{"id":19033,"date":"2024-11-07T13:55:49","date_gmt":"2024-11-07T13:55:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19033"},"modified":"2024-11-10T08:57:35","modified_gmt":"2024-11-10T08:57:35","slug":"tiger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=19033","title":{"rendered":"Tiger"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19033&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts19033&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Erstaunlich, wie schnell manchmal alles geht. Erst vorgestern habe ich auf die Anzeige <em>\u201eVillenhaushalt sucht Kinderm\u00e4dchen, Erfahrung erw\u00fcnscht, zwei bis drei Abende pro Woche, tierlieb,<\/em> <em>gute Bezahlung\u201c<\/em> reagiert, und schon lausche ich den Anweisungen der Inserenten, Herrn und Frau Panthera, die im Begriff sind, auszugehen. Etwas \u00fcberheblich sind die beiden, zwar freundlich, aber reserviert. Die Achtj\u00e4hrige, auf die ich aufzupassen habe, hat diese Haltung \u00fcbernommen, hat mir vorhin k\u00fchl die Hand gereicht, mir pr\u00fcfend in die Augen gesehen und ernst gel\u00e4chelt. Sie hat sich brav von ihren Eltern verabschiedet und ist in ihrem Zimmer verschwunden.<\/p>\n<p>\u201eSie brauchen das Abendessen f\u00fcr Desiree nur aufzuw\u00e4rmen. Auch f\u00fcr Sie ist reichlich da\u201c, sagt Herr Panthera. Er verstaut bed\u00e4chtig sein Smartphone und sein Portemonnaie in den Innentaschen seines Sakkos. \u201eBitte kein Fernsehen. Es gibt gen\u00fcgend interessante Spiele und B\u00fccher.\u201c<br \/>\n\u201eDesiree wird Ihnen alles zeigen. Um neun Uhr wird sie schlafen gehen. Unsere Tochter ist sehr selbstst\u00e4ndig\u201c, sagt Frau Panthera. Sie zieht sich eine gestreifte Jacke an, betrachtet sich im goldumrahmten Vorraumspiegel.<br \/>\n\u201eEines jedoch\u201c, r\u00e4uspert sich Herr Panthera, schon einen Schl\u00fcsselbund in der Hand. \u201eEines jedoch bitten wir Sie, ohne Wenn und Aber und ohne es zu hinterfragen, zu respektieren. Uns ist vor einigen Wochen eine Katze zugelaufen. Desiree jedoch sieht in dem Tier einen Tiger. Spielen Sie einfach mit, auch wenn Ihnen das l\u00e4cherlich erscheinen mag. Tun Sie so, als ob es tats\u00e4chlich ein Tiger w\u00e4re, dann wird dieser Abend f\u00fcr Sie problemlos verlaufen.\u201c<\/p>\n<p>Gegen Mitternacht w\u00fcrden sie zur\u00fcck sein, sagen sie noch, w\u00fcnschen mir einen angenehmen Abend, und dann beobachte ich auch schon erleichtert durch das Fenster, wie die beiden durch den gepflegten Vorgarten schreiten, in ihren grauen Jaguar steigen und wegfahren. Tief ausatmend finde ich, dass ich mir nun wirklich ein Getr\u00e4nk verdient habe, entdecke auch sogleich die unfassbar reichhaltige Hausbar im Wohnzimmer. Ich genehmige mir ein Glas Wodka.<br \/>\nDesiree kommt aus ihrem Zimmer, geht, ohne mich anzusehen, an mir vorbei in die K\u00fcche, und mit einem gro\u00dfen, rohen Fleischst\u00fcck in ihren H\u00e4nden wieder zur\u00fcck.<br \/>\nIch muss lachen. \u201eDas ist wohl f\u00fcr dein Tigerk\u00e4tzchen\u201c, sage ich.