{"id":18557,"date":"2024-08-15T13:45:11","date_gmt":"2024-08-15T13:45:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=18557"},"modified":"2024-08-17T13:46:41","modified_gmt":"2024-08-17T13:46:41","slug":"cirrus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=18557","title":{"rendered":"Cirrus"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts18557&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts18557&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u00dcber den Tisch verstreut liegen Fotos. Ich nehme eines nach dem anderen in die Hand und betrachte sie. Schlie\u00dflich entscheide ich mich f\u00fcr einen Schnappschuss, den meine Tochter wenige Tage bevor sie nach Berlin umgesiedelt ist, gemacht hat. Auf dem Foto sitzt Cirrus, mein wundersch\u00f6ner Kater, aufrecht auf seinem Lieblingsplatz, der Fensterbank. Er blickt aus smaragdgr\u00fcntiefen Augen direkt in die Kamera. Die Abendsonne hinter ihm l\u00e4sst sein wei\u00dfes Fell schimmern und gl\u00e4nzen. Ich klebe das Foto auf ein gro\u00dfes Blatt Papier und schreibe darunter sorgf\u00e4ltig seine Vermisstenanzeige, lasse es dann sp\u00e4ter im Kopierladen vervielf\u00e4ltigen und verbringe den ganzen restlichen Tag damit, die Plakate auf s\u00e4mtliche Litfa\u00dfs\u00e4ulen, Baumst\u00e4mme und Mauern meiner Umgebung zu kleben.<\/p>\n<p>\u00ad\u2013 Zutraulicher wei\u00dfer Maine-Coon-Kater namens Cirrus seit 5.5. vermisst. Freig\u00e4nger, sieben Jahre alt, gechipt. Bitte melden Sie sich, wenn Sie ihn gesehen haben! Finderlohn! \u2013<\/p>\n<p>Diese Wortfolge samt meinem Vornamen und meiner Handynummer habe ich nicht nur auf das Papier geschrieben, ich habe sie verinnerlicht, da ich sie an diesem Tag wie ein Mantra st\u00e4ndig lautlos wiederholt habe.<\/p>\n<p>Cirrus\u2019 Verschwinden ist ein zus\u00e4tzliches Glied meiner Ungl\u00fcckskette, die sich, chronologisch aufgez\u00e4hlt, aus Folgendem zusammensetzt: meine Scheidung nach beinahe drei Jahrzehnten Ehe. Meine Pensionierung nach \u00fcber vierzig Jahren B\u00fcro. Der Tod meiner Eltern, die kurz hintereinander an Krebs starben. Der Auszug meiner Tochter in ihre Berliner WG. Der Abschied von meiner einzigen Freundin, die nun mit ihrem neuen Lebensgef\u00e4hrten in Neuseeland lebt. \u2013 Dies alles geschieht innerhalb von elf Monaten, eine Zeitstrecke, in der mich zunehmend das Gef\u00fchl beschleicht, dass dicht \u00fcber mir eine dunkle, bedrohliche Wolke h\u00e4ngt, eine d\u00fcstere Wolke, die mich \u00fcberallhin begleitet, eine Wolke, die immer tiefer zu mir sinkt, immer schwerer auf mir lastet.<\/p>\n<p>Es melden sich f\u00fcnf Menschen, die Cirrus gesehen haben wollen. Vier der Anrufe stellen sich als Fehlanzeige heraus. Der f\u00fcnfte Anruf aber bringt Gewissheit. Cirrus, mein wundervoller, geliebter Kater, ist \u00fcberfahren worden. Wie versteinert stehe ich vor dem reglosen, kleinen K\u00f6rper, der im Stra\u00dfengraben neben der Landstra\u00dfe liegt. Das junge M\u00e4dchen, das mich angerufen hat, meint mitleidig: \u201eDa hilft nur eines, glauben Sie mir, eine neue Katze &#8230;\u201c, und verstummt, als ich den Kopf sch\u00fcttle.<\/p>\n<p>Nein, das kommt f\u00fcr mich nicht in Frage. Cirrus, der mir seit sieben Jahren jeden einzelnen Tag durch seine sanfte, weiche Anwesenheit versch\u00f6nt hat, ist nicht ersetzbar. Die schwere Wolke \u00fcber mir senkt sich mehr und mehr, droht mich zu erdr\u00fccken. Es gibt nun Tage, da schaffe ich es nicht, unter ihrer Last aufzustehen. In dem Zustand, in dem ich mich nun befinde und aus dem ich nicht herausfinde, ergibt nichts mehr Sinn f\u00fcr mich. Ich isoliere mich, gehe kaum mehr au\u00dfer Haus.