{"id":1839,"date":"2014-11-20T08:21:17","date_gmt":"2014-11-20T08:21:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1839"},"modified":"2015-05-03T17:40:52","modified_gmt":"2015-05-03T17:40:52","slug":"atem-holen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1839","title":{"rendered":"Atem holen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1839&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1839&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Alles ist im Fluss, hei\u00dft auch nicht viel mehr als: Alles verl\u00e4uft sich, verrinnt, unterliegt dem Wandel. Andernfalls w\u00e4re Existieren die Verewigung des erstarrten Moments \u2013 das Schicksal der im Bernsteintropfen eingegossenen Urzeitfliege. Die Metapher vom \u201eFluss des Lebens\u201c \u2013 mag sie verfangen? Wo soll es denn m\u00fcnden, dieses m\u00e4andrierende Gewese? Etwa im Tod, von dem sich der Gl\u00e4ubige erhofft, er st\u00fcnde zwischen der Verhei\u00dfung eines Aufgehens in Gott und der irdischen Plackerei? Ist es Sarkasmus, zu monieren, die Zeit h\u00e4tte lediglich f\u00fcr Lebewesen Bedeutung und keineswegs f\u00fcr die Materie als solche, f\u00fcr das Universum als Ganzes? Lediglich.<br \/>\nSchwerm\u00fctig sollte man nicht in den Zug steigen. Man w\u00e4hlt einen Platz am Fenster und sieht ein in Gegenrichtung vor\u00fcberziehendes Landschaftsband. Darin die vertrauten Intarsien der Gesch\u00e4ftigkeit: Ackerrillen furchende Traktoren, \u00fcber Bauger\u00fcste turnende Maurer, rasende Automobile. Gro\u00dfe, wei\u00dfe V\u00f6gel staksen \u00fcber eine Wiese. Sind es St\u00f6rche? Kurz vor der Einfahrt in Wels l\u00e4uft auf der Fassade einer Fabrikhalle ein M\u00e4dchen mit abgerissenen Armen \u2013 f\u00fcr alle Zeiten in ihrer Dynamik festgefroren \u2013 auf den fl\u00fcchtigen Betrachter zu. Welchen Rat wollte man ihr zurufen?<br \/>\nHinter Haiding verzehren Maschinen einen Berg. Dieser Waldh\u00fcgel hie\u00df das Kranall oder Kronal. Der Name soll von den Kr\u00e4hen r\u00fchren, die mit den Kreisen ihrer Flugman\u00f6ver die Anh\u00f6he umflorten, die das verschwundene Gem\u00e4uer einer Feste getragen haben soll. Bald wird es den Berg nie gegeben haben. Die omin\u00f6se Burg hat es angeblich schon davor nie gegeben.<br \/>\nIrgendwo zwischen Neumarkt und Riedau wirft sich ein Mensch vor einen fahrenden Zug. Allen nachfolgenden beschert das einen aufgezwungenen Halt, da die Polizei die Ereigniszone f\u00fcr ihre Erhebungsarbeiten kurzfristig sperrt. In welcher Verzweiflung sich einer das antut, sich von anrollendem Stahl \u00fcber Gleisen f\u00f6rmlich zermanschen zu lassen?<\/p>\n<p>Sch\u00e4rding gilt als Durchfahrtsort auf dem Weg ins benachbarte deutsche Grenzland, als Molkereiadresse und Hochwasserzone allenfalls. Wer hier aussteigt, hat eine Weiterreise also wirklich nicht vor.<br \/>\nMan kann aber auch nach einem Ort sehen, den man vor Jahren einmal fl\u00fcchtig durchmessen hat und ihn als Ausgangspunkt nehmen den Inn \u00fcberzusetzen.<br \/>\nDas Bahnhofsgeb\u00e4ude ist ein trostloser Zweckbau, der darauf abgestellt scheint, seinen Zweck nicht zu \u00fcberleben. Eine Schuhschachtel unter einem gekiesten Flachdach, aus dem an den Tropfkanten Birkensch\u00f6sslinge windschief sprie\u00dfen. Die Ankunftshalle pr\u00e4sentiert sich d\u00fcster verfliest wie eine Rinderschlachtst\u00e4tte in Rawalpindi. Dem Snackautomaten wurde die Frontscheibe eingeschlagen und der Spenderkasten nie wieder bef\u00fcllt. Der Automat offeriert ausschlie\u00dflich Staub und k\u00f6rnigen Glasbruch. Poster, die Reisem\u00f6glichkeiten anbieten \u2013 wollen sie einem nahelegen, doch woanders hinzufahren? Die Bahnhofsrestauration hat seit ewigen Zeiten zu. Herausgerissene B\u00e4nke und umgeworfene St\u00fchle scheinen nicht auf den Anbruch besserer Tage zu hoffen.