{"id":19403,"date":"2025-01-15T17:01:55","date_gmt":"2025-01-15T17:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19403"},"modified":"2025-01-21T15:55:12","modified_gmt":"2025-01-21T15:55:12","slug":"heldenberg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19403","title":{"rendered":"Heldenberg \u2013 Reportage aus der (zuk\u00fcnftigen) Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19403&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19403&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Der freiheitliche Noch-Klubobmann Peter Westenthaler im ORF-ZiB1-Interview vom 9.9.02 nach der Rolle Volksanwalt Ewald Stadlers beim Aufstand der FP-Funktion\u00e4re gefragt, meint, dieser h\u00e4tte Geister gerufen, die er nicht mehr losgeworden sei.<\/em><\/p>\n<p>Am Morgen des 8.10., einen hei\u00dfen Sp\u00e4tsommertag nach den Ereignissen bei dem Knittelfelder FP-Treffen, begibt sich Volksanwalt Ewald Stadler zur nieder\u00f6sterreichischen Gedenkst\u00e4tte Heldenberg in der N\u00e4he von Kleinwetzdorf, um dort auf einer \u201eRadetzky-Feier mit Feldmesse\u201c eine Ansprache zu halten. Die Veranstaltung steht unter seinem, Verteidigungsminister Herbert Scheibners und des nieder\u00f6sterreichischen Landeshauptmanns Erwin Pr\u00f6ll Ehrenschutz.<\/p>\n<p>Die Gedenkfeier auf dem mit 280 Metern nicht gerade hohen Heldenberg findet in geschichtstr\u00e4chtigem Rahmen statt, n\u00e4mlich auf einer Ruhmesst\u00e4tte \u00f6sterreichischen Heldentums, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus den privaten Mitteln des aus \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen aufgestiegenen Armeelieferanten Josef Gottfried Pargfrieder errichtetet wurde.<\/p>\n<p>Im sp\u00e4tklassizistischen Stil gehalten, best\u00fccken die Anlage: eine Art Ehrenhalle, urspr\u00fcnglich zur Unterbringung einer st\u00e4ndigen Milit\u00e4rmannschaft vorgesehen, Siegess\u00e4ulen, 142 Hohlb\u00fcsten \u00f6sterreichischer Armeef\u00fchrer und Kaiser aus damals modernem\u00a0 Zinkguss und, der Ehrenhalle gegen\u00fcber, ein echtes Mausoleum in Form eines Obelisken.<\/p>\n<p>In diesem liegen zur letzten Ruhe:\u00a0 Maximilian Freiherr v. Wimpffen und J.J.W. Graf Radetzky, der Bezwinger Napoleons. Die beiden Feldmarsch\u00e4lle schlugen 1848\/49 die italienischen und ungarischen Aufst\u00e4nde gegen die Herrschaft der Habsburger nieder. Zu F\u00fc\u00dfen der Gr\u00e4ber dieser beiden historischen Pers\u00f6nlichkeiten liegt dasjenige des Armeelieferanten Pargfrieder, der es schaffte, die beiden Herren testamentarisch zu verpflichten, sich auf seiner Anlage und zu seiner Seite begraben zu lassen, indem er ihnen im Gegenzug ihre (Spiel-)Schulden beglich.<br \/>\nIn der Gruft, dem Eingang gegen\u00fcber angebracht, ist der zumindest grammatikalisch bemerkenswerte Spruch zu lesen:\u201eWehe dem, der unsere Ruhe st\u00f6rt. Wir sind nicht todt, weil wir schweigen.\u201c<\/p>\n<p>Kurz vor neun Uhr morgens nehmen vor dieser Kulisse und unter schmissiger Marschmusikbegleitung\u00a0 Garden, vor allem aus Jungen-Nachwuchs bestehend, in mit Stolz getragenen historischen Uniformen aus vergangenen Jahrhunderten, nebst hohen G\u00e4sten und Vertretern aus Polizei und Bundesheer auf den Stufen der Ehrenhalle Aufstellung. Es wird die \u201eMeldung an den H\u00f6chstanwesenden\u201c erstattet.<\/p>\n<p>2384 Personen seien zur Feier eingetroffen \u2013 ob man die Feier beginnen k\u00f6nne? Der so informierte H\u00f6chstanwesende erteilt den Befehl: \u201eFeier beginnen\u201c, auf das folgende Kommando \u201eParade, habt Acht!