{"id":1942,"date":"2014-12-28T15:36:32","date_gmt":"2014-12-28T15:36:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1942"},"modified":"2015-01-03T17:50:21","modified_gmt":"2015-01-03T17:50:21","slug":"christoph-stantejsky","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1942","title":{"rendered":"&#8230; und auch die vielen daheim vor den Fernsehger\u00e4ten"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1942&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1942&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Frank Oldrting hat viele dumme Fehler gemacht und war dabei, sein Team zum Gesp\u00f6tt der internationalen Presse zu machen \u2013 um dann im letzten End diesen unglaublichen Wurf rauszulassen, der gecurvt ist, als g\u00e4be es keine Physik an diesem Tag hier in der olympischen Curlinghalle auf Bahn eins: Aus einer unm\u00f6glichen Situation heraus schie\u00dft er vier gegnerische Steine aus dem Haus und legt neben dem eigenen auch noch vier weitere Steine seiner Mannschaft ins Zentrum. Dabei hat es im Team bald Diskussionen dar\u00fcber gegeben, ob es nicht sportlich fairer w\u00e4re, gleich aufzugeben, abzuhauen, die Partie zu beenden. Die Silbermedaille kommt v\u00f6llig unerwartet und bedeutet ohnehin schon den gr\u00f6\u00dften Erfolg im Curling seit Bestehen der Republik.<br \/>\n\u2013 Gr\u00f6\u00dfter Erfolg im Curling seit Bestehen der Republik hin oder her \u2013 meinte da der Roukie der Crew in der Mannschaftsbesprechung nach dem achten End: wenn nicht jetzt und hier: wann dann?<br \/>\nFrank sieht das mehr wie der Rest der Mannschaft, die sich schon l\u00e4ngst mit der Niederlage, diesem grandiosen Sieg, angefreundet hat.<\/p>\n<p>Das Spiel war f\u00fcr Frank schon definitiv verloren, bevor es begonnen hat, kurz nachdem sie die Halle betreten, die Steine hingelegt und sich in einer Reihe aufgestellt hatten. Der Platzsprecher pr\u00e4sentiert \u2013 wie ausgemacht und auf dem langen Weg ins Finale schon hinl\u00e4nglich geprobt \u2013 dem Publikum die einzelnen Spieler der beiden Mannschaften: Die vorgestellten Spieler machen einen Schritt nach vorn, senken in Erwartung von Beifallskundgebungen kurz ihre H\u00e4upter, machen den Schritt wieder zur\u00fcck und warten im \u00dcbrigen darauf, dass es endlich wirklich losgeht \u2013 sie brennen darauf zu zeigen, was sie so lange ge\u00fcbt haben und jetzt ganz besonders gut k\u00f6nnen.<br \/>\nFrank Oldrting ist jetzt bei der Pr\u00e4sentation dran, um mit seinem so jungen und stolzen Gesicht, seinen Zuversicht verspr\u00fchenden Augen und seinem immer etwas leicht schr\u00e4gen, offenen einladenden L\u00e4cheln die verdienten Ovationen zu ernten \u2013 schlie\u00dflich war es ja auch er, der die Mannschaft bis hierher gebracht hat: zuerst \u00fcberhaupt erst einmal nach Olympia, dann bis in den olympischen Nabel und jetzt mitten hinein, ins gro\u00dfe Finale.<\/p>\n<p>Frank senkt sein Haupt, nimmt Beifall und Zurufe huldvoll entgegen, was von einem seltsamen hochfrequenten Gekreisch \u00fcberlagert wird. Franks Kopf ist noch gesenkt und er nutzt diese Stellung auch, um sich zu fassen \u2013 denn er ringt um Fassung: Die ganz gro\u00dfe Bedrohung, diese niemals ausgesprochene Bef\u00fcrchtung, die gr\u00f6\u00dfte anzunehmende Katastrophe ist wahr geworden. Frank kennt diese schr\u00e4gen Stimmen: Seine Tante Rosemarie hat doch mit ihren beiden Freundinnen Susan und Aurelie die weite Reise hierher angetreten \u2013 sie sitzen in der ersten Reihe, gleich an der Bande, gerade einmal 15 Yards vom Haus weg.