{"id":18449,"date":"2024-07-25T18:49:11","date_gmt":"2024-07-25T18:49:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=18449"},"modified":"2024-07-28T07:31:26","modified_gmt":"2024-07-28T07:31:26","slug":"es-fuehlt-sich-richtig-an","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=18449","title":{"rendered":"Es f\u00fchlt sich richtig an"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts18449&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts18449&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Pl\u00f6tzlich ist es still im Zimmer. Ich sehe von meiner Zeichnung auf, sehe dich ruhig in deinem Lieblingseck des Sofas sitzen, dein Oberk\u00f6rper aufrecht, die Beine angezogen, in der Hand die Fernbedienung. Du hast den Fernseher auf lautlos geschaltet. Auf dem Bildschirm bewegen sich die Schauspieler in ihren Rollen, \u00f6ffnen und schlie\u00dfen ihre M\u00fcnder, fisch\u00e4hnlich.<\/p>\n<p>\u201eIch m\u00f6chte dich etwas fragen\u201c, sagst du leise, \u201eetwas Wichtiges.\u201c<\/p>\n<p>Du siehst mich nun an, deine Augen gl\u00e4nzen, du streichst eine Haarstr\u00e4hne aus der Stirn. Ein heller Schimmer liegt auf deinem Gesicht, deinem Haar. Du strahlst eine derartige Intensit\u00e4t aus, dass ich nicht anders kann, als in das Fach unter dem Couchtisch und zu jenem Zeichenblock zu greifen, in welchem sich ausschlie\u00dflich Skizzen von dir befinden, schiebe den anderen Block beiseite, schlage rasch deinen, den Lena-Block, auf und beginne dich zu skizzieren. Augenbrauen, Nase, Augenlider \u2026<\/p>\n<p>\u201eNein, nicht jetzt, bitte, lege es weg\u201c, sagst du, und verwundert lasse ich den Bleistift sinken. Noch nie hat dich gest\u00f6rt, dass ich zeichne, w\u00e4hrend wir miteinander reden. So hast du mich kennengelernt, vor gut einem Jahr, in der Bibliothek: zeichnend, hast dich unter anderem auch deswegen in mich verliebt, so sagtest du mir Wochen sp\u00e4ter. Ja, es geh\u00f6rt zu mir, ich zeichne, wenn m\u00f6glich, immer und \u00fcberall, ob zuhause oder unterwegs, immer.<\/p>\n<p>\u201eWas ist, Lena? Nun sag doch, was willst du mich fragen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, also, wen hast du vorhin im Park gesehen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eVorhin im Park? Ich verstehe nicht, wir haben doch die selbe Person gesehen, die alte Frau unter der Stra\u00dfenlampe. Hier!\u201c<\/p>\n<p>Ich halte dir den Skizzenblock hin, nicht den Lena-Block, sondern den anderen, in welchen ich sogleich, nachdem wir nach Hause gekommen waren, das im Park Gesehene zu \u00fcbertragen begonnen habe.<\/p>\n<p>Auf dem ersten Blatt die Skizzierung einer alten Frau, unter dem Licht einer Stra\u00dfenlampe stehend, und von uns beiden, die wir vom Parkeingang aus auf die Frau zukommen, diskutierend, beinahe streitend.<\/p>\n<p>Wir debattierten \u00fcber Jasmin und Ben, bei denen wir zuvor zu Besuch gewesen sind, und die sich in letzter Zeit, insbesondere seit der Geburt ihres Babys, so sehr ver\u00e4ndert haben. Konservativ, klein-denkend sind sie geworden, Ben sowieso, aber auch Jasmin, meine Schwester, die ich doch von Kindheit an als Freigeist kenne. Aber diese Jasmin ist nicht mehr vorhanden, kreative Arbeit kein Thema mehr f\u00fcr sie, sie geht nun voll und ganz in ihrer Mutterrolle auf. Von Kinderp\u00e4dagogik spricht sie nun, von Mutter-Kind-Gruppen, kein Wort mehr von ihren k\u00fcnstlerischen Projekten.