{"id":19426,"date":"2025-01-20T15:24:15","date_gmt":"2025-01-20T15:24:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19426"},"modified":"2025-01-26T16:03:50","modified_gmt":"2025-01-26T16:03:50","slug":"rueckspiegel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19426","title":{"rendered":"R\u00fcckspiegel"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19426&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19426&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es d\u00e4mmert, und der Regen wird st\u00e4rker. M\u00fcde und gereizt halte ich unter dem sch\u00fctzenden Vordach des Firmengeb\u00e4udes nach dem bestellten Taxi Ausschau. Der Arbeitstag mit den Berliner Kolleg:innen ist anstrengend verlaufen. Ich hadere innerlich mit mir selbst. Warum nur habe ich nicht f\u00fcr diese Nacht ein Hotelzimmer gebucht? Dann k\u00f6nnte ich mich jetzt erholen, k\u00f6nnte morgen ausschlafen, um dann ausgeruht nach Wien retour zu fliegen. Ich denke an Marie, an ihre leise Stimme vorhin am Telefon, denke an die Entfremdung zwischen uns \u2013 schon l\u00e4nger diese Entfremdung, die sicherlich zum Gro\u00dfteil aufgrund meiner vielen Gesch\u00e4ftsreisen, meiner tage- und n\u00e4chtelangen Abwesenheiten entstanden ist.<br \/>\nAch, als ob diese jetzige l\u00e4cherlich vierzehn Stunden fr\u00fchere Heimreise alles wieder gutmachen k\u00f6nnte!<\/p>\n<p>Als das Taxi endlich vor mir h\u00e4lt, eile ich im Laufschritt durch den str\u00f6menden Regen zur Hintert\u00fcr, \u00f6ffne sie und setze mich aufatmend, den Aktenkoffer neben mich schiebend, auf den R\u00fccksitz. Kaum habe ich die T\u00fcr geschlossen, gesellt sich zu meiner schlechten Laune zus\u00e4tzlich ein ungutes Gef\u00fchl. Ein Gemisch aus Traurigkeit, Wut und Unsicherheit steigt in mir hoch. Noch bevor ich seine Stimme h\u00f6re, und erkenne, dass diese diffusen Emotionen ihren Ausgangspunkt in ihm, dem Taxifahrer, haben \u2013 noch bevor sich unsere Blicke im R\u00fcckspiegel treffen, wei\u00df ich, wer er ist.<br \/>\nFaris. Eindeutig Faris. Ich erkenne ihn an seiner Augenpartie, den dichten Augenbrauen, an seinem Blick, der mich im Spiegel mit demselben sp\u00f6ttischen Ausdruck trifft wie damals.<br \/>\n\u201eZum Flughafen also\u201c, sagt er gelangweilt, und ich r\u00e4uspere mich zustimmend.<br \/>\nEr f\u00e4hrt langsam los. Seine hellen Augen lassen nun von mir ab, doch seine obere Gesichtsh\u00e4lfte ist nach wie vor in meinem Blickfeld. Ich, eingeklemmt zwischen meinem Aktenkoffer und meinen Emotionen, bewege mich nicht. Zum Gl\u00fcck scheint Faris mich nicht erkannt zu haben.<br \/>\n\u201aDurchhalten\u201c, spreche ich mir innerlich gut zu, \u201edu musst nur knappe zehn Minuten bis zum Flughafen durchhalten \u2026\u201c<\/p>\n<p>Faris richtet den R\u00fcckspiegel, und wieder durchbohrt mich sein Blick. Ich sehe, wie er eine Augenbraue hochzieht, halte die Luft an, doch er sagt kein Wort. Wir fahren durch eine Unterf\u00fchrung. Im Schutz der Dunkelheit rutsche ich unauff\u00e4llig zur Seite, hinter seinen Vordersitz ans Fenster, schlie\u00dfe ersch\u00f6pft die Augen. Ungewollt taucht die Szenerie, die sich vor knapp zwanzig Jahren abgespielt hat, in mir auf.<br \/>\nParadoxerweise trafen sich auch damals unsere Blicke in einem Spiegel. Ich sa\u00df, eine Flasche Bier in der Hand, gegen\u00fcber einer verspiegelten Zimmerwand, auf dem Parkettboden in Lukes Zimmer. Luke war Ballettt\u00e4nzer, darum die Spiegelwand.