<\/p>\n<p>Jedes Mal beim Ausholen wird er genau in die Richtung dieser alten Tanten blicken m\u00fcssen, mit Aunt Rose in ihrer Mitte. Es ist wie in der Liebe und beim Sterben: Der Zeitpunkt dehnt sich, wird zum Zeitraum, in Franks Kopf l\u00e4uft ein abendf\u00fcllender historischer Film ab \u2013 mit Aunt Rosemarie in der Hauptrolle: Rose, die dem kleinen Frankie Spinat in sein junges Gesicht stopft; Rose, die den Pubertierenden mit einem gelben Schn\u00fcrlsamt-Jeansanzug in die Highschool schickt; Rose, die dem jungen Mann spa\u00dfhalber in den Schritt greift.<\/p>\n<p>Frank hebt wieder den Kopf und wir werden sp\u00e4ter in den Aufzeichnungen sehen, dass seine Verneigung genauso lange gedauert hat wie die seiner Kollegen und Kontrahenten. Wir werden darin allerdings auch sehen \u2013 beziehungsweise sehen es auch jetzt unmittelbar an den Gro\u00dfbildleinw\u00e4nden in der olympischen Curlinghalle und nat\u00fcrlich auch in den Fernsehger\u00e4ten daheim, dass es ein anderes Gesicht ist, das da versucht, sein Haupt wieder aufrecht zu tragen. Der stolze, zuversichtliche Gesichtsausdruck, den Frank noch vor wenigen Sekunden in die Welt gestrahlt hat, ist einer fast maskenartigen Mimik gewichen, die jetzt ungl\u00e4ubig hohl, ja debil und ausdruckslos in die Objektive der Medienleute glotzt.<br \/>\nDas offizielle Vorgepl\u00e4nkel nimmt nicht zuletzt durch weitere unkonventionelle Zuschauerreaktionen aus der ersten Reihe ein rasches Ende, das eigentliche Olympische Finale kann beginnen. Wie in Trance nimmt Frank den ersten Stein und begibt sich in Position. Eine einfache Guard ist angesagt, eine erste Guard \u2013 zigtausend Mal ge\u00fcbt, sie ist einfach, die erste Guard.<\/p>\n<p>Das Fokussieren spielt in allen olympischen Disziplinen eine Rolle, beim Curling eine ganz besondere. F\u00fcr Frank war stets ein Blick auf die obere Kante der Bande hinter der Zielposition Teil der Routine vor dem Sto\u00df. Frank wird das heute ausnahmsweise anders machen, er hat beschlossen, nur das Ziel und nicht mehr die Umgebung zu fokussieren \u2013 die Angst ist zu gro\u00df, dass sein Blick abschweifen und das Gesicht seiner Tante streifen k\u00f6nnte.<br \/>\nRoutinen hei\u00dfen aber so, weil sie \u00fcber lange Zeit antrainiert werden. Wir halten uns an sie, wenn wir nicht abgelenkt werden wollen. Sie dienen der Konzentration aufs Wesentliche und alle, die sich beispielsweise eine Routine f\u00fcr den Golfschwung zurechtgelegt haben, k\u00f6nnen ermessen, wie schwierig es ist, diese kurzfristig zu \u00e4ndern. Wie schwierig es auch ist, den Schlag perfekt durchzuf\u00fchren, wenn die Routine gest\u00f6rt wird, beispielsweise laut in die Ausholbewegung hineingefurzt wird. Aber diese erste Aufgabe \u2013 eine Guard hinzulegen \u2013 ist einfach und tausendfach erprobt. Nach der blauen Linie soll der Stein liegen bleiben, m\u00f6glichst etwas aus der Mitte. Gut, das Eis ist noch nicht bespielt, da braucht\u2018s dann halt die Besen und die geh\u00f6ren schlie\u00dflich zum Curling, sollen dem Publikum auch nicht vorenthalten werden, dem Publikum hier in der olympischen Curlinghalle und auch nicht den vielen Zusehern daheim vor den Fernsehern. Die erste Guard ist also angesagt und sie ist ganz einfach, die erste Guard. Und Frank wird sie legen, hat sie auch schon tausend Mal gelegt.