{"id":19648,"date":"2025-02-27T14:30:06","date_gmt":"2025-02-27T14:30:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19648"},"modified":"2025-03-01T16:55:01","modified_gmt":"2025-03-01T16:55:01","slug":"unter-der-haut-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19648","title":{"rendered":"Unter der Haut 2"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19648&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19648&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: right;\"><em>Stop! Davor ist schon einiges passiert, im <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19646\">Teil 1<\/a> der <\/em><em>Geschichte.<\/em><\/p>\n<p>Ich stimmte zu, und Axel dr\u00fcckte mir den ausgedruckten Vertrag in die Hand. Vor Augen hatte ich, endlich das Terrain des dilettierenden Amateurs zu verlassen und die Schachfiguren nicht nur zu ziehen, sondern ihnen eine dominante Wirkung zu verleihen, endlich Spiele auch gegen starke Gegner zu gewinnen und bei Turnieren ein W\u00f6rtchen mitzureden. Allerdings, f\u00fchrte der Vertrag aus, m\u00fcsse ich f\u00fcr meine Teilnahme an Schachturnieren die Erlaubnis des Veranstalters einholen, sonst handle es sich um den Gebrauch unerlaubter Hilfsmittel, also technologisches Doping. Im privaten Bereich, etwa im Schachklub, sei ethisches Handeln meine Entscheidung. Bei einer Nichtbeachtung tr\u00fcge alleine ich die Verantwortung, nicht <em>New Spirit<\/em>. Ich unterschrieb den Vertrag, au\u00dfer der Frage des technologischen Dopings waren mir keine kritischen Punkte aufgefallen, auch die Schweigepflicht erschien mir einsichtig. Axel schlug mir einen Termin f\u00fcr die Implantation vor, ich stimmte zu. Er wiederholte die kritischen Punkte, au\u00dferdem bot er mir eine Betreuung durch einen auf technologische Entwicklungen spezialisierten Psychologen an.<br \/>\n\u201eIch komme sicher alleine zurecht\u201c, sagte ich gro\u00dfspurig. \u201eFalls ich Hilfe brauche, wende ich mich an dich, weil ich dich schon l\u00e4nger kenne.\u201c<\/p>\n<p>Der Eingriff sei aufw\u00e4ndiger als beim ersten Chip, erl\u00e4uterte Axel. Der neue Chip werde in die Regionen Precuneus und Nucleus caudatus, die vor allem bei Schachprofis erh\u00f6hte Aktivit\u00e4t zeigten, implantiert. Eine Computersimulation veranschaulichte den Vorgang, der schon im Vertrag beschrieben worden war. Dann bet\u00e4ubte mich Axel mit einer leichten Narkose, um mit einem Spezialbohrer eine winzige \u00d6ffnung in die Sch\u00e4deldecke an der betreffenden Gehirnregion zu bohren. Mit einem biokompatiblen Kleber befestigte er den winzigen Chip, der eine Unzahl an Daten und Algorithmen speicherte, unter der Sch\u00e4deldecke an der Hirnoberfl\u00e4che. Nach einigen Minuten wachte ich auf, es war alles vorbei, ohne dass ich das Geringste gesp\u00fcrt hatte. Ich f\u00fchlte mich wie upgedatet, und ich war hei\u00df darauf, die getunte Kompetenz meines Gehirns, wenigstens beim Schach, zu erleben.<\/p>\n<p>Ich loggte mich auf meiner Lieblingsplattform f\u00fcr Online-Schach <em>Queen@King.com<\/em> ein. Eigentlich durfte ich nur gegen Maschinen spielen, aber die Hinweise im Vertrag und die Warnungen Axels, kein betr\u00fcgerisches Verhalten zu zeigen, schlug ich in den Wind, zu verf\u00fchrerisch war es, die Wirkungen des Chips ohne jegliche R\u00fccksichtnahme, ohne Verz\u00f6gerung zu erproben. Es wusste doch niemand davon! Und schweigen musste ich sowieso wie ein Grab!