<br \/>\nKeine Ahnung mehr, warum ich so sa\u00df, mir selbst gegen\u00fcber \u2013 offenbar wollte ich meinem Elend ins Gesicht blicken. Es war n\u00e4mlich Maries Abschiedsfeier. Noch immer konnte ich es nicht fassen. Marie zog tats\u00e4chlich aus. Zu ihm! Zu diesem Faris nach Berlin. Von einem Tag zum andern! V\u00f6llig \u00fcberhastet hatte sie dies entschieden.<\/p>\n<p>\u00dcber ein Jahr lang hatten Luke, Marie und ich uns die Wohnung geteilt. Ebenso lang war ich in Marie verliebt. Seit der Sekunde, als sie aufgrund Lukes und meiner Zeitungsannonce: \u201eMitbewohner\/in f\u00fcr 3er-WG gesucht\u201c, hereingeschneit und noch am selben Tag bei uns eingezogen ist, war ich von ihrem Wesen wie magisch angezogen: diese Mischung aus resolut und warmherzig, sensibel und stark, geheimnisvoll und redselig. Ihr Lachen. Und wie sch\u00f6n sie war! Ich war sehr unsicher damals, wagte nicht, ihr zu sagen, wie sehr sie mir gefiel. Doch der richtige Zeitpunkt w\u00fcrde kommen, davon war ich \u00fcberzeugt. Und immerhin: Innerhalb k\u00fcrzester Zeit war ich Maries Vertrauter, ihr bester Freund geworden, wie sie mir immer wieder beteuerte.<br \/>\nDamit war Schluss, als sie Faris kennenlernte. Sie sprach nur mehr von ihm.<br \/>\n\u201eNoch nie ist mir ein Mensch wie er begegnet\u201c, schw\u00e4rmte sie. \u201eEr ist einfach unglaublich, Daniel! Faris ist ein echter K\u00fcnstler, ein Original, ein Freigeist.\u201c<br \/>\nMarie war nicht mehr greifbar f\u00fcr mich. Schlagartig hatte ich verloren, was ich nie besessen hatte.<\/p>\n<p>Es war schon nach Mitternacht auf der Abschiedsfeier, als dieser Faris sich pl\u00f6tzlich neben mich vor die Spiegelwand setzte. Bisher hatte ich nur wenige Worte mit ihm gewechselt. Schweigend sahen wir uns im Spiegel in die Augen. Unvermutet lachte er laut auf, pfiff durch die Z\u00e4hne, sagte: \u201eSo ist das also. Alles klar\u201c, und dann eindringlich, ohne mich aus den Augen zu lassen. \u201eH\u00f6r gut zu. Du bist selbst schuld, wenn du es ihr nie gesagt hast, Feigling. Jetzt ist es zu sp\u00e4t. Sie ist mir verfallen, deine Marie. Aber ich \u2026\u201c<br \/>\nIch stand auf, unf\u00e4hig, ihm etwas zu entgegnen, wankte aus dem Zimmer, bebend vor Wut.<br \/>\n\u201eHe, bleib doch, Mann, ich bin noch nicht fertig \u2013 \u2026\u201c Sein Lachen dr\u00f6hnte mir nach.<br \/>\nEin, zwei Stunden sp\u00e4ter, vis-\u00e0-vis \u00a0von mir auf der Couch, Marie in seinen Arm geschmiegt, sagte er, laut genug, dass ich es h\u00f6ren konnte:<br \/>\n\u201eS\u00fc\u00dfe, ich habe deine Freunde durchgecheckt. Einer hat nicht bestanden.\u201c<br \/>\nWie sie sofort mich ansah. Wie ich dachte, das war es jetzt. Endg\u00fcltig. Keine Marie mehr.<\/p>\n<p>\u201eUnd, wohin geht\u2019s?\u201c Faris\u2019 Stimme rei\u00dft mich aus meinen Gedanken. Ich blicke aus dem Fenster, erkenne an einem Schild, dass wir zum Gl\u00fcck in wenigen Minuten beim Flughafen sind.<br \/>\n\u201eNach Wien\u201c, antworte ich widerwillig.<br \/>\nWieder richtet er den R\u00fcckspiegel auf mich. Seine Augen fixieren mich.<br \/>\n\u201eWien!\u201c Er lacht sein h\u00f6hnisches Lachen. \u201eAus Wien habe ich vor etwa zwei Jahrzehnten ein bildh\u00fcbsches Anh\u00e4ngsel mitgenommen. Aber nur f\u00fcr ein paar Monate. Wei\u00dfte, ich war damals nicht der Typ f\u00fcr feste Beziehungen. Ich brauchte Abenteuer. Sie wollte nicht weg von mir, klammerte, weinte. Aber ich habe sie mit einem One-Way-Wien-Flugticket in ein Taxi gesteckt. Tja, und nun fahr ich selbst Taxi. Als Ausgleich zum Malen.