{"id":19616,"date":"2025-02-20T14:56:05","date_gmt":"2025-02-20T14:56:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19616"},"modified":"2025-02-22T15:11:13","modified_gmt":"2025-02-22T15:11:13","slug":"sister","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19616","title":{"rendered":"Sister"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19616&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19616&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Lens Parka von oben bis unten zukn\u00f6pfen. Die Kapuze \u00fcber deinen Kopf und tief in die Stirn ziehen. Seinen langen Schal ein paar Mal \u00fcber den Hals und deine untere Gesichtsh\u00e4lfte schlingen. Dankbar sein, dass es eisig kalt drau\u00dfen ist, und du dich dementsprechend vermummen kannst.<br \/>\n\u201eIch gehe jetzt, bis sp\u00e4ter\u201c, rufst du, durch den Schal ged\u00e4mpft, Richtung Wohnzimmer. Keine Antwort. Du seufzt, z\u00f6gerst, gehst dann ins Zimmer. Stellst dich neben deinen Vater, der sich, tief im Ohrensessel versunken, wieder mal irgendeine Doku im Fernsehen ansieht \u2013 oder vorgibt, es zu tun.<br \/>\n\u201ePapa, ich gehe jetzt\u201c, sagst du.<br \/>\nEr schreckt auf, r\u00e4uspert sich. \u201eJa. Wohin denn, Kind?\u201c<br \/>\n\u201eAch, unwichtig\u201c, murmelst du in den Schal.<br \/>\n\u201eWei\u00dft du, Lea, wir sind so froh, dass du \u2013 trotz allem \u2013 \u201c Er beendet den Satz nicht.<br \/>\nEin unangenehmer Lachreiz steigt in dir hoch. Wegen dem absurden <em>\u201aso froh\u2018<\/em>. Dem \u201a<em>wir\u2018<\/em>.<br \/>\n\u201aWen meinst du denn mit <em>\u201awir\u2018<\/em>, Papa? Den Fernseher und dich?\u2018, w\u00fcrdest du gerne fragen.<br \/>\n\u201eIch meine, deine Mama und ich sind \u2013 \u201c Wieder stockt er mitten im Satz.<br \/>\n<em>\u201aDeine Mama und ich\u2018<\/em>, echot es in dir \u201a \u2013 miese Wortwahl.\u2018<br \/>\nGenauso mies, wie alles seit drei Wochen und zwei Tagen ist. Seitdem du ein Einzelkind bist. Seitdem es anstatt Mama nur mehr eine Art Schattenmama gibt. Die beinahe den ganzen Tag in ihrem verdunkelten Zimmer auf dem Sofa liegt, schl\u00e4ft \u2013 oder vorgibt, es zu tun. Die Pillen, die sie nimmt, machen sie lethargisch und dauerm\u00fcde.<br \/>\n\u201eSchon gut, Papa, ich wei\u00df\u201c, sagst du, legst ihm kurz die Hand auf die Schulter, und gehst.<br \/>\nJa, du wei\u00dft. Dass deine Eltern erleichtert sind, dass du so tapfer, so stark bist \u2013 oder vorgibst, es zu sein. Dass du jeden Wochentag zur Schule gehst \u2013 oder vorgibst, es zu tun. Dass du dich mit Freund:innen triffst \u2013 oder vorgibst, es zu tun. Du wei\u00dft, dass sie beide nicht die Kraft haben, genauer nachzufragen, nicht die Kraft, sich um dich zu k\u00fcmmern. Zu schwer, zu erdr\u00fcckend ist die Trauer, an der sie, jeder f\u00fcr sich, tragen. Papa vor dem Fernseher. Mama im dunklen Zimmer.<\/p>\n<p>Du gehst jetzt Richtung U-Bahn und bist erleichtert, weil sich soeben eine erholsame Leere anstelle der furchtbaren, intensiven Gef\u00fchle, die dich seit Wochen beherrschen, in dir einstellt. Die Psychologin hat letztens gefragt, ob du \u00fcber diese Gef\u00fchle reden m\u00f6chtest. Du hast eisern geschwiegen. Es reicht dir doch so was von, sie aushalten zu m\u00fcssen, wozu um Himmels willen auch noch \u00fcber sie sprechen!?<br \/>\n\u00dcber den Schmerz: Weil Len tot ist.<br \/>\n\u00dcber die Distanziertheit: Zu Eltern, Verwandten, Freund:innen. Seit Len tot ist.<br \/>\n\u00dcber die Einsamkeit: Mitten unter Menschen, egal, ob Fremde oder Freunde. Seit Len tot ist.<br \/>\n\u00dcber die Wut, den Hass: Auf dich. Auf alle Menschen. Weil ihr lebt und Len tot ist.