{"id":1925,"date":"2014-12-21T13:44:41","date_gmt":"2014-12-21T13:44:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1925"},"modified":"2014-12-24T07:37:18","modified_gmt":"2014-12-24T07:37:18","slug":"erwarten-koennen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1925","title":{"rendered":"Erwarten k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1925&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1925&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Auch heute wurde Mathilda wieder der h\u00fcbsche kleine Ecktisch zugewiesen. Von dort bot sich der beste aller Ausblicke auf die blassgr\u00fcnen Kupferd\u00e4cher der Altstadt Salzburgs. Kleinere und gr\u00f6\u00dfere Gr\u00fcnspanfl\u00e4chen hier und dort gl\u00e4nzten ihr an diesem nasskalten, sp\u00e4ten Winternachmittag entgegen. Die D\u00e4cher spektakul\u00e4r \u00fcberragt vom barocken Dom, und all das dominiert von der imposanten Festung.<\/p>\n<p>Sie hatte sich h\u00fcbsch gemacht, ihr festliches kirschrotes Jerseykleid brachte Rundes auf schmeichelhafte Weise zur Geltung. Sie trug es nicht oft, denn meist war die Farbe st\u00e4rker als sie selbst. Sie w\u00e4hlte das Kleid also nur, wenn sie dem Rot Kontra geben konnte. Etwa durch jene seltenen Gef\u00fchle von Ausgelassenheit und \u00dcbermut, die zu b\u00fcndeln ihr in jungen Jahren gut gelungen war. Heute war dem Rot aber auch beizukommen, mit ausgepr\u00e4gter Gem\u00fctsruhe n\u00e4mlich. Genau so ein Tag war heute, mit innerer Balance bot sie dem Rot die Stirn.<br \/>\nMathilda bl\u00e4tterte nahezu erwartungsvoll in der Getr\u00e4nkekarte, als ob diese heute ein g\u00e4nzlich neues Angebot f\u00fcr sie beinhalten k\u00f6nnte.<br \/>\nDer Oberkellner n\u00e4herte sich ihr nach einigen Minuten:<br \/>\n\u201eM\u00f6chten Sie bestellen, gn\u00e4dige Frau, oder warten Sie noch auf jemanden?\u201c<br \/>\n\u201eJa, ich warte. Aber ich w\u00fcrde dennoch gerne bestellen.\u201c<br \/>\nDas Lokal war gut gef\u00fcllt an diesem sp\u00e4ten Nachmittag. Die kleinen Tische waren fast ausschlie\u00dflich mit jeweils zwei oder drei Personen besetzt, darunter viele, die Mathilda als Touristen zu erkennen meinte. Seine exponierte Lage hoch \u00fcber der Salzach verschaffte dem Caf\u00e9 im Dachgescho\u00df eines Hotels die Nennung in vielen Reisef\u00fchrern.<br \/>\nDer Kellner stellte einen Gin Tonic auf Mathildas Tisch und machte dabei eine angedeutete Verbeugung.<br \/>\n\u201eIch habe mir erlaubt, ein kleines St\u00fcck Limette zu erg\u00e4nzen. Und wenn Sie mir die Bemerkung gestatten: Eine Dame wie Sie sollte man keinesfalls warten lassen.\u201c<br \/>\nSein Gesicht blieb dabei seltsam entspannt und er l\u00e4chelte sie offen an.<br \/>\nMathilda erwiderte \u00fcberrascht: \u201eDanke sehr, schon gut. Aber ich warte gern. Noch dazu bei dieser pr\u00e4chtigen Aussicht.\u201c<br \/>\nEr nickte und meinte zustimmend: \u201eJa, wir alle haben gelernt zu warten, schon als Kinder, auf die Ferien, auf das Christkind, auf die Geburtstagsfeier. Der Sehnsucht war man ja recht hilflos ausgeliefert. Es war richtig schwer zu warten. Aber es hat die kindliche Vorfreude nicht getr\u00fcbt.\u201c<br \/>\nMathilda antwortete freundlich: \u201eTja, so war es. Aber mittlerweile habe ich einen langen Atem. Man lernt schlie\u00dflich dazu, die Leerl\u00e4ufe im Alltag mit Gleichmut hinzunehmen: bis der neue Badezimmerschrank geliefert wird, der PC hochgefahren ist, oder der tr\u00e4ge Aufzug zu diesem Terrassencaf\u00e9 endlich eintrifft.