<\/p>\n<p>Es ist ein Sonntagvormittag, als mein Handy klingelt. Abgesehen von den Freitagabenden, an denen meine Tochter anzurufen pflegt, ist das Klingeln des Handys inzwischen ein \u00e4u\u00dferst seltenes Ger\u00e4usch geworden. Unbekannte Nummer, blinkt es am Display. Ich habe nicht vor, den Anruf anzunehmen. Es l\u00e4utet jedoch dreimal hintereinander, sodass ich schlie\u00dflich doch widerwillig annehme. Eine freundliche Frauenstimme antwortet auf mein etwas Schroffes:<br \/>\n\u201eJa, Anja spricht. Wer ist denn da?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGuten Tag, mein Name ist Carmen. Ich rufe wegen des Plakates an.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist l\u00e4ngst hinf\u00e4llig, danke, mein Kater ist gefunden worden\u201c, will ich mich rasch verabschieden.<\/p>\n<p>\u201eNein, nein, bitte warten Sie, Anja\u201c, sagt sie. \u201eEs geht um etwas anderes. Eine Frage, ist das Ihre Schrift auf dem Plakat?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, antworte ich irritiert. \u201eAber ich verstehe nicht, warum wollen Sie das wissen?\u201c<br \/>\n\u201eIch bin Grafologin. Und, kurz gesagt, ich finde Ihr Schriftbild sehr interessant. Darum habe ich gedacht, ich rufe Sie einfach mal an und frage Sie, ob Sie vielleicht Zeit f\u00fcr ein Treffen haben. Ich w\u00fcrde n\u00e4mlich zu gerne pers\u00f6nlich mit Ihnen besprechen, was an Ihrer Schrift so bemerkenswert ist.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcberrumpelt schweige ich einen Moment und \u00fcberlege. Die Stimme der Anruferin ist freundlich und angenehm, sie ist m\u00fchelos durch die dunkle Wolke zu mir durchgedrungen.<br \/>\n\u201eZeit h\u00e4tte ich schon\u201c, sage ich z\u00f6gernd. \u201eUnd neugierig haben Sie mich auch gemacht. Es ist nur so, ich befinde mich derzeit in keiner guten Verfassung.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, das kann ich verstehen\u201c, sagt sie ruhig. \u201eIch w\u00fcrde mich dennoch sehr \u00fcber ein Treffen freuen.\u201c<\/p>\n<p>Ich hole tief Atem und sage \u2013 mich damit selbst \u00fcberraschend \u2013 einem Treffen zu.<br \/>\nZwei Tage sp\u00e4ter sitzen wir uns tats\u00e4chlich in einem Gastgarten gegen\u00fcber. Wir trinken Wei\u00dfwein. Carmen ist so, wie ihre Stimme am Telefon auf mich gewirkt hat: ein zugewandter, freundlicher Mensch. Sie bem\u00fcht sich, mir mein Schriftbild zu erkl\u00e4ren, und ich h\u00f6re zu und versuche, zu verstehen. Ich h\u00f6re grafologische Ausdr\u00fccke wie Girlanden, Schlingen, Arkaden, finde diese komplexe Welt der Schrift interessant, f\u00fchle mich aber etwas \u00fcberfordert. Auch erschlie\u00dft sich mir nicht wirklich, was denn nun der eigentliche Grund von Carmens Anruf war.<\/p>\n<p>Carmen meint, dass meine Girlanden den ihren \u00e4hneln, und dass sie eine \u00dcbereinstimmung in unserer Lebensanschauung vermute. Sie legt ein von ihr vollgeschriebenes A4-Blatt neben mein Cirrus-Plakat, das sie von einem Baumstamm genommen hatte. Ich entdecke allerdings keine Spur von \u00c4hnlichkeit unserer Handschriften und sch\u00fcttle ratlos den Kopf, was Carmen zum Lachen bringt. Sie lacht so herzlich, dass ich mitlachen muss.