{"id":1907,"date":"2014-12-17T13:51:36","date_gmt":"2014-12-17T13:51:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1907"},"modified":"2024-06-26T07:34:20","modified_gmt":"2024-06-26T07:34:20","slug":"eine-banane-mag-ich-nicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1907","title":{"rendered":"Eine Banane mag ich nicht"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1907&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1907&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u201eEine Banane mag ich nicht, die hat der Neger ang\u2018langt.\u201c Dieser Satz ist von der Tante Anni verb\u00fcrgt. Die Tante Anni ist die Tante meiner Freundin Beate-Baby. Sie hat mir die Geschichte erz\u00e4hlt, und ich muss sie gleich aufschreiben, weil sie so kurios ist.<\/p>\n<p>Tante Anni, Gott hab&#8216; sie selig, wohnte im Parterre in der alten Villa, wie das umgebaute Schulhaus neben der Kirche allgemein bezeichnet wird. Die Tante Anni war mir vom ersten Moment an sympathisch, obwohl ich sie ja nur aus Erz\u00e4hlungen kenne. Eine aufrechte Person, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt, die Dinge beim Namen nennt und auch dazu steht. Geboren wurde sie zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Den Fotos nach zu urteilen, war sie ein h\u00fcbsches M\u00e4dchen, sie qu\u00e4lte sich aber selbst, wie Beate-Baby sagt, ihr Lebtag lang mit der \u00dcberzeugung, nicht so sch\u00f6n wie ihre Schwestern zu sein. Sie litt darunter und gew\u00f6hnte es sich an, jedes Kompliment sofort zu entkr\u00e4ften und entschlossen zu kontern. Sie war sich gewiss, nicht sch\u00f6n zu sein, und niemand brauchte ihr Honig ums Maul zu schmieren. So war das! &#8211; Weil sie also davon fest \u00fcberzeugt war, entwickelte sie andere Vorz\u00fcge, welche die Menschen in ihrer Umgebung oft verwirrten. Tante Anni zeigte allen, dass sie selbstst\u00e4ndig war, niemanden brauchte und schon gar keinen Mann. Sie wollte mit Respekt behandelt werden. Auf andere wirkte sie eigensinnig. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann tat sie das auch, und niemand konnte sie aufhalten. Heute w\u00fcrde man sagen, sie war emanzipiert. Damals nannte man so eine Person gerne eine Bei\u00dfzange oder Bissgurke. Das ist b\u00f6se und trifft bestimmt nicht zu, weil Tante Anni andererseits h\u00f6chste Lust beim Beten empfand. Sie war die flei\u00dfigste Kirchenbesucherin. Schlie\u00dflich wohnte sie ja auch nebenan, und die Kirche war der einzige Ort, wo sie sich au\u00dfer in ihrem Wohnzimmer noch wohl f\u00fchlte. Wenn sie schon keinem Menschen trauen wollte, dann wenigstens Gott und der Jungfrau Maria. Die verstanden sie, auf die war Verlass. All die Menschen in ihrer Umgebung waren ihr suspekt. Sie wollten sie entweder aushorchen, waren ihr neidig, waren auf ihr Geld aus oder wollten ihr aus irgendeinem heimt\u00fcckischen Grund sch\u00f6ntun. Tante Anni war auf der Hut, sie nahm sich in Acht. So gelang es ihr, sich ein Leben lang Entt\u00e4uschungen vom Leib zu halten, aber leider auch das Gl\u00fcck und die Freude.<br \/>\nDa sie als Wirtstochter standesgem\u00e4\u00df das Internat im Kloster besucht hatte, galt sie als gebildet, und sie war sich ihrer gehobenen Stellung auch bewusst, umgab sich mit einer Aura der Besonderheit und gew\u00f6hnte sich eine herablassende Art an. Dies geschah nicht aus B\u00f6swilligkeit, sondern aus Hilflosigkeit, aber die Dorfdeppen verstanden das als Hochn\u00e4sigkeit und die Fronten verh\u00e4rteten sich.<\/p>\n<p>Ihren Wunsch nach Selbstst\u00e4ndigkeit und Unabh\u00e4ngigkeit konnte die Tante Anni verwirklichen, als sie Posthalterin wurde. Im ersten Stock der Villa, direkt \u00fcber ihrer Wohnung, richtete sie die Poststelle ein und fuhr mit einem Fahrrad, das einen Hilfsmotor hatte, die Post im Dorf aus. Da schauten alle, da waren sie ihr schon wieder neidig, die Grattler, die Dienstboten, die Hungerleider. Tante Anni lernte damit zu leben. Sie war kurz angebunden, sa\u00df aufrecht auf ihrem Gef\u00e4hrt, eine Amtsperson! Einmal holte eine alte Frau ein Packerl bei der Post ab. Ein Verwandter hatte es ihr geschickt, und es war Kaffee drinnen. Die Tante Anni sagte herablassend: \u201eSeitdem die gew\u00f6hnlichen Leute auch einen Kaffee trinken, schmeckt er mir nimmer.