\u201c<\/p>\n<p>Mathilda f\u00fchlte sich hier wohl. Sie a\u00df ein Paar Frankfurter mit Senf und Kren und trank ein Seidel Bier dazu. Danach genoss sie die Stille im Warten und das Nichts-zu-tun-Haben. Sie sah von ihrem Tisch aus durch die gro\u00dffl\u00e4chigen Fenster auf die beleuchtete Stadt hinunter. Und sie hatte ausreichend Zeit, die Kirchen der Stadt einzeln auszumachen und mit ihrem Blick dem Verlauf der weihnachtlich beleuchteten Gassen zu folgen. Dann gab ihr Smartphone ein kleines Signal und sie hatte Zeit, eine Nachricht ihrer Tochter, die in M\u00fcnchen lebte, in aller Entspanntheit zu beantworten.<br \/>\nAus dem Nebenraum kommend, trug der Kellner einen Aschenbecher voller Zigarettenstummel an ihr vorbei, auf die Mathildas Blick fiel. Er bemerkte es und fl\u00fcsterte ihr zu: \u201eSchlechthin <i>das<\/i> Synonym f\u00fcrs Warten.\u201c<br \/>\nEr blieb kurz stehen und sinnierte laut weiter: \u201eUnd es ist beileibe nicht immer Sehnsucht, die das Warten so schwer macht. Oft ist man dabei auch voller Furcht, beim Warten auf ein Pr\u00fcfungsergebnis, auf den Pannendienst, die Polizei, auf Asyl in einem friedlichen Land.\u201c<br \/>\nMathilda setzte fort: \u201eJa, oft ist die Furcht existenziell beim Warten auf eine Diagnose, eine Spenderniere, auf Regen bei D\u00fcrre, auf den Wasserh\u00f6chststand bei \u00dcberschwemmung.\u201c<br \/>\nEr wirkte best\u00fcrzt angesichts der genannten Beispiele: \u201eMenschen warten praktisch immer auf bessere Zeiten, auf die gro\u00dfe Liebe, das Gl\u00fcck.\u201c<br \/>\nSie erz\u00e4hlte: \u201eIch fragte mich als junge Frau oft: Wann beginnt endlich das richtig sch\u00f6ne Leben, jetzt wo ich so viel abgenommen habe?\u201c<br \/>\nEr lachte und sagte: \u201eOder das Warten auf Antwort von dem M\u00e4dchen, in das ich mich als Jugendlicher verliebt hatte \u2013 das war schwerer zu ertragen als die sp\u00e4tere Erkenntnis, dass sie mich gar keiner Antwort f\u00fcr w\u00fcrdig hielt.\u201c<br \/>\nMathilda sah den Oberkellner erstaunt an, als dieser verschw\u00f6rerisch fortfuhr: \u201eUnd nicht zu vergessen, das Warten auf meine Frau, bis die sich endlich f\u00fcr die richtige Theatergarderobe entschieden hat.\u201c<\/p>\n<p>Er entfernte sich z\u00fcgig Richtung K\u00fcche und Mathilda konnte gerade noch sehen, dass kleine Schwei\u00dftropfen auf seiner Stirn gl\u00e4nzten. Die Arbeitskleidung war hochgeschlossen, die bodenlange dunkle Sch\u00fcrze sah zwar professionell aus, musste aber unpraktisch sein, so mutma\u00dfte sie. Kellnern war harte Arbeit, viele G\u00e4ste blieben nur auf ein Getr\u00e4nk, die Tische wurden etwa halbst\u00fcndlich neu vergeben, es wurde bestellt und serviert und kassiert, alles mit ausgesuchter H\u00f6flichkeit und dennoch hielt der Oberkellner immer wieder einmal auf einem seiner Wege bei Mathilda an (oder schlug sogar einen kleinen Umweg \u00fcber ihren Tisch ein), um ihr gemeinsames kleines Gespr\u00e4ch \u00fcber das Warten fortzuf\u00fchren. Sei es auch nur mit einem Satz, dem sie aus Zeitmangel ihres Gespr\u00e4chspartners manchmal gar nichts entgegnen konnte:<br \/>\n\u201eDas Gef\u00fchl, wenn der Installateur nicht und nicht daherkommt.