{"id":18914,"date":"2024-10-19T12:35:27","date_gmt":"2024-10-19T12:35:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=18914"},"modified":"2024-12-15T09:52:01","modified_gmt":"2024-12-15T09:52:01","slug":"wind","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=18914","title":{"rendered":"Wind"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts18914&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts18914&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Wind weht mir ins Gesicht. Er mag warm oder kalt sein, das variiert, aber was besonders ist, ist, dass er mich stets bremst und niemals antreibt. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte ich etwas ganz Einfaches dagegen tun: Ich k\u00f6nnte mich umdrehen. Dann w\u00fcrde der Gegenwind zum R\u00fcckenwind werden. Aber das ist keine praktikable L\u00f6sung, denn dann l\u00e4ge mein Ziel in der Gegenrichtung und w\u00e4re gegenteilig zu meinem jetzigen. Das ist es doch auch, was der Mann, der den Wind schickt, beabsichtigt: mich von meinem Weg abzubringen. \u201eNein\u201c, rufe ich da, \u201eso leicht mache ich es dir nicht!\u201c Ich h\u00f6re den Wind links und rechts, und ich sp\u00fcre ihn. Ich stemme mich ihm entgegen, gehen kann ich nicht mehr. Ich stehe da und warte, dass er abklingt. \u201eWir werden sehen, wer den l\u00e4ngeren Atem hat\u201c, sage ich zu dem Mann, der den Wind schickt, \u201edu oder ich. Und was ist eigentlich, wenn ich blo\u00df stehenbleibe, ist es dann ein Unentschieden?\u201c \u201eNein\u201c, gibt der Mann, der den Wind schickt, zur\u00fcck. Seine Stimme ist wie der Wind selbst, sie scheint zu flie\u00dfen. \u201eDann habe ich gewonnen. Du gewinnst, wenn du das definierte Ende deines Weges erreichst. Aber sieh dich vor, junge Frau, ich bin ein \u00e4u\u00dferst starker Gegner.\u201c<\/p>\n<p>Es ist doch eine seltsame Gegend hier, \u00fcberlege ich. Nur der Weg bedeckt mit wei\u00dfen Kieselsteinen und links und rechts davon Gras und einige B\u00e4ume sind vorhanden. Es gibt keine Menschen, keine Menschen, keine H\u00e4user, keine Autos, nur den Mann, der den Wind schickt, mich selbst und eben den Wind. Die Szenerie wirkt, als sei sie nur f\u00fcr mich gemacht, unwirklich, doch f\u00fcr mich ist sie die Realit\u00e4t. Rechts oben sehe ich eine Zeitanzeige, 14:49 Uhr. Eigenartigerweise sehe ich nur die Zeit, aber kein Medium, das sie angibt. Dennoch wei\u00df ich daher, dass ich nicht tr\u00e4ume, denn in meinen Tr\u00e4umen gibt es keine Zeit.<\/p>\n<p>Vier Minuten sp\u00e4ter hat der Wind an Geschwindigkeit zugenommen. Der Mann, der den Wind schickt, hat also noch genug Kraft. Ich dachte, er m\u00fcsse sich unter den vielen Menschen, die er behelligt, aufteilen, doch wahrscheinlich l\u00e4uft es derart, dass jeder Mensch sich in seiner eigenen Landschaft befindet, und ebenso ist es nicht nur Wind, der ihn behindert oder antreibt, sondern wahlweise Regen, Schnee, Hagel, Sonnenschein oder Nebel. Der Mann, der den Wind schickt, kann sich daher jeder Person in ihrer Gegend mit voller Aufmerksamkeit und maximaler Kraft widmen, ebenso die Frauen des Regens und des Hagels, die Schneefrau, die Sonnenfrau und die Nebelfrau.<\/p>\n<p>Mittlerweile bl\u00e4st der Wind so stark, dass ich mich auf den Bauch lege. Nun ist die Angriffsfl\u00e4che des Windes bei mir gering. So kann ich einige Zeit warten. Aber was ist, wenn ich etwas essen oder trinken muss, Wasser lassen oder meine Notdurft verrichten? Wann habe ich eigentlich das letzte Mal gegessen, getrunken oder war auf dem WC? Es f\u00e4llt mir nicht ein, ich habe keine Ahnung. Kann es sein, dass in dieser meiner speziellen Landschaft alle meine K\u00f6rperfunktionen ausgeschaltet sind? Durchaus, antworte ich mir im Geist.