<br \/>\nDas M\u00e4dchen antwortet nicht, w\u00fcrdigt mich keines Blickes, verschwindet wieder in ihrem Zimmer.<\/p>\n<p>\u201eVerzogener Fratz\u201c, sage ich leise und am\u00fcsiert, mache es mir auf dem wei\u00dfen, weichen Sofa bequem, schalte den riesigen Fernseher ein.<br \/>\nNach einer Weile sitzt Desiree pl\u00f6tzlich neben mir.<br \/>\n\u201eNa, schl\u00e4ft dein Tiger nun nach der F\u00fctterung?\u201c, frage ich.<br \/>\nSie nickt.<br \/>\n\u201eDarf ich deine Raubkatze mal sehen?\u201c<br \/>\nSie steht auf, \u00f6ffnet eine Schublade, nimmt ein Foto heraus und reicht es mir. Darauf thront sie, Desiree, strahlend, l\u00e4chelnd, auf dem wei\u00dfen Sofa, auf dem ich soeben sitze \u2013 ihre rechte Hand ruht liebevoll auf dem riesigen Kopf eines entspannt zu ihren F\u00fc\u00dfen liegenden, ausgewachsenen Tigers.<br \/>\n\u201eSehr gut gemachte Fotomontage\u201c, lobe ich.<\/p>\n<p>In diesem Moment h\u00f6re ich aus Desirees Zimmer lautes, bedrohliches Fauchen. Ich zucke zusammen.<br \/>\n\u201eTiger tr\u00e4umt nur\u201c, sagt Desiree. \u201eDu brauchst keine Angst zu haben.\u201c<br \/>\n\u201eIch f\u00fcrchte mich nicht vor CDs mit Tierger\u00e4uschen\u201c, sage ich und sp\u00fcre \u00c4rger in mir hochsteigen. \u201eGenug jetzt!\u201c Gereizt knalle ich das Foto auf den Couchtisch. \u201eIch habe Hunger. Komm, du Tigerm\u00e4dchen, essen wir etwas.\u201c<br \/>\nWir schweigen beide, w\u00e4hrend ich das bereitgestellte Gulasch aufw\u00e4rme, Brot aufschneide und Desiree den Tisch deckt. Das Essen schmeckt gut. Ich trinke teuren Rotwein, betrachte das stille, schmale M\u00e4dchen mir gegen\u00fcber.<br \/>\n\u201eIst das nicht Tierqu\u00e4lerei, einen Tiger im Haus zu halten?\u201c, frage ich provozierend.<br \/>\nDesiree nimmt einen Schluck Wasser, zupft an ihren langen, blonden Z\u00f6pfen, schaut an mir vorbei aus dem Fenster.<\/p>\n<p>Als ich keine Antwort mehr erwarte und schon eine scharfe Frage nachschie\u00dfen will, sagt sie laut und deutlich:<br \/>\n\u201eErstens: Das ist kein gew\u00f6hnlicher Tiger. Zweitens: Ich halte ihn nicht gefangen, er kann gehen, wann immer er will. Fast jede Nacht ist er drau\u00dfen im Wald hinter unserem Haus und kommt am Morgen wieder. Er ruht sich bei mir aus. Denn drittens: Er ist sehr \u00a0gerne bei mir.\u201c<br \/>\nWut steigt in mir auf. Wie kann ein kleines Kind derartig arrogant und verlogen sein, frage ich mich. Ich trinke den Wein aus, stehe auf, wende Desiree den R\u00fccken zu, sp\u00fcle den Teller ab und sage:<br \/>\n\u201eNa, du hast ja eine bl\u00fchende Fantasie. Aber mich interessiert deine ausgedachte Geschichte \u00fcberhaupt nicht. H\u00f6r also bitte auf mit diesen dummen L\u00fcgen!\u201c<\/p>\n<p>Ich drehe mich zu Desiree, die jedoch lautlos verschwunden ist.<br \/>\n\u201eVerr\u00fccktes Kind!\u201c, schimpfe ich in die leere K\u00fcche, schenke mir nochmals gro\u00dfz\u00fcgig Wein ein, stapfe damit ins Wohnzimmer.