\u201c &#8211; Ja, nicht einmal diese stille Freude des Herausgehobenseins war ihr mehr verg\u00f6nnt. Alle mussten alles haben, da konnte man sich nur noch zur\u00fcckziehen, in die Villa.<\/p>\n<p>Um sich vor \u00fcberraschenden Besuchern zu sch\u00fctzen, brachte sie am Gartentor eine Klingel an, die, wie Beate-Baby zu erz\u00e4hlen wei\u00df, derma\u00dfen ohrenbet\u00e4ubend laut war, dass bei ihrem Ert\u00f6nen nicht nur der Klingler, sondern auch Tante Anni im Wohnzimmer regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcrchterlich erschrak und einen Schreckensschrei ausstie\u00df, der noch im Garten zu vernehmen war. Erst jetzt konnten die Nichten vorsichtig \u00fcber die Veranda eintreten, Tante Anni war gewarnt. Sie empfing die M\u00e4dchen nicht, weil sie sich freute oder weil sie sie mochte, sondern weil sie sich verantwortlich f\u00fchlte. Die Verwandtschaft war nach ihrem Gef\u00fchl nachl\u00e4ssig mit der Erziehung. So oblag es der Tante Anni, ihren Nichten die Grundkenntnisse im Taschentucheckenb\u00fcgeln beizubringen und im Putzlumpenauswringen. Beim Putzen legte sie besonderen Wert auf die Ecken, sie mussten gr\u00fcndlich gewischt werden, da war sie eigen, genau wie bei den Ecken der Taschent\u00fccher. Jaja, die Eckerl, da schaut manch einer gern dr\u00fcber hinweg, aber gerade daran erkennt man den Charakter.<br \/>\nAu\u00dfer ihren Nichten lie\u00df sie niemanden in die Wohnung. Nur einmal machte sie eine Ausnahme. Beate-Baby stellte ihr eine Freundin vor. Zuerst war die Tante skeptisch, als sie aber erfuhr, dass das M\u00e4dchen aus der Stadt sei und noch dazu adelig, lie\u00df sie die beiden herein. Sie durften dann den K\u00fchlschrank mit einer kleinen Gartenhacke enteisen. Wenn man den Leuten bei der Arbeit auf die Finger schaut, lernt man sie kennen.<\/p>\n<p>Besonders eindringlich beschreibt Beate-Baby das Wohnzimmer der Tante. Eine Wand war mit einer Fototapete beklebt, die einen st\u00fcrmischen Ozean mit Palmenstrand zeigte. Das Kruzifix hing in der linken Ecke und in der rechten stand das ganze Jahr \u00fcber das Kripperl mit Maria und Josef, dem Jesukindlein und Ochs und Esel. \u00dcber dem Jesukindlein hing eine Laterne, die mittels einer Schnur hinter dem Vorhang eingeschaltet werden konnte. Diesem Arrangement verdankt Beate-Baby ihr Grundwissen \u00fcber Jesus. Glaubte sie bis dahin, Maria sei in Oberbayern, in den Alpen, niedergekommen, so kl\u00e4rte Tante Anni sie auf, dass das kindisch, naiv und v\u00f6llig falsch sei. Der Heiland sei vielmehr in Israel geboren und aufgewachsen. Und da gebe es viele Palmen und Meer und es schaue so aus wie auf der Tapete. &#8211;\u00a0 Dass sie mit dieser klaren und durchaus folgerichtigen Anschauung \u00fcberall aneckte, versteht sich von selbst. Die Wahrheit will halt keiner gern h\u00f6ren oder sehen. Tante Annis prophetisches und revolution\u00e4res Gedankengut verhallte nahezu ungeh\u00f6rt in der Heimat.<br \/>\nDas Allerskurrilste im Wohnzimmer der Tante Anni aber war ihr Grabstein. Sie hatte ihn vorsichtshalber schon zu Lebzeiten machen lassen. Sie sorgte vor, auf die Erben war ja eh kein Verlass, wenn sie erst mal das Geld hatten. Tante Anni wollte sich eine letzte Entt\u00e4uschung ersparen und sorgte daher selbst f\u00fcr einen angemessenen Grabstein und lie\u00df auch die Schrift gleich einmei\u00dfeln und vergolden. Lediglich das Sterbedatum war ausgespart. Im Wohnzimmer verstaubte der Stein nat\u00fcrlich und so mussten die Nichten ihn von Zeit zu Zeit mit Sidolin abreiben und anschlie\u00dfend mit einem feuchten Lappen polieren. Tante Anni schaute ihnen zu, auf einer Gartenliege ausgestreckt, die auch im Wohnzimmer stand. Mit Blick auf die Fototapete, mit dem Gelobten Land, und mit Blick auf den Grabstein lehnte sie sich fast zufrieden zur\u00fcck, aber auch jetzt war noch nicht alles gekl\u00e4rt. Den putzenden M\u00e4dchen er\u00f6ffnete sie, dass sie auch noch eine Grabplatte beim Steinmetz in Auftrag geben werde, weil sie bef\u00fcrchte, dass die Erben zu faul sein w\u00fcrden, das Unkraut vom Grab wegzuzupfen.