<\/p>\n<p>Den wesentlichen Punkt f\u00fcr Carmens Anruf erfahre ich nicht bei diesem ersten, sondern bei einem unserer n\u00e4chsten Treffen: Als sie meine Vermisstenanzeige beim Spazierengehen gesehen hat, ist sie erschrocken \u00fcber die gro\u00dfen, die viel zu gro\u00dfen Abst\u00e4nde zwischen meinen W\u00f6rtern, sie erkannte in diesen mich gef\u00e4hrdende Abgr\u00fcnde der Isolation.<\/p>\n<p>Als mir klar wird, dass sie mich angerufen hat, weil sie sich um mich sorgte, bin ich ber\u00fchrt von der Tatsache, dass sich ein Mensch \u00fcber eine ihm v\u00f6llig fremde Person Gedanken macht.<br \/>\nBei diesem ersten Treffen aber streift Carmen dieses Thema nur kurz. Sie bemerkt nat\u00fcrlich, wie schlecht es mir geht, sieht meine H\u00e4nde zittern, sp\u00fcrt meine Anspannung.<\/p>\n<p>\u201eWie kam es eigentlich zu dem Namen Cirrus?\u201c, fragt sie bei einem zweiten Glas Wei\u00dfwein. \u201eDas hatte doch bestimmt seinen Grund.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, antworte ich nach kurzem Z\u00f6gern, \u201emein Kater kam zu seinem Namen, weil mich sein Fell, sein seidiges, wei\u00dfes Fell, an Federwolken, an Cirrus-Wolken eben, denken lie\u00df.\u201c<\/p>\n<p>\u201eCirrus-Wolken\u201c, wiederholt Carmen. \u201eFederwolken. Sch\u00f6n klingt das.\u201c<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelt mich ermutigend an, ber\u00fchrt mich kurz am Oberarm, und sagt dann leise:<br \/>\n\u201eErz\u00e4hle mir bitte, erz\u00e4hle mir von dir.\u201c<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend mir noch die Frage auf der Zunge liegt: \u201aAber, was denn \u2013 was soll ich denn von mir erz\u00e4hlen?\u2018, steigen pl\u00f6tzlich Erinnerungen in mir hoch, Bilder von fr\u00fcher, an die ich lange Zeit nicht gedacht habe, und ich beginne tats\u00e4chlich zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>\u201eIch denke gerade daran\u201c, sage ich, \u201edass ich als Kind am liebsten stundenlang auf der Wiese lag und in den Himmel zu den Wolken sah. Wolken faszinierten mich. Irgendwann sah ich zuf\u00e4llig in einer Ausstellung \u00d6lbilder und Aquarelle eines Wolkenmalers. Es waren beeindruckende Werke. Ich war derart begeistert davon, dass ich ebenfalls Wolken malen wollte. Tats\u00e4chlich bin ich in meiner Jugendzeit sehr oft mit meiner Staffelei auf einer Anh\u00f6he, im Garten, auf einer Wiese gesessen und habe unz\u00e4hlige Wolkenbilder gemalt \u2026\u201c<br \/>\n\u201eDas ist es\u201c, nickt Carmen zufrieden. \u201eIch wusste es. Es ist in deiner Schrift sichtbar: Du tr\u00e4gst eine starke Leidenschaft in dir, so wie auch ich, du f\u00fcr das Wolkenmalen, ich f\u00fcr die Grafologie.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNa ja, ehrlich gesagt, war das wohl fr\u00fcher bei mir der Fall, aber das liegt lange zur\u00fcck. Das letzte Bild, das ich gemalt habe \u2013 ich wei\u00df nicht mehr, wann das war, bestimmt vor der Geburt meiner Tochter.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh, wie schade!\u201c Carmen schaut mich betroffen an. \u201eDas muss dir doch schrecklich fehlen. Was ist passiert, dass du damit aufgeh\u00f6rt hast?\u201c<\/p>\n<p>Ich zucke die Schultern, denke nach. \u201eSo genau kann ich das nicht sagen, es gab keinen bestimmten Ausl\u00f6ser. Ich hatte wohl keine Zeit mehr daf\u00fcr, hatte anderes, hatte viel zu tun. Meine Familie, die Arbeit. Vielleicht war ein weiterer Grund, dass das Wolkenmalen schon vor Jahrzehnten etwas Veraltetes war, nichts, was andere interessierte. Es fand keine sonderliche Beachtung. Tja, niemand malte Wolken. Niemand au\u00dfer mir.