{"id":18154,"date":"2024-05-22T16:31:14","date_gmt":"2024-05-22T16:31:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=18154"},"modified":"2024-05-26T16:01:23","modified_gmt":"2024-05-26T16:01:23","slug":"manuela","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=18154","title":{"rendered":"Manuela"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts18154&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts18154&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u201eHast du gestern \u201eTarzan in Gefahr\u201c gesehen?\u201c, fragt Manuela.<\/p>\n<p>Wir spazieren durch den lichten, kleinen Eichenwald am Rande unseres Dorfes. Manuela geht zwei Meter vor mir. Ihr langes Haar f\u00e4llt in hellen Str\u00e4hnen \u00fcber ihren R\u00fccken. Mit ihrer rechten Hand schwingt sie energisch einen Stock und schl\u00e4gt ihn hin und wieder gegen Str\u00e4ucher und Baumst\u00e4mme.<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, antworte ich geistesabwesend.<\/p>\n<p>\u201aSei doch still\u2018, denke ich. Ich stelle mir n\u00e4mlich gerade vor, eine wundersch\u00f6ne Prinzessin zu sein. Der Wald hier geh\u00f6rt zu meinem riesigen Reich. Manuela ist meine Zofe; sie h\u00e4lt mir den Weg frei und besch\u00fctzt mich vor Schlangen und W\u00f6lfen. Es belustigt mich, dass Manuela nichts von der Rolle wei\u00df, die ich ihr insgeheim zugeteilt habe.<\/p>\n<p>\u201eUnd, ist dir etwas an Tarzan aufgefallen?\u201c, st\u00f6rt Manuela schon wieder. Ihre Stimme klingt ungeduldig.<br \/>\n\u201eNa? Ob dir etwas aufgefallen ist, will ich wissen!\u201c<\/p>\n<p>Redet so eine Zofe mit einer Prinzessin?<br \/>\n\u201eNein\u201c, sage ich und f\u00fchle mich unbehaglich.<\/p>\n<p>\u201eDann h\u00f6re mir jetzt gut zu.\u201c<br \/>\nManuela bleibt abrupt stehen, l\u00e4sst ihren Stock fallen, dreht sich um und fixiert mich aus zusammengekniffenen blauen Augen. Fast w\u00e4re ich gegen sie gerannt.<br \/>\n\u201eICH war der Tarzan im Fernsehen!\u201c Triumphierend streckt sie ihr Kinn nach vor.<br \/>\n\u201eBl\u00f6dsinn! Du bist doch viel kleiner als der Tarzan.\u201c<br \/>\n\u201eIch bin auf Stelzen gegangen und manchmal auf einem Schemel gestanden\u201c, sagt sie schnell und blinzelt mich listig an. \u201eNat\u00fcrlich immer so, dass die Zuseher es nicht erkennen k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\n\u201eAch, Manuela, du bist ein M\u00e4dchen, hast blonde Haare \u2013 du bist das pure Gegenteil von Tarzan!\u201c<\/p>\n<p>Ich sch\u00fcttle den Kopf, gehe an ihr vorbei, weiter den Waldweg entlang.<br \/>\n\u201eSchon etwas von Schminke geh\u00f6rt und von Per\u00fccken, du Dummi? Glaube mir, die k\u00f6nnen viel, die im Fernsehen. Sie haben mich so toll geschminkt, dass ich wie Tarzan aussah. Echt, ich schw\u00f6re!\u201c, l\u00e4uft sie aufgeregt neben mir her.<br \/>\n\u201eDa, schau!\u201c<\/p>\n<p>Sie \u00fcberholt mich, stellt sich mir in den Weg und zieht den rechten \u00c4rmel ihres Pullovers hoch. Ich sehe einen gro\u00dfen, blauen Fleck auf ihrem Oberarm.<br \/>\n\u201eHier haben mich die Elfenbeinj\u00e4ger verletzt, als sie mich gefangen nahmen. Aber Chita hat mich dann zum Gl\u00fcck befreit.