{"id":17148,"date":"2023-12-06T16:42:43","date_gmt":"2023-12-06T16:42:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=17148"},"modified":"2023-12-10T09:02:08","modified_gmt":"2023-12-10T09:02:08","slug":"der-elefant","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=17148","title":{"rendered":"Der Elefant"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts17148&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts17148&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Er war immer schon \u201eder Elefant\u201c, von der Entbindungsstation bis zur Pension. Eins-neunzig hoch, mit einem Gewicht, das zwischen 110 und 120 Kilo schwankte, gutm\u00fctig, eher bed\u00e4chtig in Rede und Gedanken, mit einem breitfl\u00e4chigen, aufmerksamen Gesicht. Seine schaufelartigen H\u00e4nde, die seine Rede mit Gesten begleiteten, waren wohlgepflegt, aber doch irgendwie naturbelassen wie die Beine eines Elefanten, eines richtigen. Auch seine Bewegungen, sein ganzes Gehabe waren schwerf\u00e4llig, aber nicht wirklich langsam, er str\u00f6mte ganz einfach ruhig dahin wie ein breiter Fluss, der die Kraft hat, zwanzig M\u00fchlen anzutreiben.<\/p>\n<p>Schon bei der Geburt wog er \u00fcber f\u00fcnf Kilo! Seine Mutter, eine schm\u00e4chtige kleine Frau, erz\u00e4hlte sp\u00e4ter, sie habe nie geglaubt, dass sie ihr Riesenbaby auf normalem Weg zur Welt bringen k\u00f6nne. \u201eEs hat mich fast zerrissen, ich hab gef\u00fcrchtet, ich springe auf wie eine Nussschale\u201c, sagte sie nach der m\u00fchsamen Entbindung, \u201eund was er allerweil f\u00fcr einen Hunger gehabt hat! Gott sei Dank war im Bett neben mir eine dicke Wirtin, die immer zu viel Milch gehabt hat, so hat er schon im Spital eine Zusatzration bekommen. \u201eGeben S\u2019 her den klein\u2019 \u00a0Elefanten\u201c, sagte sie bei seinem ersten Br\u00fcllkonzert und legte ihn an die Brust, \u201ena schaun S\u2019, jetzt lacht er!\u201c<\/p>\n<p>Ich selber kannte den Erwin schon von der Volksschule her, er besuchte die Klasse \u00fcber mir und wohnte drei Gassen weiter. Wir waren nicht eng befreundet, trafen einander aber oft auf der Stra\u00dfe, unterhielten uns fallweise \u00fcber Bezirks- und Schulangelegenheiten, und ein paarmal hat er mir bei Mathematik-Haus\u00fcbungen geholfen. Rechnen konnte er immer gut, und sp\u00e4ter ist er auch Buchhalter in einer gro\u00dfen Firma geworden. Nach der Schule haben sich unsere Wege wohl getrennt, aber die Nachbarschaft lie\u00df uns immer wieder einmal zusammenkommen.<\/p>\n<p>Erst mit 27 hat er, nach sehr kurzer Bekanntschaft, ein j\u00fcngeres, quicklebendiges M\u00e4dchen geheiratet, und trotz ihrer total verschiedenen Temperamente und Neigungen lief ihre Ehe sehr gut. Sein geliebtes \u201eAnnamirl\u201c war schlank, knapp eins-sechzig, hatte r\u00f6tliches Haar und ein Tempo, das st\u00e4ndig auf 100 war. Fr\u00f6hlich, lebhaft, arglos, immer neugierig und optimistisch, kam sie allen Menschen offen entgegen und machte aus jedem Tag ein Fest, w\u00e4hrend er, der Erwin, sein Tagwerk und sein Leben gelassen und eins nach dem anderen mit hartn\u00e4ckigem Flei\u00df bew\u00e4ltigte. Sie erg\u00e4nzten einander ideal: Ihre vorschnellen unbedachten Entscheidungen b\u00fcgelte er geduldig hintennach immer wieder aus, ihre b\u00fchnenreifen Auftritte hinterlegte er mit seiner breiten Anwesenheit, Verl\u00e4sslichkeit und respektablem Charakter. Es hatte eben alles, was er sagte und tat, Hand und Fu\u00df, weshalb er bei Bekannten und Kollegen gut angesehen war.