{"id":19406,"date":"2025-01-15T17:06:57","date_gmt":"2025-01-15T17:06:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19406"},"modified":"2025-03-11T16:57:55","modified_gmt":"2025-03-11T16:57:55","slug":"alles-gut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19406","title":{"rendered":"Alles gut!"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19406&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19406&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die erste bewusste Begegnung, wenn ich es mir so recht \u00fcberlege, hatten wir an einem hei\u00dfen Sommerabend im Vorjahr. Ausgangspunkt des Geschehens war eine Einladung zum Grillen bei den Nachbarn, eine spontane Angelegenheit, zu der sich auch andere G\u00e4ste eingefunden hatten, unter anderen ein geschiedenes Paar, das weiterhin Umgang miteinander pflegte, beide in eigenen Welten, jedoch anhaltend verbunden \u2013 wenn auch auf h\u00f6chst seltsame Weise, wie sehr bald klar wurde.<\/p>\n<p>Denn w\u00e4hrend sich der nunmehrige Singlemann volllaufen lie\u00df und immer ausf\u00e4lliger wurde, sah sich seine Exfrau anscheinend gen\u00f6tigt, die Situation zu \u201eentsch\u00e4rfen\u201c: Je ordin\u00e4rer die Wortmeldungen ihres Exmannes ausfielen, desto beflissener wurde sie darin, das herunterzuspielen. Unz\u00e4hlige Male wurden seine allertiefsten Ans\u00e4tze \u00fcbert\u00f6nt von ihrem hineingetr\u00e4llerten \u201eAlles gut!\u201c.<\/p>\n<p>Im Laufe dieses Abends, der im \u00dcbrigen, sofern man des Ignorierens Einzelner m\u00e4chtig war, sehr ansprechend verlief, h\u00f6rte ich gute zwei Dutzend Mal \u201eAlles gut!\u201c, bis ich schlie\u00dflich um Mitternacht das Handtuch warf; ich hatte einen Arbeitstag vor mir.<\/p>\n<p>Im Laufe der folgenden Monate schien mich diese Floskel zu verfolgen. Im Supermarkt fragte eine Frau vor mir an der Kasse, ob es was ausmache, das Gem\u00fcse mit einem Hundert-Euro-Schein zu bezahlen. Die Antwort der Kassiererin \u2026<\/p>\n<p>Bei der Besprechung mit dem Kollegen, als wir feststellten, dass uns noch einige Daten f\u00fcr ein Projekt fehlten \u2026<\/p>\n<p>Beim Gewandprobieren schallte aus der Umkleidekabine nebenan \u2026<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich schien \u00fcberall \u201ealles gut\u201c zu sein. Und zwar von fr\u00fch bis sp\u00e4t, egal, um welche Lebenslage es sich handelte. Mir kam das sehr verd\u00e4chtig vor: Wann ist schon \u201ealles gut\u201c???<\/p>\n<p>Dann beschlich mich ein Verdacht: \u00dcberkompensation.<br \/>\nJe schlechter die Klimaprognosen, je \u00fcbler die politischen Machenschaften, je d\u00fcsterer die Zukunftsvisionen, je hemmungsloser die sozialen Medien, desto \u00f6fter h\u00f6rte ich diese beiden schlichten Worte, nichtssagend, und doch mit einer naiven Erwartungshaltung verkn\u00fcpft. Der Wunsch als Vater des Gedankens: Es m\u00f6ge doch alles gut werden, am besten jetzt schon sein.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n, wenn Menschen positiv denken. Aber \u201eAlles gut!\u201c schien mir zur Beschw\u00f6rungsformel verkommen zu sein. Passend zum Bild der \u201eguten Miene zum b\u00f6sen Spiel\u201c: Ich rede mir einfach \u201ealles gut\u201c, und das rede ich mir so lange ein, bis ich es glaube.<\/p>\n<p>Aber ohne mich, meine Lieben. Und lieb seid ihr auch nicht alle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>PS: Da ich sehr \u00fcberzeugt bin von evidenzbasierter Forschung, werde ich ab heute f\u00fcr jedes \u201eAlles gut!\u201c, das mir zu Ohren kommt, einen Euro in eine Kassa einzahlen \u2013 analog zur Fluchkassa, die es fr\u00fcher in manchen Firmen gab. Das erscheint mir r\u00fcckblickend eine sehr gute Idee gewesen zu sein. Das Fluchen meine ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Nachtrag am 2. M\u00e4rz 2025<\/em><br \/>\n<em>Wie sch\u00f6n, sich in guter Gesellschaft zu befinden! Auch der<\/em><br \/>\n<em>Standard-Redakteur Michael Steingruber hat \u00e4hnliche Gedanken gehegt:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000258658\/was-die-floskel-alles-gut-ueber-die-gesellschaft-aussagt\" target=\"_blank\">Was die Floskel &#8222;Alles gut&#8220; \u00fcber die Gesellschaft aussagt<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> | Inventarnummer: 25046<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die erste bewusste Begegnung, wenn ich es mir so recht \u00fcberlege, hatten wir an einem hei\u00dfen Sommerabend im Vorjahr. 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