindend und doch trennend zu sein.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Moment stand die Zeit still. Als h\u00e4tte jemand die Zeiger ihrer Armbanduhren festgehalten, um Schicksal zu spielen, w\u00e4hrend sich ihre Herzen einmal von innen nach au\u00dfen kehrten und in sonst verborgene Tiefen blicken lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Im Vorbeigehen treffen sich ihre Blicke, die eine Geschichte erz\u00e4hlen, Gelebtes und Ungelebtes preisgeben. Ein L\u00e4cheln, noch zur\u00fcckhaltend. Erstmal abwarten. Pr\u00fcfen, ob es sich in Vertrautes vortasten, W\u00e4rme verbreiten kann. Bewegungen in Zeitlupe. Innehalten. Den Moment einfangen und f\u00fcr immer festhalten. Vertrauten Duft einatmen. Erinnerungen wachrufen. Die vollen Lippen, leicht vorgeschoben, nicht zu viel, gerade richtig. Sinnlichkeit wecken. Der linke Mundwinkel ein kleines St\u00fcck h\u00f6her als der rechte. Sein Gesicht, auch mit den Spuren des Alters, immer noch sch\u00f6n. Falten, die von dem Leben erz\u00e4hlen, das vergangen ist, seitdem sie sich das letzte Mal gesehen haben. Von zwanzig langen Jahren. Fragen schie\u00dfen wie Blitze durch ihren Kopf. Tr\u00e4umst du immer noch die gleichen Tr\u00e4ume? Welcher Mensch steht dir so nah, dass er dich verletzen darf? Wie sehen deine Kinder aus? Was bewegt dich? Denkst du manchmal noch an uns?<\/p>\n<p>Dann fliegen ihre Gedanken in diese l\u00e4ngst vergangene Zeit, die \u2013 in ein schwarzwei\u00dfes Gewand geh\u00fcllt \u2013 vor ihr steht, unverfroren anklopft, um ihr noch einmal einen kurzen Besuch abzustatten. Sie m\u00f6chte eindringlich daran erinnern, dass es noch etwas gibt, das erst zur Ruhe kommt, wenn es noch einmal Beachtung findet, um mit Haut und Haar durchdrungen zu werden. Bis es sich kompromisslos einf\u00fcgt, aufh\u00f6rt zu strampeln, in Freiheit losgelassen und ein akzeptierter Teil ihrer ganz pers\u00f6nlichen Geschichte werden kann.<\/p>\n<p>Schlagartig wurde ihr die Dringlichkeit, den Finger in ihre tiefste Wunde legen zu m\u00fcssen, bewusst. Den Schmerz noch einmal auszuhalten, ihm direkt in die Augen zu sehen, um ihn zu bes\u00e4nftigen. Damit sie die Z\u00fcgel in der Hand halten konnte, nicht er, und endlich ihren Frieden finden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Es war eine besondere Liebe, die sie damals verband. Sie kam nicht urpl\u00f6tzlich aus dem Nichts, um mit Macht einzuschlagen und dann monatelang den Verstand zu rauben. Vielmehr loderte ihr Feuer auf kleiner Flamme, daf\u00fcr best\u00e4ndig, verl\u00e4sslich und in einem kr\u00e4ftigen Rotorange, das ein solides Fundament formte und bis in die Wurzeln w\u00e4rmte.<\/p>\n<p>Sie kannten sich aus Kindheitstagen, und ihre Liebe war von Anfang an ganz selbstverst\u00e4ndlich da. Stark und unanfechtbar h\u00fcllte sie ein, sch\u00fctzte, versicherte und schwei\u00dfte nah und vertraut zusammen. Sie war Gesetz. Man musste nicht viele Worte davon machen. Sie verstr\u00f6mte ihren ureigenen Duft, der sie auf mystische Weise heiligsprach und unverwundbar machte. Ein Geschenk des Lebens.