{"id":190,"date":"2013-11-29T15:12:04","date_gmt":"2013-11-29T15:12:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=190"},"modified":"2014-03-25T13:18:53","modified_gmt":"2014-03-25T13:18:53","slug":"warum-fuetterst-du-mich-mit-schokolade","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=190","title":{"rendered":"Warum f\u00fctterst du mich mit Schokolade?"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts190&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts190&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Warum f\u00fctterst du mich mit Schokolade? Das hatte sie nur am Anfang gefragt, inzwischen stellte sie die Frage nicht mehr.<br \/>\nDamals war sie es nicht gewohnt gewesen, dass jemand lieb zu ihr war, Spa\u00df daran hatte, sie zu verw\u00f6hnen. Als er sie gefunden hatte \u2013 und er musste zugeben, dass er aktiv gesucht hatte, und weiters, dass er sie rein nach \u00c4u\u00dferlichkeiten ausgew\u00e4hlt hatte, wie denn sonst, zu Beginn? \u2013 war sie eine junge Frau gewesen, die im Leben nicht viel Gutes erlebt hatte, sie war eine Gescheiterte, und was noch schlimmer war, eine Frau, die nicht \u00fcberrascht war, dass das Leben ihr so wenig Sch\u00f6nes zu bieten hatte, sondern viel zu viel von allem anderen.<\/p>\n<p>So traf sie auf ihn, der beschloss, ihren \u00c4ngsten vor diesem und jenem Rechnung zu tragen, denn eine Furcht vor allem Unbekannten hatte sie fest im Griff, Fremdes war ihr ein Gr\u00e4uel, und so hatte sie begonnen, ihm alles zu \u00fcberlassen, was mit Au\u00dferh\u00e4uslichem zu tun hatte. Er war gut zu ihr, andere Menschen waren ihr suspekt.<br \/>\nSo stie\u00df auch sein Vorschlag auf gro\u00dfe Gegenliebe, ein kleines H\u00e4uschen auf einem H\u00fcgel zu erwerben, gerade gro\u00df genug f\u00fcr sie beide, mit kaum menschlicher Zivilisation rundherum, nur ein Bahnhof ein St\u00fcckchen entfernt, in vielleicht zehn Minuten mit dem Fahrrad zu erreichen.<\/p>\n<p>Was aber das Wichtigste war: keine aufdringlichen Nachbarn weit und breit, mit denen sie h\u00e4tte reden m\u00fcssen und die vielleicht irgendwelche gesellschaftlichen Anspr\u00fcche geltend gemacht h\u00e4tten, wer wei\u00df?<br \/>\nUnd ihre Geschichte wollte sie wirklich nicht erz\u00e4hlen, keinesfalls sich der Neugierde Fremder ausliefern.<br \/>\nWas ging die das an, wie sie ihren Besch\u00fctzer gefunden hatte, wie mies es ihr damals gegangen war, wie sie der Alkohol zuerst getr\u00f6stet, erleichtert und dann fallen gelassen hatte, in ein tiefes, abgrundtiefes Loch. Wie er ihr das Seil zugeworfen hatte, und sie auch gleich noch hinaufgezogen hatte zu sich, wie er sich gegen alles Hemmende gestemmt hatte, um sie wieder nach oben zu bringen, sie, die nicht gerade ein Leichtgewicht war.<br \/>\nDas alles hatte ihn niemals gest\u00f6rt, er nahm sie so, wie sie war, mit ihren ungesunden Abh\u00e4ngigkeiten, ihren Phobien, ihrer Unlust auf andere; er hatte Freude an ihr, wie sie war.<\/p>\n<p>Und er f\u00fchlte sich endlich dazu berufen, das Richtige zu tun, es war eine F\u00fcgung, ihr scheuer Blick, ihre fast schon leicht traurig wirkenden Rundungen, weil sie \u2013 obwohl noch jung &#8211; so gebeugt erschien, das alles r\u00fchrte ihn an, so eine Frau wollte er haben, und zwar ganz f\u00fcr sich alleine.