<\/p>\n<p>Ich presse meinen K\u00f6rper also gegen den Boden aus wei\u00dfen Kieselsteinen und darunter Erde. Ich kann nichts anderes tun, als zu warten. Die Zeit kommt mir lang vor, was sie nicht ist, sie ist nur die Zeit. Mittlerweile ist es 18:32 Uhr. Der Wind hat nichts an seiner St\u00e4rke verloren. Bald wird die Nacht hereinbrechen. Ich habe das Gef\u00fchl, dass es auch morgen nicht besser sein wird, auch \u00fcbermorgen nicht, dass ich dem Mann, der den Wind schickt, ausgeliefert bin.<\/p>\n<p>Habe ich etwas zu verlieren? Nein. Deshalb spreche ich ihn an: \u201eMann, der du den Wind schickst, kannst du nicht in meinen R\u00fccken wehen?\u201c Sehr bald h\u00f6re ich seine Stimme, die in den Wind eingebettet ist, in wechselnder Lautst\u00e4rke: \u201eLiebe Marlene, diesmal bin ich es, der sagt: ,Nein, so leicht mache ich es dir nicht!\u00b4 Das Leben ist doch keine Rutsche, die einen ohne Anstrengung ans Ziel f\u00fchrt. Man muss sich sein Gl\u00fcck oder was auch immer verdienen. Das findest du doch sicherlich auch, liebe Marlene, nicht?\u201c Was soll ich antworten? Ich kann entweder gar nichts sagen oder Ja. Ich sage \u201eJa.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGut, du bist ja ein verst\u00e4ndiges M\u00e4dchen\u201c, erwidert nun der Mann, der den Wind schickt. \u201edeshalb will ich dir auch entgegenkommen. Eine M\u00f6glichkeit existiert, wie dein Vorankommen viel weniger m\u00fchsam sein kann. Kannst du dir vorstellen, welche das ist?\u201c \u201eNein, keine Ahnung\u201c, gebe ich zur\u00fcck. \u201eIndem es mich nicht gibt\u201c, sagt der Mann, der den Wind schickt. \u201eDabei ist allerdings zu beachten, dass sich auch die Szenerie \u00e4ndert, in der du dich befindest. Woraus sich ergibt, dass dein Vorankommen nur theoretisch leichter sein kann. Verstehst du das, Marlene?\u201c Ich bin doch nicht bl\u00f6d. \u201eNat\u00fcrlich verstehe ich das\u201c, sage ich.<\/p>\n<p>\u201eSch\u00f6n, liebe Marlene, willst du, dass ich mich zur\u00fcckziehe? Soll ich verschwinden? \u00dcberlege deine Antwort gut\u201c, sagt der Mann, der den Wind schickt. \u201eJa, auf jeden Fall\u201c, entgegne ich schnell, \u201eich will, dass es dich nicht mehr gibt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDein Wunsch sei dir erf\u00fcllt\u201c, sagt der Mann, der den Wind schickt, und danach nichts mehr.<\/p>\n<p>Jetzt befinde ich mich auf einem Einhandsegelboot mitten im Pazifik. Ich bin auf einer Solotour. Es herrscht absolute Flaute.<\/p>\n<p>Der Mann, der den Wind schickt, hat mich reingelegt.<\/p>\n<div id=\"attachment_18916\" style=\"width: 601px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Viele-Heliumballons-im-Wind-beim-roten-RENAULT-dCi-150-von-der-Seite.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18916\" class=\"size-full wp-image-18916\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Viele-Heliumballons-im-Wind-beim-roten-RENAULT-dCi-150-von-der-Seite.jpg\" alt=\"Viele Heliumballons im Wind beim roten RENAULT dCi 150, von der Seite\" width=\"591\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Viele-Heliumballons-im-Wind-beim-roten-RENAULT-dCi-150-von-der-Seite.jpg 591w, http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Viele-Heliumballons-im-Wind-beim-roten-RENAULT-dCi-150-von-der-Seite-300x203.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 591px) 100vw, 591px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18916\" class=\"wp-caption-text\">Viele Heliumballons im Wind beim roten RENAULT dCi 150, von der Seite<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: right;\">Johannes Tosin<br \/>\n(Text und Foto)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 24187<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wind weht mir ins Gesicht. 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