<br \/>\nEs hei\u00dft aber, der Spatenstich zum Start des Neubaus w\u00e4re bereits erfolgt. Der amtierende B\u00fcrgermeister, ein Vertreter der \u00d6sterreichischen Bundesbahnen, sowie der Verkehrslandesrat und Landeshauptmannstellvertreter in Personalunion h\u00e4tten vor versammelter Schar aus Pressevertretern und den unvermeidlichen Gratisblitzern der Feierlichkeitsverk\u00f6stigung in gelungenem Zusammenspiel lehmigen Aushub auf ihre Schaufelbl\u00e4tter geh\u00e4uft.<\/p>\n<p>Man quert die Bahnhofstra\u00dfe und findet sich wieder vor einem Dornr\u00f6schenschloss. Das Dornr\u00f6schenschloss ist ein Gasthaus, das auch Fremdenzimmer anpreist, was im Vorfeld eines Bahnhofs keine abwegige Dienstleistung verhei\u00dft. Indes \u00fcberwuchern den Gastgarten Holunder, Efeu und Dornenranken. Ein Kastanienb\u00e4umchen wiegt seine Bl\u00e4tter im zarten Lufthauch. Unter den schlaffen Fangarmen einer Weide morscht, von Stauden umzingelt, ein klobiger Wohnwagenw\u00fcrfel. Das Gartentor widersetzt sich dem \u00d6ffnen mit nat\u00fcrlicher Gegenwehr: Rost hei\u00dft hier das \u00dcbel. Ein sich aus dem Erdboden w\u00f6lbender Wurzelstrang liegt auch noch irgendwie im Weg. Man turnt um eine vergessene M\u00fclltonne herum und l\u00e4sst sich von der Aussicht ber\u00fccken, hier flie\u00dfe Bier aus Hacklberg aus dem Zapfhahn. Die Laternen beiderseits des Portals tragen die Embleme der einen der zwei noch existierenden Passauer Brauereien. Schon w\u00e4hnt man sich in bessere Stimmung versetzt und ignoriert die Spinnweben. Ignoriert auch, dass die zum Aush\u00e4ngen der Speisekarte gedachte Schautafel unter einer der Laternen leer ist. Hinter den geschlossenen Kastenfenstern h\u00e4ngen gr\u00e4ulich gewordene Vorh\u00e4nge, die Rahmenzier der Fensterlaibungen wirkt stellenweise wie angebissen. Um den T\u00fcrsturz rankt sich wilder Wein und auf den Steinstufen liegen Laub und verrottende Pflanzentriebe, die der Wind hierher kehrte. Von der zweifl\u00fcgeligen Kassettent\u00fcr mit Rauglasoberlichte sch\u00e4lt sich der blaugr\u00fcne Anstrich, der T\u00fcrknauf tr\u00e4gt die Farbe der Eisenf\u00e4ule. Was einen dennoch dr\u00e4ngt einzutreten, wei\u00df man hinterher nicht mehr. Vielleicht wollte es die Vollendung einer Bewegung sein, zu der man ansetzte, als man das Gartentor passierte. Die T\u00fcr des verlassenen Geb\u00e4udes \u00f6ffnet sich knarzend, aber ohne gr\u00f6\u00dferen Widerstand. Lediglich der nicht in der Schwellenvertiefung eingerastete Bolzen eines Standriegels schabt \u00fcber den Boden und schnitzt eine Kerbe in Form eines Viertelkreises in den mehligen Staub. Den dahinterliegenden Windfang verl\u00e4sst man durch eine Schwingt\u00fcr, die einen in den d\u00fcsteren Zwischenbereich zwischen den Gaststuben fegt. Hier die \u201eAltbayerische Bierstube\u201c, dort der \u201eFr\u00fchst\u00fcckssaal\u201c und in der Mitte der verschattete Gang ins Haushintere, zu den Toiletten und ins Stockwerk vermutlich. Der abgestandene Geruch von Ewigkeit hinter fest verschlossenen Fenstern schl\u00e4gt einem entgegen und erinnert einen an die k\u00fcmmerliche Wohnsituation l\u00e4ngst verstorbener Verwandter landw\u00e4rts. Ein Pult mit dar\u00fcber aufragendem, ausgeleertem F\u00e4cherschrank k\u00f6nnte eine Art Rezeption gewesen sein. In der Staubschicht auf dem Pult hat sich jemand mit dem Schriftzug DOOF in krakeligen Kapitalien verewigt. Was neben allerlei Unrat den Boden bedeckt, k\u00f6nnten die herausgerissenen Seiten eines Telefonbuches sein.<\/p>\n<p>Man wendet sich nach der Bierstube, in die man durch den Rahmen einer eingetretenen T\u00fcr einsteigt. Aus der Umfassung ragen Glaszacken, deren Fehlst\u00fccke beim Auftreten unter den Sohlen knirschen, wie die Hauer aus dem Maul einer Geisterbahnmonstrosit\u00e4t. Ein kupferfarbenes Blechschild mit der Aufschrift \u201ePils vom Fass\u201c h\u00e4ngt \u00fcber der Theke, deren Borde nichts mehr enthalten als ein paar vereinsamte Gl\u00e4ser, Fliegenleichen und ein Kalenderblatt vom Rauchfangkehrer, Jahre Schnee. Dann meint man die Stille, mit der man rechnete, von einem knurrigen Vibrieren erf\u00fcllt. Im Halbdunkel das Refugium eines lauernden Hundes zu st\u00f6ren, w\u00e4re das Vorletzte, von dem man sich w\u00fcnschte, es m\u00f6ge einen ereilen. Dass er einen bei\u00dft, das aber wirklich Letzte.