{"id":19545,"date":"2025-02-03T17:28:59","date_gmt":"2025-02-03T17:28:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19545"},"modified":"2025-02-08T16:58:35","modified_gmt":"2025-02-08T16:58:35","slug":"weihnachten-eine-kritische-auseinandersetzung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19545","title":{"rendered":"Weihnachten \u2013 eine kritische Auseinandersetzung"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19545&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19545&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong>Prolog<\/strong><\/p>\n<p>Weihnachten ist eine Zeit des Miteinanders, eine Zeit des Innehaltens und der reflexiven Auseinandersetzung mit dem vergangenen Jahr. Eine Zeit, in der wir uns vor Augen f\u00fchren, dass Geschehnisse zu Jahresbeginn r\u00fcckblickend vielleicht doch Sinn ergaben, und eine Zeit, in der Dankbarkeit und Freude \u2013 sowie ein gewisser Zauber \u2013 in und um uns herum sp\u00fcrbar werden.<\/p>\n<p>Doch nicht jeder teilt diese Auffassung, denn f\u00fcr manche ist Weihnachten nichts weiter als Konsum, Kitsch und aufgesetzte Gl\u00fcckseligkeit. Und obwohl diese Weihnachtsgeschichte kein Mahnwerk gegen derlei Entwicklungen sein soll, so ist sie zumindest ein Fernrohr in eine alternative Perspektive.<\/p>\n<p><strong>Die Geschichte von Christian Kindel<\/strong><\/p>\n<p>Christian, bzw. Chris Kindel, war als einziges und sehnlichst erwartetes Kind von Sissi und Franz Kindel zur Welt gekommen, die zeit ihres Lebens ein Dasein in Abgeschiedenheit vorzogen. W\u00e4hrend sie zu Beginn der 80er-Jahre zun\u00e4chst mit Klein Christian in einer Kommune lebten, zogen sie noch vor seiner Einschulung auf den abgeschiedenen Bauernhof von Christians Gro\u00dfeltern, die ihren Ruhestand im weit entfernten Florida genossen.<\/p>\n<p>Chris\u2019 fr\u00fche Kindheit war gepr\u00e4gt von Natur und kritischen Weltansichten, was zun\u00e4chst durchaus f\u00f6rderlich f\u00fcr den Kleinen war \u2013 w\u00e4re da nicht die Einschulung gewesen, die sein Leben drastisch ver\u00e4nderte \u2026<\/p>\n<p><strong>Kinder k\u00f6nnen grausam sein<\/strong><\/p>\n<p>Gestaltete sich der erste Schultag an der l\u00e4ndlichen Volksschule noch einigerma\u00dfen annehmbar, so \u00e4nderte sich dies bereits in der ersten Woche, da Christian es nicht gewohnt war, mit anderen Kindern zu spielen. Lesen konnte Chris bereits mit vier und mit sechs diskutierte er mit seinen Eltern \u00fcber das politische Weltgeschehen am Fr\u00fchst\u00fcckstisch. Mit seinen Themen fand er kaum Zuspruch unter seinen Altersgenossen, die es ihn auch durchaus sp\u00fcren lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Es gab t\u00e4glich H\u00e4nseleien aufgrund seiner Kleidung, seiner Jause, bestehend aus Dinkel-Gr\u00fcnkern-Laibchen oder anderen weniger gew\u00fcrzten Speisen und den Pausengespr\u00e4chen \u00fcber Superhelden-Figuren oder Zeichentrickserien konnte er nur schwer folgen, denn einen Fernseher hatten sie nicht.