<\/p>\n<p>Ja, so hat die Tante Anni f\u00fcr alles vorgesorgt, in dem Bewusstsein, dass sie sich auf nichts und niemanden verlassen konnte, und auf den Zufall hat sie nicht vertraut. Israel, das Gelobte Land, wo Milch und Honig flie\u00dfen und wo der Heiland geboren ist, ist halt auch ewig weit weg. Und ob es wirklich so ist wie auf der Fototapete, wei\u00df man ja auch nicht gewiss.<\/p>\n<p>Die Nichten hat sie f\u00fcrs Putzen, Taschent\u00fccher B\u00fcgeln, Grabstein Polieren und Semmelkn\u00f6del Machen nicht blo\u00df anst\u00e4ndig, sondern sogar f\u00fcrstlich bezahlt. Knickrig war sie nicht, das wollte sie sich nicht nachsagen lassen, das ganz gewiss nicht. Lieber gab sie das Geld den M\u00e4dchen statt irgendwelchen Fremden, dann blieb es wenigstens in der Verwandtschaft.<br \/>\nMit der Zeit kam Beate-Baby auch auf die Idee, Tante Anni als Bank zu nutzen und lieh sich Geld von ihr. Nun war auch wieder die Berufserfahrung als Postbeamtin von Nutzen, denn Anni kannte sich nat\u00fcrlich auch mit Bankgesch\u00e4ften aus. Sie entwarf offizielle Schuldscheine und hatte immer welche griffbereit in einer Schublade, wenn die Nichten kamen. Korrekt wurde bei Bedarf ein\u00a0 Schuldschein ausgef\u00fcllt und von beiden Gesch\u00e4ftspartnern unterschrieben. So hatte alles seine Ordnung. Beate-Baby sagt, die Tante Anni hat leidenschaftlich gern unterschrieben. Mit ihrer Unterschrift f\u00fchlte sie sich sicher. Alles war beglaubigt, juristisch korrekt. Das mochte sie.<br \/>\nDie Schuldscheine verstaute sie in den zahlreichen Schubladen ihres Mobiliars. Meist fand sie sie in ihrem Saustall nicht mehr, sagt Beate-Baby. &#8211; Aber nach dem Tod der Tante Anni, als der Grabstein schon seinen Platz auf dem Friedhof nebenan gefunden hatte und die Verstorbene wieder Anna\u00a0 geworden war wie bei ihrer Geburt, sich in ihrem Haus f\u00fcr die Ewigkeit wohlig und gem\u00fctlich eingerichtet und bestimmt auch endlich erfahren hatte, wie das mit dem Jesulein und dem Heiland und Israel wirklich ist, da haben die Erben in ihren Schubladen gekramt und die vielen Schuldscheine gefunden. &#8211; Beate-Baby meint, dass sie da wirklich Gl\u00fcck gehabt habe, weil die Erben Gott sei Dank das Geld nicht zur\u00fcckhaben wollten. Mit den Jahren war n\u00e4mlich einiges zusammengekommen. Die Angeh\u00f6rigen glaubten, die alte Tante habe in ihrer Eigenbr\u00f6telei und Seltsamkeit immer nur Bank gespielt. &#8211; Weit gefehlt! So h\u00e4lt man das Naheliegendste oft f\u00fcr das Abstruseste.<\/p>\n<p>Auch dem Genuss der Bananen hat die Anna ein Lebtag lang entsagt, weil sie immer das Bild von dem Neger vor Augen hatte, der sie nach landl\u00e4ufiger Meinung pfl\u00fcckt und in seiner schwarzen Hand h\u00e4lt. Davor hat ihr gegraust. Und selbst wenn ihr einmal nicht mehr davor gegraust h\u00e4tte, w\u00e4re sie viel zu stolz gewesen, das zuzugeben. Sie konnte also nicht anders als in Sturheit zu verharren, um vor sich selbst bestehen zu k\u00f6nnen. Bestimmt ist sie unter ihrer Grabplatte auch davon erl\u00f6st worden und nimmt jetzt ganz vergn\u00fcgt Bananen aus den H\u00e4nden schwarzer Engel entgegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Dieser Text ist mit weiteren im September 2018 bei<br \/>\n<a href=\"http:\/\/einbuch-verlag.de\/\" target=\"_blank\">EINBUCH Buch- und Literaturverlag, Leipzig<\/a><br \/>\nunter dem Titel &#8222;Eine Banane mag ich nicht&#8220; erschienen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=426\">schr\u00e4g &amp; abgedreht<\/a> | Inventarnummer: 14079<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEine Banane mag ich nicht, die hat der Neger ang\u2018langt.\u201c Dieser Satz ist von der Tante Anni verb\u00fcrgt. Die Tante Anni ist die Tante meiner Freundin Beate-Baby. 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