<\/p>\n<p>Vielleicht hatten sie diese Kostbarkeit verkannt, waren zu gleichg\u00fcltig und unachtsam mit ihrem wertvollen Schatz umgegangen. Hatten der Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die nach und nach den Glanz raubte, immer den Vortritt gelassen. Vielleicht waren sie zu jung, zu ausgehungert f\u00fcr eine Liebe in dieser Schlichtheit und Eleganz. Denn es kam der Tag, an dem sich das Band zwischen ihnen lockerte, weil es eine andere Beschaffenheit annahm. Jeder hatte eigene Pl\u00e4ne und sp\u00fcrte auf eine selbstbezogene, kompromisslose Art die Lust auf das Leben. Sie breitete sich aus, im Bauch, im Herzen, str\u00f6mte unaufhaltsam in jede Faser und lie\u00df unb\u00e4ndige Kr\u00e4fte wachsen, bis das Band zwischen ihnen d\u00fcnn und por\u00f6s wurde, weil jeder mit Macht in eine andere Richtung zog.<\/p>\n<p>So trennten sich ein erstes Mal ihre Wege. Auch wenn es schmerzte, war es notwendig. Es war wie ein innerer Ruf, dem ungefragt Folge zu leisten war und der kein Z\u00f6gern zulie\u00df. Vielleicht war ihre Liebe zu allt\u00e4glich f\u00fcr diesen Schritt in die Mitte des Farbkreises, auf der Suche nach sich selbst und nach seinen eigenen Grenzen. Bereit, Kostbarkeiten leichtfertig aufzugeben f\u00fcr einen Sprung in ein Bl\u00fctenmeer, um mit allen Sinnen zu entdecken und aufzusaugen, was Leben ist. Abenteuerlich hochschie\u00dfende Flammen wurden interessanter als kleinere, in Best\u00e4ndigkeit flackernde.<\/p>\n<p>Sie hatten sich nichts vorzuwerfen. Denn nur wer sich von der F\u00fclle bet\u00f6ren l\u00e4sst, hat wieder ein Auge f\u00fcr das G\u00e4nsebl\u00fcmchen am Wegesrand, das gerade durch seine Schlichtheit ber\u00fchrt und mit seiner Bl\u00fcte auch f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit Freude schenkt. Was ist daran falsch, der eigenen Stimme zu folgen? Zu experimentieren, zu kosten, zu genie\u00dfen und nach drei Schritten voran auch mal wieder vier Schritte zur\u00fcckzugehen? Das ist Leben! Und wie tragisch w\u00e4re es doch, am Ende dazustehen und sich eingestehen zu m\u00fcssen, dass die Suppe zu fad schmeckt, weil nicht die gesamte Palette des Gew\u00fcrzspektrums zum Einsatz kam.<\/p>\n<p>Nun, sie hatten beides. Jeder ging seinen eigenen Weg, der ihnen eine Gew\u00fcrzvielfalt bot, und suchte gleichzeitig die urvertraute N\u00e4he, die in dem jeweils anderen zu finden war. Sicherheit und Altbew\u00e4hrtes wirkten ausgleichend zum unvorhersehbar unruhigen Wellengang.<\/p>\n<p>Es war wie ein unaufhaltsamer Sog, der sie immer wieder zusammenf\u00fchrte. Anfangs in Form von Briefen. Unverf\u00e4ngliche, formelle Geburtstagsgr\u00fc\u00dfe oder Urlaubskarten, die zeigten, dass man immer noch an den anderen dachte. Kurz, aber regelm\u00e4\u00dfig bem\u00fchten sie sich damit um das Wahren einer Freundschaft, die durch die Entfernung wieder mehr Wertsch\u00e4tzung und Qualit\u00e4t erfuhr. Die Frequenz dieser schriftlichen Kontakte wurde mit der Zeit dichter, der Inhalt immer intimer. Sie begannen, sich ihre Sorgen und N\u00f6te mitzuteilen, sodass ihre Briefe schon bald zu einem verl\u00e4sslichen Rettungsanker heranreiften, den man herbeisehnte, brauchte, wie die Luft zum Atmen, und ohne den man eines Tages nicht mehr sein wollte. Sie beh\u00fcteten ihn, wie einen kostbaren Schatz, pflegten und sch\u00e4tzten ihn. Und die Distanz wickelte ihn in ein Papier von besonderem Glanz, das auf eine unersch\u00fctterliche Weise seine Unfehlbarkeit unterstrich.<\/p>\n<p>Die Treffen, die den Briefen folgten, waren eine selbstverst\u00e4ndliche Weiterf\u00fchrung ihrer Beziehung, eine unscheinbare Steigerung an Intensit\u00e4t, die es nicht zu hinterfragen galt. Sie waren der n\u00e4chste Schritt in eine richtige Richtung, die nat\u00fcrlicherweise Sinn ergab. Im Nachhinein betrachtet, lief es sogar von Anfang an darauf hinaus, und es schien, als dienten all die zaghaft formulierten Zeilen einzig und allein dazu, eine neue Ebene der Ber\u00fchrung und des Gespr\u00e4chs von Angesicht zu Angesicht Realit\u00e4t werden zu lassen.