{"id":19646,"date":"2025-02-27T14:28:30","date_gmt":"2025-02-27T14:28:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19646"},"modified":"2025-03-01T16:55:14","modified_gmt":"2025-03-01T16:55:14","slug":"unter-der-haut-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19646","title":{"rendered":"Unter der Haut 1"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19646&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19646&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Jeden Donnerstagabend nach der Arbeit am Institut f\u00fcr Theoretische Festk\u00f6rperphysik las ich im <em>Caf\u00e9 am Fluss <\/em>die schwere Ausgabe einer Wochenzeitung. Einmal fiel mir eine gro\u00dfformatige Anzeige auf, die die Implantation von Mikrochips, die relevante pers\u00f6nliche Daten speicherten, in den menschlichen K\u00f6rper bewarb. Die Firma <em>New Spirit<\/em> bezog die Chips aus dem Fernen Osten, stattete sie mit der erforderlichen Software und mit einem biokompatiblen Schutzglas aus und richtete die vollst\u00e4ndige Technologie ein, etwa am Eingang von H\u00e4usern, Wohnungen, an Autos usw. Die pers\u00f6nlichen Daten w\u00fcrden verschl\u00fcsselt, hie\u00df es, so sei man gegen Angriffe von Hackern gesch\u00fctzt. Die Anwendung bei Haus- und Nutztieren sei bereits Routine. Besonders behinderte Menschen k\u00f6nnten die Vorteile, die st\u00e4ndig weiterentwickelt w\u00fcrden, nutzen. Die Implantation, ein kleiner medizinischer Eingriff, werde von dem erfahrenen Arzt Dr. Axel Matt vorgenommen. Die juristischen Belange seien ausgearbeitet, ein Vertrag zwischen <em>New Spirit<\/em> und einer interessierten Person m\u00fcsse abgeschlossen werden.<\/p>\n<p>Die Werbung machte einen seri\u00f6sen Eindruck, die Technologie als Erg\u00e4nzung des Menschen weckte meine Neugier. Der Chip vereinheitlichte Funktionen von Bankomat- und Kreditkarten, Karten im Gesundheitsbereich, und statt einer Unzahl verschiedener Karten und Schl\u00fcsseln, die man jederzeit verlieren konnte und die eine Menge Platz einnahmen, hatte man alle wichtigen Daten auf dem Chip, die ein geeignetes Ger\u00e4t lesen konnte.<\/p>\n<p>Ich war fasziniert, gleichzeitig begleitete mich ein mulmiges Gef\u00fchl vor dem Unbekannten. Nicht nur der Reiz der neuen Entwicklungen, auch das Wissen, in meinem pers\u00f6nlichen Umfeld eine Vorreiterposition einzunehmen, setzte sich gegen meine Bedenken durch. Ich kontaktierte die Ansprechperson Dr. Axel Matt, der mich zu einem Gespr\u00e4ch einlud. Im Internet und auf der Homepage von <em>New Spirit<\/em> bereitete ich mich darauf vor. Als ich Dr. Matts B\u00fcro betrat, sa\u00df mir ein Mann mittleren Alters im wei\u00dfen Poloshirt mit dichtem schwarzen Haar, dunklen Augen und schwarzem Schnurrbart gegen\u00fcber, auf dessen schmalem Gesicht ein L\u00e4cheln lag. Er erhob sich und ging mir entgegen, dabei fiel mir auf, dass er um einiges gr\u00f6\u00dfer war als ich. Wir stellten uns einander vor.<\/p>\n<p>\u201eKaffee?\u201c, fragte Dr. Matt.<br \/>\n\u201eLieber ein Glas Wasser\u201c, sagte ich. Eine Dame brachte es umgehend.