{"id":1811,"date":"2014-11-03T15:56:24","date_gmt":"2014-11-03T15:56:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1811"},"modified":"2014-11-03T16:39:54","modified_gmt":"2014-11-03T16:39:54","slug":"allerhand-zu-allerheiligen-und-irmtraud-haette-nichts-dagegen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1811","title":{"rendered":"Allerhand zu Allerheiligen! (Und Irmtraud h\u00e4tte nichts dagegen.)"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1811&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1811&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Dass er es w\u00e4re, der einmal \u00fcbrig blieb, h\u00e4tte er nicht gedacht.<br \/>\nEr zog ein wei\u00dfes Hemd aus dem Haufen schmutziger W\u00e4sche, die sich in den letzten Wochen angesammelt hatte. Dieses hier w\u00fcrde noch einmal zu tragen sein, der Kragen war sauber, er k\u00f6nnte einfach einen Pullover dar\u00fcber anziehen. Seine H\u00e4nde zitterten ein wenig, als er sich mit dem Schlie\u00dfen des obersten Knopfes und dem Binden der Krawatte abm\u00fchte. Auf eine solche w\u00fcrde Irmtraud bestehen, an einem Tag wie diesem. Obwohl es daf\u00fcr heute fast zu warm war. So, und nun wurde auch die Zeit noch knapp. Seine F\u00fc\u00dfe verhedderten sich in einem der auf dem Boden liegenden W\u00e4schest\u00fccke und er w\u00e4re beinahe gestolpert.<br \/>\nIrmtraud hatte ihn auf ihre humorvoll trockene Art noch wortw\u00f6rtlich beschworen, <em>keinesfalls wie andere verwitwete M\u00e4nner der Verwahrlosung anheimzufallen<\/em> und er hatte ihre Hand gedr\u00fcckt und gezwungen gel\u00e4chelt. <em>Keine Sorge, meine Liebe, das wird nicht passieren.<\/em> Und jetzt diese Unordnung! Im J\u00e4nner war sie gestorben. F\u00fcr den Augenblick verscheuchte er die Gedanken an seine Frau.<br \/>\nEin Friseurbesuch war l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig, stellte er beim K\u00e4mmen fest. Beim Hinausgehen nahm er den M\u00fcll mit, der schon zum Himmel stank. Wo, zum Teufel, waren die neuen M\u00fcllbeutel? Da fiel ihm ein, dass er nicht zu Mittag gegessen hatte, die Nervosit\u00e4t vor dem \u00f6ffentlichen Friedhofsgang hatte Appetit gar nicht aufkommen lassen. Meist kochte er sich Erd\u00e4pfel, die er nach dem Sch\u00e4len ohne weitere Verarbeitung a\u00df. Dazu eingelegte rote R\u00fcben aus dem Glas. Manchmal auch Sellerie. Oder er kaufte Kn\u00f6del beim Fleischhauer, die nur noch zu kochen waren, eine leichte \u00dcbung. Frisch Zubereitetes gab\u2019s nur im Gasthaus oder bei der Verwandtschaft, die ihn reihum sonntags zum Essen einlud. Wenn es so weiterging, w\u00fcrde er ins Altersheim ziehen m\u00fcssen, um ausreichend versorgt zu sein. Wobei es beileibe nicht nur ums Essen ging.<\/p>\n<p>Da stand er nun und f\u00fchlte sich allein und irgendwie fremd, so wie ganz fr\u00fcher, als er aus der Gro\u00dfstadt zu Irmtraud ins Dorf gezogen war.<br \/>\nDie Leute hatten sich am Marktplatz versammelt und beendeten ihre Gespr\u00e4che, als die Blasmusikkapelle anhob und danach der Pfarrer seine wohlsortierten S\u00e4tze sprach. Er lockerte seine Krawatte und atmete tief. Die Blicke, die ihm begegneten, kamen ihm betreten und mitleidig vor. Es war diese besondere R\u00fccksichtnahme, die man ihm, dem k\u00fcrzlich Verwitweten, angedeihen lie\u00df.