<br \/>\nWie gut es sich traf, dass sie nicht gerne au\u00dfer Haus ging, das Einkaufen \u00fcberlie\u00df sie jetzt ohnehin lieber ihm, damals aber hatte sie sich noch dazu zwingen m\u00fcssen, besonders, seit ihr eine Panikattacke im Supermarkt sehr zugesetzt hatte. Das war zuvor gewesen, als sie noch in der Stadt gewohnt hatte und sie auch gelegentlich arbeiten gegangen war. Sp\u00e4ter hatten die Trinksucht und aneinandergereihte Krankenst\u00e4nde sie \u201eam Arbeitsmarkt schwer vermittelbar\u201c werden lassen, so war sie zuhause immer mehr ihren Zust\u00e4nden verfallen, bis er in ihr Leben getreten war, das war F\u00fcgung, nicht mehr und nicht weniger: Er war Pfleger in dem Krankenhaus, in dem ihr Herz wegen der wiederkehrenden Angstattacken untersucht wurde, sie erfuhr dort immerhin, dass sie \u201enichts hatte\u201c, wie oberfl\u00e4chlich betrachtet.<br \/>\nBei ihrer Entlassung hatte er um ihre Telefonnummer ersucht, so nahm alles seinen Lauf.<br \/>\nAber das brauchte kein Fremder zu wissen, da war er sich mit ihr v\u00f6llig einig, so wie in fast allem.<\/p>\n<p>Wie dankbar war sie, wenn er sich auf das Fahrrad schwang, um nach wenigen Stunden mit vollgepacktem Rucksack und Satteltaschen voller Essen zur\u00fcckzukehren, schwitzend wegen der Stramplerei bergauf, und sofort zu kochen begann, gute Sachen, und viel.<br \/>\nEr liebte es, sie zu bekochen, zu f\u00fcttern, er sah ihr oft beim Essen zu und achtete darauf, dass sie aufa\u00df. Ihre Tr\u00e4gheit nahm zu, doch das schien ihn nicht zu st\u00f6ren, im Gegenteil, als sie das erste Mal nicht am Fenster stand, um ihn zu erwarten (nach drau\u00dfen ging sie da schon nicht mehr), sondern auf dem Sofa eingenickt war, schien er sehr zufrieden zu sein. Zum Essen wurde sie mit einem z\u00e4rtlichen Kuss geweckt.<\/p>\n<p>Ihm war das ganz recht, dass sie sich kaum noch vom Sofa erhob, abgesehen davon, dass es ihr nach eineinhalb Jahren in seiner Obhut auch immer schwerer fiel, denn das Gewicht nahm rasch zu. Er brachte leise pfeifend Verst\u00e4rkungen unter dem Liegem\u00f6bel an und war mit der Welt und sich im Reinen.<br \/>\nAuch dass sie sich fast ausschlie\u00dflich im Wohnzimmer oder Schlafzimmer (sp\u00e4ter auch das nicht mehr, der Wechsel war ihr zu m\u00fchsam, auch der Kleidertausch wurde auf ein absolut notwendiges Mindestma\u00df beschr\u00e4nkt) aufhielt, war f\u00fcr ihn ein Grund zur Freude.<br \/>\nSo war die Wahrscheinlichkeit, dass sie unversehens in sein Zimmer kommen und sehen k\u00f6nnte, welche Kontakte er online unterhielt, auf ein Minimum reduziert.<br \/>\nEr ahnte schon, dass es sie befremden w\u00fcrde, mit welchen Menschen er sich da austauschte, welche Fotos die erlesene Runde machten, wer Bewunderung auf sich zog und wer sich aus dem Forum verabschiedete, oft aus traurigen Gr\u00fcnden, da wurde besser nicht besonders intensiv nachgefragt.<br \/>\nDas Forum war seine Spielwiese, hier hatte er schon so manchen wertvollen Tipp bekommen.<br \/>\nDie User waren anonym, das war selbstverst\u00e4ndlich, und doch kannte man sich mit der Zeit.<br \/>\nDas Besondere an dem System war, dass man sich sozusagen hinaufarbeiten konnte, wer Ambitionen hatte, konnte es weit bringen. Erkennbar war der Status an einem K\u00fcrzelsystem mit Nummerierung der User-Accounts. So war der anfangs so bescheidene FeederBe95 innerhalb k\u00fcrzester Zeit zum FeederBe135 geworden, die Bewunderung der anderen war ihm gewiss.