{"id":180,"date":"2013-11-26T06:56:35","date_gmt":"2013-11-26T06:56:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=180"},"modified":"2014-03-25T16:28:55","modified_gmt":"2014-03-25T16:28:55","slug":"spaetsommer-das-herz-residiert-halt-nicht-im-oberstuebchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=180","title":{"rendered":"Sp\u00e4tsommer. Das Herz residiert halt nicht im Oberst\u00fcbchen."},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts180&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts180&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: right;\"><em>(f\u00fcr Fanny)<\/em><\/p>\n<p>Jetzt war es ihm peinlich. Sie hatte versucht, zumindest visuell ihrer Sehnsucht Ausdruck zu verleihen, doch schon ein Blick von ihm gen\u00fcgte, um sie eines anderen zu belehren. Obschon er ihr vor\u00a0Tagen mehr als deutlich seine hormonellen Turbulenzen zu erkennen gegeben hatte. Heute war die biologische Sachlage eine offensichtlich andere. Seine blassblauen Augen blieben ohne diese irisierenden Lichtsprengsel, die sie so bezaubert und ihr so unvermutet den Boden unter den F\u00fc\u00dfen fortgezogen hatten. Und die jetzt nicht und nicht reproduzierbar waren. Der Schmerz \u00fcber diesen Verlust war ein ungest\u00fcmer und zugleich von einer L\u00e4cherlichkeit, die ihr nicht ertr\u00e4glich war. Wie konnte sie, die Selbst\u00e4ndige, die Erfolgreiche, die nicht nur zufrieden, sondern geradezu gl\u00fccklich Verheiratete, ja, wie konnte gerade sie sich einzig von einem nur fl\u00fcchtig bekannten Augenpaar emotional so derma\u00dfen nachhaltig derangieren lassen?<\/p>\n<p>Vorerst hatte sie zu dieser Veranstaltung gar nicht mitkommen wollen, wusste sie doch, dass er dort sein und sie wieder liebevoll l\u00e4chelnd taxieren w\u00fcrde. Und es war vorhersagbar, dass sie reflexartig zur\u00fcckstrahlen w\u00fcrde, obwohl sie sich einen neutralen Ausdruck verordnet hatte. Er hatte sie nicht sofort begr\u00fc\u00dft, sondern diesmal deutlich gez\u00f6gert, ihren Erwartungen zu begegnen. Doch dann, sozusagen ansatzlos ausgef\u00fchrt, hatte er sie mit seinem Blick quasi niedergestreckt. Nicht einfach nur keckes Interesse gezeigt. Nein, da war ein unfassbares Quantum an Z\u00e4rtlichkeit in seinen Augen, die ihrem K\u00f6rper eine Art seismische Ersch\u00fctterung bescherte, das Epizentrum &#8211; wie albern und vorhersehbar! &#8211; das Herz. Denken ausgeschlossen. Immer tiefer in den Blicken des Gegen\u00fcbers untergehend, umkreisten sie einander minutenlang, begleitet von sinnfreiem Smalltalk; die T\u00fcr zum Denken verstellt von einer alles erf\u00fcllenden k\u00f6rperlichen Pr\u00e4senz. Ja, und es gab nicht einmal den Ansatz eines Versuchs, diese hormongesteuerte Entr\u00fccktheit vor den umstehenden, ihnen teils bekannten Menschen zu verbergen.<\/p>\n<p>Unwiderstehlich, aber nicht einnehmbar. Also abhaken als einen beim unbedachten, \u00fcblicherweise harmlosen, Flirten entstandenen Kollateralverlust. Und alternativ Gedanken belangloser Art entwickeln, in ausreichender Menge, um den Kopf zuverl\u00e4ssig und langanhaltend zu besch\u00e4ftigen. Und doch, diese Augen hatten sich festgebrannt.