{"id":18509,"date":"2024-08-11T16:19:16","date_gmt":"2024-08-11T16:19:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=18509"},"modified":"2024-10-30T18:55:14","modified_gmt":"2024-10-30T18:55:14","slug":"wieder-single","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=18509","title":{"rendered":"Wieder \u201eSingle\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts18509&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts18509&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Ein Mann um die f\u00fcnfzig steht an einer Wand, h\u00e4lt eine Tafel mit der gro\u00dfen Nr. 2518 mit beiden H\u00e4nden vor die Brust. Man sieht nur sein Brustbild: Dreitagebart, Stoppelglatze, blauwei\u00df-gestreiftes Hemd mit aufgekrempelten \u00c4rmeln. Der Hintergrund ist unscharf.<\/em><\/p>\n<p>\u201eGuten Abend! Ich bin Insasse 2518 im gr\u00f6\u00dften \u00f6sterreichischen Gefangenenhaus. Wir sind fast eine Million Bewohner hier in der psycho-sozialen Haftanstalt <strong>\u201aZur Einsamkeit\u2018,<\/strong> mit Filialen in der ganzen Welt. \u2013 Nein, wir sind nicht hinter Mauern eingesperrt, wo denken Sie hin \u2013 es ist eine offene Anstalt!\u201c<\/p>\n<p><em>Die Kamera geht zur\u00fcck, man sieht ein etwas verschlamptes Wohnzimmer, einen Wandverbau mit TV und B\u00fcchern, vis-\u00e0-vis eine Couch, daneben ein Tisch mit vier Sesseln. Der Mann geht zum Tisch, wo einige Zeitungen liegen, eine Kaffeetasse mit Rand, ein Schneidbrett mit Brotkrumen, ein fettiges Pfandl auf einer Zeitung, eine Gabel und ein L\u00f6ffel. Der Mann dreht die Tafel um \u2013 vorne ist ein Hochzeitsfoto mit lachenden Gesichtern \u2013 und h\u00e4ngt sie an die Wand. Dann setzt er sich an den Tisch, legt die Unterarme auf die Platte und verschr\u00e4nkt die Finger:<\/em><\/p>\n<p>\u201eWir haben ja den modernen Strafvollzug; und die meisten wissen gar nicht, warum sie gestraft werden \u2013 sie haben ja nichts getan. <strong>Diese Idioten<\/strong> \u2013 genau deshalb sind sie ja hier, weil sie <strong>nichts <\/strong>getan haben! Das war ja auch mein Verbrechen:\u00a0 <strong>Ich habe 25 Jahre nichts<\/strong> <strong>getan! <\/strong>Nichts, um meiner Frau, die ich ja aus Liebe geheiratet habe, das Gef\u00fchl von W\u00e4rme, Lebensfreude und Geborgenheit zu geben. Immer war nur Arbeit und \u00dcberstunden und Sparen wichtig \u2013 das mit dem sch\u00f6nen Leben, f\u00fcreinander da zu sein, sich an den sogenannten kleinen Dingen zu freuen und so weiter \u2013 das hatte ja noch so unendlich viel Zeit! Zuerst muss eine Wohnung her \u2013 wenn man mit zwei Koffern in Untermiete anf\u00e4ngt, ist das ein langer Weg. Dann die ganze Einrichtung, das Leben wird nicht billiger, die Frau in den ersten Jahren beim Kind \u2013 als Alleinverdiener muss man da ganz sch\u00f6n strampeln. Ja, mit dem ersten Halbtagsjob der Frau ging es etwas leichter, aber der Kindergarten kostet auch was, und der alte VW ist ebenfalls nicht umsonst \u2013 doch sch\u00f6n langsam l\u00e4uft es besser.<\/p>\n<p>Und das Zusammenleben hat sich auch eingelaufen \u2013 n\u00e4mlich auseinander. Ganz unmerklich ist aus der eingleisigen Strecke eine zweigleisige geworden, weil die Gewohnheit, das viele Schuften und der Egoismus und die Gedankenlosigkeit eine Eigendynamik entwickelt haben. Was der K\u00f6rper verlangt, holt man sich in einem grausam monotonen Ritual. Dann umdreh\u2019n und schlafen \u2013 wie sch\u00f6n. Dass die Frau, die einen mehr geliebt hat als sich selbst, die alles getan hat, um bei dir zu sein, ihr ganzes Leben nur mit diesem einen Ziel und Inhalt, die so viele N\u00e4chte auf dich gewartet hat, bis du endlich heimkommst, die von ihrem ohnehin nicht \u00fcppigen Wirtschaftsgeld monatelang ein paar Euro abgezwickt hat, um dir goldene Manschettenkn\u00f6pfe zu kaufen, die so lange wie ein Gebrauchsgegenstand ganz selbstverst\u00e4ndlich da war, dass diese Frau mit einem jungen K\u00f6rper und einem Herz voll ungen\u00fctzter Liebe nun mit gro\u00dfen, leeren Augen stundenlang jede Nacht neben dir liegt und sich verzweifelt fragt, ob das alles ist, was sie noch vom Leben erwarten kann, und was sie falsch gemacht hat, dass sie so lieblos behandelt wird \u2013 was hei\u00dft behandelt \u2013 <strong>ignoriert wird!<\/strong> Lieblos \u2013 das ist das Wort \u2013 ohne Liebe! Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern lieblos.<\/p>\n<p>Experten sagen, dass sogar eine negative Zuwendung besser ist als Gleichg\u00fcltigkeit und Weggeschobenwerden. Wenn man mit jemandem streitet, nimmt man ihn wenigstens ernst, man kann seine Sicht der Dinge, seine Gef\u00fchle vorbringen \u2013 es ist nicht unm\u00f6glich, sich zu vers\u00f6hnen, sich ersch\u00f6pft anzusehen und in einem langen Atemzug zu erinnern, dass man viel zu verlieren hat, \u2026 und sich schlussendlich zu fragen, warum man sich gegenseitig so ankeift? Na ja, das w\u00e4re ein unwirklich sch\u00f6nes Happyend in einem Film. Genau: unwirklich! Weil meistens dominiert das langj\u00e4hrige unnachgiebige Betonieren der eigenen Standpunkte! Aus die Maus! Aber wenigstens fragen h\u00e4tt\u2019 ma sollen!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Robert M\u00fcller<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a>| Inventarnummer: 24143<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Mann um die f\u00fcnfzig steht an einer Wand, h\u00e4lt eine Tafel mit der gro\u00dfen Nr. 2518 mit beiden H\u00e4nden vor die Brust. Man sieht nur sein Brustbild: Dreitagebart, Stoppelglatze, blauwei\u00df-gestreiftes Hemd mit aufgekrempelten \u00c4rmeln. Der Hintergrund ist unscharf. \u201eGuten Abend! Ich bin Insasse 2518 im gr\u00f6\u00dften \u00f6sterreichischen Gefangenenhaus. 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