{"id":18975,"date":"2024-10-31T14:36:38","date_gmt":"2024-10-31T14:36:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=18975"},"modified":"2024-11-10T08:54:40","modified_gmt":"2024-11-10T08:54:40","slug":"der-wind-der-julier","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=18975","title":{"rendered":"Der Wind der Julier"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts18975&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts18975&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Mathilda zieht sich ein zweites Paar Wollsocken \u00fcber ihre Schlafsocken an und in eine dicke Lammfelljacke geh\u00fcllt sch\u00fcrt sie das Feuer im Ofen der Stube. Die K\u00e4lte wollte in diesem Winter nicht weichen, seit Wochen war das Tal von einer dichten Schnee- und Eiskruste verh\u00fcllt. Ihre Finger sind klamm und steif, und sie kann nur mit M\u00fche Wasser in den Kessel f\u00fcllen. Aus der Kammer nebenan h\u00f6rt sie leises Wimmern und Husten, die Tochter ist wach. Augustin, der Hund, der in diesem Winter im Haus schlafen darf und der in einer Ecke zusammengerollt geschlafen hat, erhebt sich und tapst zum Bett der Kleinen. Ihm entgeht es nie, wenn ein Kind von Mathilda in N\u00f6ten ist.<\/p>\n<p>Aus einigen Lagen Decken und Fellen holt Mathilda die kleine Agatha hervor, zieht Haube, F\u00e4ustlinge und \u00dcberwurf fest um das M\u00e4dchen und stillt das fiebernde Kind. Matthias, der drei Jahre \u00e4ltere Bruder, der im anderen Bett des Zimmers liegt, \u00f6ffnet die Augen und steckt sich den Daumen in den Mund. Das Feuer knistert im Ofen, Wasserdampf steigt aus dem Kessel auf und taucht den kleinen, dunklen, verru\u00dften Raum in einen feinen Nebel, das Kerzenlicht am Tisch flackert.<\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen heute Holz sammeln und Hagebutten ernten, Matthias, h\u00f6rst du? Du musst mir helfen. Agatha braucht Hagebuttentee, damit sie gesund wird. Unsere Vorr\u00e4te gehen zur Neige und der Winter ist hartn\u00e4ckig in diesem Jahr.\u201c<\/p>\n<p>Matthias h\u00fcpft von der Pritsche und zieht sich rasch an. Aus der Truhe neben dem Tisch holt er Brot und K\u00e4se, ein kleines St\u00fcck Ger\u00e4uchertes und zwei Becher. Mathilda beobachtet ihren Sohn liebevoll und atmet tief durch. Seit dem Tod ihres Mannes im Herbst davor konnte sich ihr Herz nur mehr selten erw\u00e4rmen, und wenn, dann nur durch den Anblick der beiden Kinder.<\/p>\n<p>Nachdem Mathilda die H\u00fchner, Schafe und Schweine im Stall nebenan gef\u00fcttert hat, setzt sie sich mit ihrem Sohn an den Tisch und sie essen die sp\u00e4rliche Mahlzeit. Seit Wochen sind sie und der Kleine hungrig aufgewacht und hungrig zu Bett gegangen. Zum Gl\u00fcck hatte sie noch genug Milch in ihren Br\u00fcsten f\u00fcr die kleine Agatha.<\/p>\n<p>Ein sachtes, dunkles Knarzen und gleichm\u00e4\u00dfiges Poltern ist aus der Richtung des Dobratsch zu h\u00f6ren, als sich Mutter und Kinder auf den Weg machen. Die Tochter fest eingeh\u00fcllt und mit T\u00fcchern an ihren Bauch festgebunden, stapfen sie mit hohen Stiefeln durch den Schnee.<\/p>\n<p>\u201eHast du das geh\u00f6rt, Matthias? Dobraci grummelt wieder!\u201c Der Sohn sieht seine Mutter an und sch\u00fcttelt leicht den Kopf. \u201eNein, Mutter, ich h\u00f6re nichts.\u201c Sie marschieren entlang des teilweise vereisten Flusses und die Wasserkristalle an der Oberfl\u00e4che bilden einen glitzernden Nebel. Langsam n\u00e4hern sie sich dem Fu\u00dfe des Berges, an dessen Hang Hundsrosen wachsen. Der Hund bleibt schwanzwedelnd vor ihnen stehen und h\u00e4lt inne. Hebt einen Fu\u00df und lauscht. Auch er scheint etwas im Inneren des Berges zu vernehmen. Mathilda stellt den kleinen Korb hin und Sohn und Mutter pfl\u00fccken die letzten Hagebutten der Str\u00e4ucher. Augustin streift durch die B\u00fcsche und sucht nach Beute, er muss sich selbst versorgen.<\/p>\n<p>Wieder knarzt und pocht es aus dem Berg, die Erde scheint leicht zu beben und der Hund schie\u00dft nun winselnd aus dem Geb\u00fcsch. Ein starker Wind zieht \u00fcber die Julischen Alpen kommend in ihre Richtung und wirbelt Schnee auf. Das Kopftuch von Mathilda entschwindet in die L\u00fcfte.