<\/p>\n<p>Er hie\u00df Erwin Doppler, was \u00e4ltere Menschen an die Zweiliter-Weinflaschen erinnert, aber in Hinsicht auf seine K\u00f6rperma\u00dfe durchaus passend war. Bei einem zuf\u00e4lligen Zusammentreffen im Caf\u00e9 Hummel in Wien ergab sich einmal ein l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch, wo er mir auch \u00fcber seine erste Beziehung erz\u00e4hlte:<\/p>\n<p>\u201eIch hab sie, da war ich 25, bei einer Vernissage am Cobenzl kennengelernt, wir haben uns sofort gut verstanden. Es hat eben ganz einfach gefunkt. Warum es nicht lange gehalten hat? Weil, wir waren einander zu \u00e4hnlich. Ich hab immer gewusst, was sie gerade braucht, und die Hannelore hat genau dieselben Vorstellungen vom Leben gehabt wie ich. Es war sch\u00f6n, es war harmonisch, aber halt manchmal ein bissel fad \u2013 wie ein altes Ehepaar. Dabei war sie, als Frau, verstehst\u2019, verdammt gut, und hat super ausg\u2019schaut, immer gepflegt, aber dezent, und sehr g\u2019scheit. Mit der Hannelore hast \u00fcberall hingehen k\u00f6nnen! Aber das Spontane, Lebendige hat halt gefehlt, wei\u00dft eh, ich brauch das, weil ich ja selber ein ruhiger Typ bin. So ist das nach ein\u2019 halben Jahr wieder auseinand \u2019gangen. Ja, schon auch schade. Und wei\u00dft\u2019, was das Interessante war? Sie hat mir dann auch g\u2019sagt, sie m\u00f6chte mit einem flotteren Burschen beinand sein, was sie mitrei\u00dft. Komisch, gell?\u201c<\/p>\n<p>Gewohnt haben der Erwin und sein Annamirl dann am Stadtrand von Wien. Er hat dort sein geerbtes Gartenh\u00e4userl sch\u00f6n ausgebaut. Das war auch irgendwie ungew\u00f6hnlich. Der Erwin hat kein Handwerk gelernt, nie praktisch gearbeitet, aber die ganze Holzarbeit hat er selber gemacht. Jedes Brettl, was der abgeschnitten hat, war gerade und hat auf den Millimeter gepasst, jede Schraube ist wie von selber ins Holz gerutscht, und auf der Baustelle war nie ein Chaos. Daf\u00fcr hat man im Zimmer vom Annamirl (sie hat nebenbei ein bissl geschneidert) einen Kompass gebraucht, um wieder rauszufinden. Dort hat auch ihr Liebling, der schwarze Kater Mohrli, untertags geschlafen, und jede Nacht neben ihrem Bett.<\/p>\n<p>Ja, so haben die zwei sehr gl\u00fccklich dreiundrei\u00dfig Jahre miteinander verlebt, bis das Annamirl pl\u00f6tzlich an Krebs erkrankt ist. Der Erwin ist verfallen, er hat sich fr\u00fchpensionieren lassen und ist jeden Tag bei ihr im Spital gewesen. \u201eIch m\u00f6chte immer bei dir sein\u201c, hat sie da bei seinem letzten Besuch gesagt, \u201eversprich mir das, ganz nah bei dir!\u201c Der Erwin hat geweint und gesagt: \u201eNa freilich, du kommst zu mir, nix kann uns mehr trennen.\u201c Tags darauf ist sie gestorben und Erwin hat dann ihre Urne mit Sondererlaubnis in eine Nische seiner Gartenmauer gestellt.