<br \/>\nSchlie\u00dflich entdeckt man \u00fcber einer Bank hingestreckt den Schattenriss eines schnarchenden Mannes. Zu seinen in schwerem Stollenschuhwerk steckenden F\u00fc\u00dfen ein aufmontierter Rucksack, wie ihn Huckepacktouristen schultern. Dem friedlich Schlafenden erzittert mit jedem Atemzug sein Vollbart in drolliger Weise, ganz so als wollte der etwas selbst\u00e4ndig von sich abbeuteln, was seinen Tr\u00e4ger nicht extra zu besch\u00e4ftigen brauchte. Die \u00fcber der Brust verschr\u00e4nkten Arme heben und senken sich mit den Lungenst\u00f6\u00dfen. Man sch\u00e4tzt den Liegenden nicht viel j\u00fcnger als man selbst, mag ihm aber nur ungern das gleiche Gem\u00fct wie das eigene andichten: von zeitweilig geradezu ruppiger Ungeselligkeit und bisweilen sehr verhaltener Freundlichkeit. Wer steigt auch schon in aufgegebene Wirtschaften ein, den nicht die Not, ein Obdach vor den Unbilden zu finden, zw\u00e4nge? Im Moment lauert im Freien jedoch keine finstrige Nacht oder eiseskalter Dauerregen.<br \/>\nMan versucht sich an den Zapfh\u00e4hnen, denen aber nicht einmal ein kl\u00e4gliches Fauchen entweicht. L\u00e4ngst sind die an nichts mehr angeschlossen. Dabei t\u00e4te die Einrichtung der Gaststube es noch machen: Tische und St\u00fchle und B\u00e4nke, sowie ein paar verfaulende Sitzkissen. In einem Aschenbecher mumifizieren Kippen. Aus den Lampenschirmen wurden die Birnen gedreht. \u00dcber dem vermeintlichen Stammtisch scheinen M\u00fccken zu flirren oder es wabern Spinnweben im fadenscheinigen Gegenlicht vor einem der Fensterk\u00e4sten mit den patinierten Gardinenschleiern. Von der Decke l\u00f6st sich Rigips-Dekor. An den W\u00e4nden wirken die Fehlstellen der Bilder wie Lichtpausen. Auf einmal denkt man sich die Welt von allen Menschen verlassen, tr\u00e4umt sich dieses Bild ins sonore Schnarchen eines anderen hinein. Was w\u00fcrde einem fehlen? Mit einem Schlage die M\u00f6glichkeit, sich von allen anderen absetzen zu k\u00f6nnen, selbstgew\u00e4hlt alleine zu sein. Das aber w\u00fcrde einen in den Wahnsinn treiben.<\/p>\n<p>Ehe man Wurzeln schl\u00e4gt, beschlie\u00dft man, wieder zu gehen, auf dieselbe Weise wie man gekommen ist. Verhalten schl\u00e4gt die T\u00fcr, als man abermals im Unkrautgarten steht. Man umrundet jetzt das Haus, indem man in den Bahnhofweg, in die fu\u00dfl\u00e4ufige Strecke ins Zentrum, einbiegt. An der Westfassade prangt der Schriftzug GASTHOF auf der H\u00f6he des Stockwerks unter dem Dachfirst. Die Buchstaben G und O haben hier auf der Wetterseite Schaden genommen. Eigentlich steht dort CASTH F zu lesen, aber man wei\u00df jetzt ohnehin schon Bescheid und lenkt seine Schritte weiter, bald entlang eines gro\u00dfen Feldes, in dem in Abst\u00e4nden m\u00e4chtige Bleistifte liegen, die mit ihren Spitzen auf verplombte, kreisrunde \u00d6ffnungen im Erdreich weisen, in welchem ansonsten Bagunta oder eine andere R\u00fcbensorte gedeiht. Diese Flur hei\u00dft Brunnwies und wom\u00f6glich haben die seltsamen Bleistifte mit der Beobachtung des Grundwasserspiegels zu tun, sagt man sich, da man niemandem begegnet, der es einem anders deuten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernhard Hatmanstorfer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"spazierensehen\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 14073<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles ist im Fluss, hei\u00dft auch nicht viel mehr als: Alles verl\u00e4uft sich, verrinnt, unterliegt dem Wandel. Andernfalls w\u00e4re Existieren die Verewigung des erstarrten Moments \u2013 das Schicksal der im Bernsteintropfen eingegossenen Urzeitfliege. Die Metapher vom \u201eFluss des Lebens\u201c \u2013 mag sie verfangen? Wo soll es denn m\u00fcnden, dieses m\u00e4andrierende Gewese? 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