{"id":1974,"date":"2015-01-03T19:04:30","date_gmt":"2015-01-03T19:04:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1974"},"modified":"2024-06-26T07:33:54","modified_gmt":"2024-06-26T07:33:54","slug":"eine-freitagsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1974","title":{"rendered":"Eine Freitagsgeschichte"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1974&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1974&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><div>\n<p>Der Freitag ist der Tag des Fisches und ich m\u00f6chte dar\u00fcber erz\u00e4hlen. Nun lebe ich weder an der Ostseek\u00fcste noch habe ich die sieben Weltmeere durchstreift. Nicht einmal ein Fluss steht mir besonders nahe, in dem Fische zu Hause sind. Meine Begegnung mit Fischen ist ganz anderer Art. Ich stamme aus einem Kramerladen und meine Mutter war die Kramerin. Die einen nannten sie Kuni, andere wieder Kunerl. Die kannten sie schon aus ihrer Kindheit. Ich fand das immer seltsam, wenn man sie so verniedlichend ansprach, denn das passte \u00fcberhaupt nicht zu ihrem Wesen. Trotz ihrer Einfachheit besa\u00df sie bis ins hohe Alter eine innerer Gr\u00f6\u00dfe, vielleicht sogar etwas Aristokratisches, freilich im guten Sinne. Aber das ist eine eigene Geschichte.<\/p>\n<p>Die Kuni war also die Kramerin und stets bem\u00fcht, ihren Kunden besondere Waren in das d\u00f6rfliche Einerlei zu bringen. So bot sie feinste Angorawolle an und B\u00fcstenhalter in allen Gr\u00f6\u00dfen, aber auch Zigarren, deren Marke mir entfallen ist. Sie m\u00fcssen aber etwas Besonderes gewesen sein, weil sie nur der Friseur gekauft hat, der immerhin w\u00e4hrend seiner Jugend in Berlin Haare geschnitten und dort einiges an feiner Welt miterlebt hat, was aber im Dorf keinerlei Wertsch\u00e4tzung erfuhr.<br \/>\nAuch die Zigarettenmarken \u201eSalem ohne\u201c, im gr\u00fcnen P\u00e4ckchen, und \u201eMokri\u201c, im gelben, z\u00e4hlten zum exquisiten Warenangebot. Erstere rauchte mein Vater, und zwar zwei Schachteln t\u00e4glich, was mich zum Nicht-Raucher machte. Mokri rauchte sein Jugendfreund, ein Kriegsheimkehrer aus russischer Gefangenschaft. Leider oder Gottlob kennt man diese Zigaretten heute nicht mehr. Sie bilden aber einen erheblichen Teil meiner Kindheitserinnerungen.<\/p>\n<p>Neben derartigen Luxusg\u00fctern gab es im Laden nat\u00fcrlich auch Dinge des t\u00e4glichen Gebrauchs, wie Rasierklingen und Palmoliv-Rasierseife sowie Lebensmittel aller Art. W\u00e4hrend der Wintermonate waren die Bratheringe der Firma Anker sehr beliebt. Die rote runde Dose mit der mutig geschwungenen Aufschrift in gelb stand direkt an der Budl, wie wir den Verkaufstisch nannten. Alle im Dorf liebten den Anker-Brathering. Besonders die Leute von den Ein\u00f6den g\u00f6nnten sich am Wochenende einen, meistens nach der Freitagsbeichte, die sie \u00fcbrigens noch im Laden mit meiner Mutter nachbesprachen, was ich hinter den Regalen verborgen und mit Babykleidung spielend mit Interesse verfolgt habe. Diese Gespr\u00e4che haben wesentlich zu meiner Lebensf\u00e4higkeit beigetragen. Allerdings muss ich hinzuf\u00fcgen, dass sich mir vieles aus diesen Beichtgespr\u00e4chen erst sp\u00e4ter und oft viel sp\u00e4ter erschloss. Aber nun zur\u00fcck zu den Bratheringen, die am Freitag nach Beichte und Bu\u00dfe gekauft wurden.