<br \/>\n\u201eEines jedoch &#8230;\u201c, \u00e4ffe ich die Ansprache ihres Vaters nach. \u201eEines jedoch bitten wir Sie &#8230; Respektieren Sie &#8230; Tun Sie einfach so, als ob &#8230;\u201c<br \/>\nIch lasse mich wieder auf die wei\u00dfe Couch vor den Fernseher fallen, rufe laut:<br \/>\n\u201eGanz sicher nicht, Familie Gr\u00f6\u00dfenwahn, nicht mit mir!\u201c, und versch\u00fctte beim Hinstellen des Glases ein wenig Wein auf das Foto mit Desiree und dem Tiger. Ich zerkn\u00fclle es und stopfe es in meine Hosentasche.<\/p>\n<p>Aus dem Kinderzimmer dringen ged\u00e4mpft Ger\u00e4usche. Ich drehe den Fernseher lauter. Doch Desirees Lachen und eine Art freudiges Winseln lassen sich nicht \u00fcbert\u00f6nen. Ich trinke mein Glas aus, stehe auf, lege mein Ohr an die T\u00fcr. Es h\u00f6rt sich an, als w\u00fcrden nun in dem Zimmer M\u00f6bel geschoben. Wieder lacht Desiree hell auf.<br \/>\nIch klopfe, und sage, bem\u00fcht, meine Stimme nett und klar klingen zu lassen:<br \/>\n\u201eDesiree, es ist Schlafenszeit! Ich komme jetzt rein zum Gute-Nacht-Sagen.\u201c<br \/>\n\u201eNein! Bitte nicht!\u201c, ruft Desiree.<br \/>\n\u201eAber warum denn nicht?\u201c, frage ich, so freundlich wie nur m\u00f6glich, und f\u00fchle mich dabei seltsamerweise wie der b\u00f6se Wolf aus einem M\u00e4rchen.<br \/>\nStille. Dann Desirees deutliche Stimme: \u201eTiger mag dich nicht.\u201c<\/p>\n<p>Ich muss gegen meinen Willen kichern, dr\u00fccke die T\u00fcrklinke nieder, kann aber nicht \u00f6ffnen, sp\u00fcre Widerstand. Ich schaue durch das Schl\u00fcsselloch. Es scheint kein Schl\u00fcssel zu stecken, offensichtlich hat Desiree ein M\u00f6belst\u00fcck vor die T\u00fcr geschoben.<br \/>\n<em>\u201aMit mir nicht, du Biest\u2018<\/em>, denke ich, <em>\u201amich sperrt niemand aus.\u2018<\/em> Wie mich dieses Kind mitsamt seiner Tigergeschichte aufregt, mich immer w\u00fctender macht! Um mich zu beruhigen, genehmige ich mir noch ein Gl\u00e4schen Wodka von der Hausbar. Dann klopfe ich wieder an die Kinderzimmert\u00fcr und sage ruhig und bestimmt:<br \/>\n\u201eSo, Desiree, Schluss jetzt mit dem Theater. Mach bitte die T\u00fcr auf. Ich m\u00f6chte nachsehen, ob alles in Ordnung ist bei dir und deinem Tigerk\u00e4tzchen.\u201c<br \/>\nKeine Antwort.<\/p>\n<p>Ich dr\u00fccke wieder die T\u00fcrklinke nieder, stemme mich mit aller Kraft gegen die T\u00fcr, schaffe es tats\u00e4chlich, das davorgestellte M\u00f6belst\u00fcck wegzuschieben. Die T\u00fcr ist offen.<br \/>\n\u201eNa bitte\u201c, sage ich zufrieden, betrete das Kinderzimmer.<br \/>\nEs passiert blitzschnell.<br \/>\n\u201eNicht, Tiger!\u201c, h\u00f6re ich Desiree schreien. Aus einer Ecke des Raumes springt ein grollendes, pelziges, m\u00e4chtiges Etwas gegen mich, ein wei\u00dfes Raubtiergebiss blitzt dicht vor meinem Gesicht auf, und schon schmettert ein wuchtiger Prankenschlag auf meinen Kopf. Dann ist alles dunkel und still.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=7515\">Von M\u00fccke zu Elefant<\/a> | Inventarnummer: 24185<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erstaunlich, wie schnell manchmal alles geht. 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