{"id":17532,"date":"2024-02-01T14:26:37","date_gmt":"2024-02-01T14:26:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=17532"},"modified":"2024-02-03T13:13:05","modified_gmt":"2024-02-03T13:13:05","slug":"wenns-einmal-aus-wird-sein-selbstmord-auf-wienerisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=17532","title":{"rendered":"Wenn\u2019s einmal aus wird sein. Selbstmord auf Wienerisch"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts17532&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts17532&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Fr\u00fchling ist, wenn der Tichy aufsperrt! Egal, wie das Wetter ist, wenn die T\u00fcren des (zu Recht) bekanntesten\/beliebtesten\/gr\u00f6\u00dften Eissalons in Wien offen stehen, dann gibt\u2019s trotz Eis keinen Winter mehr. Und die gr\u00f6\u00dfte Affenhitze l\u00e4sst sich aushalten, wenn man, gen\u00fcsslich von einer T\u00fcte Erdbeer-Zitrone (o.\u00c4.) schleckend, auf einer schattigen Bank vor dem urbaneren Eissalon am Schwedenplatz sitzt. Da schrumpfen alle Sorgen, und man kann so herrlich die Seele baumeln lassen, w\u00e4hrend beachtenswerte M\u00e4dchenbeine wie im Film vor\u00fcberziehen und etliche Gespr\u00e4chsfetzen von der Nebenbank ans Ohr dringen. Und weil \u2013 ebenfalls zu Recht \u2013 den Wienern ein eher gem\u00fctliches Naheverh\u00e4ltnis auch zum Tod nachgesagt wird (wo sonst nennt man ihn harmlos verkleinernd \u201eGangkerl\u201c?), fing der Verfasser einmal ein in leichtem Plauderton gehaltenes Gespr\u00e4ch \u00fcber gleich <strong>drei<\/strong> Selbstmorde und deren n\u00e4here Umst\u00e4nde ein:<\/p>\n<p>Auf der Nebenbank sa\u00dfen, gem\u00e4chlich aus ihren Bechern l\u00f6ffelnd, zwei \u00e4ltere Damen, von denen die dickere, dominante das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte, w\u00e4hrend die schm\u00e4chtigere, einfacher gekleidete (vermutlich eine entferntere Bekannte) kaum mehr als gelegentlich erstaunte, beipflichtende oder erschrockene Bemerkungen in den Satzpausen (w\u00e4hrend ein L\u00f6fferl Erdbeereis geschaufelt wurde) einf\u00fcgte.<\/p>\n<p>Zuerst wurde der mittels Schlaftabletten durchgef\u00fchrte Suizid einer Nichte abgehandelt: Diese h\u00e4tte nach ihrer Scheidung zwar ein Jahr sp\u00e4ter ihren Mann wieder zur\u00fcckbekommen, es aber nicht verwunden, dass dieser sein schlampertes Verh\u00e4ltnis zum Scheidungsgrund noch aufrecht hielt. Ja, und so h\u00e4tte sie das Leben nicht mehr gefreut und sie h\u00e4tte beschlossen, nach Einnahme von zw\u00f6lf Schlaftabletten nicht mehr aufzuwachen. Und nun zu den Details: Da besagte Nichte gelesen hatte, dass manche Menschen den giftigen Abschiedstrunk nicht vertragen und ihn wieder erbrechen, war ihr die Idee gekommen, vorher eine Haferschleimsuppe einzunehmen, damit der Magen beruhigt sei. Die Polizei h\u00e4tte vorerst nicht an Suizid gedacht, weil die Nichte ja auch Kreislaufprobleme gehabt h\u00e4tte. Aber der Hausmeisterin, welche die T\u00fcr ge\u00f6ffnet habe, w\u00e4re der Topf mit der restlichen Suppe aufgefallen und deshalb habe sie die Polizei informiert, dass da was nicht stimmen k\u00f6nne, weil der Nichte doch nachweislich seit ihrer Kindheit vor Haferschleimsuppe gegraust h\u00e4tte. Und so sei das eben herausgekommen.<\/p>\n<p>\u201eEntsetzlich, gelln\u2019s, so ein junger Mensch, das ist doch so ein teppert\u2019s Mannsbild gar net wert, net?\u201c, so die Monolog-Partnerin.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlerin schwieg eine halbe Minute, weil sie in ihrem Nocciolone-Eis eine Haselnuss gefunden und daran gekaut hatte, dann kam sie zum Teil zwei:<\/p>\n<p>Es sei dann kaum ein halbes Jahr vergangen, bis sich ein Cousin wegen seiner enormen Spielschulden nicht mehr aus noch ein gesehen h\u00e4tte, und der zwielichtige Geldverleiher, an den er sich zuletzt in seiner Not gewandt habe, h\u00e4tte ihm bei Terminverlust eine Schl\u00e4gertruppe in Aussicht gestellt. Das sei alles in einem fl\u00fcchtig hingekritzelten Abschiedsbrief gestanden. Und als es dann an seiner T\u00fcre stark geklopft habe, da h\u00e4tte er das Fenster aufgerissen und sich aus dem f\u00fcnften Stock in die Tiefe gest\u00fcrzt. Er sei sofort tot und damit schuldenfrei gewesen. Dabei war es doch nur der Hausmeister, weil eine Partei Gasgeruch gemeldet h\u00e4tte. \u201eUnd jetzt stellen S\u2019 Ihnen vor, wenn der Cousin noch eine letzte Zigarette geraucht h\u00e4tte, dann h\u00e4tte das ganze Haus in die Luft fliegen k\u00f6nnen. Das w\u00e4r ja gar nicht auszudenken!