<br \/>\nDie frisch ge\u00f6ffnete Dose lie\u00df ihren Duft entstr\u00f6men, der den Kunden verf\u00fchrerisch in die Nase stieg. Der Essiggeruch l\u00f6ste sofort die herrlichsten Gel\u00fcste aus. Verst\u00e4rkt wurde die Begierde noch durch das ansprechende Bild, das sich dem Betrachter beim Blick in die Dose bot. Die braune \u00f6lige Fl\u00fcssigkeit wurde von oben schwimmenden Lorbeerbl\u00e4ttern und Wacholderbeeren bekr\u00f6nt, sodass die Heringe ihren letzten Weg in bet\u00f6render Lake antreten konnten. Kaum einer widerstand dem aufsteigenden Duft und dem Anblick der schwimmenden Fische, sodass die Dose mit den f\u00fcnfzig St\u00fcck bald leer war. Was meine Mutter mit Stolz erf\u00fcllte, und sie entweder die n\u00e4chste \u00f6ffnen lie\u00df oder eben nicht, und dann die Leute darben mussten. Manch Verfressener sollte nicht jeden Freitag einen Brathering haben und ruhig mal eine Woche auslassen, das schade gar nicht. Und meine Mutter nahm sich jederzeit die Freiheit zu sagen, dass die Bratheringe ausverkauft seien oder die letzten am Dosengrund bereits bestellt. Die von den Ein\u00f6den und D\u00f6rfern sollten auch noch einen Fisch bekommen. Da war die Kuni absolut konsequent. Ver\u00e4rgert zogen die Zur\u00fcckgewiesenen ab. Sie hatten ja auch keine andere M\u00f6glichkeit, sie mussten in der n\u00e4chsten Woche wiederkommen, weil es sonst nirgends Anker-Heringe gab. Die Konkurrenz bot nur \u201eUnser Fisch\u201c an, der wesentlich billiger war, aber geschmacklich \u00fcberhaupt nicht an \u201eAnker\u201c herankam.<\/p>\n<p>Lieferant war ein gewisser Herr Sabrowsky, ein Heimatvertriebener mit schlesischem Akzent und Glatze, der bereits in seiner Heimat mit Fischen gehandelt hatte und als Kenner galt. Ich wei\u00df nicht, ob dieses Schlesien am Meer gelegen ist. Auf jeden Fall belieferte Herr Sabrowsky, ein feiner Herr mit guten Manieren, der offensichtlich bessere Zeiten gekannt hatte, meine Mutter mit Vorzug. Er brachte gewisserma\u00dfen die gro\u00dfe untergegangene Welt dieses Schlesien mit seinen Fischen zu uns in den Laden und ins Dorf. Alles an Herrn Sabrowsky war fremd, nicht nur sein Name und seine Sprache. Er war so vornehm und freundlich und immer in Eile und behandelte meine Mutter stets wie eine Dame. Das alles befremdete mich und ich hoffte immer, dass er mich nicht ansprechen m\u00f6ge, was er auch meistens nicht tat. Dieser fremde Mann also brachte die exotischen Bratheringe der G\u00fcteklasse A. Er f\u00fchlte sich aber auch selbst so fremd und verlie\u00df deshalb m\u00f6glichst schnell wieder unseren Laden. Heute glaube ich, dass er ein sehr trauriger Mensch war und hinter dem Fischhandel seinen Kummer versteckt hat. Trotz der gut gehenden Gesch\u00e4fte ist er nie heimisch geworden. Der Bayerische Wald war einfach nicht Schlesien.<br \/>\nHerr Sabrowsky verf\u00fcgte auf jeden Fall \u00fcber einen exquisiten Qualit\u00e4tsgeschmack, au\u00dferdem kannte er die besten Grossisten und lieferte zuverl\u00e4ssig. Ein Gesch\u00e4ftsmann mit Ehre. Am wichtigsten f\u00fcr die Kuni war aber, dass er allein sie im Dorf und der n\u00e4heren Umgebung belieferte. So war sie au\u00dfer Konkurrenz. Das war ihr auch immer ein kleines Geschenk in Form von Zigaretten oder einem original Arnschwanger Brotlaib aus der Backstube meines Onkels wert.<\/p>\n<\/div>\n<p>Die Kunden, die einen Brathering kauften, hatten meist ein Geschirr dabei, in das der Fisch mithilfe eines gelben oder orangen Plastikl\u00f6ffels umgebettet wurde. Ganz vorsichtig nat\u00fcrlich, er musste ja ganz bleiben. Wenn das Gef\u00e4\u00df zu schmal war, blieb dem Brathering nichts anderes \u00fcbrig, als auf dem Kopf stehend in Schr\u00e4glage auf den Esstisch der Kunden transportiert zu werden.