<br \/>\nEr selbst war als FeederIl103 ins Rennen gegangen, hatte also auch relativ weit unten angefangen, nach anf\u00e4nglichen Z\u00f6gerlichkeiten war er am derzeitigen Stand FeederIl159 angelangt, aber nun flott Richtung FeederIl165 unterwegs, ein ganz Gro\u00dfer unter Gleichgesinnten. Alle drei Monate wurde neu bewertet, gegen Ende der Frist verst\u00e4rkten sich seine Bem\u00fchungen wie von selbst, es war ein Spiel, wenn auch kein leichtes.<\/p>\n<p>Sie d\u00e4mmerte dahin, sah fern, schlief, a\u00df, trank au\u00dfer Alkoholischem auch einmal Cola oder Limonade, tat dem Stoffwechsel Gen\u00fcge, manchmal wankte sie ins Bad, bald schon aber \u00fcbernahm er das Waschen und betrachtete aufmerksam die immer \u00fcppiger werdenden Rundungen, H\u00fcgel, Berge fast.<br \/>\nDass sein Smartphone immer dabei war, fiel ihr nicht auf, oder es war ihr egal.<br \/>\nSie selbst besa\u00df kein Mobiltelefon, sie f\u00fcrchtete sich nat\u00fcrlich vor der Strahlung, als ob die ihr etwas h\u00e4tte anhaben k\u00f6nnen! Ihm war es recht, so war sie keinem schlechten Einfluss anderer ausgesetzt (abgesehen davon, dass sich ihr Bekanntenkreis in der Zeit der Arbeitslosigkeit und mit der steigenden Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr Phobien ohnehin rasch auf null reduziert hatte).<\/p>\n<p>Dann, mitten im sch\u00f6nsten Einvernehmen, ein Aufstand! Sie war aufgestanden, das f\u00fcr sich genommen schon eine kleine Sensation in jenen Tagen der Ruhe und des Friedens. Hatte seine Einkaufsabwesenheit dazu gen\u00fctzt, sich selbst zu waschen und zu k\u00e4mmen und sich sogar sauberes Gewand anzuziehen, der Himmel wei\u00df, wie sie das geschafft hatte, mit ihrer permanenten Kreislaufschw\u00e4che, dem Schwindel und den gut hundert \u00fcberz\u00e4hligen Kilos.<br \/>\nNoch schlimmer aber war, was sie ihm als Vorschlag unterbreitete: Abnehmen wolle sie, im Fernsehen habe sie eine Werbung f\u00fcr eine neue Di\u00e4t gesehen, das wolle sie versuchen.<br \/>\nEr fuhr schwere Gesch\u00fctze auf, Lebensgefahr bei Anwendung der Wundermittel sei gegeben, er als Pfleger wisse, wovon er spreche. Sie schien eingesch\u00fcchtert zu sein, aber nicht genug.<br \/>\nImmer wieder kehrte diese hartn\u00e4ckige fixe Idee im Laufe der n\u00e4chsten Wochen zur\u00fcck, er musste sich schon sehr zur\u00fcckhalten, nicht zornig zu werden.<br \/>\nSogar die Essensaufnahme verweigerte sie, zumindest eine der sieben t\u00e4glich liebevollst zubereiteten Mahlzeiten verschm\u00e4hte sie, er war zutiefst getroffen.<br \/>\nWenn das so weiterging, konnte er den Status FeederIl165 f\u00fcrs Erste vergessen.<\/p>\n<p>Manchmal geschahen solche Dinge im Forum, ihm hatten die armen Teufel immer leidgetan, jetzt betraf es ihn. Wie hatte er sie nur so falsch einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen? In ihr regte sich ein immanenter Widerstandsgeist, er hatte nicht gewusst, dass sie so etwas \u00fcberhaupt besa\u00df.<br \/>\nEin f\u00fcr alle Mal musste Schluss sein mit diesen M\u00e4tzchen.<\/p>\n<p>An diesem Tag er\u00f6ffnete er ihr, dass er genug davon habe, alles, wirklich alles f\u00fcr sie zu tun, sie wisse es nicht genug zu sch\u00e4tzen, er brauche jetzt auch einmal Urlaub, er werde sich eine Auszeit aus diesem Jammertal g\u00f6nnen.<br \/>\nSie solle sehen, wie sie ohne ihn zurechtkomme. In vierzehn Tagen komme er voraussichtlich zur\u00fcck, er hoffe sehr, sie habe sich ihr Verhalten bis dahin vor Augen gef\u00fchrt und sei endlich wieder zu der Frau geworden, in die er sich verliebt habe.