{"id":17698,"date":"2024-02-23T08:19:46","date_gmt":"2024-02-23T08:19:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=17698"},"modified":"2024-02-25T08:44:17","modified_gmt":"2024-02-25T08:44:17","slug":"mein-leben-mit-a","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=17698","title":{"rendered":"Mein Leben mit A."},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts17698&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts17698&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es waren zwei Figuren, die der eher naiven V., die ebenso sicher ihren Platz im Wiener kulturellen Leben zu verteidigen wusste, als auch A., die es eher verkrampft, aufsteigerisch dazu bringen wollte: der Drang <u>\u00fcber<\/u> anderen stehen zu wollen, kulturell, intellektuell, moralisch. Nichts auslassen zu wollen: Kultur als eine M\u00f6glichkeit, das Leben \u00e4ndern zu wollen. Ebenso nahbar wie andererseits unnahbar.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte mich nicht mehr erinnern k\u00f6nnen, wann der Regen begonnen, noch, wann er wieder aufgeh\u00f6rt hatte. Die Situation, die \u2013 historisch betrachtet \u2013 auch als <em>Brautlauf <\/em>betrachtet worden war: Sie zur Rechten, ich zur Linken. Ich den Regenschirm haltend, wortlos.<\/p>\n<p>Das eigentlich Sonderbare war die Abwesenheit von wechselseitiger Aggression, also auf beiden Seiten, und vielleicht h\u00e4tte ich die Sicht der anderen Person doch kennenlernen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>Denn siehe, der Winter ist vorbei, die Regenzeit ist vor\u00fcber, ist vergangen. <\/em><\/p>\n<p>Nicht einmal das genaue Aussehen ist ihm geblieben au\u00dfer den dunklen Haaren, und als er sp\u00e4ter einmal ihr Gesicht auf einem Foto gesucht hat, ist er erschrocken, dass er nichts mehr finden konnte. Die erste nicht wahrgenommene Gelegenheit.<\/p>\n<p>Was mir noch an ihr aufgefallen war seit unseren ersten Gespr\u00e4chen: Sonnenbrille, ein neongelbes Kapuzenshirt und ein abgeschnittenes bonbonfarbenes St\u00fcck einer Gardine, das sie damals darunter getragen hat, gewisserma\u00dfen als Rock: \u201eGanz so irre d\u00fcrfen Sie sie sich auch nicht vorstellen\u201c, sagte ihre Mutter einmal, sie habe schon ein gewisses Niveau, und wenn sie in eine Auff\u00fchrung geht, dann ist alles in bester Ordnung, dann ist sie \u00e4u\u00dferlich wahnsinnig gepflegt. Dazu kommt noch die Sch\u00f6nheit unbefangener Gespr\u00e4che: Sie war darin Weltmeisterin.<\/p>\n<p>War diesen Gespr\u00e4chen aber nicht immer auch zu eigen, dass in ihnen vor allem die Langeweile erstarb, welche den Ich-Erz\u00e4hler durch das Aufwerfen der Fragen und Gedanken, die sie immer und immer wieder vor sich hergetragen hatte, aber den anderen um sich herum verschwiegen h\u00e4tte?<\/p>\n<p><em>Belanglosigkeiten. Mit Belanglosigkeiten provozieren. Die Kunst, dass einem dies auch gelang.<br \/>\nEigenartig, dass sich ein solches Entsetzen \u00fcber Beil\u00e4ufigkeiten manchmal wiederholen konnte. Theoriebildung auch \u00fcber die am weitesten hergeholten Ereignisse:<\/em><\/p>\n<p>Der Tiananmen-Jahrestag war vorgestern, darauf muss man aber auch erst mal kommen, und wenn die Chines\/Innen vielleicht etwas mehr Gl\u00fcck gehabt h\u00e4tten, so sagte es mir gestern wieder A., wer wei\u00df, ob die Europ\u00e4ische Gemeinschaft nicht l\u00e4ngst schon den Laden dichtgemacht h\u00e4tte. China ist halt anders. Bei uns legitimiert sich die Macht der Politiker\/Innen daraus, dass wir alle vier Jahre auf einen Zettel ein Kreuz zeichnen k\u00f6nnen, in China m\u00fcssen die Politiker\/Innen halt Leistung bringen, um ihre Legitimit\u00e4t zu best\u00e4tigen: Arbeitspl\u00e4tze, Wirtschaftswachstum, Kindergartenpl\u00e4tze und so weiter. Ich finde diese Situation aber surreal. Denn obwohl sich viele St\u00e4dte der Millionengrenze gen\u00e4hert haben, werden rasch Zweifel an ihrer Urbanit\u00e4t laut. Denn, wenn der\/die geneigte Leser\/in ebenfalls schon einmal in den Genuss eines Besuches westlicher Metropolen gekommen w\u00e4re, w\u00fcrde er\/sie wahrscheinlich sehr schnell bemerken, wenn er\/sie dort einmal gezielt nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden Ausschau hielt, dass letztere dann doch \u00fcberwiegen d\u00fcrften. Vielleicht h\u00e4tte es ja etwas damit zu tun gehabt, es kann aber \u00fcberhaupt nichts damit zu tun gehabt haben. Den Genuss des anderen stehlen, indem der Nichtgenuss des anderen genossen wird.