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDa h\u00e4tt er ja dann gar nimmer Selbstmord machen brauchen, gelln\u2019s?\u201c gab da die entz\u00fcckend naive Gef\u00e4hrtin zu Protokoll, worauf die Erz\u00e4hlerin einen Lachkrampf bekam und beinahe den Eisbecher fallen lie\u00df.<\/p>\n<p>Dann setzte sie fort, dass es immer die Falschen tr\u00e4fe, er sei so ein harmloser und gutgl\u00e4ubiger Mensch gewesen, alles h\u00e4tte man von ihm haben k\u00f6nnen, er w\u00e4re wirklich zu gut f\u00fcr diese Welt gewesen. Und dass daf\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Gfrastern ein langes Leben beschert sei.<\/p>\n<p>Die Monologpartnerin widersprach zaghaft, dass aber der Wiener Kardinal K\u00f6nig, der wohl unbestritten ein sehr wertvoller Mensch war, doch schon fast 100 Jahre alt geworden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Jaja, das sei nat\u00fcrlich die Ausnahme, welche die Regel best\u00e4tige, stimmte die Erz\u00e4hlerin zu, aber eben eine seltene. Da w\u00e4re zum Beispiel ein Schwager zweiten Grades, der knapp zwei Jahre sp\u00e4ter auch nicht mehr leben wollte. Dieser habe n\u00e4mlich mit seiner m\u00fchsam aufgebauten Firma Konkurs anmelden m\u00fcssen und hatte nicht den Mut, es seinen Angestellten zu sagen, und au\u00dferdem f\u00fcrchtete er die \u00c4chtung durch seine Gesch\u00e4ftsfreunde und seine Familie, weil er sich entgegen dem Rat seines Schwiegervaters selbst\u00e4ndig gemacht h\u00e4tte. Und so habe er sich \u2013 weil er vom Freitod des Cousins wusste \u2013 ebenfalls aus dem Fenster gest\u00fcrzt, aber weil er nur im dritten Stock gewohnt h\u00e4tte, habe er mit geknickter Wirbels\u00e4ule und mehreren Beinbr\u00fcchen \u00fcberlebt. Noch ein Jahr sei er im Rollstuhl gesessen, bis ihn ein Schleimschlag erl\u00f6st habe.<\/p>\n<p>\u201eGelln\u2019s, da sieht man, was zwei Stockwerke ausmachen\u201c, war die ersch\u00fctterte Reaktion der Zuh\u00f6rerin.<\/p>\n<p>\u201eWie ich schon g\u2019sagt hab, es trifft immer die Guten\u201c, setzte die Erz\u00e4hlerin fort, und dass sich ihr Seliger dar\u00fcber auch sehr gekr\u00e4nkt habe. Au\u00dferdem sei der zuletzt Verblichene sein st\u00e4ndiger Tarockpartner gewesen, und nun sei die Partie zerfallen, weil kein Ersatz aufzutreiben gewesen sei.<\/p>\n<p>\u201eAlso da tun S\u2019 mir aber schon leid\u201c, bemerkte nun die Zuh\u00f6rerin, \u201eHaben S\u2019 da \u00fcberhaupt noch wem, wenn sich Ihre Verwandten so schnell hintereinander verabschieden? Das muss ja furchtbar sein, da kommen S\u2019 ja gar nicht aus dem schwarzen G\u2019wand ausse!\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, nein, die waren ja alle von seiner Seit\u2019n\u201c, beruhigte die Erz\u00e4hlerin, und sie selber h\u00e4tte noch genug Verwandte, weil in ihrer Linie fast alle drei, vier Kinder h\u00e4tten. Da w\u00fcrde ihr die n\u00e4chsten Jahre bestimmt nicht fad!<\/p>\n<p><strong>Tja, die besten Geschichten schreibt immer das Leben. Oder dessen Ende.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Robert M\u00fcller<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 24047<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fchling ist, wenn der Tichy aufsperrt! Egal, wie das Wetter ist, wenn die T\u00fcren des (zu Recht) bekanntesten\/beliebtesten\/gr\u00f6\u00dften Eissalons in Wien offen stehen, dann gibt\u2019s trotz Eis keinen Winter mehr. 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