<br \/>\n\u00dcber die Wut, den Hass: Speziell auf Jonas. Mit dem du dich jetzt treffen wirst. Und schon steigen sie wieder in dir empor, diese beiden schrecklichen Gef\u00fchle, verb\u00fcnden sich mit den Gedanken, die st\u00e4ndig in deinem Kopf kreisen:<br \/>\nWarum nur ist Jonas, der F\u00fchrerscheinneuling, an diesem Freitag trotz des drohenden Unwetters mit Len ins Auto gestiegen? Du siehst den sich verdunkelnden, den beinahe schwarzen Himmel wieder vor dir. Siehst die \u00c4ste an den B\u00e4umen, die sich unter dem aufkommenden gewaltigen Sturm biegen, brechen. Und dann \u2013 der pl\u00f6tzlich einsetzende Hagel! Ein Hagel, von dem noch heute entsetzt gesprochen wird. Mensch und Natur waren ihm hilflos ausgeliefert \u2013 so wie du seit diesem Tag deinen qu\u00e4lenden Emotionen. Nie zuvor in dieser gewaltigen Dimension erlebt. \u2013 Babyfaustgro\u00dfe Eisklumpen. \u2013 Umgeknickte Str\u00e4ucher und B\u00e4ume. \u2013 Unz\u00e4hlige Sch\u00e4den an Fahrzeugen, Geb\u00e4uden, Hausd\u00e4chern. \u2013 Unf\u00e4lle. Viele Verletzte. Und ein Toter. Len.<br \/>\nJonas hat die Kontrolle \u00fcber sein Auto verloren. Es ist frontal gegen einen Baum geprallt. Warum hat Jonas \u00fcberlebt und Len nicht? Warum hattest du ausgerechnet an diesem Tag Migr\u00e4ne? Sonst w\u00e4rest du bestimmst mitgefahren, dann w\u00e4rest vielleicht du tot und Len w\u00fcrde um dich weinen \u2026<\/p>\n<p>Obwohl: Weinen? Du kannst nicht weinen. Die Psychologin hat gemeint, das w\u00e4re der Schock. Tolle Erkenntnis. Sowieso wirst du nicht mehr zu ihr gehen, seit ihrer Aussage in der letzten Therapiestunde. Sie hat dich professionell \u2013 unterstellst du ihr \u2013 mitf\u00fchlend angeschaut, und, bem\u00fcht vorsichtig, gesagt: \u201eVielleicht ist es zu fr\u00fch, das zu sagen, aber glaube mir, Lea, irgendwann wirst du dankbar sein f\u00fcr die sechzehn Jahre, in denen du mit deinem Zwillingsbruder so viel Sch\u00f6nes und Unvergessliches erlebt hast.\u201c<br \/>\nIn dir hat es geschrien: \u201aWas redest du da f\u00fcr Schei\u00dfe! Sechzehn Jahre sind viel zu wenige! Ich will, dass er lebt! Ich will ihn wiederhaben! Jetzt, hier, neben mir! Sofort!\u2018<\/p>\n<p>Bei diesen Gedanken platzt du fast vor Schmerz. Nie wirst du Jonas verzeihen k\u00f6nnen! Auch, wenn er im Mail, in dem er dich um das heutige Treffen gebeten hat, geschrieben hat, dass er jede Nacht Alptr\u00e4ume vom Unfall habe, von dem unfassbaren Hagelsturm, der sein Auto, der Len und ihn \u2013 im wahrsten Sinn des Wortes \u2013 aus der Bahn geworfen hat; dass er sich die \u00e4rgsten Vorw\u00fcrfe mache; er traumatisiert, todtraurig sei, dass dein Bruder \u2013 sein bester Freund verungl\u00fcckt ist.<br \/>\n\u201aWas erwartet er sich denn?\u2018, denkst du bitter. \u201aDass ich ihn tr\u00f6ste? Dass ich ihm verzeihe? Unm\u00f6glich. Er ist schuld daran, dass Len tot ist, und das werde ich ihm ins Gesicht sagen \u2026<br \/>\nAus jetzt! Stehen bleiben. An die Mauer lehnen. Die Augen schlie\u00dfen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Jetzt einen Fu\u00df vor den anderen setzen. Und langsam, Stufe f\u00fcr Stufe, hinunter zur U-Bahn-Unterf\u00fchrung.\u2018<\/p>\n<p>Unten gehst du um die Ecke, und siehst John. M\u00f6chtest sofort umdrehen und fl\u00fcchten. Verfluchst dich innerlich, weil du nicht daran gedacht hast, dass du ihm begegnen wirst. John ist immer um diese Zeit hier. Es ist zu sp\u00e4t, um wegzulaufen. Sein Gesicht strahlt auf, als sich eure Blicke treffen, nimmt dann aber sogleich einen besorgten Ausdruck an. Schnell willst du an ihm vorbeigehen.<br \/>\n\u201eHello Sister\u201c, h\u00f6rst du John wie immer zu dir sagen. Wenn er w\u00fcsste, was diese beiden Worte in dir ausl\u00f6sen. \u201aIch bin keine mehr! Bin keine Schwester mehr, keine Schwester mehr!\u2018, schreit es in dir. Der Schmerz ist unertr\u00e4glich. Nie wieder wirst du \u201aHi, Schwesterherz\u2018 von Len auf dem Display lesen, nie mehr sein scherzhaftes \u201aNa, kleine Schwester?