{"id":17668,"date":"2024-02-15T09:14:08","date_gmt":"2024-02-15T09:14:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=17668"},"modified":"2024-02-17T09:30:03","modified_gmt":"2024-02-17T09:30:03","slug":"lies-mich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=17668","title":{"rendered":"LIES MICH!"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts17668&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts17668&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Roman schlendert durch die Innenstadt, als ein Buch direkt vor ihm auf den Gehsteig knallt. \u201eRaus damit!\u201c, h\u00f6rt er zugleich eine Frauenstimme aus einem weit ge\u00f6ffneten Fenster im dritten Stock kreischen. \u201eRaus!\u201c \u2013 \u201eRaus!\u201c \u2013 und mit jedem weiteren \u201eRaus!\u201c wird temperamentvoll ein Buch aus dem Fenster geschleudert. Ein junger Mann st\u00fcrzt aus dem Haustor und beginnt hastig, die B\u00fccher aufzusammeln.<\/p>\n<p>\u201eMeine Freundin ist w\u00fctend auf mich, weil ich lieber lesen als mich mit ihr unterhalten will\u201c, kl\u00e4rt er Roman unaufgefordert auf, w\u00e4hrend ihnen beiden nun gelbe Reclam-Hefte um die Ohren flattern. \u201eTja, meine baldige Ex-Freundin ist sehr temperamentvoll\u201c, f\u00fcgt der Mann seufzend dazu. Roman, der sich weder mit aus Fenstern fliegenden B\u00fcchern noch mit Konflikten fremder Leute auseinandersetzen, sondern in Ruhe seinen obligatorischen Nachmittagsspaziergang fortsetzen will, m\u00f6chte diesen dramatischen Ort rasch und dezent passieren, als ihm ein schweres Buch auf den Kopf f\u00e4llt und dann vor seinen F\u00fc\u00dfen landet.<\/p>\n<p>\u201eLIES MICH!\u201c, kann Roman noch den in Goldbuchstaben gedruckten Titel des dicken, rotgebundenen Buches entziffern, bevor ihm schwarz vor Augen wird.<\/p>\n<p>\u201eOh, wie furchtbar!\u201c, h\u00f6rt er den jungen Mann entsetzt rufen. \u201eIch hoffe, Sie sind nicht verletzt!\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber nein, alles gut\u201c, beeilt Roman sich, diese Gefahrenzone nun endlich zu verlassen. \u201eAlles gut, alles gut.\u201c<\/p>\n<p>Und er geht, nein, er schwebt nun f\u00f6rmlich weiter, f\u00fchlt sich trotz Brummsch\u00e4del so ungewohnt beschwingt, dass er ernsthaft \u00fcberlegt, ob eventuell durch die Wucht, mit der dieses schwere Buch seinen Kopf getroffen hat, irgendein bis dahin schlummerndes Areal seines Gehirnes aktiviert worden ist und dies jene wunderbare Leichtigkeit in ihm ausl\u00f6st.<\/p>\n<p>\u201eLies mich, lies mich &#8230;\u201c, summt er fr\u00f6hlich die beiden W\u00f6rter vor sich hin, die golden vor seinem inneren Auge leuchten.<\/p>\n<p>\u201aWarum eigentlich nicht?\u2018, denkt Roman \u00fcberm\u00fctig, \u201awarum eigentlich nicht wieder einmal ein Buch lesen?\u2018<\/p>\n<p>Er \u00fcberlegt, wann dies das letzte Mal der Fall gewesen ist. Es liegt tats\u00e4chlich viele, viele Jahre zur\u00fcck. Roman ist ein Spazierg\u00e4nger, ein Billardspieler, ein Katzenfreund, ein Pfeifenraucher.\u00a0 Roman ist vieles, aber kein Leser. Er biegt in die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone ein und schreitet feierlich auf eine kleine Buchhandlung zu. H\u00f6flich l\u00e4sst er einer alten Frau den Vortritt, die ebenfalls in den Laden will und folgt ihr hinein. Drinnen gr\u00fc\u00dft er l\u00e4chelnd die telefonierende Buchh\u00e4ndlerin, und nickt freundlich einem \u00e4lteren Mann zu, der tief in einem Ohrensessel und in ein Buch versunken ist. Der Lesende, die alte Frau, die sogleich zielsicher ein Regal mit der Kennzeichnung <em>Lyrik <\/em>ansteuert, und er, Roman, sind die einzigen Kunden.<\/p>\n<p>Roman sieht sich um und stellt sich schlie\u00dflich vor eine B\u00fccherwand mit der Aufschrift <em>Romane \u2013 <\/em>nomen est omen<em>.<\/em> Als er seinen Blick \u00fcber die B\u00fccher in den F\u00e4chern schweifen l\u00e4sst, bleibt dieser auf einem ihm bekannten, dicken roten Buch h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>\u201eAh!\u201c, entf\u00e4hrt es Roman \u00fcberrascht und \u201eHe!