<br \/>\nUnd tats\u00e4chlich, mir ging jeder Zug rasch von der Hand, aber vor allem hatte es die Qualit\u00e4t der Z\u00fcge in sich. Ich gewann mit wenigen Ausnahmen jede Blitzpartie auf <em>Queen@King.com<\/em>, verbesserte mein Rating rasant. Meine Bilanz mit Gegnern, gegen die ich bisher immer verloren hatte, kehrte sich um. Ich nahm s\u00fc\u00dfe Rache. War ich \u00fcberhaupt noch schlagbar? Von Menschen kaum, vielleicht von st\u00e4rkeren Programmen als jenem auf meinem Mikrochip. Wenn ich eine Maschine als Gegner w\u00e4hlte, bekam meine \u00dcberlegenheit das eine oder andere Mal einen D\u00e4mpfer, doch \u00fcberwogen insgesamt meine Siege.<br \/>\nW\u00e4hrend ich fr\u00fcher gegen Axel nicht den Funken einer Chance gehabt hatte, schlug ich ihn nun mit wenigen Ausnahmen, und bald verlor er das Interesse, gegen mich zu spielen. Im Schachklub staunten die Kollegen \u00fcber meine Wandlung vom fehleranf\u00e4lligen Amateur, vom Patzer zum ernstzunehmenden Spieler. \u201eWas ist los mit dir?\u201c, fragten sie mich. \u201eWie konntest du deine Spielst\u00e4rke derart verbessern? Nimmst du ein Zaubermittel ein?\u201c \u201eIch habe Online-Kurse belegt und mich richtig reingeh\u00e4ngt\u201c, flunkerte ich. \u201eUnd, ihr werdet es nicht glauben, ich habe in alten Schachb\u00fcchern, die ich von meinem Vater geerbt habe, kaum bekannte Varianten studiert, die die Gegner vor Probleme stellen.\u201c Meine Vereinskollegen gaben sich mit meiner Begr\u00fcndung nicht wirklich zufrieden, merkte ich, sie insistierten aber nicht.<\/p>\n<p>Ich nahm an Wochenenden und im Urlaub an Schachturnieren teil, zun\u00e4chst im lokalen und regionalen Bereich, dann im nationalen, schlie\u00dflich im internationalen. Problemlos kam ich in die Preisr\u00e4nge, das eine oder andere Turnier beendete ich als Sieger. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, meinen Beruf sein zu lassen und meinen Lebensunterhalt als Schachprofi zu bestreiten. Man sprach mich an, ob ich gegen eine Punktepr\u00e4mie bei renommierten Vereinen spielen wolle. Die Verlockungen waren gro\u00df, aber trotz aller Euphorie blieb die Vorsicht vor zu gro\u00dfer Ver\u00e4nderung. Regelm\u00e4\u00dfig berichtete ich Axel \u00fcber mein Befinden und \u00fcber die Auswirkungen des Chips, \u00fcber meine Vergehen schwieg ich. Das kleine Ding erzeugte ein Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit, es st\u00e4rkte mein Selbstbewusstsein, und wenn es auch ein Alleinstellungsmerkmal blo\u00df im Schach darstellte, entstand nach und nach eine allgemeine Hybris.<\/p>\n<p>Mit der Zeit f\u00fchlte sich die st\u00e4ndige \u00dcberlegenheit wie ein unnat\u00fcrlicher Zustand an, der mein psychisches und soziales Befinden durcheinanderbrachte. Ich vernachl\u00e4ssigte meine Freundinnen und Freunde. Selbst die Treffen mit Axel interessierten mich nicht mehr, seit ich fast jede Partie gewann, w\u00e4hrend er darauf aus wissenschaftlichem Interesse bestand. Meine Unzufriedenheit mit mir und mit meinem Verhalten meinen Mitmenschen gegen\u00fcber wuchs. Immer \u00f6fter kam es mir vor, als bestimme ein fremder Geist mein Denken, nicht nur im Schach, unterdr\u00fccke meine Gedanken und weide sich an meiner Unselbst\u00e4ndigkeit. Der \u00fcberragende Erfolg der Software auf dem Chip stand meiner Ausgeglichenheit, meinem Kommunikationsbed\u00fcrfnis, stand anderen Interessen entgegen. Zwei Geschwindigkeiten befanden sich im Widerstreit, meine pers\u00f6nlich menschliche und die fremde, pr\u00e4zise, blitzschnelle Software des kleinen k\u00fcnstlichen Teils in meinem Hirn.