<br \/>\nSprach\u2019s und schwang sich aufs Fahrrad, den Rucksack und die Satteltaschen diesmal mit einigen Kleidungsst\u00fccken gef\u00fcllt.<br \/>\nWar guter Dinge, beim Zur\u00fcckkehren eine einsichtige Frau anzutreffen und hoffte nat\u00fcrlich auf den sofort nach der Normalisierung einsetzenden, m\u00f6glicherweise sogar Zugewinn bringenden Jo-Jo-Effekt.<\/p>\n<p>Was sich bei ihm w\u00e4hrend seines \u201eUrlaubs\u201c getan hat, insbesondere eine ungew\u00f6hnliche Zugfahrt, ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>Nun aber kehrt er frohgemut zur\u00fcck, hat die Kleidungsst\u00fccke fortgeworfen, um genug Platz f\u00fcr Essen in seinen Packtaschen zu haben (sie wird sicher hungrig sein nach all den Tagen ohne ihn&#8230;) und radelt keuchend den Berg zum H\u00e4uschen hinan.<\/p>\n<p>Viel zu sp\u00e4t sieht er den Rettungswagen in der Einfahrt, dieser ist aber schon am Abfahren und die beiden M\u00e4nner, die er im Wagen ersp\u00e4ht, beachten ihn nicht, sie fahren ziemlich rasch an ihm vorbei, streifen ihn beinah.<\/p>\n<p>Die Sorge um seine Gef\u00e4hrtin weicht abrupt, als er in das verkniffene Gesicht eines Uniformierten blickt.<br \/>\nSofort wird er mit der herausgepressten Frage konfrontiert: Sind Sie Volker Habermann? (Kein Abwarten der Antwort.) Sie sind verhaftet wegen des dringenden Verdachts auf Freiheitsentzug und vors\u00e4tzlicher K\u00f6rperverletzung an Frau Ilse Bachl. Sie kommen jetzt mit.<br \/>\nDer Polizeiwagen wartet hinter dem Haus.<\/p>\n<p>Viel sp\u00e4ter sollte er erfahren, wer ihm zu seinem Platz im Untersuchungsgef\u00e4ngnis verholfen hatte. Aber die Gef\u00e4ngnis-Geschichte ist eine eigene. Eine ganz eigene.<\/p>\n<p>Der User Feedher4ever war immer schon ein Exot in der Community gewesen, ein Koch, der den Austausch von Fotos, insbesondere von heimlich geschossenen, strikt ablehnte und deswegen immer wieder f\u00fcr Wirbel in der Truppe sorgte. Auch das Z\u00e4hlsystem fand er widerw\u00e4rtig, und er hatte sich immer wieder gegen die ausgefuchstesten Wiegesysteme ausgesprochen, sein Status war ihm schlichtweg egal. Manchmal hatte er es sogar geschafft, die Gruppe dahingehend ein bisschen zu demoralisieren. Volker mochte ihn auch vor der Anzeige nicht.<\/p>\n<p>Als Feedher4ever aus der Forums-Kurzmeldung von FeederIl159 erfahren hatte, dass dieser das Weite suchen wollte und seine Gef\u00e4hrtin hilflos (und ohne Essen) alleine zur\u00fcckzulassen gedachte, verst\u00e4ndigte er die Polizei, diese holte nach erfolgreicher Datenrecherche (Gott wei\u00df, welche Gesetze sie dabei gebrochen haben) die Rettung zu Hilfe. Ein Verr\u00e4ter, wie er im Buche steht. Volker hat nun viel Zeit, sich eine gerechte Strafe f\u00fcr den \u00dcbelt\u00e4ter auszudenken, auch f\u00fcr dieses undankbare Weib, der geht es bestens, hat er vernommen, und drei\u00dfig Kilo weniger hat sie angeblich auch schon. Also ist sie zumindest nicht an den verfluchten Feedher4ever geraten, so viel steht fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=426\">schr\u00e4g &amp; abgedreht<\/a> | Inventarnummer: 13020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum f\u00fctterst du mich mit Schokolade? Das hatte sie nur am Anfang gefragt, inzwischen stellte sie die Frage nicht mehr. Damals war sie es nicht gewohnt gewesen, dass jemand lieb zu ihr war, Spa\u00df daran hatte, sie zu verw\u00f6hnen. 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