<br \/>\nDer Mikrochip werde, sagte Dr. Matt, unter der Haut zwischen Daumen und Zeigefinger implantiert. Das Gespr\u00e4ch, in dem er mir die Technologie erl\u00e4uterte, best\u00e4rkte meine positive Einstellung, auch die Kosten f\u00fcr mich hielten sich in Grenzen. Nach ein paar Tagen des Nachdenkens unterschrieb ich den Vertrag, erschien zum vereinbarten Termin, w\u00e4hlte die linke Hand und lie\u00df mich auf dem Behandlungsstuhl nieder. Dr. Matt nahm eine \u00f6rtliche Bet\u00e4ubung vor. Ich konnte auf einem Monitor verfolgen, wie er mit einer Art Injektionsnadel das kleine Ding in die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger injizierte. Die \u00d6ffnung in der Haut n\u00e4hte er nicht, sondern klebte ein Spezialpflaster dar\u00fcber. \u201eDas war\u2019s\u201c, sagte er, \u201eich werde mir die Folgen des kleinen Eingriffs anschauen. Das Pflaster kann ich bald entfernen. Nachwirkungen sollte es kaum geben, vielleicht etwas Jucken, das Sie mit einer Salbe behandeln. In der ersten Zeit wird Sie der Fremdk\u00f6rper irritieren, aber dieses Gef\u00fchl wird wahrscheinlich verschwinden. Wenn nicht, wenn gar Ablehnung entsteht, entferne ich den Chip wieder und Sie m\u00fcssen leben wie bisher.\u201c<\/p>\n<p>Der Juckreiz hielt sich in Grenzen, den war ich wegen meiner trockenen Haut sowieso gewohnt. In den ersten Tagen st\u00f6rte mich in der Tat das Gef\u00fchl, ein fremdes Teil in mir zu tragen, das eher dem Wissen davon geschuldet war, weniger einem physischen Empfinden. Bald sp\u00fcrte ich nichts mehr. Ich nutzte die Funktionen des Chips, betrat mein Haus, den Keller, die Garage, \u00f6ffnete mein Auto, bezahlte im Supermarkt. Es war phantastisch! Die Funktionen schienen von mir selbst auszugehen, als gen\u00fcgte allein mein Wille.<\/p>\n<p>Nach einigen Wochen waren keine Kontrollen mehr notwendig. Aber Dr. Matt schlug vor, uns regelm\u00e4\u00dfig zu einem Austausch zu treffen, der meine Erfahrungen mit dem Mikrochip betreffe, aber auch dar\u00fcber hinausgehen k\u00f6nne. Wir trafen uns im <em>Caf\u00e9 am Fluss<\/em>. Dr. Matt sa\u00df an der Spiegelwand und las in der Zeitung. Wir begr\u00fc\u00dften uns, und ich nahm ihm gegen\u00fcber Platz.<br \/>\n\u201eIst alles in Ordnung?\u201c, fragte er.<br \/>\n\u201eAlles bestens\u201c, sagte ich.<br \/>\n\u201eIch habe nichts anderes erwartet\u201c, sagte Dr. Matt. \u201eSie sind zwar ein Pionier f\u00fcr die Implantation, aber auf unser Inserat, das wir regelm\u00e4\u00dfig schalten, melden sich immer mehr Menschen, zum gro\u00dfen Teil M\u00e4nner, leider, doch gibt es auch einige interessierte Frauen.\u201c<br \/>\nAm Nebentisch spielten zwei M\u00e4nner Schach. Dr. Matt erz\u00e4hlte, dass er, als er in Frankfurt am Main als Neurologe t\u00e4tig gewesen sei, in der 2. Deutschen Bundesliga gespielt habe. Ich hingegen kam blo\u00df in der Kreisliga zum Einsatz. Wir fragten den Ober, ob es eine Schachgarnitur gebe. Der bejahte und brachte sie umgehend. Nach zwei raschen Partien merkte ich, dass sich unsere Spielst\u00e4rken haushoch zugunsten Dr. Matts unterschieden. Wir spielten ohne Uhr, und er kommentierte unsere Z\u00fcge.<br \/>\n\u201e<em>Gens una sumus<\/em> ist der Leitspruch der FIDE, des Weltschachverbands\u201c, sagte er.<br \/>\n\u201eIch wei\u00df\u201c, sagte ich.<br \/>\n\u201eWenn wir schon Familienmitglieder sind, \u201ek\u00f6nnen wir uns doch duzen.\u201c<br \/>\n\u201eEinverstanden. Ich bin Gregor.\u201c<br \/>\n\u201eUnd ich Axel.\u201c<\/p>\n<p>Von da an trafen wir uns jeden Donnerstagabend nach meiner Zeitungslekt\u00fcre. Meist spielten wir zwei Partien Schach, dann unterhielten wir uns. In Dutzenden Partien erreichte ich vielleicht drei, vier Remis. Bald beschr\u00e4nkten wir uns darauf, dass ich Axel meine in der Kreisliga gespielten d\u00fcrftigen Partien zur Analyse vorlegte. Das war mir lieber, als Analysemodule im Internet zu befragen. Eines Donnerstagabends sagte Axel, er habe einen Vorschlag, der mich vielleicht interessiere.