\u201c, ruft er emp\u00f6rt, als ihm pl\u00f6tzlich der vertraute, goldene Titel \u201eLIES MICH!\u201c ins Auge springt. Seine gute Laune verschwindet schlagartig. Tiefste Beunruhigung macht sich stattdessen in ihm breit.<\/p>\n<p>\u201eKann ich Ihnen behilflich sein?\u201c, erkundigt sich die Buchh\u00e4ndlerin, die ihr Telefonat beendet und sich kundenfreundlich zu Roman gesellt.<\/p>\n<p>\u201eIch bitte darum! Stellen Sie sich vor: Der Titel dieses Buches da ist mir soeben ins Auge gesprungen. Wenn Sie so nett w\u00e4ren \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber gerne. Dieses hier?\u201c Sie greift nach dem roten Buch. \u201eIgitt! Was klebt denn da Ekliges auf dem Cover? Und warum steht da kein Titel darauf?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas Eklige\u201c, r\u00e4uspert sich Roman beleidigt, \u201eist mein Blick, der an dem Buch h\u00e4ngen geblieben ist. Und der Titel ist mir, wie schon gesagt, vorhin ins Auge gesprungen. Bitte helfen Sie mir, ihn wieder herauszufischen, es juckt entsetzlich!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch fische doch nicht in fremden Augen\u201c, weicht die Buchh\u00e4ndlerin, das rote Buch zwischen spitzen Fingern, hinter ihr Kassapult. \u201eIch ersuche Sie, Ihr Problem eigenh\u00e4ndig zu l\u00f6sen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber ich schaffe es nicht ohne Hilfe\u201c, klagt Roman, und zwinkert mitleiderregend. \u201eUnd schlie\u00dflich entstand mein Problem aufgrund eines Buches Ihrer Buchhandlung.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJunger Mann, ich will mich ja nicht einmischen\u201c, mischt sich der \u00e4ltere Mann im Ohrensessel ein, \u201eaber ich finde Ihr Jammern so derma\u00dfen absurd. Offensichtlich haben Sie keine Ahnung von B\u00fcchern. Der Sinn und Zweck guter B\u00fccher ist doch, dass sie uns zun\u00e4chst einmal ins Auge springen. Und dann, beim Lesen, da sollen sie uns im Innersten treffen, uns aufw\u00fchlen, uns den Atem, den Schlaf, ja, sogar den Verstand rauben! Dieses hier zum Beispiel\u201c, hebt er das Buch in seinen H\u00e4nden demonstrativ hoch, \u201edieses Buch liegt mir schon nach wenigen S\u00e4tzen im Magen, es geht mir an die Nieren \u2013 und, jammere ich deswegen?\u201c Er schnauft ver\u00e4chtlich. \u201eIm Gegenteil, ich freue mich dar\u00fcber! Sie sollten dankbar sein, wenn Ihnen ein Buch ins Auge sticht, denn dann will es von Ihnen gelesen werden! Also kaufen Sie es gef\u00e4lligst, anstatt sich zu beklagen, und setzen Sie sich mit ihm auseinander!\u201c<\/p>\n<p>Und sichtlich, ersch\u00f6pft nach seinem langen Pl\u00e4doyer, verschwindet der Mann wieder hinter seinem Buch.<\/p>\n<p>\u201eDas sind die Kunden, die wir brauchen\u201c, seufzt die Buchh\u00e4ndlerin zufrieden, und sagt dann an Roman gewandt: \u201eAuch ich empfehle Ihnen, jenes Buch zu kaufen, an dem Ihr Blick kleben geblieben ist. Das Lesen dieses Buches wird Ihnen garantiert die Augen \u00f6ffnen. Es kostet zwanzig Euro.\u201c<\/p>\n<p>Flink bef\u00f6rdert sie das rote Buch in eine Papiertasche und reicht sie Roman.<\/p>\n<p>\u201eSie erlauben doch \u2013\u201c, dr\u00e4ngt sich die alte Frau vor. \u201eSie erlauben doch, dass ich zuvor diesen Lyrikband bezahle? Wissen Sie, ein Gedicht darin hat mich direkt ins Herz getroffen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber nat\u00fcrlich, bitte, sehr gerne\u201c, fl\u00fcstert Roman und reibt besch\u00e4mt so unauff\u00e4llig wie m\u00f6glich sein Auge.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> | Inventarnummer: 24068<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman schlendert durch die Innenstadt, als ein Buch direkt vor ihm auf den Gehsteig knallt. \u201eRaus damit!\u201c, h\u00f6rt er zugleich eine Frauenstimme aus einem weit ge\u00f6ffneten Fenster im dritten Stock kreischen. \u201eRaus!\u201c \u2013 \u201eRaus!\u201c \u2013 und mit jedem weiteren \u201eRaus!\u201c wird temperamentvoll ein Buch aus dem Fenster geschleudert. 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