{"id":19636,"date":"2025-02-22T15:28:47","date_gmt":"2025-02-22T15:28:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19636"},"modified":"2025-04-20T08:38:26","modified_gmt":"2025-04-20T08:38:26","slug":"feiernockerln-mit-gruenem-salat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19636","title":{"rendered":"(F)Eiernockerln mit gr\u00fcnem Salat"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19636&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19636&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Jedes Jahr gibt es im April einen bestimmten Tag, an dem mir feierlich zumute ist und dem ich aus diesem Grund kulinarisch besonders huldige \u2013 mit Eiernockerln und gr\u00fcnem Salat.<br \/>\nSo war es auch heuer wieder.<br \/>\nIch besorgte beste Zutaten: Eier von den H\u00fchnern meiner lieben Nachbarin, Mehl und Milch aus dem Bioladen und Butter von der K\u00e4serei meines Vertrauens. Ich scheute keine Kosten.<br \/>\nDann machte ich mich an die m\u00fchevolle Zubereitung des Teiges. Zwar gilt das Erschaffen eines Teiges nicht unbedingt als die K\u00f6nigsdisziplin der kulinarischen Bet\u00e4tigung, doch f\u00fcr mich ist sie zumindest nahe dran.<\/p>\n<p>Dennoch hat das Kneten des Teiges eine kontemplative Seite, f\u00fcr mich wenigstens.<br \/>\nAls ich das glatte Mehl Typ 480 in die Sch\u00fcssel leerte und aufmerksam beobachtete, wie die digitale Anzeige der K\u00fcchenwaage unfehlbar immer mehr Gewicht angab, dachte ich an den Mann, zu dessen Ehren ich an diesem Tag kochte, und schon ersparte ich mir ein Gramm Salz. Er war ein Held gewesen, der unbeirrbar seinen Weg gegangen ist, bis zum bitteren Ende und ohne R\u00fccksicht auf Verluste.<br \/>\nIch wischte die Tr\u00e4nen weg, denn ich wollte die Speise nicht versalzen, und zwang mich, an etwas anderes zu denken.<br \/>\nDas gelang mir, als ich die Eier in die Sch\u00fcssel schlug.<\/p>\n<p>Als die Eiklar und die Dotter sich langsam mit dem Mehl vermischten, kam mir der Staat in den Sinn.<br \/>\nDas Mehl hatte f\u00fcr mich etwas Standhaftes, wahrscheinlich weil ich es vor den Eiern in die Sch\u00fcssel gegeben hatte. Es war der von der hohen Sch\u00fcsselwand besch\u00fctzte Berg, der kr\u00e4ftigen Winden standhalten konnte, ohne Schaden zu nehmen. Die Dotter und Eiklar jedoch, die ihn langsam, z\u00e4hfl\u00fcssig und unerbittlich einkreisten, seinem Fundament die Luft nahmen, erinnerten mich an die Bedrohung, welcher der Berg ausgesetzt war. Die Eiklar zerrannen zu einer schleimigen Masse, die allerdings nicht f\u00fcr sich selbst stehen respektive rinnen konnte, denn da gab es noch die Dotter. Diese waren heil geblieben und thronten gleichsam auf den Eiklar, wie der Turm eines Unterseebootes.<\/p>\n<p>Erst als ich die Dotter anstach und sie zerflossen, vereinten sie sich mit den Klar zu einer Einheit. Das erinnerte mich an die vielen kleinen und gro\u00dfen Skandale und Verbrechen, welche die Menschen oben mit jenen unten wieder gleich machten, denn pl\u00f6tzlich waren aus Lichtgestalten und Helden Schattenwesen und Gauner geworden.