<\/p>\n<p>\u201eDu machst mich neugierig\u201c, sagte ich.<br \/>\n\u201eWir arbeiten mit dem Zentrum f\u00fcr Hirnforschung am hiesigen Klinikum zusammen\u201c, sagte Axel, \u201eund mit mehreren Einrichtungen, die sich mit k\u00fcnstlicher Intelligenz auseinandersetzen, wie du wei\u00dft.\u201c<br \/>\n\u201eMach\u2019s nicht so spannend\u201c, sagte ich.<br \/>\n\u201eWir haben Mikrochips entwickelt\u201c, sagte Axel, \u201edie gewisse Hirnfunktionen unterst\u00fctzen und als Erg\u00e4nzung des Menschen Gro\u00dfartiges werden leisten k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\n\u201eDas h\u00f6rt sich ja nach Science Fiction an\u201c, sagte ich und merkte, wie Leidenschaft in Axel keimte.<br \/>\n\u201eMittlerweile\u201c, setzte er fort, \u201esind wir der Realit\u00e4t sehr nahe. So wollen wir Chips entwickeln, die den Wortschatz einer Sprache beinhalten, sodass kein Mensch mehr Vokabeln lernen muss. Wir denken auch daran, Syntax und Semantik zu programmieren. Niemand muss dann m\u00fchsam Grammatik, Interpunktion und Orthographie lernen. Gleiches gilt f\u00fcr Fremdsprachen. Und wir sind zuversichtlich, bald gegen das Vergessen erfolgreich zu sein, Erinnerung zu speichern, ohne dass sie verblasst.\u201c<\/p>\n<p>Axel beschrieb die Pl\u00e4ne von <em>New Spirit<\/em> zwar sachlich, aber ich merkte, dass er seinen Enthusiasmus z\u00fcgeln musste. Er setzte fort: \u201eDich d\u00fcrfte Folgendes besonders interessieren. Wir haben einen Mikrochip mit Schachsoftware entwickelt, den wir ins menschliche Gehirn einpflanzen und der die Gedanken und Impulse der spielenden Person steuert, jedenfalls bereichert.\u201c<br \/>\nIch war hellh\u00f6rig geworden. \u201eUnd gibt es damit schon Erfahrungen?\u201c, fragte ich.<br \/>\n\u201eIn den Vereinigten Staaten ja\u201c, sagte Axel, \u201ein Europa weniger, da ist <em>New Spirit<\/em> Vorreiter. Der Chip ist fix und fertig, er wartet nur noch auf seinen Einsatz. Deshalb suchen wir Testpersonen, die sich den Chip ins Gehirn einpflanzen lassen.\u201c<br \/>\nAxel machte eine Pause. Es war mir klar, dass er gerade mich darauf ansprach, der ich neuen Technologien gegen\u00fcber offen war und f\u00fcr Schach etwas \u00fcbrighatte. Die neue Anwendung bewegte sich im Neuland, das machte den Reiz aber nur noch unwiderstehlicher.<br \/>\n\u201eIch wei\u00df, worauf du hinauswillst\u201c, sagte ich. \u201eIch will\u2019s wagen, obwohl ich gleich an rechtliche und ethische Fragen denke.\u201c<br \/>\n\u201eDarauf gehen wir im Vertrag ein\u201c, sagte Axel. \u201eWir sprechen vor der Implantation selbstverst\u00e4ndlich dar\u00fcber. Zur Sicherheit warten wir bis \u00fcbermorgen, dann kannst du den Vertrag studieren und dar\u00fcber nachdenken.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Gespannt, wie es weitergeht?<br \/>\nDann am besten gleich weiter zu <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19648\">Teil 2<\/a> der Geschichte &#8230;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">G\u00fcnther Androsch<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\"><span style=\"color: #0066cc;\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/span><\/a> | Inventarnummer: 25071<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden Donnerstagabend nach der Arbeit am Institut f\u00fcr Theoretische Festk\u00f6rperphysik las ich im Caf\u00e9 am Fluss die schwere Ausgabe einer Wochenzeitung. 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