<\/p>\n<p>Zu Weihnachten erreichten die H\u00e4nseleien j\u00e4hrlich ihren H\u00f6hepunkt, als Chris Kindel nun auch noch aufgrund seines Namens in Ungnade fiel. Seine Mitsch\u00fcler legten ihm in der Vorweihnachtszeit t\u00e4glich Stroh auf seinen Platz, sie zierten sein Fach mit wei\u00dfen Federn und lie\u00dfen ihm Zeichnungen zukommen, auf denen das Christkind, auf einen Christbaum aufgespie\u00dft, B\u00e4che aus roter Farbe blutete.<\/p>\n<p>Und obwohl solche kindlichen Erlebnisse auch die Biographien so mancher \u00a0erwachsener Serienm\u00f6rder zierten, hielt Chris durch, denn die Liebe und F\u00fcrsorge seiner Eltern waren ihm gewiss.<\/p>\n<p>In der Schule war Chris, so besang es auch bereits Sting, \u201ea legal Alien\u201c in einer ihm unbekannten Welt und so zog er sich zur\u00fcck, wurde still und ein kritischer Beobachter seiner Umwelt.<\/p>\n<p><strong>Jahre sp\u00e4ter<\/strong><\/p>\n<p>Die Jahre danach gestalteten sich durchaus erfolgreich. Er studierte Journalismus, wurde direkt nach dem Studium bei einer renommierten Zeitung angestellt und nach wenigen Jahren \u00fcbernahm er bereits den Posten des Kritikers. Vielleicht war es eine sp\u00e4te Rache des kleinen Jungen an der Gesellschaft oder die Verbitterung eines fr\u00fch Ausgesto\u00dfenen, aber zu Weihnachten lie\u00df er kaum ein gutes Haar an den durch ihn bewerteten Veranstaltungen. Er liebte es, die weihnachtlichen Akteure durch ihren eigenen Kakao zu ziehen, und h\u00e4tte er gekonnt, er h\u00e4tte sie darin ertr\u00e4nkt. Nun ja, vielleicht war doch ein kleiner Schaden geblieben aus seiner Kindheit \u2026 Aber sei es drum.<\/p>\n<p>Seine Kritiken waren bei den ans\u00e4ssigen Zuckerb\u00e4ckern so gef\u00fcrchtet, dass sich die Pr\u00e4mierungen der besten Kekskreationen sogar als nervenaufreibende Thriller-Szenarien darstellten. W\u00e4hrend sich die Kontrahenten gegenseitig das Leben schwer machten, hatten sie Chris\u2019 gef\u00fcrchteten metaphorischen Rotstift im Kopf, paralysiert wie im Angesicht einer geladenen Halbautomatik.<\/p>\n<p>Chris war gnadenlos. W\u00e4hrend er bei den Zimtsternen eines Teilnehmers den allzu reichhaltigen Zuckerguss bem\u00e4ngelte und im selben Satz dessen Daseinsberechtigung infrage stellte, kritisierte er bei einer anderen Teilnehmerin die Ungleichm\u00e4\u00dfigkeit ihrer Vanillekipferl \u2013 nebst ihrer g\u00e4nzlichen Nichteignung f\u00fcr diesen Beruf.<\/p>\n<p>Chris\u2019 Kritiken waren scharfz\u00fcngig, vernichtend und \u00fcber die Ma\u00dfen unfair und r\u00fccksichtslos. So war es kaum verwunderlich, dass viele der ortsans\u00e4ssigen Zuckerb\u00e4cker nach wenigen Jahren das Weite suchten, um au\u00dferhalb seines Einflussbereiches arbeiten zu k\u00f6nnen. Andere hatten hingegen mit Nervenzusammenbr\u00fcchen zu k\u00e4mpfen, weshalb die Psychotherapeuten innerhalb seines Landkreises durchwegs gro\u00dfe und schnelle Autos fuhren.<\/p>\n<p><strong>Von Keksen und Katastrophen<\/strong><\/p>\n<p>Chris Kindel sa\u00df in seinem B\u00fcro und las. Es war ein Kommentar zu seiner letzten Kolumne, in der er einen \u00f6rtlichen B\u00e4cker mit den Worten zerst\u00f6rt hatte: <em>\u201eSeine Lebkuchenh\u00e4user sehen aus, als h\u00e4tte ein betrunkener Weihnachtswichtel seine Notdurft darauf verrichtet, nachdem er eine Abrissbirne aus allzu harten Kokosbusserln geschwungen hatte.