<\/p>\n<p>Manchmal schreckte ich im Schlaf auf, weil ich tr\u00e4umte, ein fremdes Organ sei gegen meinen Willen in meinen K\u00f6rper verpflanzt worden und wachse und erdr\u00fccke die lebenswichtigen Organe. Immer mehr litt ich an Schlaflosigkeit, w\u00e4lzte mich schwei\u00dfgebadet im Bett hin und her, Schachbrettmuster und Stellungen flimmerten vor meinen Augen, die gel\u00f6st werden wollten. Wenn ich \u00fcberhaupt ein Auge zutun konnte, schreckte ich bald mit Herzrasen auf. Ich kam immer weniger mit dem Status quo zurecht, f\u00fchlte mich mehr und mehr zerrissen. Hatte ich schizophrene Anteile, f\u00fcr die der Mikrochip verantwortlich war? Oder hatte er das Asperger-Syndrom entstehen lassen? Konnte ich mich dagegen wehren, ohne meine schachliche Kompetenz einzub\u00fc\u00dfen? Ich konnte mich nicht an das letzte Buch erinnern. Nicht einmal die Zeitung interessierte mich mehr, ich h\u00f6rte keine Musik, kein Radio, ein Theater sah ich h\u00f6chstens von au\u00dfen, alles und jedes war dem Geist des Chips untergeordnet. Ich musste mit Axel dar\u00fcber reden.<\/p>\n<p>Wir trafen uns im <em>Caf\u00e9 am Fluss.<\/em> Ich schilderte Axel meine Verzweiflung. Er war nicht \u00fcberrascht. \u201eAuch andere Testpersonen, denen ich einen Chip ins Hirn implantiert habe\u201c, sagte er, \u201ezeigen \u00e4hnliche Symptome.\u201c<br \/>\nAber Axel betrachtete sie offenbar als vor\u00fcbergehend. \u201eDu wirst dich an die Symbiose mit dem Chip gew\u00f6hnen\u201c, sagte er, \u201edu lebst erst ein paar Monate damit. Die Menschen m\u00fcssen sich mit bisher unbekannten Situationen auseinandersetzen und damit zurechtkommen.\u201c<br \/>\n\u201eAber steht das alles im Einklang mit unserer Befindlichkeit, mit unserer Psyche, mit unseren menschlichen Eigenschaften?\u201c, fragte ich. \u201eIch komme damit nicht zurecht.\u201c<br \/>\n\u201eDer Mensch wird damit leben lernen, es ist ein Schritt der Evolution\u201c, sagte Axel.<\/p>\n<p>Es blieb in mir die Spaltung zwischen der Faszination und der Angst davor, was diese Entwicklung ausl\u00f6sen k\u00f6nnte, ja schon ausgel\u00f6st hatte. Auch der Begriff Hirnw\u00e4sche, der beim Implantieren von Chips nahelag, kam mir in den Sinn. Ich sprach Axel darauf an.<br \/>\nEr hielt mir entgegen: \u201eJeder technische und technologische Fortschritt \u2013 ich wei\u00df, das ist eine Floskel \u2013 ist Fluch und Segen zugleich. Aber dass die Gew\u00f6hnung sukzessive erfolgen muss, vorsichtig, um die Menschen nicht zu \u00fcberfordern, ist mir bewusst. Insofern habe ich den Fehler begangen, viel zu rasch vorgegangen zu sein. Daher mache ich dir einen Vorschlag: Wir entfernen den Mikrochip wieder. Den in deinem Hirn, meine ich. Du wirst wieder der Mensch sein, der du vor der Implantation warst, aber nicht gleich, weil du dich an die Umkehr ebenso wirst gew\u00f6hnen m\u00fcssen. Solltest du zufrieden damit sein, hast du immerhin eine interessante Erfahrung gemacht.