{"id":1712,"date":"2014-09-22T11:41:09","date_gmt":"2014-09-22T11:41:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1712"},"modified":"2014-09-24T05:25:14","modified_gmt":"2014-09-24T05:25:14","slug":"xxx","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1712","title":{"rendered":"Edgars Spiegelbild"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1712&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1712&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>In einer Nacht, als Amelie schon l\u00e4ngst friedlich in ihrem Bettchen schlummerte, stellte sich Edgar vor den gro\u00dfen Spiegel im Vorzimmer. Er machte das Licht an, zog sein T-Shirt aus, betrachtete sich und versuchte dabei so objektiv wie m\u00f6glich zu sein. Seit geraumer Zeit hatte er es vermieden, sich und insbesondere seinen K\u00f6rper genauer anzublicken, zwar war er bem\u00fcht, sauber und gepflegt auszusehen, doch hatte er nie einen Blick zu viel riskiert. Er musterte den Menschen, der vor ihm stand. Er war ihm v\u00f6llig fremd.<br \/>\nEdgar erinnerte sich noch gut an fr\u00fchere Zeiten, Zeiten vor Laura, in denen er fast schon eine gewisse Eitelkeit an den Tag gelegt, in denen er sich gern selbst angesehen hatte. In denen er sich gemocht hatte. Hier stand nun ein abgemagerter, alter Mann, der in absehbarer Zeit eine Glatze haben w\u00fcrde, dessen Gesicht eingefallen war und dessen Augen m\u00fcde und blutunterlaufen waren. Ungl\u00e4ubig be\u00e4ugte er sein Spiegelbild wie einen Fremden, er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wie es war, jung zu sein, vor Kraft zu strotzen und \u2026 und zu l\u00e4cheln. Er wusste nicht mehr, wie er aussah, wenn er l\u00e4chelte.<br \/>\nNat\u00fcrlich konnte er die Mundwinkel hochziehen, er konnte seine Z\u00e4hne zeigen, er konnte so tun als ob. Er versuchte es. Sein Spiegelbild spannte die Gesichtsmuskeln an und was er sah, war bemitleidenswert, das war nicht er, das war nicht der lebensfrohe Edgar, das war ein gepr\u00fcgelter, alter Hund, der nicht mehr wusste, wie man wedelt.<br \/>\nZuerst lie\u00df ihn dieser Gedanke w\u00fctend werden, er hob seine Faust und wollte gegen den Spiegel schlagen, doch auf halbem Wege hielt er inne, \u00fcberlegte einen Augenblick und fing an zu kichern. Die Vorstellung, wie er mit dem Schwanz wedelte, hatte sich in seinem Kopf festgesetzt, er prustete laut los und hielt sich die Hand vor den Mund, um Amelie nicht zu wecken. Ihm liefen die Tr\u00e4nen die Wangen hinunter, sein ganzer K\u00f6rper sch\u00fcttelte sich vor Lachen, er ging in die Knie und hoffte, dass er den Harndrang zur\u00fcckhalten konnte.<br \/>\nNach einigen Minuten hatte er sich beruhigt, er lie\u00df sich nach hinten auf seinen Allerwertesten plumpsen und wischte sich die Tr\u00e4nen aus dem Gesicht. Er kicherte immer noch vor sich hin, als er den Kopf hob und sich erneut im Spiegel betrachtete. Aus diesem Blickwinkel konnte er nur die obere H\u00e4lfte seines K\u00f6rpers sehen, doch f\u00fcr ihn reichte das vollkommen.<br \/>\nEr konnte Leben und Freude erblicken, er konnte jemanden sehen, den er vor langer Zeit einmal gekannt hatte. \u201eHallo!\u201c, sagte Edgar mit all der W\u00e4rme, die er noch in sich hatte. Und er l\u00e4chelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Constanze Scheib<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Auszug aus dem Roman: Lauras Parfum, 2014<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\">auszugsweise<\/a> | Inventarnummer: 14069<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer Nacht, als Amelie schon l\u00e4ngst friedlich in ihrem Bettchen schlummerte, stellte sich Edgar vor den gro\u00dfen Spiegel im Vorzimmer. Er machte das Licht an, zog sein T-Shirt aus, betrachtete sich und versuchte dabei so objektiv wie m\u00f6glich zu sein. 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