\u201c <\/em>Die Leser waren emp\u00f6rt, aber die Klickzahlen schossen durch die Decke, weshalb ihn sein Arbeitgeber auch weiterhin gew\u00e4hren lie\u00df. Innerlich grinste Chris h\u00e4misch, denn er wusste, er war der Dieter Bohlen der Weihnachtskritiker, einer, der immer sagte, was er dachte, und das mit Witz und \u2013 nun ja, zugegeben \u2013 einer gewissen destruktiven sadistischen Ader.<\/p>\n<p>Doch genau in dem Moment, als er sich \u00fcber seine eigene Brillanz am\u00fcsierte, kam eine unerwartete E-Mail herein. Die Absenderin: Luna, eine Bekannte aus der Kommune seiner fr\u00fchesten Kindheit. Mit ihr hatte er im Sandkasten gespielt und sie hatten sich gemeinsam Geschichten ausgedacht, bevor Chris mit seinen Eltern wegzog. Luna hatte sich vor Jahren in die Kunstszene abgesetzt und mit esoterischen Malkursen f\u00fcr Furore gesorgt.<\/p>\n<p>Der Betreff lautete: \u201eAdventessen \u2013 komm, du brauchst das!\u201c<\/p>\n<p>Die Nachricht war kurz und dennoch typisch Luna: \u201eChris, ich wei\u00df, du h\u00e4ltst Weihnachten f\u00fcr den schlimmsten Marketing-Trick der Menschheit. Aber bevor du wieder deine bissige Kolumne raushaust, komm doch vorbei. Keine Glitzerkatastrophen, keine gezwungene Fr\u00f6hlichkeit \u2013 nur ein paar interessante Leute, gutes Essen und genug Wein, um die Weihnachtszeit halbwegs zu ertragen. Vielleicht \u00fcberrascht dich der Abend. LG, Luna.\u201c<\/p>\n<p>Chris schnaubte laut. Ein Adventessen? Was kommt als N\u00e4chstes? Ein Singkreis mit Jingle Bells oder eine Runde Wichteln? Sein Finger schwebte schon \u00fcber der L\u00f6schtaste, doch dann hielt er inne. Ein Abend, an dem Weihnachten nicht in Zuckerguss und Kitsch versank, sondern in Wein? Das klang fast \u2026 verlockend.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem war Luna nicht irgendwer. Ihre F\u00e4higkeit, die abstrusesten Menschen zusammenzutrommeln, war legend\u00e4r. Es reizte ihn, diese Gruppe einmal genauer unter die Lupe zu nehmen \u2013 nicht zuletzt, um sich sp\u00e4ter gen\u00fcsslich daran zu erinnern, denn tief drinnen war er schon ein Freund des Genusses und der Geselligkeit, aber zugegeben h\u00e4tte er es nie.<\/p>\n<p><strong>Ein Abend der besonderen Art<\/strong><\/p>\n<p>Luna lebte in einem aufgelassenen Fabriksgeb\u00e4ude, zusammen mit anderen K\u00fcnstlern in einer Art WG. Da sie in einer Kommune gro\u00df geworden war, war sie die permanente Gesellschaft schlie\u00dflich gewohnt.<\/p>\n<p>Als Chris an diesem Abend bei ihr eintraf, h\u00f6rte er bereits im Treppenhaus Stimmen, Gel\u00e4chter und etwas, das wie ein Schlagzeugsolo klang. Als er eintrat, verschlug es ihm kurz die Sprache: Luna hatte ihre Wohnung in ein groteskes und anarchistisches Weihnachtswunderland verwandelt.