<\/p>\n<p>Sie war sich ihrer Abgekl\u00e4rtheit allzu gewiss, der K\u00f6rper hormonell konsolidiert. Diese Art von Gef\u00fchlsaufruhr w\u00fcrde sie nicht mehr behelligen. In ihrem Alter. Ihr runder Geburstag hatte sie im d\u00e4mmrig dahinpl\u00e4tschernden Zustand ihres Alltags nicht wirklich aufgew\u00fchlt. Sie w\u00fcrde einfach so weitermachen, sozusagen die Zukunft m\u00f6glichst ohne gr\u00f6\u00dfere Blessuren hinter sich bringen.\u00a0Die eheliche Geborgenheit war im wohltuenden \u00dcberfluss vorhanden, hatte sie \u00fcber die Jahrzehnte satt und beh\u00e4big gemacht.<\/p>\n<p>Doch nun war sie hungrig. Diese Augen hatten sie aufgeweckt, so unerwartet und unverhofft, so vehement. Und ihr das Atmen schwer gemacht. Das Leben vollzog sich pl\u00f6tzlich in scheinbar unsinniger Eile. Wollte sie die Zeit zur\u00fcckdrehen? Ja, sicher! Zum ersten Mal intensives Bedauern dar\u00fcber, dass das Leben bereits so fortgeschritten war. Dabei hatte sie das Gef\u00fchl zuerst gar nicht einordnen k\u00f6nnen, selbstredend hatte es immer wieder kleine Flirts gegeben, das Prickeln hatte sich aber verl\u00e4sslich immer wieder rasch verabschiedet. Nach diesem jetzigen Stattgeben der Sehnsucht blieb ein Schmerz, immerhin in vielzitierter bitters\u00fc\u00dfer Qualit\u00e4t. Ja, aber sie solle doch froh sein, sich in ihrem Alter noch einmal einer Verliebtheit stellen zu k\u00f6nnen. Und doch blieb sie taumelnd von den berauschenden Aufwinden in einer deutlichen Leere zur\u00fcck.<\/p>\n<p>H\u00e4tte ihr jemand noch vor kurzem gesagt, dass sie sich auf Kollisionskurs mit einer veritablen Lebenskrise befand, h\u00e4tte sie das absurd gefunden. Jetzt lag sie nachts wach und war tags\u00fcber unterwegs, mit aufgew\u00fchlten Sinnen und voller Sehnsucht, nein, geradezu in panischer Gier auf der Suche nach Momenten der Intensit\u00e4t, die sie wom\u00f6glich nie mehr bekommen w\u00fcrde. Das schien nun herbe Gewissheit; \u00a0also hatte sie obendrein eine unerw\u00fcnscht klare Antwort auf eine nie gestellte Frage zu verdauen. Und dann nat\u00fcrlich die des Eigent\u00fcmers der blauen Augen: Der Mann will treu bleiben, sein Blick war zwar interessiert, aber unbedacht gewesen. Aha. Ja klar, sie wolle nat\u00fcrlich auch an der Treue festhalten &#8211; ein Klammern an die Restw\u00fcrde. Schlie\u00dflich h\u00e4tten sie ja beide etwas zu verlieren, was sie keinesfalls wollten.<\/p>\n<p>Wenn blo\u00df dieser l\u00e4cherliche Liebeskummer nicht w\u00e4re! Unentwegt. Das Herz residiert halt nicht im Oberst\u00fcbchen. M\u00f6ge letzteres bald wieder die Oberhand gewinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 13018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(f\u00fcr Fanny) Jetzt war es ihm peinlich. Sie hatte versucht, zumindest visuell ihrer Sehnsucht Ausdruck zu verleihen, doch schon ein Blick von ihm gen\u00fcgte, um sie eines anderen zu belehren. Obschon er ihr vor\u00a0Tagen mehr als deutlich seine hormonellen Turbulenzen zu erkennen gegeben hatte. Heute war die biologische Sachlage eine offensichtlich andere. 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