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSo \u00e4hnlich ist es auch mit der Grafologie. Fr\u00fcher bekam ich viele Auftr\u00e4ge, doch das hat sich mit den Jahren ge\u00e4ndert. Ich hoffe, dass die Schriftenkunde nicht v\u00f6llig ausstirbt. Das w\u00e4re traurig, ist sie doch ein Spiegelbild unseres Selbst. Mich pers\u00f6nlich wird sie immer besch\u00e4ftigen. Das macht mir unglaublich viel Freude.\u201c<\/p>\n<p>Carmen sieht mich an.<\/p>\n<p>\u201eDenkst du daran, wieder mit dem Malen zu beginnen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, das habe ich bestimmt verlernt, bef\u00fcrchte ich\u201c, weiche ich aus.<\/p>\n<p>\u201eDann erlerne es doch wieder. Sei nachsichtig mit dir, sei geduldig. Mache dir doch dieses Geschenk.\u201c<\/p>\n<p>Ich schweige.<\/p>\n<p>\u201eJeder Mensch, der das Gl\u00fcck hat, seine Passion gefunden zu haben, sollte diese aus\u00fcben, wenn es m\u00f6glich ist. Findest du nicht auch, Anja? Was man liebt, das soll man tun.\u201c<\/p>\n<p>Sie sieht mich an, sieht meine Betroffenheit, wechselt feinf\u00fchlig das Thema.<\/p>\n<p>Als ich eine Stunde sp\u00e4ter nach Hause gehe, sp\u00fcre ich so etwas wie Zuversicht in mir, und ich freue mich dar\u00fcber, dass Carmen und ich bereits ein weiteres Treffen vereinbart haben. Die dunkle Wolke \u00fcber mir erscheint mir weniger d\u00fcster, weniger schwer. Die n\u00e4chsten Tage f\u00fchle ich mich unruhig, ich gehe viel spazieren. An einem sonnigen Nachmittag lege ich mich auf eine Decke in eine Wiese, sehe nach oben in den Himmel zu den Wolken.<\/p>\n<p>Am Morgen darauf stelle ich meine Staffelei im Wohnzimmer auf. Ich \u00f6ffne sperrangelweit das gro\u00dfe Fenster, r\u00fccke die Staffelei davor, mische die Farben, hole tief Atem und sehe hinaus, zum Himmel empor. Ich konzentriere mich und beginne damit, den Himmelsausschnitt, den ich sehe, auf die Leinwand zu malen. Schon bei den ersten Pinselstrichen f\u00fchle ich mich wunderbar lebendig \u2013 und ich bin best\u00fcrzt dar\u00fcber, so lange Zeit auf das Malen verzichtet zu haben. Nicht alles gelingt mir so, wie ich es gerne haben will, aber ich denke an Carmens Worte: \u201aSei nachsichtig mit dir, sei geduldig.\u2018<\/p>\n<p>Ich strenge mich an, bin mal unzufrieden, dann wieder einverstanden mit dem, was entsteht: ein Wolkenbild, das ich Carmen schenken werde, mein erstes Wolkenbild seit Jahrzehnten.<br \/>\nIch schlie\u00dfe kurz die Augen, und sp\u00fcre, dass eindeutig keine schwere, dunkle Wolke mehr \u00fcber mir ist. Und als ich meine Augen wieder \u00f6ffne, sehe ich wei\u00dfe W\u00f6lkchen, Cirrus-Wolken, auf meiner Leinwand und am Himmel dahinter schweben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2563\">kunst amoi schau\u2019n<\/a> | Inventarnummer: 24149<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den Tisch verstreut liegen Fotos. Ich nehme eines nach dem anderen in die Hand und betrachte sie. Schlie\u00dflich entscheide ich mich f\u00fcr einen Schnappschuss, den meine Tochter wenige Tage bevor sie nach Berlin umgesiedelt ist, gemacht hat. Auf dem Foto sitzt Cirrus, mein wundersch\u00f6ner Kater, aufrecht auf seinem Lieblingsplatz, der Fensterbank. 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