<br \/>\nManche wollten viel So\u00dfe, andere wieder wenig, und manche nahmen gleich drei Fische. Es gab auch Kunden, meist waren es M\u00e4nner, die sich eigentlich nur Zigaretten kaufen wollten, dann aber durch den Essigduft verf\u00fchrt, nicht mehr widerstehen konnten und einfach sagten: \u201eKuni, gib mir einen Hering.\u201c Mangels Geschirr musste der Hering manchmal v\u00f6llig unw\u00fcrdig, wie ich fand, in eine Plastikt\u00fcte verfrachtet werden. Damit er sich nicht gar so verraten und verloren f\u00fchlte, erhielt er auch noch etwas So\u00dfe und schaukelte an der Hand seines k\u00fcnftigen Verzehrers heim, wo er hoffentlich noch in einen Teller umgebettet wurde, ehe er verspeist und verdaut wurde.<br \/>\nWeil das Gesch\u00e4ft so pr\u00e4chtig lief, bedankte sich die Kuni allj\u00e4hrlich mit einem Weihnachtsgeschenk bei ihren Kunden, einem Plastikbecher in verschiedenen Farben. Orange, Gelb und Gr\u00fcn waren damals modern. Diese Becher brachten die Leuten zum Bratheringkauf mit und sie erinnerten noch lange in den Haushalten an den Kramerladen, auch als es ihn nicht mehr gab.<br \/>\nMeine Familie liebte nat\u00fcrlich auch Bratheringe, aber es gab nicht immer welche zum Essen. Die Kunden gingen vor. Hin und wieder blieb aber einer \u00fcbrig. Ich habe auf jeden Fall so viele gegessen, dass mir der Geschmack auf ewig eingepr\u00e4gt bleibt.<\/p>\n<p>Herr Sabrowsky vertrieb auch andere Fischkonserven, wie etwa den wesentlich billigeren Sulzfisch, der einen, zu Quadraten geschnitten, mit seinem Karottenauge anstarrte. Manchmal gab es auch ger\u00e4ucherte Fische, die sehr teuer waren und rasch verkauft werden mussten. Meine Mutter plagte immer die Angst, auf den R\u00e4ucherfischen sitzenzubleiben und viel gutes Geld zu verlieren. Ich glaube aber, dass ihre Sorge unbegr\u00fcndet gewesen ist. Diese Fische gab&#8217;s nur selten, vor den Weihnachtsfeiertagen und sp\u00e4ter auch am Karfreitag, wenn es kalt genug war. Sie blieben etwas Besonderes und der Herr Sabrowsky pries sie zudem als etwas Seltenes an. So sollte es auch sein.<br \/>\nSo feine Sachen isst man eben nicht alle Tage!<\/p>\n<p>Mich haben an den R\u00e4ucherfischen immer die Gr\u00e4ten gest\u00f6rt. Das Essen war unheimlich anstrengend, und es gab ja auch die vielen Geschichten von fastenden M\u00f6nchen, die beim Verzehr eines Fisches an einer Gr\u00e4te erstickt oder in letzter Sekunde durch Gottes Hilfe gerettet w orden waren. F\u00fcr mich war der R\u00e4ucherfisch nichts. Es fehlte auch die So\u00dfe, die einfach zum Fisch dazugeh\u00f6rt.<br \/>\nSo hat sich mir der Brathering in der roten 50-St\u00fcck-Dose als Freitagsessen eingepr\u00e4gt. Die leeren Dosen waren \u00fcbrigens unheimlich begehrt, weil sie sich als Futternapf f\u00fcr die G\u00e4nsezucht hervorragend eigneten. Meine Mutter f\u00fchrte Listen, wer die n\u00e4chste leere Dose f\u00fcr die G\u00e4nse bekommen sollte, welche f\u00fcr Sankt Martin und Weihnachten gro\u00dfgezogen wurden. Die haben mir aber nie geschmeckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=408\">an Tagen wie diesen<\/a> | Inventarnummer: 15001<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Freitag ist der Tag des Fisches und ich m\u00f6chte dar\u00fcber erz\u00e4hlen. Nun lebe ich weder an der Ostseek\u00fcste noch habe ich die sieben Weltmeere durchstreift. Nicht einmal ein Fluss steht mir besonders nahe, in dem Fische zu Hause sind. Meine Begegnung mit Fischen ist ganz anderer Art. 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