\u201c<br \/>\nEine Viertelstunde sp\u00e4ter: \u201eHatten wir eigentlich das banale Wartezimmer schon? Und den Zug? Auf Bahnsteigen steht die Zeit ja oft scheinbar still.\u201c<br \/>\nNach dem Abservieren am Nebentisch: \u201eVom endlosen Warten auf den Sommer ganz zu schweigen.\u201c<br \/>\nNach dem Abkassieren einer aufw\u00e4ndig zu teilenden Zeche einer Gruppe nerv\u00f6ser Touristen murmelte ihm Mathilda zu: \u201eNicht zu vergessen das Warten auf den Zahlkellner.\u201c<br \/>\n\u201eOh, Sie wollen doch nicht etwa schon gehen, gn\u00e4dige Frau?\u201c Er wirkte m\u00fcde, es war 23 Uhr.<br \/>\n\u201eNein, nein, aber ich h\u00e4tte noch gerne ein K\u00e4nnchen gr\u00fcnen Tee, bitte, wenn Sie so nett w\u00e4ren.\u201c<\/p>\n<p>Das Warten war f\u00fcr Mathilda heute kein unliebsamer Zustand. Sie f\u00fchlte sich nicht passiv oder einer Langeweile ausgesetzt, sondern es erm\u00f6glichte ihr auf eine entschleunigte, fast poetische Art, in sich selbst hineinzuhorchen und r\u00fcckwirkend das nun schon fast vergangene Jahr zu betrachten.<br \/>\nDa sah sie den Oberkellner, der mit dem Tee auf sie zusteuerte und ihr beinahe keck zuraunte: \u201eUnd erst das Warten auf die <i>eine<\/i> Gelegenheit!\u201c<br \/>\nEr entfernte sich beinahe triumphierend angesichts ihres verdutzten Blicks.<br \/>\nAls die gewaltigen Glocken des Domes begannen, mit ihrem mahnenden Gel\u00e4ut zur Mette zur rufen, ging sie kurz auf die Terrasse. <i>Diese<\/i> Glocken luden nicht froh zum Feiern, nein sie forderten vehement die Disziplin zum Kirchgang ein. Und diesem \u00fcberm\u00e4chtigen Klang war nichts hinzuzuf\u00fcgen oder entgegenzusetzen, er erf\u00fcllte den Raum und die Zeit aller, egal ob katholisch oder nicht.<\/p>\n<p>Das Lokal hatte sich inzwischen geleert und die mittern\u00e4chtliche Sperrstunde nahte. Der Kellner sah auf seine Armbanduhr und l\u00f6ste seine Arbeitssch\u00fcrze, w\u00e4hrend er \u2013 abwechselnd mit Mathilda \u2013 heiter und zusammenhanglos die eine oder andere Wartesituation aufz\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich fasste Mathilda den Kellner spontan am Arm, er drehte sich \u00fcberrascht zu ihr und folgte ihrem Blick durch das gro\u00dfe Fenster hinaus auf die Terrasse.<br \/>\n\u201eOh, sieh nur, jetzt ist er da, der Schnee! Er kommt stets nach Belieben einfach irgendwann. Oder man wacht auf, und er ist pl\u00f6tzlich da, \u00fcber Nacht.\u201c<br \/>\n\u201eOder man rechnet nicht mit ihm, bis dich pl\u00f6tzlich jemand an der Schulter fasst und aus dem Fenster deutet. Aber jetzt komm, meine Liebe, lass uns nach Hause gehen, Zeit f\u00fcr <i>unser<\/i> Weihnachten. Ich m\u00f6chte jetzt wirklich gerne meine Beine hochlegen. Wir haben doch noch die gestern angebrochene Flasche von dem guten Rotwein? Und Hunger habe ich auch. Wie sch\u00f6n, dass du auf mich gewartet hast.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=408\">an Tagen wie diesen<\/a> | Inventarnummer: 14080<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch heute wurde Mathilda wieder der h\u00fcbsche kleine Ecktisch zugewiesen. Von dort bot sich der beste aller Ausblicke auf die blassgr\u00fcnen Kupferd\u00e4cher der Altstadt Salzburgs. Kleinere und gr\u00f6\u00dfere Gr\u00fcnspanfl\u00e4chen hier und dort gl\u00e4nzten ihr an diesem nasskalten, sp\u00e4ten Winternachmittag entgegen. 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