<br \/>\nVor vierzig Jahren war er hier ein Fremder gewesen, aber sein Beruf als Lehrer lie\u00df ihn schnell Kontakte kn\u00fcpfen. Nun waren seine eigenen Kinder erwachsen und in Wien wohnhaft und er selbst lange in Pension.<br \/>\nEr trat nerv\u00f6s von einem Bein auf das andere und im Kopf kam ihm heute alles durcheinander; er war zu warm angezogen und atmete schwer. Wo hatte er nur die neuen M\u00fclls\u00e4cke hingetan?<br \/>\nDie Erinnerung an die vielen Allerheiligeng\u00e4nge zum Friedhof, an denen er teilgenommen hatte, stieg in ihm auf. Es geh\u00f6rte sich einfach mitzugehen, egal wie man \u00fcber katholische Rituale dachte. Und so hatte er dabei immer die Menschen beobachtet. Die versprengten Teile der Familien kamen oft von weit her und bem\u00fchten sich, ein erfolgreiches Bild ihrer selbst abzugeben. Vor den Nachbarn und anderen, die man einst gekannt hatte, mit denen man zur Schule gegangen war, mit denen man die ersten verbotenen Zigaretten geraucht, im Kirchenchor gesungen oder um ein M\u00e4dchen rivalisiert hatte. Sie zeigten sich einander einmal im Jahr \u2013 erfolgreich, gl\u00fccklich und wohlauf. Kamen in neuer Herbstgarderobe, manche mit Hut, andere im Pelz. Sp\u00e4ter dann erschienen sie mit ihren Kindern an der Hand, mit neuen Partnern, neuen Autos, frisch gef\u00e4rbten Haaren.<\/p>\n<p>Seine S\u00f6hne waren versp\u00e4tet, ein Stau auf der Westautobahn, hatten sie ihn per SMS wissen lassen.<br \/>\nIn der Prozession hatte er immer die Bauern beobachtet, die M\u00e4nner, die \u00fcber die Jahrzehnte der Unbill des Lebens immer weniger Substanz entgegenzusetzen hatten, deren Anz\u00fcge mit der Zeit nicht nur unmodern und fadenscheinig geworden waren, sondern ihren Tr\u00e4gern auch zu gro\u00df. Rechtschaffen alt war auch der Mann, der vor ihm herging, die Haare f\u00fcr den Allerheiligenauftrieb kurz geschoren, einen wei\u00dfen Streifen Haut rund um den Kopf freigelegt, diesen scharf abgegrenzt von der Br\u00e4une der letzten herbstlichen Sonnenstunden w\u00e4hrend der Kukuruz-Ernte. Aus dessen etwas zu kurz geratenen wei\u00dfen Hemds\u00e4rmeln ragten unf\u00f6rmig gro\u00dfe H\u00e4nde mit roter, rissiger Haut, die sich sichtlich fehl am Platz f\u00fchlten, wie sie da so hingen, ganz ohne eine ihnen vertraute, zu erledigende Aufgabe. Das r\u00fchrte ihn.<br \/>\nIrmtrauds Sachen m\u00fcsste er auch endlich einmal durchsehen und zur Kleidersammlung bringen.<br \/>\nEin Bauer humpelte in der Prozession neben ihm her. Die alte Verletzung stammte von einem Unfall bei der Forstarbeit und war nie ordnungsgem\u00e4\u00df behandelt worden, damals hatte es noch keine Pflichtkrankenversicherung f\u00fcr Bauern gegeben, so wurde nicht zuletzt an sich selbst gespart und Erforderliches unterlassen.