<\/p>\n<p>\u00dcberall hingen Girlanden, die offensichtlich aus recyceltem Zeitungspapier gebastelt waren. Ein \u201eWeihnachtsbaum\u201c aus aufget\u00fcrmten leeren Weinflaschen thronte in einer Ecke, geschm\u00fcckt mit LED-Lichtern. Auf dem Tisch stand eine Mischung aus selbstgemachten Gerichten und gekauften Snacks \u2013 darunter ein K\u00e4seigel mit Plastikschwertern im Leib.<\/p>\n<p>Luna kam auf ihn zu, ein Glas Wein in der Hand, und grinste.<\/p>\n<p><strong>\u201eChris! Willkommen im Anti-Weihnachtswunderland. Wein? Oder etwas St\u00e4rkeres?\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Chris nickte zum Wein. <strong>\u201eIch nehme, was du hast. Hauptsache, es passt zu dieser \u2026 \u00a0\u00e4h \u2026 Kunstinstallation hier.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Luna lachte. <strong>\u201eOh, du bist noch nicht mal ansatzweise auf das vorbereitet, was dich heute erwartet.\u201c <\/strong>Sie f\u00fchrte ihn zu einer illustren Runde, die bereits mit Essen besch\u00e4ftigt war.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nDie G\u00e4ste<\/strong><\/p>\n<p>Chris setzte sich neben einen Mann namens Thorsten, der sich als \u201eprofessioneller Weihnachtskritiker\u201c vorstellte. \u201eAch, endlich ein Gleichgesinnter\u201c, dachte Chris. Doch schon nach f\u00fcnf Minuten stellte sich heraus, dass Thorsten Weihnachtsfilme bewertete \u2013 mit einem selbst entwickelten Punktesystem, das alles von \u201eRentier-Echtheit\u201c bis zur \u201eEmotionalen Weihnachtsbotschaft\u201c umfasste. Neben ihm sa\u00df eine \u00e4u\u00dferst gutaussehende Frau. Sie war Thorstens Freundin, die er von fr\u00fcher kannte, als er noch Pornos gedreht hatte.<\/p>\n<p>Ihm gegen\u00fcber sa\u00df Carla, die stolz verk\u00fcndete, dass sie dieses Jahr ein Buch \u00fcber nachhaltige Weihnachtsgeschenke ver\u00f6ffentlicht hatte. \u201eEs hei\u00dft Frohe \u00d6ko-Weihnacht: Vom up-gecycelten Birkenstock bis zur selbstgebrauten Zahnpasta.\u201c Chris nickte h\u00f6flich, w\u00e4hrend er insgeheim \u00fcberlegte, ob Zahnpasta \u00fcberhaupt gebraut werden konnte.<\/p>\n<p>Zwischen ihnen sa\u00df ein schweigsamer Mann namens Bj\u00f6rn, der sich als Holzschnitzer vorstellte. Seine einzige Bemerkung w\u00e4hrend des gesamten Abends war: \u201eDer Wein schmeckt nach Kork. Aber irgendwie passt das.\u201c<\/p>\n<p>Nach dem Essen k\u00fcndigte Luna an, dass es Zeit f\u00fcr das \u201eHauptprogramm\u201c sei. Chris st\u00f6hnte innerlich und vielleicht f\u00fcrchtete er sich heimlich auch ein bisschen. \u201eWahrscheinlich eine feministisch-pantomimische Darstellung \u00fcber Christi Geburt, mit getanzten kirgisischen Untertiteln\u201c, dachte er bei sich.<\/p>\n<p>Doch es kam anders. \u201eHeute Abend werden wir ein modernes Krippenspiel auff\u00fchren!\u201c, verk\u00fcndete Luna stolz. \u201eJeder von euch hat eine Rolle.\u201c<\/p>\n<p>Chris \u00fcberlegte, einfach aufzustehen und zu gehen, doch bevor er reagieren konnte, dr\u00fcckte Luna ihm ein St\u00fcck Papier in die Hand. Darauf stand: \u201eRolle: der zynische Hirte.