{"id":1937,"date":"2014-12-22T17:38:43","date_gmt":"2014-12-22T17:38:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1937"},"modified":"2024-06-26T07:34:06","modified_gmt":"2024-06-26T07:34:06","slug":"vom-stangl-ghaut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1937","title":{"rendered":"Vom Stangl g&#8217;haut"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1937&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1937&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der alte Pauli ist auf Malta in den Armen seiner Geliebten verstorben, im Hotelbett, sagt die Moni, seine Tochter. Dabei hatte er schon auf dem Schiff so eine Ahnung gehabt, wie sein Gspusi sp\u00e4ter erz\u00e4hlte. \u201eWird&#8217;s mich doch jetzt nicht vom Stangl hau&#8217;n! Wer zahlt denn dann die \u00dcberf\u00fchrung?\u201c Solche Worte graben sich tief in die Erinnerung ein und bleiben in der Seele hocken und lassen sich nicht absch\u00fctteln und sp\u00e4ter martern sie einen und man wird sie nicht mehr los und es plagt einen das Gewissen. So ging es der Berti, die den Oberforstrat Pauli nach Malta begleitet hat. Sie hat ihn geliebt und war die Freude seines Alters. So sagt man wenigstens und redet sich sch\u00f6n, was eigentlich gar nicht sch\u00f6n ist. Sei&#8217;s drum. Die beiden fuhren gemeinsam nach Malta, um dort Urlaub zu machen, nat\u00fcrlich heimlich, inkognito, niemand durfte es wissen, denn zuhause wartete die Frau Pauli, und obwohl sie schon seit Jahren getrennt lebten, war sie doch eifers\u00fcchtig auf die Berti, die fette!<br \/>\nPrompt trat in der Nacht genau das ein, was nicht h\u00e4tte eintreten sollen. Den alten Pauli ereilte ein Herzinfarkt. Er krampfte sich im fremden Bett zusammen und ahnte den Tod nahen. Die Berti stand ihm bei, so gut sie konnte. Sie war ihm wirklich nahe, wagte aber keinen Arzt zu rufen, damit die heimliche Reise nicht auffl\u00f6ge. Lange, immer sollte sie sich deswegen Vorw\u00fcrfe machen, bis die Vergesslichkeit des Alters sie davon eigentlich erl\u00f6ste.<br \/>\nSchlie\u00dflich half kein sanftes Streicheln der starken Stirn, die viele Jahrzehnte gro\u00dfe Gedanken beherbergt hatte, und auch kein gutes Zureden mehr. Auch den Druck der Hand erwiderte er nicht mehr. V\u00f6llig reglos lag er da und es war vorbei mit dem alten Pauli. Es hatte ihn tats\u00e4chlich vom Stangl gehauen! Ausgerechnet auf Malta hat der Herrgott ihn den Lebensatem aushauchen lassen. Im Hotelbett ist er abberufen worden, mitten aus dem Leben, unerwartet, \u00fcberraschend, pl\u00f6tzlich, grausam f\u00fcr die Berti, die \u00fcberhaupt nicht mehr wusste, was zu tun sei. Die neben ihm sa\u00df und ihm nicht helfen konnte, die aber auch die Schmach und Schande der illegitimen Beziehung, die nun \u00f6ffentlich werden w\u00fcrde, erwartete und \u00fcber sich hereinbrechen sah.