\u201c<br \/>\nManuela \u00f6ffnet weit ihren Mund, legt ihre H\u00e4nde herum, den Kopf in den Nacken, und br\u00fcllt: \u201eAAUUAA HHUUAA!!! Das war der echte Tarzanschrei! Was sagst du jetzt?\u201c<br \/>\n\u201eDu hast Mundgeruch\u201c, sage ich.<br \/>\nManuela blitzt mich w\u00fctend an.<br \/>\n\u201eDu bist nicht mehr meine beste Freundin\u201c, zischt sie.<\/p>\n<p>Sie dreht sich weg und setzt sich auf einen Baumstumpf.<br \/>\n\u201eUnd tsch\u00fcss\u201c, sagt sie b\u00f6se, ohne mich anzusehen.<br \/>\nEtwas ratlos stehe ich da. Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie Manuela vorsichtig eine gro\u00dfe Weinbergschnecke von dem Baumstumpf l\u00f6st, auf dem sie sitzt. Die Schnecke zieht sich sofort in ihr Haus zur\u00fcck. Manuelas linke Hand greift sich einen Stein und schl\u00e4gt damit in kurzen Abst\u00e4nden auf das Schneckenhaus zwischen Zeigefinger und Daumen in ihrer rechten. Die Schale bricht. Ich sehe nackte, feuchte Schneckenhaut schimmern.<br \/>\n\u201eWas machst du da?\u201c, rufe ich fassungslos.<\/p>\n<p>Manuela wirft den Stein weg und bricht konzentriert ein kleines St\u00fcck Schale vom Schneckenhaus ab, dann das n\u00e4chste.<br \/>\n\u201eTja, meine Liebe, andere Schnecken haben auch keine H\u00e4user\u201c, sagt sie im sanften Tonfall.<br \/>\n\u201eSpinnst du? Das arme Tierchen!\u201c<br \/>\n\u201eAh, wegen einer Schnecke regst du dich auf! Aber dass mich die Elfenbeinj\u00e4ger gestern schwer verletzt haben, das l\u00e4sst dich v\u00f6llig kalt!\u201c<br \/>\nManuela springt auf und wirft die Schnecke in einen Strauch.<br \/>\n\u201eDu bist echt keine Freundin!\u201c<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte etwas entgegnen, als pl\u00f6tzlich ein Radfahrer den Waldweg einbiegt und abbremst, als er uns sieht. Es ist Robert aus der Klasse \u00fcber uns, den weder Manuela noch ich leiden k\u00f6nnen.<br \/>\n\u201eGuten Tag, die Damen\u201c, grinst er und wischt sich den Schwei\u00df von der Stirn.<br \/>\n\u201eAuf Wiedersehen, der Herr\u201c, Manuela ist aufgesprungen und zieht mich am \u00c4rmel.<br \/>\n\u201eKomm, Nora, gehen wir.\u201c<\/p>\n<p>Doch Robert f\u00e4hrt langsam neben uns her, als wir losgehen.<br \/>\n\u201eWie geht es denn deinem Vater? Hat er sich schon erholt?\u201c, fragt er Manuela, die starr geradeaus blickt und schneller geht.<br \/>\n\u201eMeine Mutter hat ihn n\u00e4mlich gesehen, wei\u00dft du\u201c, sagt Robert im Plauderton an mich gewandt, \u201egestern Vormittag, als sie auf dem Weg zur Arbeit war.\u201c<br \/>\n\u201eH\u00f6r auf, du Vollidiot!\u201c, schreit Manuela mit pl\u00f6tzlich hochrotem Gesicht und schubst ihn mit dem Ellbogen, fest, so dass er beinahe vom Rad f\u00e4llt.<br \/>\n\u201eIhr Vater ist mitten auf dem Gehsteig gelegen, stockbesoffen, am helllichten Tag \u2026\u201c<br \/>\n\u201eHalt dein bl\u00f6des Maul! Schleich dich, du L\u00fcgner, sonst \u2026\u201c Manuela hat blitzschnell einen gro\u00dfen Stein in der Hand, h\u00e4lt ihn in Wurfposition.<\/p>\n<p>Robert schaut Manuela an, den Stein, dann mich.<br \/>\n\u201eSuche dir besser eine andere Freundin!