<\/p>\n<p>\u201eWas ist das, Mutter? Kommt ein Schneesturm?\u201c, der Sohn klammert sich an das Kleid der Mutter und schiebt sich den Daumen in den Mund. \u201eIch wei\u00df es nicht, Matthias. Ich h\u00f6re den Groll des Dobraci schon l\u00e4nger poltern. Jede Nacht werde ich wach davon.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas sprichst du da, Frau! Was f\u00fcr einen Groll h\u00f6rst du?\u201c Der Bauersfrau n\u00e4hert sich mit Riesenschritten der Pater des Dorfes, der wohl ihren letzten Satz noch vernommen hat.<\/p>\n<p>\u201eGott zum Gru\u00dfe, Hochw\u00fcrden.\u201c Sie senkt ihren Kopf und dr\u00fcckt ihre Kinder an sich.<\/p>\n<p>\u201eWas treibt dich hier heraus bei diesem Wetter, Witwe? Und wieso ist dein Haupt nicht bedeckt?\u201c Der Pater stemmt seine F\u00e4uste in die Seiten, unter seiner dicken Lammfelljacke quillt ein beachtlich gro\u00dfer Bauch hervor. Seine buschigen Augenbrauen sind zusammengezogen und seine hellgrauen Augen funkeln. Mit einer hastigen Bewegung fegt er dem Jungen die M\u00fctze vom Kopf. \u201eBenehmen, meine Junge! Benehmen! Nimm die M\u00fctze ab, wenn ich mit euch spreche!\u201c Mathilda dr\u00fcckt ihren Sohn an sich und blickt dem Pastor nun in die Augen, ihr Kinn leicht nach vor gereckt, atmet sie tief ein und aus und die Atemluft malt Kringel in die Sph\u00e4re.<\/p>\n<p>\u201eMeine Tochter Agatha hat seit Tagen Fieber, Hochw\u00fcrden. Wir suchen hier nur Hagebutten f\u00fcr das kranke Kind, und Feuerholz f\u00fcr den Ofen, es geht zur Neige.\u201c Mit zittriger und etwas zischender Stimme schmei\u00dft sie dem Pfarrer die Worte vor die F\u00fc\u00dfe. Dieser kratzt sich am Ohr und macht einen Schmollmund.<\/p>\n<p>\u201eSoso, Hagebutten. Die Witwe hat Kr\u00e4uterwissen? Ist sie gar im Pakt mit dem Teufel, Ketzerei? Und warum war sie mit den Kindern nicht beim letzten Gottesdienst?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch sagte doch, dass die Kleine krank ist. Ich konnte deshalb nicht zur heiligen Messe.\u201c Der Pastor stapft zwei Schritte n\u00e4her an Mathilda heran, sodass er dicht vor ihr zu Stehen kommt. Sein weingetr\u00e4nkter Atem schl\u00e4gt ihr ins Gesicht. Die kleine Agatha beginnt pl\u00f6tzlich zu husten und zu weinen, als der Pfarrer zu sprechen beginnt.<\/p>\n<p>\u201eDer Gutsherr hat mir berichtet, dass du die Abgaben als Hufenb\u00e4urin nicht mehr leisten kannst. Es hat den Anschein, als kommst du den Pflichten der Kindererziehung nicht ausreichend nach, sie zu gehorsamen, gottesf\u00fcrchtigen und bescheidenen Menschen zu erziehen! Ich rate dir, nach Einhaltung des Trauerjahres wieder zu heiraten, ansonsten nimmt das ein schlimmes Ende mit dir, Weib!\u201c Die letzten Worte spuckt er angewidert aus, er r\u00fcmpft die Nase und rotzt in den Schnee.<\/p>\n<p>Mathilda wendet sich j\u00e4h ab, greift nach dem Korb mit den Hagebutten und stapft mit ihren Kindern zur\u00fcck ins Dorf. Der Erdboden scheint nun wieder leicht zu beben und das Donnern aus dem Berg und der bei\u00dfende Wind aus den Julischen Alpen legt zu. In ihren Augen sammeln sich Zornestr\u00e4nen, sie wei\u00df es geschickt, sie zu unterdr\u00fccken: Kinn nach vor, R\u00fccken gerade, tief atmen.<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg muss sie an ihren verstorbenen Mann denken, der nach etlichen Jahren mit Missernten, eisig kalten Wintern und nach dem Heuschreckeneinfall vor drei Jahren den Mut nie verloren hat. Er war Bauer aus voller \u00dcberzeugung und beide schufteten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf dem kleinen Hof, um die Abgaben an den Gutsherren rechtzeitig leisten und um die Familie ausreichend ern\u00e4hren zu k\u00f6nnen. Sie wei\u00df, dass sie es alleine nur schwer schaffen kann, denn sie hat keine Unterst\u00fctzung von Nachbarn und Frauen aus der Umgebung, die sie nur als \u201edie fremde Frau aus Italien\u201c bezeichnen, weil sie die Sch\u00f6ne, Unnahbare war, die den heimischen Bauern geheiratet hat, den andere wollten.