<\/p>\n<p>Nachdem sie genug geweint hatte \u00fcber den geliebten Toten und \u00fcber ihre eigene missliche Lage, fasste sie sich doch ein Herz und t\u00e4tigte die notwendigen Anrufe. Es wird nun alles rauskommen und alle werden ihr die Schuld geben, aber was hilft&#8217;s. So ist zun\u00e4chst die Strafrede der Frau Pauli \u00fcber sie hereingebrochen, die sie aufs \u00dcbelste beschimpfte und ihr jegliche Ehre absprach. Dem Arzt musste sie bei der Totenschau das entw\u00fcrdigende Gest\u00e4ndnis machen &#8211; nein, sie sei nicht die Ehefrau. \u00a0Auch die Kondolenzworte des Hoteldirektors verlangten nach einer Richtigstellung. Die scheinheilig-\u00fcberraschten Blicke musste sie ertragen und gut vernehmbares Tuscheln hinter ihrem R\u00fccken. Das war die Vorbereitung auf die Beerdigung, das wusste sie. &#8211; Nicht einmal die kurze Freude mit dem Pauli, diesem g\u2018standenen Mannsbild, war ihr verg\u00f6nnt gewesen. Jetzt musste sie so bitter daf\u00fcr bezahlen. Schlie\u00dflich organisierte sie die \u00dcberf\u00fchrung, nahm stumm Abschied, packte \u00fcberst\u00fcrzt und nahm das n\u00e4chste Schiff.<\/p>\n<p>Unterdessen k\u00fcmmerte sich die Frau Pauli um die Beerdigung im oberbayrischen Faistenhaar. Zuerst dachte sie, der Lump, der alte Depp, aber eigentlich war ihr doch das Herz recht schwer. Zu lange waren sie verheiratet gewesen, zu viel hatten sie gemeinsam erlebt. Zu oft hatten sie sich im Streit gezeigt, dass da immer noch eine gewaltige Spannung zwischen ihnen war. Ja, so ist das mit der Liebe!<br \/>\nJetzt ging es aber darum, ihn anst\u00e4ndig unter die Erde zu bringen, den Oberforstrat Pauli, ihren Mann und Vater ihrer T\u00f6chter. Es sollte eine sch\u00f6ne Beerdigung werden und alle sollten kommen und und und \u2026 Nun wollte doch tats\u00e4chlich auch die Berti kommen. Unterw\u00fcrfig, kleinlaut brachte sie telefonisch diese Bitte vor, eine letzte Bitte, aber die Frau Pauli verstand jetzt \u00fcberhaupt keinen Spa\u00df mehr. Da h\u00f6rt sich doch wohl alles auf, dass sich die Leute am Grab auch noch das Maul zerrei\u00dfen, so weit kommt&#8217;s noch. Schluss, aus, ich will nichts mehr davon h\u00f6ren. Schluss, Schluss! Und sie schnaubte noch und rang nach Atem, nachdem sie den H\u00f6rer aufgelegt hatte. Diese Person schreckt ja vor gar nichts zur\u00fcck, der ist wohl gar nichts heilig, nicht der Ehestand und nicht der Tod!<\/p>\n<p>Der alte Pauli war inzwischen aufgebahrt in der Faistenhaarer Dorfkirche. Das stattliche, ja stolze Familiengrab war ausgehoben und erwartete den Neuank\u00f6mmling. Bald w\u00fcrden goldene Lettern den schwarz geschliffenen Granit mit Namen, Titeln und Daten des lieben Verstorbenen zieren. Eine ehrenvolle Grabstelle, die lange die Erinnerung wachhalten w\u00fcrde. Der Oberforstrat erwartete wohlger\u00fcstet mit Janker, Gamsbart am Hut und Haferlschuhen die Besucher. Stattlich war er beieinand\u2018 und es kamen viele, sehr viele, die sich von ihm verabschiedeten. Ein ganzer Bus treuer Freunde aus Simbach reiste zum Begr\u00e4bnis an. Schlie\u00dflich hatte er dort lange die Forstdienststelle geleitet und zwar hervorragend. Er war sehr beliebt gewesen. Jagdhornbl\u00e4ser gaben ihm das letzte Geleit, der Pfarrer hielt eine sch\u00f6ne Predigt, die Familie hatte sich eintr\u00e4chtig versammelt. Auch seine Schwester Mathild war gekommen, immer schon eine patente Person. Zur \u00dcberraschung der Trauerg\u00e4ste schleppte sie einen Sack mit sich, dr\u00e4ngelte sich selbstbewusst durch die Menschenmenge und positionierte sich schlie\u00dflich vor dem ausgehobenen Grab, in das der Sarg ihres Bruders eben hinabgelassen worden war. Raschelnd \u00f6ffnete sie den Sack und holte eine Schaufel voll Erde hervor, die sie in die Grube fallen lie\u00df. Es