\u201c, ruft er mir zu, w\u00e4hrend er sein Rad wendet und wegf\u00e4hrt. \u201eDie da ist ja echt das Letzte.\u201c<br \/>\nManuela schleudert ihm den Stein nach, er bleibt einige Meter von uns entfernt liegen.<br \/>\n\u201eUnd du bist das Allerletzte!\u201c, schreit sie.<br \/>\n\u201eDu glaubst doch diesem L\u00fcgner nicht\u201c, sagt sie zu mir. Tr\u00e4nen treten in ihre Augen. Ungeduldig wischt sie sie weg, doch es kommen neue. Sie tut mir leid.<br \/>\n\u201eKomm, vergiss es, gehen wir zu mir\u201c, sage ich.<br \/>\nSchweigend gehen wir den Waldweg entlang, dann durch die zwei kurzen Gassen bis zu meinem Elternhaus.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter sitzen wir still in meinem Zimmer und malen.<br \/>\nIch male eine wundersch\u00f6ne Prinzessin, die allein in ihrem gepflegten Schlossgarten unter einem Baum steht. Manuela l\u00e4sst auf ihrem Blatt Papier eine dunkelrote Sonne in einem wilden, tiefblauen Meer versinken. Wir verwenden Deckfarben.<br \/>\nIch tauche den Pinsel ins Wasser, dann in die schwarze Farbe und beginne, zum Schutze der Prinzessin eine hohe Mauer um den k\u00f6niglichen Garten zu malen.<br \/>\n\u201eHast du gestern nach Tarzan \u201eSuperman in Not\u201c gesehen?\u201c, fragt Manuela pl\u00f6tzlich.<br \/>\n\u201eSuperman? Hat es gestern nicht gespielt.\u201c<br \/>\n\u201eDoch, gestern war Superman im Fernsehen, um acht Uhr. Das wei\u00df ich ganz sicher, denn ICH WAR Superman.\u201c<\/p>\n<p>Ich sage nichts, arbeite konzentriert an meiner Schlossmauer weiter.<br \/>\n\u201eDu glaubst mir nicht! Dabei bin ich auch \u00fcber euer Haus geflogen. Ich habe sogar an dein Fenster geklopft, aber du hast schon geschlafen. \u00dcber das ganze Dorf bin ich geflogen! Ich habe Saltos ge\u00fcbt, hoch oben, und dann \u2013 dann habe ich mich an der Kirchturmspitze verletzt. Es hat furchtbar wehgetan! Da, schau her, wenn du mir nicht glaubst!\u201c<br \/>\nSie springt auf, wendet mir den R\u00fccken zu und zieht ihren Pullover bis zu ihren Schulterbl\u00e4ttern hoch.<\/p>\n<p>Erschrocken sehe ich blaue Flecken und rote Striemen auf Manuelas Haut.<br \/>\n\u201eUnd, glaubst du mir jetzt?\u201c Manuela zieht den Pullover wieder hinunter, dreht sich zu mir.<br \/>\n\u201eManuela\u201c, fl\u00fcstere ich schockiert. \u201eWer hat das getan? War das dein \u2013 ?\u201c<br \/>\n\u201eDu bist so gemein!\u201c Manuela schie\u00dfen Tr\u00e4nen in die Augen. \u201eIch habe dir doch vorhin erz\u00e4hlt, wie es passiert ist. Nie glaubst du mir. Du bist nicht mehr meine beste Freundin!\u201c<br \/>\nSie greift fahrig nach ihrem Zeichenblatt, zerkn\u00fcllt es und wirft es auf mich.<br \/>\nAbwehrend fange ich es mit der linken Hand und sehe, wie das Blau ihres Meeres vermischt mit dem Rot ihrer Sonne \u00fcber meinen Handr\u00fccken rinnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 24120<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eHast du gestern \u201eTarzan in Gefahr\u201c gesehen?\u201c, fragt Manuela. Wir spazieren durch den lichten, kleinen Eichenwald am Rande unseres Dorfes. Manuela geht zwei Meter vor mir. 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