<\/p>\n<p>Und wie vom Teufel bestellt, musste knapp danach auch sein Mohrli eingeschl\u00e4fert werden. Da ist der Erwin zu mir gekommen: \u201eBitte, fahr du morgen mit ihm zum Tierarzt, ich bring das net z\u2019samm\u201c, hat er mich mit Tr\u00e4nen in den Augen gebeten. Er hat den Kater ja auch sehr gern gehabt, und gerade jetzt h\u00e4tte er was zum Liebhaben gebraucht. Ich habe noch mit ihm Kaffee getrunken und wir haben \u00fcber vieles geredet, auch \u00fcber seine st\u00e4rker gewordenen Herzprobleme.<\/p>\n<p>Da ist er auf einmal eine Minute still, schaut mich geradeaus an und sagt: \u201eDu, wir kennen uns schon ewig, kannst du mir einen gro\u00dfen Gefallen tun? Bitte sag ja, es ist mir sehr wichtig: Mein Annamirl, du wei\u00dft ja von der Urne im Garten, soll einmal gemeinsam mit mir bestattet werden. W\u00fcrdest du sie mir dann in den Sarg legen? Am liebsten h\u00e4tte ich ja den Mohrli auch dabei, aber das geht halt nicht.\u201c Ich habe es ihm versprochen, ja, ich mach das, wenn ich ihn \u00fcberlebe.<\/p>\n<p>Die Geschichte hat mir keine Ruhe gelassen, ich hab von Erwins Begr\u00e4bnis getr\u00e4umt, und da kam mir eine Idee. Der tote Kater wurde, in Plastik geschwei\u00dft, von mir bis zum Tag X eingefroren. Ein halbes Jahr danach ist Erwin an seinem Herzleiden gestorben, er hat mich zum Testamentsvollstrecker ernannt. Der besuchte Bestatter hat zugestimmt, die Urne beizupacken. Gut. Beim Hinausgehen habe ich gesehen, wie sein Gehilfe in der Werkstatt aus einem versteckten Doppler getrunken hat \u2013 den konnte ich wohl anreden! Ich habe mit einem Geldschein gewachelt und ihn gefragt, ob er mir heimlich helfen w\u00fcrde. \u201eJa, klar, bringen S\u2019 den Kater am Begr\u00e4bnistag um halber achte, der Chef ist eh erst um achte da.\u201c<\/p>\n<p>So haben wir den Mohrli heimlich unter Erwins F\u00fc\u00dfe geschoben. Ich wei\u00df nicht, was Erwin in seiner letzten Stunde gedacht\/getr\u00e4umt hat, aber da war in seinem Gesicht dieses verschlagene Grinsen, wie als Bub, wenn ihm was gelungen war. Vielleicht hab ich mir das auch eingebildet. Jedenfalls wurde es ein w\u00fcrdiges, sch\u00f6nes Begr\u00e4bnis mit vielen Besuchern, weil den Erwin haben alle Bekannten gesch\u00e4tzt, und das lustige Annamirl hat jeder gerne gehabt. Der Pfarrer hat in ber\u00fchrenden Worten gesagt, dass wir nicht auf den Himmel warten, sondern uns schon zu Lebzeiten ein St\u00fcck Paradies schaffen sollen, wie es uns der Verstorbene und seine Frau vorgelebt haben. Ich habe dann ein zerkr\u00fcmeltes braunes Katzenstangerl ins Grab geworfen und in die Hand mit dem Erd-Schauferl einen kleingefalteten Schein geschoben. Der Totengr\u00e4ber und ich haben verstohlen gel\u00e4chelt, und Erwin oben wohl auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Robert M\u00fcller<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a>| Inventarnummer: 23170<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war immer schon \u201eder Elefant\u201c, von der Entbindungsstation bis zur Pension. Eins-neunzig hoch, mit einem Gewicht, das zwischen 110 und 120 Kilo schwankte, gutm\u00fctig, eher bed\u00e4chtig in Rede und Gedanken, mit einem breitfl\u00e4chigen, aufmerksamen Gesicht. 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