<\/p>\n<p>Mein Bleistift flog in ihrer \u00fcberheizten Wohnung \u00fcber gut dutzend Bl\u00e4tter, ich zeichnete und zeichnete: das Dauerl\u00e4cheln, mit dem Ben und Jasmin ihr Kind bedachten, die Pl\u00fcschtiere, die Spielsachen, die stillende Jasmin, Bens Doppelkinn, das l\u00e4chelnde, das schreiende, das schlafende Baby. Und dich, wie du dies alles wohlwollend betrachtest. \u201eIch freue mich sehr f\u00fcr euch\u201c, hast du mehrmals beteuert.<\/p>\n<p>\u201eSie ist gl\u00fccklich, sie liebt ihr neues Leben\u201c, hast du Jasmin auf dem Nachhauseweg verteidigt und den Kopf gesch\u00fcttelt, als ich meinte, wie unecht, wie gespielt alles auf mich gewirkt hat.<\/p>\n<p>\u201eNur, weil Jasmin sich ver\u00e4ndert hat, nur, weil du einen anderen Lebensentwurf, eine andere Einstellung hast, gibt dir das nicht das Recht, andere Lebensweisen geringer zu sch\u00e4tzen\u201c, hast du gesagt.<\/p>\n<p>Als wir dann die alte Frau unter der Stra\u00dfenlaterne sahen, h\u00f6rten wir zu diskutieren auf. Zu unwirklich wirkte die Szene. Die Frau stand unter dem Lichtkegel wie unter einem Spotlight, wei\u00dfes leuchtendes Haar, gut gekleidet, charismatisch. Die Arme hochgeworfen, deklamierte sie mit lauter, melodischer Stimme Shakespeare. Doch etwas war irritierend an ihrer Haltung, an ihren Bewegungen, und dieser Eindruck verst\u00e4rkte sich beim N\u00e4herkommen.<\/p>\n<p>Du bl\u00e4tterst um, und du und ich betrachten meine zweite Skizze. Sie zeigt deutlich ein Flackern im Blick der Frau, etwas Unstetes, Verwirrtes. Ihr seltsam abwesender, beinahe versteinerter Gesichtsausdruck passt nicht zu ihrer theatralischen Gestik.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Skizzen zeigen eine desorientierte alte Frau, fern jeder Realit\u00e4t, eine, die ein Stra\u00dfenlicht mit einem Scheinwerfer verwechselt, die einen Gehsteig zu ihrer B\u00fchne erkl\u00e4rt. Um ihre gesamte Erscheinung ein Schleier von Verlorenheit.<\/p>\n<p>Du siehst dir alle Skizzen an.<\/p>\n<p>\u201eUnd ihren Begleiter?\u201c, fragst du dann leise. \u201eIhn hast du nicht gezeichnet?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIhren Begleiter?\u201c<\/p>\n<p>Ich denke nach. Ja, da war noch jemand. Ein alter Mann. Ich habe seine leise Stimme hinter mir geh\u00f6rt. Du hast mit ihm geredet, minutenlang oder auch l\u00e4nger, ich wei\u00df es nicht, war ausschlie\u00dflich damit besch\u00e4ftigt, mir jedes Detail dieser faszinierenden alten Frau einzupr\u00e4gen, sie innerlich zu fotografieren, wie du es nennst.<\/p>\n<p>\u201eDu hast ihn gar nicht wahrgenommen. Du hast ihn gar nicht angesehen\u201c, sagst du, deine Stimme klingt traurig.<\/p>\n<p>Du stehst abrupt auf, gehst unruhig im Zimmer auf und ab, barfu\u00df.<\/p>\n<p>\u201eIhr Mann, er hat mir viel erz\u00e4hlt. In der Art und Weise, wie alte Menschen mit einem reden, so, als ob sie dich schon ewig kennen w\u00fcrden. Er hat erz\u00e4hlt, dass sie seit Jahrzehnten ein Paar seien, dass sie fr\u00fcher tats\u00e4chlich Schauspielerin gewesen sei und nichts auf der Welt ihr so wichtig w\u00e4re wie die Schauspielerei, auch jetzt noch, trotz ihrer Demenz. Und f\u00fcr ihn, so hat er gesagt, g\u00e4be es nichts Wichtigeres als sie. Er h\u00f6re und sehe ihr so gerne zu. Fr\u00fcher, als sie auf der B\u00fchne spielte, und heute, wenn sie eben manchmal unter Stra\u00dfenlampen deklamiere.\u201c<\/p>\n<p>Du klatschst pl\u00f6tzlich in die H\u00e4nde.