{"id":17441,"date":"2024-01-25T14:31:58","date_gmt":"2024-01-25T14:31:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=17441"},"modified":"2024-01-27T16:01:33","modified_gmt":"2024-01-27T16:01:33","slug":"die-schoene-unbekannte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=17441","title":{"rendered":"Die sch\u00f6ne Unbekannte"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts17441&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts17441&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Zum ersten Mal traf ich sie in der Bibliothek. Das war gleich nach Neujahr. Ich setzte mich neben sie und bemerkte, als sie ging, dass sie einen sch\u00f6nen gemusterten Schal trug.<\/p>\n<p>Die erste Begegnung blieb folgenlos. Ich ging meinen Tagesgesch\u00e4ften nach und besch\u00e4ftigte mich mit anderen Dingen. Es war mir klar, dass ich nicht allein sein wollte und dass diese junge Frau mit dem gemusterten Schal eine gute Gelegenheit gewesen w\u00e4re, sich zu verlieben. Leider wusste ich \u00fcber sie so gut wie nichts. Und dass ich so gut wie nichts \u00fcber sie wusste, versetzte mich in einen sehr unangenehmen Zustand: Ich hoffte sehr darauf \u2013 so unwahrscheinlich es auch war \u2013 , dass ich sie wiedersehen und mich mit ihr austauschen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Eine dieser Gelegenheiten war eine Veranstaltung in einem Jugendzentrum, wo ich hoffte, sie wiedersehen zu k\u00f6nnen. Ich war schon voller Vorfreude auf dieses Treffen, aber leider war dieses Zentrum, von dem ich nie zuvor etwas geh\u00f6rt hatte, zu weit au\u00dferhalb der Stadt und ich kam nur bis zur Endstation der Stra\u00dfenbahn. Von dort an ging ich am Abend einige Kilometer weit, aber das Jugendzentrum war, wie gesagt, nicht zu finden.<\/p>\n<p>Als ich sie zum zweiten Mal traf, ging sie im Sommer mit einer Sonnenbrille die Stiegen in der Universit\u00e4tsbibliothek hinauf. Ich h\u00e4tte sie ansprechen k\u00f6nnen. Aber es bot sich mir keine Gelegenheit.<\/p>\n<p>Ich hatte eigentlich gar nicht mehr damit gerechnet, sie wiederzusehen und war mir im ersten Moment auch noch nicht sicher, ob es sich um die selbe Person handelte, die ich schon zu Beginn des Jahres gesehen hatte.<\/p>\n<p>Dieses zweite Mal des Sehens war f\u00fcr mich schon etwas vager. Ich versp\u00fcrte nicht mehr das gro\u00dfe Bed\u00fcrfnis, dieser Person n\u00e4herzukommen, aber dennoch war wieder etwas mit mir geschehen, das mich in seinen Bann zog.<\/p>\n<p>Es vergingen einige Jahre und die Frau geriet in Vergessenheit. Ich wei\u00df nicht, was es ausgel\u00f6st hat, aber eines Tages ergriff mich pl\u00f6tzlich die Erinnerung an diese Person sehr stark. Zwar konnte ich nur erahnen, dass sie Michaela hie\u00df und P\u00e4dagogik studierte. Auch an ihre warmen Worte \u201eAuf Wiedersehen und einen sch\u00f6nen Tag dir noch!\u201c erinnerte ich mich. Zu dieser Zeit lebte ich schon in einer anderen Stadt und war ihr entfernter. Entfernter noch als an diesem Tag im J\u00e4nner, als ich das Jugendzentrum suchte. Wenn es doch irgendwie m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, ihr von mir etwas zukommen zu lassen. Einen Liebesbrief oder ein Geschenk. Oder ihr einen Gefallen tun.<\/p>\n<p>Mich ergriff die innere Leere. Und es gab nichts, womit diese Leere auszuf\u00fcllen gewesen w\u00e4re. Ich \u00fcbte mich im Zen.<\/p>\n<p>Eines Tages streifte ich wieder durch die Stadt und ich hatte die vage Hoffnung auf eine \u00e4hnliche, aber neue Begegnung dieser Art. Nach einigen Minuten des Umherflanierens sah ich den Eingang eines indischen Restaurants. Da mich die exotische Speisekarte sehr reizte, trat ich ein und bestellte mir ein Curry. Die Gedanken an Michaela w\u00fcrden st\u00e4rker, und als ich das Essen serviert bekam, merkte ich anfangs noch nicht, wie stark das Vindaloo gew\u00fcrzt war. Ich nahm einen Bissen und noch einen Bissen. Dann ergriff mich die Sch\u00e4rfe und ich war kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Ich k\u00e4mpfte mit mir, da es mir schwindlig wurde, und mir schn\u00fcrte es die Kehle zu. Mir tr\u00e4nten die Augen und die Au\u00dfenwelt wurde immer verschwommener.<\/p>\n<p>In diesem Moment sah ich Michaela noch einmal in der Bibliothek, diesmal in einem Sommerkleid und mit einem Strohhut. Sie sah mich lange an, dann begann sie zu l\u00e4cheln.<br \/>\nNach einer Weile, die sich f\u00fcr mich wie eine Ewigkeit angef\u00fchlt hat, sagte sie:<\/p>\n<p>\u201eSch\u00f6n, dass du die ganze Zeit an mich gedacht hast.\u201c Und verschwand.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war der letzte Teil meiner Geschichte erfunden und das Erlebnis im indischen Restaurant hat es nie gegeben. Dennoch \u2013 soweit es mir noch m\u00f6glich ist \u2013 m\u00f6chte ich die Erinnerung an Michaela festhalten. Ihr sei diese Erz\u00e4hlung gewidmet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Bauer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"spazierensehen\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 24034<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum ersten Mal traf ich sie in der Bibliothek. Das war gleich nach Neujahr. Ich setzte mich neben sie und bemerkte, als sie ging, dass sie einen sch\u00f6nen gemusterten Schal trug. Die erste Begegnung blieb folgenlos. Ich ging meinen Tagesgesch\u00e4ften nach und besch\u00e4ftigte mich mit anderen Dingen. 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