<\/p>\n<p>Von nun an trafen sie sich in jedem Sommer. Es war wie ein regelm\u00e4\u00dfig wiederkehrender Urlaub am gleichen Ort, den man in- und auswendig kannte und gewohnheitsgem\u00e4\u00df jedes Jahr wieder aufsuchte, weil man sich auf genau das freute, was einen dort erwartete. Den Salat Nizza in der Pizzeria am Kirchplatz mit genau dem Dressing, das man lieben gelernt hatte und wonach sich die sensibilisierten Geschmackszellen seit Wochen so sehr sehnten. Alle Details hatten sich in die Sinne gebrannt und wollten wieder belebt werden. Die stumpfe Gewohnheit schien in ihnen eine ungeahnte Quelle an Lebendigkeit zum Sprudeln zu bringen, die einen ganzen Schwarm Schmetterlinge in ein aufgeregtes Flattern versetzen konnte, was ein unb\u00e4ndiges Gl\u00fccksgef\u00fchl verstr\u00f6mte.<\/p>\n<p>Jedes Jahr zur gleichen Zeit lebten sie eine Auszeit von ihrem Leben, das sie bis zum Anschlag \u00fcberreizte, forderte und jegliches F\u00fchlen in ihnen lahmlegte. Sie lie\u00dfen die Zeit stillstehen, genossen Momente der Ruhe und Mu\u00dfe, w\u00e4hrend sie in einer schillernd bunten Seifenblase innig beisammen waren, redeten, schwiegen, liebten und lebten. K\u00f6rper und Seele wurden reingewaschen von allen Belastungen, die Zellen erneuert und Grenzen im Denken und F\u00fchlen aufgehoben. Es war wie ein Paradies, in dem das G\u00e4nsebl\u00fcmchen durch eine Vielzahl anderer Bl\u00fctensch\u00f6nheiten seine h\u00f6chste Stufe der Veredelung erfuhr.<\/p>\n<p>Ein zeitlich befristetes Paradies jedoch, von dem man sich jedes Mal, wenn der Sommer sein Ende fand, wieder verabschieden musste. Doch \u00fcberraschenderweise war es niemals mit Schmerz verbunden. Vielleicht mit einer kleinen Prise Wehmut, die aber durch ihre Schnelllebigkeit kaum Gewicht erhielt. Denn schon nach kurzer Zeit hatte sich in vielerlei Hinsicht ein gewisser Grad an S\u00e4ttigung eingestellt. Man war ausgef\u00fcllt mit Gl\u00fcck, hatte genug Ruhe und Zweisamkeit getankt, den Blick wieder f\u00fcr das Wesentliche gesch\u00e4rft und war bereit f\u00fcr einen neuen Farbanstrich. Es erinnerte an eine reife Frucht, die dankbar dar\u00fcber war, endlich gepfl\u00fcckt zu werden, bevor sie schonungslos vom Baum fiel, um aufzuplatzen und dann keine Beachtung mehr zu finden. Und die Schmetterlinge fielen wieder in einen Dornr\u00f6schenschlaf.<\/p>\n<p>Ihr Abschied voneinander verlief in den meisten F\u00e4llen wortlos und karg. Wie ein zu kurz geratener Haarschnitt. Eine schnelle Umarmung, eine fl\u00fcchtige Ber\u00fchrung, w\u00e4hrend die K\u00f6rper bereits halb abgewandt waren. In ihren Augen formten sich schon die Bilder dessen, was sie in ihrem f\u00fcr kurze Zeit auf Standby geschalteten Leben erwartete. Das puristische Verabschiedungsritual stand in keinem Verh\u00e4ltnis zu ihrem lebendig symbiotischen Beisammensein der vorausgegangenen Wochen. Fast vermittelte es den Eindruck, als wollten sie voreinander fliehen, um sich voller Freude und Lust dem Kontrastprogramm auf dem anderen Kanal zuzuwenden. Als m\u00fcssten sie sich gewaltsam und m\u00f6glichst unbeschadet aus ihrer gegenseitigen Anziehung befreien, sich wegrei\u00dfen von dem, was vor einer Sekunde noch als eine lebenserhaltende Ma\u00dfnahme definiert war. Weil es au\u00dferhalb der Seifenblase pl\u00f6tzlich an Bedeutung verlor. Oder aber, weil es gerade dort erst bedeutungsvoll wurde, mehr als sie es sich eingestehen wollten. Und mehr als sie in dieser Episode, die das Leben f\u00fcr sie schrieb, zulassen konnten, weil es alles auf links gekrempelt h\u00e4tte, was so wunderbar perfekt und schn\u00f6rkellos eingerichtet war.