<br \/>\nIch gab eine Prise Salz hinzu und w\u00fcrzte mit Muskatnuss. Ich hatte ein gro\u00dfes P\u00e4ckchen Muskatn\u00fcsse in einem indischen Supermarkt gekauft. Ich kaufe dieses W\u00fcrzmittel immer dort ein, denn so kann ich mir einbilden, einen kleinen Beitrag zur Wiedergutmachung zu leisten f\u00fcr die Verbrechen, die Europ\u00e4er in den Anbaugebieten des Muskatnussbaumes ver\u00fcbt haben.<br \/>\nEin verstorbener Spitzenkoch, mit welchem ich mich einige Male unterhalten durfte, hatte mich eines bierseligen Abends mit der Begeisterung f\u00fcr das W\u00fcrzen mit Muskatnuss angesteckt, und seitdem setze ich sie gerne ein. Dieser Mann war es auch, der mir bei einem zuf\u00e4lligen Treffen auf einem bekannten Markt das Rezept f\u00fcr eine herrliche Cranberry-Orangen-Sauce verriet. Danke, Reinhard.<\/p>\n<p>Ich salzte und begann den Teig zu kneten.<br \/>\nWieder dachte ich an den Mann, zu dessen Gedenken ich die Eiernockerln zubereitete, und wieder stiegen mir Tr\u00e4nen in die Augen. Wie weit h\u00e4tte er es bringen k\u00f6nnen? Wie viel Gutes h\u00e4tte er noch bewirken k\u00f6nnen? Ich hatte ihn nie pers\u00f6nlich kennenlernen d\u00fcrfen, er war lange vor meiner Zeit gestorben. Dennoch sah ich ihn vor mir, wie er das Land, das ihm bis in alle Ewigkeit zu geh\u00f6ren schien, formte, oft auch mit Druck, so wie ich meinen Teig.<br \/>\nIch brachte Salzwasser zum Kochen und kochte darin den Teig mithilfe eines Nockerlsiebes und einer Teigkarte ein. Mit einem Kochl\u00f6ffel r\u00fchrte ich im Topf, um Klumpenbildung zu verhindern, und schon waren die Nockerln fertig.<\/p>\n<p>In einer Pfanne schmolz ich Butter, schwenkte darin die Nockerln, salzte sie und schlug drei Eier hinein. Schon war das Mahl gerichtet.<br \/>\nIch bereitete noch einen gr\u00fcnen Salat zu, mit bestem K\u00fcrbiskern\u00f6l, und war stolz auf meine kulinarische Leistung.<br \/>\nEiernockerln mit gr\u00fcnem Salat war n\u00e4mlich die Lieblingsspeise des Mannes, dessen Andenken ich an diesem Tag im April hochhalten wollte.<br \/>\nIch wollte mich an den Tisch setzen und mit dem Verzehr der K\u00f6stlichkeit beginnen, als mein Telefon l\u00e4utete. Nachdem das Gespr\u00e4ch geendet hatte, warf ich zuf\u00e4llig einen Blick auf das Display meines Mobiltelefons und erschrak.<\/p>\n<p>Ich begann zu weinen und konnte das Gericht nicht anr\u00fchren. Ich nahm den Teller, lief nach drau\u00dfen zum Zaun der Nachbarin und leerte die Nockerln in den f\u00fcr diese Zwecke bestimmten Teil des H\u00fchnerauslaufes. Den Salat leerte ich auf unseren Komposthaufen.<br \/>\nDann setzte ich mich wieder an den Tisch, a\u00df ein St\u00fcck Brot und weinte abermals.<br \/>\nIch hatte die Eiernockerln mit gr\u00fcnem Salat am zwanzigsten April zubereitet. Doch mein lieber Erbonkel Anselm, auf dessen Bauernhof ich heute lebe und dessen Leibspeise eben diese Nockerln waren, hat erst am einundzwanzigsten April Namenstag.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\"><span style=\"color: #333333;\">Lesebissen<\/span><\/a> |Inventarnummer: 25069<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedes Jahr gibt es im April einen bestimmten Tag, an dem mir feierlich zumute ist und dem ich aus diesem Grund kulinarisch besonders huldige \u2013 mit Eiernockerln und gr\u00fcnem Salat. So war es auch heuer wieder. 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