war Erde vom heimatlichen Hof, wo sie zusammen mit vier weiteren Geschwistern aufgewachsen waren. Dumpf schlug die schwere Erde auf, und die Mathild sagte: Das ist von mir, deiner Schwester Mathild! H\u00f6rst mich? Diese Geste wiederholte sie noch viermal. Stellvertretend f\u00fcr die anderen Geschwister gab sie dem Bruder je eine Schaufel voll Heimaterde mit auf den Weg. Auf die Trauergemeinde nahm die Mathild keine R\u00fccksicht. Sie sah und h\u00f6rte nichts, sondern war mit ihrem Bruder ganz alleine und sagte immer wieder: H\u00f6rst mich? Als sie fertig war, bahnte sie sich wieder ihren Weg durch die Menge und stellte sich schweigend zur Verwandtschaft.\u00a0 Alle waren gekommen, wirklich alle. Frau Pauli erf\u00fcllte es mit Stolz, wenn sie in die Runde blickte und die gro\u00dfe Trauergemeinde sah. Er war halt doch ein besonderer Mann gewesen, der Pauli, ein Mann, auf den man zu Recht stolz sein konnte, erst recht jetzt. Wie unwichtig erschienen ihr nun die Kleinigkeiten, die in den letzten Jahren die Ursachen f\u00fcr Streitereien gewesenen waren. Es wurde ihr wieder bewusst, wie schneidig er gewesen war, fr\u00fcher, \u2026 und was war er f\u00fcr ein toller Musikant gewesen, eine Stimmung hat er in jede Gesellschaft gebracht, alle haben ihm sch\u00f6ne Augen gemacht, aber sie hat er geheiratet.<\/p>\n<p>Zuletzt hatte die Frau Pauli doch noch der Berti erlaubt, auch ans Grab zu kommen und Abschied zu nehmen. Das war jetzt auch schon egal. Sollten sich doch alle das Maul zerrei\u00dfen! Er ist ja doch als ihr Mann gestorben. Sei&#8217;s drum! Die Berti hat sich nicht\u00a0 aufschauen getraut, sie hat sich dazwischengeschoben und ganz klein gemacht. Ja, so geht\u2019s einem als Gspusi, aber geliebt hatte sie ihn doch und sie sch\u00e4mte sich auch nicht daf\u00fcr.<br \/>\nSo hat man den alten Pauli mit allen Ehren unter die Erde gebracht und nachher ging man in die Wirtschaft zum Leichentrunk und man hat sich nicht lumpen lassen. Und nach einem guten Essen und einigen Schn\u00e4psen ist die Gesellschaft lustig geworden und hat alte Geschichten aufleben lassen. Dann kam es fast schon wieder zu Unstimmigkeiten und man ging lieber schnell heim, bevor man noch heftig widersprechen h\u00e4tte m\u00fcssen und bevor es vielleicht doch noch zum Streit gekommen w\u00e4re. Nicht heute.<\/p>\n<p>Das alles hat mir die Moni erz\u00e4hlt, die ich im Lehrerreferendariat kennengelernt habe. Damals hat sie sich lapidar mit den Worten vorgestellt: Ich bin die j\u00fcngste von f\u00fcnf Schwestern. Was mir vor Neid und Bewunderung den Mund offenstehen lie\u00df und den Seminarvorstand zu der Floskel verleitete: So wurde der Wunsch nach einem Sohn der Vater vieler T\u00f6chter. Nun ist ihr Vater, der alte Pauli, wie sie sagt, tot.<\/p>\n<p align=\"right\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p align=\"right\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 15002<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der alte Pauli ist auf Malta in den Armen seiner Geliebten verstorben, im Hotelbett, sagt die Moni, seine Tochter. Dabei hatte er schon auf dem Schiff so eine Ahnung gehabt, wie sein Gspusi sp\u00e4ter erz\u00e4hlte. \u201eWird&#8217;s mich doch jetzt nicht vom Stangl hau&#8217;n! 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