\u201c\u00a0 nehmen rund 2000 Angeh\u00f6rige von Kameradschafts-, Traditions- und Soldatenverb\u00e4nden aus \u00d6sterreich und Mitteleuropa, unter ihnen auch solche mit Uniformen aus beiden Weltkriegen, stramme Haltung an. Gespr\u00e4che verstummen. Ein leiser Wind weht durch schwere Fahnen und m\u00e4chtige Helmb\u00fcsche. Der ebenfalls geladenen Bev\u00f6lkerung wird durch das ungeduldige Handzeichen eines Offiziers bedeutet, sich von ihren zwischen Ehrenhalle und Mausoleum aufgestellten Bierb\u00e4nken zu erheben. Sie erhebt sich. Dann werden unmittelbar hinter ihr drei markersch\u00fctternde Sch\u00fcsse einer Kanone aus dem Ersten Weltkrieg abgefeuert. Ein nochmaliges Kommando ergeht: \u201eParade, ruht!\u201c\u00a0 \u2013 Etwas unschl\u00fcssig setzen sich die zahlenm\u00e4\u00dfig unterlegenen Zivilisten. Die Uniformtr\u00e4ger bleiben stehen.<\/p>\n<p>In einer halbst\u00fcndigen Begr\u00fc\u00dfungsansprache werden honorige G\u00e4ste aus Wirtschaft, Kirche, Adel, Exekutive und Politik f\u00fcr ihr Kommen bedankt, befindet der B\u00fcrgermeister der Gemeinde Heldenberg, die Radetzky-Feier w\u00e4re keine B\u00fchne f\u00fcr Politik, und werden Gru\u00dfworte aus aller Welt verk\u00fcndet. Ein kerniger Bayer beginnt die seinen mit den einleitenden Worten, er m\u00fcsse aufpassen, sonst h\u00e4tte er hier gleich den Staatsanwalt am Hals, und erntet verst\u00e4ndnisvolle Lacher. Er berichtet vom beklagenswerten Zustand der deutschen Bundeswehr unter einer rot-gr\u00fcnen Regierung, um mit der hoffnungsvollen Ank\u00fcndigung zu schlie\u00dfen, so wie in \u00d6sterreich, werde auch in Deutschland die Anstrengungen vern\u00fcnftiger Kr\u00e4fte wieder f\u00fcr ordentliche Zust\u00e4nde sorgen, und wird mit aufmunterndem Applaus verabschiedet.<\/p>\n<p>Daraufhin besteigt der Volksanwalt Ewald Stadler in seiner Funktion als Festredner die Stufen zum Rednerpult, begr\u00fc\u00dft die anwesenden Journalisten, meint aber, sie entt\u00e4uschen zu m\u00fcssen \u2013 er g\u00e4be heute keine Feuerrede (Gel\u00e4chter, Bravorufe). Was der Magister dann folgen l\u00e4sst, ist auch wirklich blo\u00df eine vergn\u00fcgliche Freiluftstunde in Geschichte. Er erhebt die Heldenberg-Gedenkst\u00e4tte zum \u00f6sterreichischen Walhalla, schildert den Werdegang Radetzkys bis zum ruhmreichen Sohn \u00d6sterreichs, zitiert Grillparzer: \u201eGl\u00fcck auf, mein F\u00fchrer, f\u00fchr den Streich \u2013 in deinem Lager ist \u00d6sterreich!\u201c (Der Dichter meinte den Feldmarschall), setzt etwas unvermittelt Radetzkys historische Bedeutung mit derjenigen einer von sowjetischen Besatzungsm\u00e4chten nach Russland verschleppten Nieder\u00f6sterreicherin gleich, st\u00fctzt diese offensichtlich von ihm erkannte \u00c4hnlichkeit mit einer von ihr entworfenen Schleife f\u00fcr einen Kameradschaftsbund, die eilfertig und zur besseren Sichtbarkeit auf ein Mikrophon gelegt wird,\u00a0 und kommt so eher zuf\u00e4llig auf die Behandlung der \u00f6sterreichischen Nachkriegszeit\u00a0 im Kontext objektiver Geschichtsbetrachtung zu sprechen. Hier fragt er sich best\u00fcrzt, wo die Feministinnen denn seien, wenn es um das Schicksal zigtausender vergewaltigter Frauen ginge, schl\u00e4gt vor, sich, statt auf deren und gewisser \u201eGutmenschen\u201c verf\u00e4lschende Sehweise der Vergangenheit, ganz auf Berichte von Zeitzeugen zu verlegen, von denen in der anwesenden Versammlung ja einige, Gott sei Dank, noch am Leben w\u00e4ren, und fordert gewiss in deren Sinne, dass \u201e&#8230;freie Meinungs\u00e4u\u00dferung nicht zum halsbrecherischen Unternehmen wird!\u201c<br \/>\nSchlie\u00dflich endigt er aber mit der beruhigenden Feststellung: \u201eDiese Radetzky-Feier ist ein lebender Beweis daf\u00fcr, dass hier die Unabh\u00e4ngigkeit zu Land und in der Luft &#8230;\u201c, wiederholt: \u201e&#8230; Zu Land und in der Luft \u2013 gew\u00e4hrt ist.\u201c (Einige \u00fcberzeugen sich mit Blicken.) Er kn\u00fcpft daran rasch noch an, dass zur weiteren Verteidigung dieser Unabh\u00e4ngigkeit der Ankauf von Abfangj\u00e4gern einfach unerl\u00e4sslich sei, und entfernt sich rasch vom Pult.<br \/>\n(Ged\u00e4mpftes Klatschen.)