<\/p>\n<p>Den Sportreportern, den Mitspielern, den Zuschauern in der Halle und auch manchen Zusehern daheim vor den TV-Ger\u00e4ten f\u00e4llt auf, dass sich Frank heute mit seiner Routine au\u00dfergew\u00f6hnlich viel Zeit l\u00e4sst. Lange bewegt er den Stein am Eis hin und her, er s\u00e4ubert ihn wiederholt und die Sekunden an der Anzeigentafel, die die Restzeit des Spiels anzeigen \u2013 tr\u00f6pfeln herunter wie Infusionen auf der Intensivstation im Vorabendprogramm.<\/p>\n<p>Jetzt gibt es aber den Impuls zur Ausholbewegung, dabei streift Franks Blick dann doch kurz die Bandenkante: Rosemarie sieht aus wie Uncle Sam im rosa karierten Hauskleid, er vermeint sie auch kreischen zu h\u00f6ren. Im Unterschied zu Samuel Wilson hat sie ihre obere Gebissh\u00e4lfte nicht mit, in der Aufregung war sie irgendwo im Quartier liegen geblieben. Freundin Susan, Mittsiebzigerin, hat sich auch f\u00fcr ein pinkfarbenes Kleid entschieden \u2013 doch ihr Rosa schl\u00e4gt sich mit Roses Rosa; Susans gr\u00fcnlich gef\u00e4rbtes \u2013 ansonsten d\u00fcnn-wei\u00dfbr\u00e4unliches \u2013 Haar ist onduliert und setzt einen grotesken Kontrapunkt zu ihren gallig verh\u00e4rmten Gesichtsz\u00fcgen; Aurelie, die dritte im Bunde, Individualistin und in knatschiges Gelborange geh\u00fcllt, heftet ihren Blick st\u00e4ndig auf den Gro\u00dfbildschirm, um auch in Momenten, in denen sich der Rest des Publikums und auch die Zuseher daheim vor den TV-Ger\u00e4ten stumm auf die sportliche Aktionen konzentrieren, wild aufzukreischen, wenn sie vermeint, sich am Gro\u00dfbildschirm zu erkennen.<br \/>\nFranks Ansto\u00df geht daneben, besser gesagt: viel zu weit. Er knallt gegen die Bande direkt vor Rosemaries F\u00fc\u00dfe. Ein Raunen erf\u00fcllt die Halle, Franks Kollegen geben aber ihr Bestes und k\u00f6nnen dieses erste End punktelos halten. Zweites End. Nicht hinsehen, nein, Frank wird nicht mehr hinsehen. Er steht am H\u00f6hepunkt seiner sportlichen Karriere, ja: seines Lebens. Also nicht hinsehen, keinesfalls hinsehen.<br \/>\nSusan ist dabei, sich ihre d\u00fcnnen Lippen weiter zu t\u00fcnchen, als Franks Blick aus Versehen doch wieder abgleitet. Sein Stein wird ausgeschlossen, weil er sich, immens curlend, nur etwa drei\u00dfig, vierzig Zentimeter weit bewegt, obwohl die schnellen Besen des Teams b\u00fcrsten, als gelte es das Eis zu schmelzen. Wieder ist es der au\u00dferordentlich guten Leistung des restlichen Teams zu verdanken, dass es danach nur 0:1 steht.<\/p>\n<p>Im vierten End gelingt es Frank erstmals, nicht zu dem Trio zu sehen \u2013 das macht ein Kameramann, der offensichtlich auch die Schattenseiten dieses Sports ins Bild bringen will. Die Gro\u00dfbildleinwand zeigt nach Franks verkrampft-konzentriertem Antlitz Aurelie, der deshalb ein Schrei entkommt \u2013 Frank verliert den schweren Stein in der Ausholbewegung und zermalmt damit beide Fu\u00dfgelenke von Mitspieler Mike (\u201eCountry\u201c) Court derart, dass der allen Engeln danken kann, sollte er jemals noch einen geraden Schritt gehen k\u00f6nnen. Rosemarie, Susan und Aurelie beklatschen als einzige in der Halle diesen tragischen wie vermeidbaren Sportunfall.