<\/p>\n<p>So h\u00e4tte es problemlos weitergehen k\u00f6nnen, noch viele lange Sommer. Jedes Jahr zur gleichen Zeit die Repeat-Taste dr\u00fccken und immer wieder das gleiche Programm abspulen lassen. Doch ein unvorhersehbares, einschneidendes Ereignis beendete ihre traumhaften Auszeiten abrupt, noch bevor Erm\u00fcdung oder Abnutzung die Chance bekommen hatten, sich auf leisen Sohlen zur T\u00fcr hereinzuschleichen.<\/p>\n<p>Das Schicksal zeigte kein Erbarmen und schlug ihnen mit geballter Faust mitten ins Gesicht. Ein ungeborenes Kind zu verlieren, z\u00e4hlt wohl zu den h\u00e4rtesten Pr\u00fcfungen im Leben einer Frau. Manch eine zerbricht daran. Geburt und Tod \u2013 die entscheidenden Momente des Lebens \u2013 geschehen gleichzeitig. Das Herz zerrei\u00dft, der K\u00f6rper rebelliert, schmerzt und versteht nicht, was da passiert. Jede Zelle trauert und will nicht loslassen. Die eigene, bisher unbekannte Angst vor dem Sterben erscheint zum Greifen nah.<\/p>\n<p>Sie f\u00fchlte, wie ein Teil von ihr mitstarb und f\u00fcr immer fortging. Sie war bereit, auch den anderen Teil zu geben, f\u00fcr einen einzigen, kostbaren Moment mit ihrem Kind. Die unstillbare Sehnsucht danach, es in ihren Armen zu wiegen, zerfra\u00df ihre Sinne und raubte ihr den Verstand. Die Leere in ihrem Bauch war unertr\u00e4glich. Sie wollte niemandem begegnen, der \u00fcber Allt\u00e4gliches berichtete. Sie wollte ungest\u00f6rt sein mit ihren Gedanken an ihr Kind. Manchmal verhielt sie sich so, als w\u00e4re es noch in ihrem Bauch. Das Herz konnte nicht folgen und wurde vom Verstand im Stich gelassen.<\/p>\n<p>Sie war allein mit ihrer Trauer, denn er hatte Aufgaben und Pflichten, musste seine Rolle spielen in dem Film fernab ihrer gemeinsamen Zeit. Sie vermisste es, von ihm gehalten zu sein. Allein eine Ber\u00fchrung h\u00e4tte gen\u00fcgt, um in diesen bitteren Stunden ein wenig Trost zu spenden. Sie sehnte sich danach, gemeinsam zu trauern, dem schrecklichen Schmerz den Raum zu geben, der ihm geb\u00fchrte. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so verletzbar und schutzlos gef\u00fchlt und so unverstanden vom Rest der Welt.<\/p>\n<p>Doch sie musste akzeptieren, dass die Trauer ihre Wege trennte. So nah sie ihr Kind noch vor einiger Zeit zusammengebracht hatte, so weit entfernt f\u00fchlte sie sich jetzt. Sie war allein mit ihren unberechenbaren Gef\u00fchlsschwankungen, \u00c4ngsten und Zweifeln, die dieser riesengro\u00dfe Verlust in ihr ausl\u00f6ste. Mit Macht \u00fcberfiel sie eine unb\u00e4ndige Einsamkeit, und ihr trauerndes Herz schlotterte.