\u201c<\/p>\n<p>Die Auff\u00fchrung, ein unheiliger Mix aus Improvisationstheater und v\u00f6lliger Planlosigkeit, war eine Katastrophe \u2013 aber genau deshalb so witzig. Thorsten samt Freundin spielten Josef und Maria, die in zuckenden Bewegungen den Geburtsvorgang darstellten, jedoch wusste niemand so genau, wieso Thorsten auch zuckte. Carla laberte als einer der Weisen etwas von Gold und Quecksilberbelastung, und Luna gl\u00e4nzte als Weihnachtsstern, indem sie die Szenerie mit ihrer Taschenlampe erhellte.<\/p>\n<p>Als Chris an der Reihe war, stolperte er mit einem theatralischen Schrei \u00fcber seinen eigenen Stock: <strong>\u201eDie Schafe laufen weg! Das war\u2019s mit dem Heiligen Abend!\u201c<\/strong> Doch da war auch noch Bj\u00f6rn das Schaf, der trocken entgegnete: <strong>\u201eDas Problem bist du, Hirte. Nicht wir.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die Runde brach in schallendes Gel\u00e4chter aus. Bj\u00f6rn stand gem\u00e4chlich auf, klopfte sich den Staub von den Knien und f\u00fcgte hinzu: <strong>\u201eManchmal muss eben auch ein Schaf seine Wahrheit sagen.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Der Abend war ein Highlight in Chris\u2019 Leben. Er f\u00fchlte sich wohl unter den schr\u00e4gen V\u00f6geln, und pl\u00f6tzlich wurde auch ihm bewusst, dass gut auch jenseits der Norm liegen kann.<\/p>\n<p>In Absprache mit den anderen schrieb Chris in seiner Kolumne \u00fcber den Abend. Doch diesmal war sie anders. Statt einer weiteren Abrechnung mit Weihnachten entschied er sich, das Chaos und die Absurdit\u00e4t zu feiern. Er beschrieb das Krippenspiel mit einer Mischung aus Humor und Zuneigung:<\/p>\n<p><strong>\u201eManchmal braucht es keinen perfekten Baum, keine gl\u00e4nzenden Kugeln und keine wohlt\u00f6nenden Ch\u00f6re. Manchmal reichen ein improvisiertes Krippenspiel mit schr\u00e4gen Typen, ein K\u00e4seigel und ein bisschen zu viel Wein, um Weihnachten zu retten.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die Kolumne schlug ein wie eine Bombe. Leser schickten ihm ihre eigenen Geschichten von chaotischen Weihnachtsfesten, Chris\u2019 E-Mail-Postfach war so voll wie nie zuvor.<\/p>\n<p>Chris entschied sich, diese Geschichten aufzugreifen und in seiner Kolumne zu ver\u00f6ffentlichen. In seiner kritischen Betrachtung von Weihnachten waren nun auch positive T\u00f6ne wahrnehmbar, n\u00e4mlich jene, die die Andersartigkeit feierten.<\/p>\n<p>Vielleicht vers\u00f6hnte sich hier auch der kleine, gemobbte Chris mit der Welt, die ihn damals nicht akzeptieren konnte? Zumindest die Psychotherapeuten der n\u00e4heren Umgebung h\u00e4tten mit diesem Fall ihre helle Freude gehabt.<\/p>\n<p>Ein paar Tage sp\u00e4ter klingelte es an Chris\u2019 T\u00fcr. Vor ihm stand Luna, ein breites Grinsen im Gesicht und eine T\u00fcte in der Hand. \u201eIch dachte, du k\u00f6nntest ein bisschen Weihnachtsdeko gebrauchen\u201c, sagte sie und dr\u00fcckte ihm die T\u00fcte in die Hand.<\/p>\n<p>Drinnen fand er einen winzigen Weihnachtsbaum \u2013 offensichtlich von Bj\u00f6rn aus Holzresten geschnitzt \u2013 und eine Packung Lametta. Zusammen mit Luna stellte er den Baum auf seinen Couchtisch \u2013 zwar ein bisschen widerstrebend, aber doch mit einem L\u00e4cheln. Zum ersten Mal seit Jahren wich die N\u00fcchternheit seines Zuhauses etwas Gl\u00e4nzendem \u2013 wenn auch nur ein bisschen.