<\/p>\n<p>In der Nacht pfeift ein eisiger Schneesturm ums Haus, der an den Fensterl\u00e4den zerrt und das Vieh im Stall unruhig werden l\u00e4sst. Mathilda, Matthias und Agatha liegen eng aneinandergeschmiegt unter vielen Decken, der Hund liegt vor dem Bett, hechelt und spitzt die Ohren. Der Donner, der nun durchs Tal poltert, kommt nicht vom Himmel, er kommt aus dem Inneren des Berges. Mathilda kann es bis in ihre Magengrube f\u00fchlen. Tisch und St\u00fchle in der Stube nebenan zittern sachte, die Becher in der Truhe schlagen aneinander. Die Kinder schlafen, nur Mathilda, der Hund und das Vieh im Stall sind hellwach.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen liegt die Schneedecke dicht vor der Haust\u00fcr und eine grelle Wintersonne scheint vom Himmel, als w\u00e4re nichts gewesen. Einzig den Schafen, H\u00fchnern und Schweinen ist nicht wohl zumute und der Hund l\u00e4uft aufgeregt um den Hof. Mathilda bereitet Hagebuttentee und der Sohn holt die letzten Brot- und K\u00e4sereste aus der Truhe. Die Kirchenglocken rufen zum Morgengebet und die Dorfbewohner stapfen durch die Schneewehen zur Messe.<\/p>\n<p>Mathilda tritt vor das Haus und ihre Blicke schweifen \u00fcber den eindrucksvollen Dobratsch, der sich wie ein Herrscher \u00fcber das Tal zu beugen scheint. Weiter westlich liegen die Julischen Alpen, die Julier, die nun von der Sonne hell ausgeleuchtet im Hintergrund verharren, als h\u00e4tten sie noch etwas zu erledigen an diesem Tag. Wieder sp\u00fcrt Mathilda ein leichtes Beben unter ihren F\u00fc\u00dfen, ein beharrliches Knarzen und ein St\u00f6hnen vom Berginneren.<\/p>\n<p>\u201eWas ist denn blo\u00df los, Dobraci?\u201c, fl\u00fcstert sie. Eine pl\u00f6tzliche \u00dcbelkeit macht sich in ihr breit und sie muss w\u00fcrgen. Ihr Herz beginnt zu rasen und der Atem stockt in ihrer Brust. Mathilda l\u00e4uft ins Haus, verstaut das sp\u00e4rliche Hab und Gut in ein gro\u00dfes Tuch, packt ihre Tochter ins Tragetuch und dr\u00e4ngt ihren Sohn zur Eile. Sie \u00f6ffnet die Stallt\u00fcr und entl\u00e4sst das Vieh in die Freiheit.<\/p>\n<p>\u201eMutter, Mutter, die Erde wackelt!\u201c, schreit der kleine Matthias. Sie laufen zur Kirche, rei\u00dfen die T\u00fcren auf und Mathilda ruft ins Gotteshaus: \u201eEin Erdbeben, sofort raus hier!\u201c<\/p>\n<p>Dann geht alles ganz schnell. Mathilda l\u00e4uft mit ihren Kindern und dem Hab und Gut das Dorf entlang Richtung Passstra\u00dfe. Sie wei\u00df, sie muss weg von hier. Einige Schafe und der Hund laufen hinter ihr her. Lautes Geschrei von den Dorfbewohnern ist zu h\u00f6ren, aber sie ist l\u00e4ngst auf dem Weg. Sie ist unterwegs in ihre alte Heimat Venetien, zu einem kleinen Dorf am Meer, w\u00e4hrend hinter ihr der Dobratsch zornig st\u00fcrzt. Einhundertf\u00fcnfzig Millionen Kubikmeter Gesteinsmassen sch\u00fcttet der Berg ins Tal hinab. Die nahe gelegene Stadt steht durch das Erdbeben in Flammen, Fl\u00fcsse treten \u00fcber die Ufer und Kl\u00f6ster, Kirchen und Gutsh\u00e4user werden zu Ruinen.<\/p>\n<p>Mathilda erreicht mit ihren Kindern nach zwei Tagen Fu\u00dfmarsch ihr Heimatdorf geschw\u00e4cht, aber lebend. Der Zorn des Dobratsch hat ihr das Leben gerettet, denn einige Wochen sp\u00e4ter wird die Pest nach \u00d6sterreich ziehen und Jahrzehnte danach findet in K\u00e4rnten der erste Hexenprozess statt.<\/p>\n<p><em>Angelehnt an die wahre Begebenheit des Bergsturzes vom Dobratsch am 25. J\u00e4nner 1348.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 24179<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mathilda zieht sich ein zweites Paar Wollsocken \u00fcber ihre Schlafsocken an und in eine dicke Lammfelljacke geh\u00fcllt sch\u00fcrt sie das Feuer im Ofen der Stube. Die K\u00e4lte wollte in diesem Winter nicht weichen, seit Wochen war das Tal von einer dichten Schnee- und Eiskruste verh\u00fcllt. 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