<br \/>\nEr mochte den Ort und seine Bewohner, und doch zog er auf Anraten seiner S\u00f6hne ernsthaft in Erw\u00e4gung, in ein Altersheim nach Wien zu ziehen. Die beiden w\u00e4ren dann in seiner N\u00e4he. Hier gab es doch nur Erinnerungen an Zeiten, die sich nicht mehr heraufbeschw\u00f6ren lie\u00dfen. Sollte er bleiben oder gehen?<br \/>\nSein Nachbar fl\u00fcsterte ihm zu: <em>Viel zu warm ist es heute, f\u00fcnfzehn Grad, fast unangenehm!<\/em><\/p>\n<p>Es war schnell gegangen, das Leben, und nun war er selbst so einer, der alt und am Schrumpfen war. Er hatte abgenommen in diesem ungl\u00fcckseligen Jahr und seine Kleidung hing lose. Sein Haar war wei\u00df geworden, eine Zahnkrone im Oberkiefer herausgebrochen und seine Energie, diese wieder herstellen zu lassen, enden wollend.<br \/>\nDer Tross war bei den Gr\u00e4bern angekommen, die d\u00fcnnen Nebelschleier hielten die Sonne nicht ab, die vorauseilende Vorsicht vor dem angeblich am Friedhof immer kalt pfeifenden Wind L\u00fcgen zu strafen. Er lockerte seine Krawatte abermals und st\u00fctzte sich auf einen Grabstein. Seine Knie zitterten, er h\u00e4tte etwas essen sollen. Inzwischen waren die S\u00f6hne eingetroffen und standen rechtzeitig mit ihm am Grab Irmtrauds.<br \/>\nAm Nebengrab stand eine Frau aus seiner n\u00e4heren Nachbarschaft, eine Friseurin, deren Mann vor ein paar Jahren gestorben war. Sie hatte das Ungl\u00fcck also durchgestanden und man sah es ihr nicht mehr an. Er sah, wie sie in die Knie ging, um ein paar widerspenstige Zweige der Grabbepflanzung zu entfernen. Als sie beim Aufrichten kurz stockte, war er ihr spontan behilflich, indem er sie wie beil\u00e4ufig am Ellbogen hochzog. Sie nickten sich kurz zu.<br \/>\n<em>Man m\u00f6ge doch bitte das kurze irdische Dasein n\u00fctzen, um sich auf das lange Leben danach vorzubereiten<\/em>, meinte der Pfarrer ambitioniert. Demnach h\u00e4tte er Irmtraud also nicht f\u00fcr immer verloren, dachte er und lachte kurz auf, bevor sich alles im Kopf zu drehen begann und seine Knie nachgaben.<br \/>\nVon seinem Sohn und seiner Nachbarin, die ihn auf der anderen Seite beherzt unterhakte, wurde er gest\u00fctzt, bis er sich wieder fing. Da sp\u00fcrte er, wie weich sie war und wie kr\u00e4ftig sie ihn hielt. Sie wedelte ihm Luft zu und er roch ihr Parfum, als sie fl\u00fcsterte: <em>Deine Haare! Ich komme gleich morgen bei dir vorbei und dann k\u00fcmmere ich mich um deine Frisur. Die kriegen wir schon wieder in den Griff.<\/em> Auf ihr zaghaft verlegenes L\u00e4cheln hatte er seinerseits mit einem erstaunten reagiert. Wie unerwartet rasch sich nun die Gedanken an das Altersheim in der diesigen Novemberluft davonmachten. Er l\u00e4chelte und wusste, Irmtraud h\u00e4tte nichts dagegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=408\">an Tagen wie diesen<\/a> | Inventarnummer: 14072<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass er es w\u00e4re, der einmal \u00fcbrig blieb, h\u00e4tte er nicht gedacht. Er zog ein wei\u00dfes Hemd aus dem Haufen schmutziger W\u00e4sche, die sich in den letzten Wochen angesammelt hatte. Dieses hier w\u00fcrde noch einmal zu tragen sein, der Kragen war sauber, er k\u00f6nnte einfach einen Pullover dar\u00fcber anziehen. 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