<\/p>\n<p>Nach nochmaligem Abfeuern der Kanone beginnt ein Milit\u00e4rkaplan zwischen auf einem Tisch vorbereiteten Kandelabern und Kirchenger\u00e4t das Kyrieeleison zu murmeln, verl\u00e4sst das Lateinische, um aus dem Lukas-Evangelium von Jesus bei den Pharis\u00e4ern zu berichten, die ihn einluden, um ihn zu bespitzeln. Er ermutigt, sich wie der Christus ebenfalls nicht den Mund verbieten zu lassen, auch wenn Zeitgeist und Spitzeltum das opportun erscheinen lie\u00dfen, spricht mit zunehmender Verve vom im Gange befindlichen Verfall sittlicher Werte, der der Eroberung eines Landes durch fremde M\u00e4chte immer vorausginge, und erw\u00e4hnt als Beispiel f\u00fcr diesen Prozess als pornographisch zu bezeichnende Aufkl\u00e4rungsliteratur an den Schulen, die selbst einen Lenin err\u00f6ten lassen w\u00fcrde.<br \/>\nZwar w\u00e4re es nicht immer leicht, gegen derartige Umtriebe das Wort zu erheben, und br\u00e4chte oft Benachteiligung mit sich, aber: \u201eGott hilft uns, wenn andere ihre Waffen z\u00fccken &#8230;\u201c Nach einer Klage \u00fcber eine gewisse revolution\u00e4re Schichte, die verdiente Veteranen zu Verbrechern verurteile, mahnt er: \u201eJenen, die uns beobachten, nicht Anlass zu \u00c4rgernis zu geben, sondern zeigen: Es ist uns ernst damit (&#8230;).\u201cDer Rest ist unverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Unter weiterem Kanonendonner f\u00e4llt der Feldprediger wieder ins Lateinische.<\/p>\n<p>Ein untersetzter Herr in Anzug breitet sorgf\u00e4ltig ein Taschentuch auf den Kiesboden, nimmt den Hut ab und kniet sich Richtung Mausoleum, um eine Art Sto\u00dfgebet zu verrichten.<\/p>\n<p>Im selben Moment bewegt sich auf dieses eine Delegation von der Ehrenhalle zu, schreitet eilig durch die inzwischen zum Teil verlassenen Bierb\u00e4nke, um im Inneren des Obelisken die Kranzniederlegung zu begehen.<\/p>\n<p>Ein Kind ruft beim Anblick der sich zur abschlie\u00dfenden Parade formierenden Verb\u00e4nde und zweier Reiter in Dragoneruniform begeistert in sein Handy: \u201eJa! Zinnsoldaten sind hier. Wei\u00dft du, wie viele? Es sind Tausende!\u201c<\/p>\n<p>Unweit davon er\u00f6ffnet ein Veteran einem jungen Fotografen, er, der Veteran, w\u00e4re damals bei der SS gewesen, und zwar bei der Totenkopfbrigade, krempelt zum Beweis seinen \u00c4rmel hoch und zeigt seine T\u00e4towierung.<\/p>\n<p>Als die an der Kranzniederlegung Beteiligten im hellen Mittagslicht blinzelnd wieder der Gruft entsteigen, um wieder ihre Pl\u00e4tze auf den Stufen einzunehmen, hat sich ein Gro\u00dfteil der Besucher zur am Eingang der Anlage stattfindenden Weinverkostung begeben.<\/p>\n<p>Ungeachtet des von dort her\u00fcbert\u00f6nenden L\u00e4rms ziehen, unter der Marschmusik sich abwechselnder Milit\u00e4r- und B\u00fcrgerkapellen, die Abteilungen diverser Verb\u00e4nde abschlie\u00dfend an den Stufen der Ehrenhalle vorbei, auf denen nach wie vor die Ehreng\u00e4ste und Garden ausharren. Unter ihnen auf der untersten Stufe und sozusagen in Reichweite befindet sich Ewald Stadler, der den schwer tragenden Fahnentr\u00e4gern freundlich zul\u00e4chelt.<\/p>\n<p><em>Am Nachmittag desselben Tages verk\u00fcndet Vizekanzlerin Riess-Passer den Medien, dass sie und weitere freiheitliche Minister von ihrem Regierungsamt zur\u00fccktreten. Am n\u00e4chsten Tag k\u00fcndigt die schwarz-blaue Regierung Neuwahlen an.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernd Remsing<br \/>\n<a href=\"http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/\" target=\"_blank\">http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 25045<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der freiheitliche Noch-Klubobmann Peter Westenthaler im ORF-ZiB1-Interview vom 9.9.02 nach der Rolle Volksanwalt Ewald Stadlers beim Aufstand der FP-Funktion\u00e4re gefragt, meint, dieser h\u00e4tte Geister gerufen, die er nicht mehr losgeworden sei. 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