<\/p>\n<p>Luna und Chris trafen sich fortan regelm\u00e4\u00dfiger und, wie k\u00f6nnte es in einer Weihnachtsgeschichte auch anders sein, verliebten sich ineinander. Chris feierte fortan kein einziges Weihnachtsfest mehr allein, denn er hatte eine neue Familie aus schr\u00e4gen, liebenswerten V\u00f6geln gefunden.<\/p>\n<p><strong>Ein neues Talent<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem triumphalen Erfolg seiner Kolumne und dem Happy-End-Abend bei Luna war Chris Kindel nicht mehr der Gleiche. Er hatte pl\u00f6tzlich eine v\u00f6llig neue Perspektive auf die Dinge \u2013 und vor allem: eine neue Muse.<\/p>\n<p>Gehypt durch das positive Feedback seiner Leserschaft, entschied sich Chris, nun auch ein Buch zu schreiben. Ein lustiges Buch, das ein wenig seine eigene Geschichte erz\u00e4hlte, in der es um ein Happy End ging. Nat\u00fcrlich genau dann, als der verbitterte Protagonist schlussendlich seine Heimat und neue Perspektiven fand.<\/p>\n<p>Das Buch, Arbeitstitel \u201eVon Zimtsternen und Zynikern\u201c, wurde ein \u00dcberraschungserfolg. Leser lachten, weinten und schickten ihm ihre eigenen verr\u00fcckten Erlebnisse. Chris entdeckte etwas, das er nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten hatte: Es machte ihm Freude, Menschen zum Lachen zu bringen.<\/p>\n<p>Chris Kindel wurde ein Botschafter des unperfekten Weihnachtsfests. Seine Kolumnen wurden zur j\u00e4hrlichen Tradition, in denen er die absurden, chaotischen und manchmal r\u00fchrenden Geschichten seiner Leser teilte. Und obwohl er immer noch den Biss eines Kritikers hatte, war es nun ein Biss, der zum Lachen anregte \u2013 und nicht mehr zum Zittern.<\/p>\n<p><strong>Eine s\u00fc\u00dfe Vers\u00f6hnung<\/strong><\/p>\n<p>Auch mit den Zuckerb\u00e4ckern fand Chris einen neuen Umgangston. Eines Tages \u00fcberredete Luna ihn zu einem Backkurs bei einem seiner fr\u00fcheren \u201eOpfer\u201c \u2013 einem B\u00e4cker, dessen Windringe er einst mit einem besonders unschmeichelhaften Vergleich, die Analregion betreffend, bedacht hatte.<\/p>\n<p>Als der arme Zuckerb\u00e4cker ihn in der Gruppe Lernfreudiger entdeckte, wurde er kurz etwas blass um die Nase, aber schlussendlich war der Kurs ein Erfolg, denn Chris wollte gemeinsam mit Luna lernen, wie man gute Kekse machte. Beide liebten den S\u00fc\u00dfkram, aber vor allem liebten sie es, gemeinsam zu backen.<\/p>\n<p>Weihnachten w\u00fcrde bei Kindels k\u00fcnftig also auch backfreudig ablaufen, in illustrer Runde jedoch auf jeden Fall zum Abkeksen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Verena Tretter<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=7360\">fest feiern<\/a> | Inventarnummer: 25054<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prolog Weihnachten ist eine Zeit des Miteinanders, eine Zeit des Innehaltens und der reflexiven Auseinandersetzung mit dem vergangenen Jahr. 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