\u201c<br \/>\nEr bremst. Rasch reiche ich ihm einen Geldschein nach vor, \u00f6ffne die T\u00fcr \u2013 nur raus hier &#8230;<br \/>\n\u201eGr\u00fc\u00df sie von mir, Feigling! Gib ihr einen Kuss von mir, okay?\u201c, h\u00f6re ich ihn noch lachend rufen, bevor ich die T\u00fcr zuknalle.<\/p>\n<p>Tags darauf, am sp\u00e4ten Nachmittag, als Marie und ich bei einem Glas Rotwein zusammensitzen, spreche ich es an: \u201eSag mir, Marie, wie war das damals mit Faris? Warum bist du wieder zur\u00fcck nach Wien? Und warum zu mir?\u201c<br \/>\nSie sieht mich erstaunt an: \u201eAber Daniel, diese Zeit liegt doch ewig zur\u00fcck. Seltsam, dass du jetzt danach fragst. \u2013 Also gut, auch wenn du es ohnehin wei\u00dft: Ich bin damals zur\u00fcckgekommen, weil ich dich furchtbar vermisst habe. Und zwar anders, als man einen guten Freund vermisst. Zwischen Faris und mir hat es nicht mehr gepasst. Er wollte, dass ich bei ihm blieb, klammerte, weinte. Eines Nachts jedoch, als er schlief, habe ich ein Taxi gerufen \u2013 bin zum Flughafen \u2013 bin zu dir &#8230;\u201c<br \/>\nWir greifen beide gleichzeitig zu unseren Weingl\u00e4sern, trinken.<\/p>\n<p>\u201eEr l\u00e4sst dich gr\u00fc\u00dfen\u201c, sage ich dann. \u201eUnd ich soll dir einen Kuss von ihm geben.\u201c<br \/>\nMarie wird blass, sie bei\u00dft sich auf die Unterlippe.<br \/>\n\u201eEr hat dich also angerufen\u201c, sagt sie. Ihre Stimme klingt belegt. \u201eWas hat er dir erz\u00e4hlt?\u201c<br \/>\nIch nehme zwei, drei gro\u00dfe Schluck Wein, schenke mir nach, frage mich irritiert, warum sie sogleich annimmt, dass er mich angerufen, mir etwas erz\u00e4hlt h\u00e4tte.<br \/>\n\u201eDaniel, ich habe endg\u00fcltig Schluss mit ihm gemacht\u201c, sagt Marie leise.<br \/>\nIch trinke mein Weinglas auf ex. \u201eWann?\u201c, frage ich.<br \/>\n\u201eVor zwei Wochen, als \u2013 als du \u00fcbers Wochenende in M\u00fcnchen warst.\u201c Sie sieht angestrengt auf ihre H\u00e4nde.<br \/>\n\u201eEr war hier?! In unserem Haus?\u201c<br \/>\nMarie schweigt.<br \/>\n\u201eIch habe ihm gesagt, dass ich dieses Doppelleben nicht mehr ertrage\u201c, sagt sie dann.<br \/>\n\u201eUnd du warst auch \u00f6fter bei ihm in Berlin?\u201c<br \/>\nSie senkt ihren Kopf, nickt kaum merklich.<br \/>\n\u201eEr hat dich bestimmt angerufen, um dich wissen zu lassen\u201c, sie schl\u00e4gt ihre H\u00e4nde vors Gesicht, \u201edass \u2013 dass er will, dass ich wieder zu ihm ziehe.\u201c<br \/>\nIch atme tief durch.<br \/>\n\u201eUnd du? Marie! Was willst du?!\u201c<br \/>\nSie dreht sich von mir weg, das Gesicht unter ihren H\u00e4nden versteckt.<br \/>\n\u201eAntworte mir, Marie, rede mit mir. Bitte! Sieh mich bitte an!\u201c<br \/>\nMarie sch\u00fcttelt den Kopf. Weint. Sagt nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 25047<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es d\u00e4mmert, und der Regen wird st\u00e4rker. M\u00fcde und gereizt halte ich unter dem sch\u00fctzenden Vordach des Firmengeb\u00e4udes nach dem bestellten Taxi Ausschau. Der Arbeitstag mit den Berliner Kolleg:innen ist anstrengend verlaufen. Ich hadere innerlich mit mir selbst. Warum nur habe ich nicht f\u00fcr diese Nacht ein Hotelzimmer gebucht? 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