<br \/>\nSie haben schon seit vielen Jahren immer viel Spa\u00df miteinander, haben sich bei einem K\u00f6nigspudel-Wettbewerb kennengelernt und sind seitdem unzertrennlich: Rose, Susan und Aurelie treten stets zu dritt auf, in der Zwischenzeit leben sie auch in einem gemeinsamen Haushalt. Sie lieben die Gesellschaft und besuchen, meist uneingeladen, Hochzeiten, Geburtstage und sonstige Feste \u2013 heute hat es Frank erwischt, auch wenn er gar nicht verwandt ist mit Rose. Sie hat nur in der benachbarten Wohnung gelebt, damals in Kensington.<\/p>\n<p>Franks Teamkollegen spielen das Spiel ihres Lebens, trotzen weiter der Tatsache, ihren gr\u00f6\u00dften Gegner in der eigenen Mannschaft zu wissen. Die H\u00e4lfte des Finales ist gelaufen und es steht nur 3:6, obwohl das Ergebnis nach den bisher gezeigten Leistungen auch gut und gerne eine zweistellige Differenz aufweisen k\u00f6nnte.<br \/>\nAber auch die eigentlichen Gegner haben nicht ihren besten Tag, auch ihre Nerven liegen nach den Ereignissen der letzten 71 Minuten blank, genauso wie die der Sportreporter, der Zuseher in der Halle und nat\u00fcrlich auch der Zuseher daheim vor den Fernsehger\u00e4ten.<\/p>\n<p>Sechstes End, Frank kommt an die Reihe, die Besen der Teamkollegen zittern schon ohne willentliches Zutun. Frank wird nicht hinsehen, Frank wird nicht hinh\u00f6ren. Frank wird sich zwingen, seine Gedanken zu ignorieren, denn sein Kopf hat begonnen, sich mit sich selbst zu unterhalten, wobei diesen Selbstgespr\u00e4chen jeglicher Sinn mehr und mehr abhanden kommt.<br \/>\nEr h\u00f6rt dieses Mal wirklich nicht hin und l\u00e4sst auch den Blick nicht zu Aunt Rose abgleiten. Trotzdem: Dieses Mal knallt er den Stein fast im rechten Winkel gegen die seitliche Bande, was dann auch Anlass f\u00fcr das olympische Komitee ist, den Wettbewerb zu unterbrechen. Fadenscheinige Begr\u00fcndung: Die Bande muss repariert werden \u2013 in Wahrheit suchen die Offiziellen fieberhaft einen Passus im umfangreichen Regelwerk, der eine Disqualifikation wegen grobem Dilettantismus zul\u00e4sst. Der findet sich aber nicht und so m\u00fcssen sie das Finale widerwillig, aber doch, nach knapp 90-min\u00fctiger Unterbrechung weiterlaufen lassen. Vielleicht geht es aber auch nur durch den Druck der Fernsehanstalten weiter: Sie wollen das Spiel bis zum bitteren Ende \u00fcbertragen, dieses Spiel, das in der Zwischenzeit alle Quotenrekorde bricht.<br \/>\n\u2013 Ich bestehe zu 40 Prozent aus Algen und zu 70 Prozent aus Moos \u2013 sagt da was in Franks Kopf und irgendwas antwortet: \u2013 Jaja, der Kukuruz muss schei\u00dfen gehen. \u2013 Es sieht nicht wirklich gut aus, tief da drinnen in Frank.<\/p>\n<p>Das achte End verl\u00e4uft wieder relativ unspektakul\u00e4r, abgesehen vielleicht von Franks Sto\u00df, mit dem er zwei Punkte f\u00fcr sein Team vereitelt, indem er nur eigene Steine aus dem Haus treibt. Es steht jetzt 4:7, ein au\u00dferordentlich schmeichelhaftes Ergebnis in Anbetracht dessen, was bisher so alles passiert ist. Trotzdem: Vier Steine in den verbleibenden zwei Ends aufzuholen, ist auf olympischem Niveau nicht m\u00f6glich. Also Mannschaftsbesprechung nach dem achten End: Gr\u00f6\u00dfter Erfolg im Curling seit Bestehen der Republik hin oder her, meint der Roukie \u2013 wann, wenn nicht jetzt und hier: wann dann?