\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, sagte ich, \u201emissen m\u00f6chte ich die Zeit nicht.\u201c<br \/>\n\u201eUnd weil wir den ersten Chip lassen\u201c, sagte Axel, \u201ekannst du weiterhin dessen Funktionen n\u00fctzen. Vielleicht erwacht ja nach einigem Abstand wieder die Sehnsucht nach dem perfekten Spiel in dir oder nach der perfekten Sprachbeherrschung und du traust dir einen zweiten Versuch zu.\u201c<br \/>\nIch atmete auf. \u201eDas machen wir\u201c, sagte ich, \u201ewenn\u2019s nach mir geht, so rasch wie m\u00f6glich.\u201c<br \/>\n\u201eIch habe meine Termine nicht im Kopf\u201c, sagte Axel. \u201eRuf mich morgen an, dann nehmen wir den n\u00e4chsten freien Termin.\u201c<\/p>\n<p>Das tat ich. Axel entnahm, nachdem er mich unter eine leichte Narkose gesetzt hatte, den Mikrochip aus meinem Hirn. Die kleine Wunde verklebte er, bald war sie verheilt. Wir trafen uns wieder regelm\u00e4\u00dfig im <em>Caf\u00e9 am Fluss<\/em>, und ich berichtete Axel \u00fcber meine Befindlichkeit. Meine F\u00e4higkeiten standen wieder im Einklang mit meiner Pers\u00f6nlichkeit und ich fand zu innerer Ruhe zur\u00fcck. Jeden Donnerstagnachmittag las ich die Wochenzeitung. Zum digitalen Schach hielt ich Abstand. Irgendwann spielten Axel und ich auch wieder Schach gegeneinander, v\u00f6llig entspannt und eher nebenbei, weil die Unterhaltung im Vordergrund stand. Axel gewann wie fr\u00fcher regelm\u00e4\u00dfig, er war wieder mein Lehrmeister. Im Schachklub erkl\u00e4rte ich den R\u00fcckschritt zu meiner fr\u00fcheren Spielst\u00e4rke mit beruflichen Gr\u00fcnden. Und eine gewisse Vergesslichkeit mache sich auch bemerkbar. Das klang \u00fcberzeugend, und vor allem letzteres war keine L\u00fcge.<br \/>\nIch f\u00fchlte mich wieder als pers\u00f6nliche Einheit, deren Komponenten zwar im Widerstreit standen, aber in der Regel einen Konsens fanden.<\/p>\n<p>Freilich traute ich der Ruhe nicht. Axel hatte vielleicht bald wieder einen Vorschlag, der mich in seinen Bann ziehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">G\u00fcnther Androsch<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\"><span style=\"color: #0066cc;\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/span><\/a> | Inventarnummer: 25072<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stop! Davor ist schon einiges passiert, im Teil 1 der Geschichte. Ich stimmte zu, und Axel dr\u00fcckte mir den ausgedruckten Vertrag in die Hand. Vor Augen hatte ich, endlich das Terrain des dilettierenden Amateurs zu verlassen und die Schachfiguren nicht nur zu ziehen, sondern ihnen eine dominante Wirkung zu verleihen, endlich Spiele auch gegen starke [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[93],"class_list":["post-19648","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-androsch-guenther","tag-que-sera-sera"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19648","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19648"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19648\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19679,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19648\/revisions\/19679"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19648"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19648"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19648"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}