<\/p>\n<p>Viel Zeit musste ins Land gehen, bis sie begriff, dass ihr nichts anderes \u00fcbrig blieb. Ein weiteres Mal trennten sich ihre Wege, und sie wusste, dass es endg\u00fcltig war, auch wenn ihr Herz noch damit haderte. Doch das Erlebte hatte \u00fcber ihre gemeinsame Zeit einen dunklen Schatten geworfen, der sich auch in ihrer Seele spiegelte und Tag f\u00fcr Tag wie ein schwerer Stein auf ihr lastete. Auch wenn sie l\u00e4ngst eine andere geworden war. Sie war einer schweren Aufgabe er-wachsen, und die Fl\u00fcgelschl\u00e4ge wurden allm\u00e4hlich leichter. Mehr als jemals zuvor war sie imstande, sich auf sich selbst zu besinnen, an sich zu glauben und aus sich heraus Kraft zu sch\u00f6pfen. Die harte Arbeit aus der Krise heraus leitete noch weitere Umbr\u00fcche ein. Sie war im Fluss und wurde vom Leben getragen, was ihr genug Vertrauen schenkte, um wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dann prallten sie aufeinander, diese verschiedenen Leben, um endlich heil und ganz zu werden. Sie waren es m\u00fcde, so zu tun, als g\u00e4be es den anderen nicht; geh\u00f6rten sie doch beide konkurrenzlos in den Fluss des Lebens.<\/p>\n<p>Sie hatte die Wahl, stehen zu bleiben, um ihm stundenlang ihre Geschichten zu erz\u00e4hlen, die einen Band in ihrer gemeinsamen Buchreihe des Lebens gef\u00fcllt h\u00e4tten. An das gemeinsame St\u00fcck Weg anzukn\u00fcpfen, eine Br\u00fccke zu bauen hin zu vertrauter N\u00e4he, nach all der Zeit. Ausbauf\u00e4hig. Doch wozu? Ihre Geschichte war abgelebt. Eine Fortsetzung gab es nicht. Es w\u00e4re ein hilfloser Versuch gewesen, die verstrichenen Jahre au\u00dfer Acht zu lassen, so zu tun, als h\u00e4tte es danach nichts mehr gegeben.<\/p>\n<p>Tiefe Traurigkeit beschlich schlagartig ihr Herz. Weil sich die Uhr nun mal nicht zur\u00fcckdrehen l\u00e4sst. Selbst damals hatte sie nicht so sehr damit gehadert wie in diesem Moment. \u201eSchau! Ich m\u00f6chte dir meinen gr\u00f6\u00dften Lebensschatz vorstellen. Das Beste, das ich jemals vollbracht habe\u201c, wollte sie sagen, als ihr Blick zu ihren beiden Kindern wanderte, die f\u00fcnf Meter entfernt mit seinem kleinen Hund spielten. \u201eEs k\u00f6nnten unsere sein\u201c, h\u00e4tte sie dann noch angef\u00fcgt, in der Hoffnung, dass sie der Klang ihrer Stimmen einander n\u00e4herbringen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Doch die h\u00f6here Macht, die Schicksal spielte, lie\u00df die Zeiger ihrer Armbanduhren los, und die Zeit lief unaufhaltsam weiter. Erbarmungslos. So belie\u00dfen sie es dabei, nur ihre Herzen sprechen zu lassen, und bemerkten erstaunt das feine, d\u00fcnne Band, das immer noch zwischen ihnen bestand. Wahrscheinlich \u00fcber das Leben hinaus.<\/p>\n<p>Dann ging ein jeder seines Weges, ohne sich noch einmal umzudrehen. Dar\u00fcber staunend, welche Tiefen des Herzens auch eine l\u00e4ngst zu Ende gelebte Liebe sp\u00fcren lassen kann, wenn der Moment daf\u00fcr gekommen ist. Doch die Weggabelung, vor der sie einst standen, lag l\u00e4ngst hinter ihnen. Damals hatte sie sich f\u00fcr einen eigenen Weg entschieden. Ohne ihn. Und zum ersten Mal konnte sie sich, ohne innerlich zerrissen zu sein, eingestehen, dass es gut war.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia L\u00fcer<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14596\">Informationen zu Ver\u00f6ffentlichungen und Buchbestellungen<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 25079<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihre Begegnung war fl\u00fcchtig, nahezu beil\u00e4ufig. Schlicht, unspektakul\u00e4r, und doch auf einer Seelenebene, die eine ganz besondere Tiefe ersp\u00fcren l\u00e4sst. Wie selbstverst\u00e4ndlich trafen sie sich, als h\u00e4tten sie sich verabredet. Um sich noch ein einziges Mal in die Augen zu sehen. 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