<br \/>\nLass uns und die Gegner schlafen gehen, die Zuschauer auch, die Reporter und auch die vielen Zuseher daheim vor den Bildschirmen, sagt Frank. Ich will lieber als Silbermedaillengewinner in der Heimatgemeinde gefeiert werden, als als Trottel der Nation, ja als Trottel der Welt dazustehen. \u2013 Wenn du jetzt nicht weiterspielst, bist du der Trottel des Universums, meint der Roukie leise. Sie werden weiterspielen.<br \/>\nFrank ist dran. \u00dcberraschenderweise sieht er dieses Mal hin zum Terzett, ja, er sieht einer nach der anderen direkt in die Augen \u2013 nur bei Aurelie gelingt ihm das nicht, ihr Blick h\u00e4ngt am Gro\u00dfbildschirm.<br \/>\nFrank scheint sich also gefasst zu haben, macht zumindest keinen verheerenden Fehler. Das neunte End vergeht punktelos. Gew\u00f6hnlich gibt es in dieser Situation \u2013 noch ein End, drei Punkte Unterschied \u2013 ein sportlich faires Handshake. Heute aber nicht.<\/p>\n<p>Letztes End: Die Bem\u00fchungen waren sportlich, ja ritterlich, der Sieg war schon von vornherein in weite Ferne ger\u00fcckt, im Moment liegt er in einer anderen Galaxie \u2013 und die wiederum nicht in unserem Universum.<br \/>\nFrank ist dran mit dem letzten Stein eines aus vielen Gr\u00fcnden denkw\u00fcrdigen Finales und die Spielsituation aussichtslos: Die Guards des eigenen Teams liegen ungl\u00fccklich angeordnet vor den vier gegnerischen Steinen im Haus. Mit viel Gesp\u00fcr und K\u00f6nnen, Routine und Gl\u00fcck k\u00f6nnte er vielleicht ein, zwei gegnerische Steine aus dem Kreis bringen, dann blieben aber noch immer zwei drin \u2013 das wirklich schmeichelhafte Endresultat w\u00e4re ein 4:9.<br \/>\nLiebe und Tod, der Zeitraum wird plastisch; L\u00e4nge, Breite und H\u00f6he kommen dazu, auch noch zwei, drei andere Dimensionen. Darin ermordet Frank zuerst Rose \u2013 Susan und Aurelie m\u00fcssen zusehen, wie er gen\u00fcsslich Roses Eingeweide fleddert, sich von unten durch den Schlund hinaufarbeitet, um ihren Kehlkopf von innen zu w\u00fcrgen, mit einem gezielten Stich mit dem gestreckten Mittelfinger dringt er \u00fcber die Augenh\u00f6hlen in ihren Kopf ein und r\u00fchrt drinnen kr\u00e4ftig um. So viel zum Tod.<br \/>\nIn Liebe bedankt sich Frank in diesem vieldimensionalen Gewebe zuerst bei seinem Vater, einem zeitlebens grantelnden Alkoholiker, der nichts anderes zu tun wusste als alle Menschen in seinem Einflussbereich zu erniedrigen und zu beleidigen; seinem Trainer, einem Mann aus \u00e4hnlichem Holz geschnitzt mit der zus\u00e4tzlich ausgepr\u00e4gten Tendenz, jugendlichen Sportlern mit seltsamen Spielchen die gesunde sexuelle Entwicklung zu vermiesen; schlie\u00dflich den vielen Zusehern in der Halle und auch zu Hause vor dem Fernseher.