\u2018 h\u00f6ren, wenn er betonen will, dass er ein paar Minuten vor dir auf die Welt gekommen ist \u2026<\/p>\n<p>Du schmeckst Salziges auf deinen Lippen. Registrierst, dass du direkt vor John stehst und weinst. Das erste Mal weinst, weinen kannst, seitdem das Ungl\u00fcck passiert ist. Im denkbar ung\u00fcnstigsten Moment. In einer belebten U-Bahn-Station. Kannst es nicht verhindern. John legt seine Zeitungen zu Boden, \u00f6ffnet seine Arme. Du schluchzt, heulst, rotzt in seinen rauen Jackenstoff. Er h\u00e4lt besch\u00fctzend seine Arme um dich, sagt nichts, l\u00e4sst dich weinen.<\/p>\n<p>Bilder blitzen durch deinen Kopf: Len und du als Volksschulkinder, als ihr auf eurem Schulweg wochentags an John vorbei zur U-Bahn gegangen seid. Johns fr\u00f6hlicher Gru\u00df jeden Tag: \u201aHi, my little Friends! Hello Sister! Hello Brother!\u2018 Len, der mit John scherzt und lacht. Len als Elfj\u00e4hriger, der vor eurer Klasse ein Referat h\u00e4lt. Thema: \u201eEin Mensch, den ich bewundere.\u201c Len erz\u00e4hlt von John, dem Stra\u00dfenzeitungsverk\u00e4ufer. Der immer freundlich und heiter ist, obwohl er unvorstellbar Grausames erleben musste. Der als Jugendlicher seine gesamte Familie im Krieg verloren, als Einziger \u00fcberlebt hat, allein aus seiner Heimat fl\u00fcchten musste. Du erinnerst dich, dass es mucksm\u00e4uschenstill im Klassenraum war, als Len sein Referat mit den Worten beendete: \u201aIch bewundere John, und ich mag ihn sehr.\u2018<\/p>\n<p>Du l\u00f6st dich nun aus Johns sch\u00fctzender Umarmung. Er fragt nicht, sieht dich nur still an. Du putzt dir die Nase, dann bricht es stotternd aus dir heraus: \u201eEs war \u2013 es war ein Autounfall. \u2013 An dem Tag, als das Unwetter \u2013 als es so furchtbar gehagelt hat \u2026 \u2013 Len ist tot. Er ist tot.\u201c<br \/>\nNun weint ihr beide. Sp\u00e4ter dann, als du gehst, ruft John dir mit fester Stimme nach: \u201eYou are not alone, Sister. Don\u2019t lose hope.\u201c<\/p>\n<p>In der U-Bahn schauen dich ein paar Leute verstohlen an. Weil du nach wie vor weinen musst. Du nimmst ein Taschentuch an, das dir jemand reicht. Sch\u00e4mst dich nicht deswegen. Denkst an John. Ob er von Lens Referat \u00fcber ihn wei\u00df? Du wirst es suchen, kopieren und ihm geben. Bestimmt wird ihn dies freuen. Wie ist es m\u00f6glich, fragst du dich, dass er trotz seiner Schicksalsschl\u00e4ge ein so herzlicher, fr\u00f6hlicher Mensch ist? Seine Positivit\u00e4t wirkt nicht aufgesetzt, sie ist echt. Wie hat er es geschafft, den Verlust seiner Geschwister und Eltern zu bew\u00e4ltigen?<br \/>\n\u201aMeine Eltern leben, ich lebe\u2018, denkst du, und dann an Johns Worte, die er dir nachgerufen hat. Unerwartet flammt tats\u00e4chlich ein kleiner Funke Hoffnung in dir auf, die leise Hoffnung, dass vielleicht doch langsam alles wieder etwas leichter, etwas lichter werden k\u00f6nnte. F\u00fcr deine Eltern und dich, f\u00fcr alle, die um Len trauern.<\/p>\n<p>Gleich wirst du bei der U-Bahn-Station ankommen, bei der du aussteigen musst. In K\u00fcrze also wirst du Jonas gegen\u00fcberstehen. Du trocknest noch einmal dein Gesicht, steckst das Taschentuch ein, atmest tief durch. Du wirst Jonas sagen, dass er und Len nicht wissen konnten, dass das Unwetter an diesem Freitag derart heftig werden w\u00fcrde, als sie sich ins Auto setzten. Dass weder deine Eltern noch du ihm Vorw\u00fcrfe machen w\u00fcrden, und er sich ebenfalls keine machen solle. Das w\u00fcrde Len auf keinen Fall wollen.<\/p>\n<p>Beim Aussteigen aus der U-Bahn rempelt dich versehentlich ein Junge an. Er hat lange, dunkle Dreadlocks. Solche, wie Len sie trug. \u201eUps, sorry\u201c, l\u00e4chelt dich der Junge entschuldigend an. Spontan l\u00e4chelst du ebenfalls. Es ist ein echtes L\u00e4cheln.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 25067<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lens Parka von oben bis unten zukn\u00f6pfen. Die Kapuze \u00fcber deinen Kopf und tief in die Stirn ziehen. Seinen langen Schal ein paar Mal \u00fcber den Hals und deine untere Gesichtsh\u00e4lfte schlingen. 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