<\/p>\n<p>\u201eAch\u201c, rufst du laut, \u201ewas er nicht alles gesagt hat! Er sagte: Es gibt Menschen, die haben sich einer Sache verschrieben, mit Leib und Seele, mit Haut und Haar, und das darf man ihnen nie nehmen. Er sagte: Mit manchen dieser Menschen kann man unbeschadet leben, aber es gibt welche, von denen sollte man lieber lassen, wenn man sich selbst, wenn man sein eigenes Leben liebt.\u201c<\/p>\n<p>Ich habe l\u00e4ngst wieder einen Bleistift in der Hand, um dich auf Papier einzufangen, deine Art, auch mit den H\u00e4nden zu sprechen, die Schultern ein wenig hochzuziehen, den lebhaften, dann wieder nachdenklichen Ausdruck in deinem Gesicht, das Leuchten in deinen Augen.<\/p>\n<p>\u201eEr sagte: Ich liebe sie. Es f\u00fchlt sich richtig an, mit ihr, auch jetzt, in ihrem Zustand. Denselben Satz hat auch deine Schwester gesagt, als sie ihr Baby hielt: Es f\u00fchlt sich richtig an.\u201c<\/p>\n<p>Du bleibst vor mir stehen, wirfst einen kurzen Blick auf meine Zeichnung, siehst dann mich an. Du l\u00e4chelst.<\/p>\n<p>Ich zeichne dein L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>\u201eAch du\u201c, sagst du z\u00e4rtlich, \u201ewie lange wartest du schon insgeheim darauf, dass ich aufh\u00f6re zu reden, dass ich dich allein lasse, damit du beginnen kannst, deine Skizzen auf die Leinwand zu \u00fcbertragen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eLena, du kennst mich doch. Du wei\u00dft ja, dass ich nur malen kann, wenn ich ungest\u00f6rt, wenn ich allein bin.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, nat\u00fcrlich\u201c, sagst du. \u201eIch kenne dich.\u201c<\/p>\n<p>Du k\u00fcsst mich, gehst aus dem Zimmer, schlie\u00dft leise die T\u00fcr.<\/p>\n<p>Ich nehme meinen Skizzenblock, den mit der alten Frau im Park, gehe damit auf die Mansarde, zu meiner Staffelei, zu meinen Farben, in meine Welt.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen bist du nicht mehr da.<\/p>\n<p>Als ich sp\u00e4tabends von der Galerie nach Hause komme, sind alle deine Sachen weg, Kleidung, Laptop, B\u00fccher. Auf dem Holztisch in der K\u00fcche liegt ein neuer Skizzenblock. Daneben eine wei\u00dfe Leinwand, im f\u00fcr mich passenden Format, und, liebevoll arrangiert, Acrylfarben, Kohlestifte, Bleistifte, jene, die ich am liebsten verwende. Du kennst mich.<\/p>\n<p>Du hast mir keinen Brief, keine Nachricht hinterlassen.<\/p>\n<p>Ich schlage den neuen Block auf und beginne zu zeichnen. Ich skizziere deine Abwesenheit. Dein unbenutztes Lieblingssofaeck, das B\u00fccherregal, in dem deine B\u00fccher fehlen, die Wand ohne deine Fotocollagen, das leere Schuhregal. Ich zeichne dein Gesicht, den Glanz in deinen Augen, deine Hand, die eine Haarstr\u00e4hne aus der Stirn streicht, zeichne dich, barf\u00fc\u00dfig durch das Zimmer schreitend.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, im Mansardenzimmer, male ich dich auf dem Sofa sitzend, deine angewinkelten Beine, deinen aufrechten Oberk\u00f6rper. Es gelingt mir, den Schimmer deiner Haut, deines Haars wiederzugeben. Von der Leinwand aus siehst du mir direkt in die Augen.<\/p>\n<p>Es f\u00fchlt sich richtig an.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2563\">kunst amoi schau\u2019n<\/a> | Inventarnummer: 24139<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pl\u00f6tzlich ist es still im Zimmer. 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