<\/p>\n<p>Mit eiskaltem Blick steht er nun da, die Routine vor dem Sto\u00df dauert nicht viel l\u00e4nger als gew\u00f6hnlich: Frank Oldrting hat viele vermeidbare Fehler gemacht und war dabei, das Team zum Gesp\u00f6tt der internationalen Presse zu machen. Doch jetzt \u2013 im letzten End \u2013 l\u00e4sst er diesen unglaublichen Wurf raus: Der Stein kurvt, als g\u00e4be es keine Physik an diesem Tag hier in der olympischen Curlinghalle auf Bahn eins, er tanzt von einer Seite zur anderen, st\u00f6\u00dft hier einen gegnerischen Stein weg, schiebt dort einen eigenen an, ver\u00e4ndert noch da und dort die Lage, \u00fcberlegt kurz, ob es noch was zu tun gibt, und stellt sich dann zufrieden ins Zentrum des Hauses.<br \/>\nInsgesamt vier gegnerische Steine werden so aus dem Haus geschoben, vier eigene hineingelegt. Unfassbar. Wahnsinn. Unglaublich. Frank hat das Unm\u00f6gliche m\u00f6glich gemacht, aus einem 4:7 ein 8:7. Frank Oldrting ist die Sensation dieser olympischen Spiele.<br \/>\nJa, er ist sehr gl\u00fccklich \u2013 sagt er in ein Mikrofon. Ja, es war auch etwas Gl\u00fcck dabei \u2013 in ein anderes. Doch, er war auch verdient, der Sieg \u2013 sagt er dem Eurosport, und er dankt seinem Vater, seinem Trainer, dem Verband, dem Publikum hier in der Halle und den vielen Fans daheim vor ihren Fernsehern.<br \/>\nIn seiner Heimatgemeinde wird die Goldmedaille mit einem gro\u00dfen Empfang gefeiert. Von der Gemeinde bekommt Frank ein Grundst\u00fcck geschenkt, damit er immer dableibt, die \u00f6rtliche Sparkasse stiftet ihm ein zinsenloses Wohnbaudarlehen und einen Werbevertrag. Auch andere Firmen raufen sich um Frank und schm\u00fccken sich mit ihm.<br \/>\nSeitdem macht Frank lustige Sachen: Im letzten Spot sagt er: \u201eAu weh!\u201c. Eine glaubw\u00fcrdigere weibliche Stimme meint darauf, dass alles gar nicht so schlimm sei und spr\u00fcht Frank ein Spray auf die Hand, die er vorher auf die gl\u00fchende Herdplatte gelegt hatte. \u201eDas tut gut! Wie ein Olympiasieg!\u201c In einem anderen Spot sagt er, dass seine Sparkasse \u201edie beste von allen anderen\u201c ist. Wir selber glauben es ihm ja auch, irgendwer wird aber den Kindern erkl\u00e4ren m\u00fcssen, wer Frank Oldrting eigentlich war.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Christoph Stantejsky<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 14081<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank Oldrting hat viele dumme Fehler gemacht und war dabei, sein Team zum Gesp\u00f6tt der internationalen Presse zu machen \u2013 um dann im letzten End diesen unglaublichen Wurf rauszulassen, der gecurvt ist, als g\u00e4be es keine Physik an diesem Tag hier in der olympischen Curlinghalle auf Bahn eins: Aus einer unm\u00f6glichen Situation heraus schie\u00dft er [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[72],"tags":[57],"class_list":["post-1942","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-stantejsky-christoph","tag-aergstens"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1942","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1942"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1942\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1963,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1942\/revisions\/1963"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1942"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1942"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1942"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}