<\/p>\n<p><em>Sicher, wie Lilien bl\u00fchen nur Lilien und war es nicht endlich an der Zeit, sich diese botanischen Metaphern ein f\u00fcr alle Mal abzugew\u00f6hnen?<\/em><\/p>\n<p>Obwohl ich sie seit L\u00e4ngerem kannte, war unsere N\u00e4he stets eine ambivalente \u2013 ich kann nicht dichten, das ist es. Und wenn ich diesen Raum noch einmal mit meinem inneren Auge betrachtete, dann ist mir dieser Moment immer noch so starr eingefroren da oben. Es erhob sich pl\u00f6tzlich ihre Stimme [\u2026] meine unbeschreiblich gro\u00dfe Distanz zu diesem Menschen \u2026<\/p>\n<p>Sicherlich w\u00e4re es f\u00fcr seinen Charakter erbaulich gewesen, sich mit dem verschmutzten, seit dem letzten Winter vom Schimmelpilz befallenen h\u00f6lzernen Klappgartentisch auseinanderzusetzen, aber nicht jetzt. Um 2:45 Uhr ein Taxi gerufen, zu Fu\u00df nach Hause w\u00e4re jetzt nicht mehr m\u00f6glich gewesen. [Auch eine M\u00f6glichkeit: der Dachboden; was fr\u00fcher hier passiert ist, interessiert keinen.]\n<p><em>Als w\u00e4re es das schon gewesen, sagte ich, bevor ich von ihr ging, dass ich nicht die Absicht gehabt h\u00e4tte, hier meine Arbeit fortzusetzen, und irgendwann w\u00fcrde mir dies auch mit Sicherheit furchtbar leidtun, aber so weit sei ich gerade gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig noch nicht gekommen. Sie sollte das zu verstehen versuchen und ohne mich eine L\u00f6sung finden.<\/em> Aber vielleicht wollte ich es ja gar nicht, so sehr h\u00e4tte mich allein der Gedanke, dass meinem Gegen\u00fcber durch diese Bestrebungen alles zuwiderlaufen w\u00fcrde und sich der Graben zwischen uns beiden noch mehr auftun w\u00fcrde, aus meinen Tagtr\u00e4umen rei\u00dfen m\u00fcssen. Leider war diese Idee in meinem Kopf noch viel zu lebendig, als dass ich mich kurzfristig h\u00e4tte davon losrei\u00dfen k\u00f6nnen. Ich hoffte ja auch, endlich von dem Druck befreit zu sein, der sich jahrelang in meinem Inneren angestaut zu haben schien und den ich jetzt in einen gewaltigen Schlussakkord \u00fcberf\u00fchren wollte, gleichg\u00fcltig, ob dessen Ergebnis gut oder schlecht ausfallen sollte. Wie in einem s\u00fc\u00dfen Traum: Alles schien zu gelingen, du scheinst dich wohlzuf\u00fchlen, du kannst dein Gl\u00fcck noch nicht fassen, bist aber dennoch st\u00e4ndig getrieben, eine Kleinigkeit erledigen zu m\u00fcssen, bevor du dein Gl\u00fcck genie\u00dfen darfst. Und dann ist es meistens auch schon wieder zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p><em>Ausbilden: Einen Menschen aus ihr machen, vielleicht war das mein Plan und sie auch dazu bringen, wo er sich nie sehen konnte: Verwirklichen all die hehren Gedanken, die er mit sich herumgetragen hatte \u2026<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Bauer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"spazierensehen\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 24070<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es waren zwei Figuren, die der eher naiven V., die ebenso sicher ihren Platz im Wiener kulturellen Leben zu verteidigen wusste, als auch A., die es eher verkrampft, aufsteigerisch dazu bringen wollte: der Drang \u00fcber anderen stehen zu wollen, kulturell, intellektuell, moralisch. Nichts auslassen zu wollen: Kultur als eine M\u00f6glichkeit, das Leben \u00e4ndern zu wollen. 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