{"id":17007,"date":"2023-11-09T18:12:45","date_gmt":"2023-11-09T18:12:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=17007"},"modified":"2023-11-11T13:26:11","modified_gmt":"2023-11-11T13:26:11","slug":"tante-emma-gibt-alles","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=17007","title":{"rendered":"Tante Emma gibt alles"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts17007&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts17007&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong>\u00a0Wie das Leben so spielt<\/strong><\/p>\n<p>Tante Emma war bereits Anfang siebzig, doch von alt und gebrechlich war sie weit entfernt. Sie war im ganzen Dorf bekannt und jeder mochte sie, denn sie war die gute Seele, die mit ihrem Laden jenen sozialen Raum bot, den es f\u00fcr die Dorfbewohner sonst nicht gegeben h\u00e4tte. Obwohl sie nach einem arbeitsreichen Leben bereits eine kleine Rente bezog, liebte sie es, im Laden zu stehen, denn eine jener Rentnerinnen, die tagein, tagaus die selben Serien guckten und die das Leben in den eigenen vier W\u00e4nden verpassten, wollte sie nicht sein.<\/p>\n<p>Nein! Tante Emma wollte ihr Leben in vollen Z\u00fcgen genie\u00dfen, jeden Tag mit all seinen Besonderheiten erleben, und nicht zuletzt war sie auch dem t\u00e4glichen Dorftratsch in ihrem St\u00fcbchen nicht ganz abgeneigt \u2013 da brauchte sie auch keine Telenovelas mit erfundenen Dramen, immerhin spielte das Theater direkt vor ihrer Nase.<\/p>\n<p>Der Laden war ihr ganzer Stolz! Nicht zuletzt deswegen, weil er ihr ab ihrem 25. Lebensjahr das N\u00f6tige lieferte, um sich und ihren Ehemann zu ern\u00e4hren. Nicht dass sie schlecht \u00fcber ihn h\u00e4tte reden wollen, ihren seligen Heinz, doch sein Einkommen, das er zu Lebzeiten im Zuge seiner Arbeit als Postbote bezog, landete jeden Monat allzu schnell am Stammtisch des benachbarten Dorfgasthauses. Und so wusste sie schon fr\u00fch, dass sie als Hausfrau nicht viel h\u00e4tte auf den Tisch bringen k\u00f6nnen \u2013 vom Begleichen der monatlichen Zahlungen gar nicht erst zu sprechen.<\/p>\n<p>Auch war der Heinz sehr eifrig gewesen, wenn es darum ging, die postalische Zustellung an die Hausfrauen einiger handverlesener Haushalte mit einer besonders pers\u00f6nlichen Note zu untermauern.<\/p>\n<p>Ihre Ehe blieb zwar kinderlos, doch die \u00c4hnlichkeit einiger Dorfkinder mit dem seligen Heinz war schwerlich zu leugnen. Wie zu jener Zeit vor allem am Land \u00fcblich, machte man kein gro\u00dfes Aufsehen um diese Geschichte, immerhin waren sie brave Kirchgeher und Emma stand mit ihrem L\u00e4dchen f\u00fcr s\u00e4mtliche Fu\u00dfballspiele, Dorffeste und Kirchtage zur Verf\u00fcgung \u2013 da war das Ansehen ihres nunmehr seligen Gatten ganz rasch wiederhergestellt.<\/p>\n<p>Sein Ableben war trotz seines durch Alkoholexzesse bereits eher d\u00fcrftigen Gesundheitszustandes recht \u00fcberraschend gewesen. So geschehen, als er eines Nachts vom benachbarten Dorfgasthaus mit seinem Puch Maxi nach Hause wollte und die Begleitstra\u00dfe mit der Bundesstra\u00dfe verwechselte. Wahrscheinlich war seine Sicht zu jenem Zeitpunkt nicht mehr die beste und auch wenn er entschlossen stets alles aus seiner Lady \u2013 so nannte er sein geliebtes Maxi \u2013 herausholte, konnte er dem entgegenkommenden Lastwagen leider nicht auf Augenh\u00f6he begegnen.<\/p>\n<p>Obwohl Tante Emma ihren Verlust mit Fassung trug, hatte sie seit damals genug von M\u00e4nnern und wollte sich mit Liebesthemen auch nicht mehr weiter belasten. Das L\u00e4dchen bot ihr nunmehr ein weit h\u00f6heres Auskommen und sie konnte sich sogar einen ansehnlichen Notgroschen ersparen, der ihr sonst wom\u00f6glich verwehrt geblieben w\u00e4re.<\/p>\n<p>So vergingen die Jahre, Tante Emma fehlte es an nichts und sie blieb im sicheren Hafen ihres erprobten Alltages. Mittlerweile hatte sie zwar zwei Mal w\u00f6chentlich eine Hilfe im Laden, da sie die Hebearbeiten bei neuen Lieferungen sowie die Reparaturen des in die Jahre gekommenen Mobiliars nicht mehr zur G\u00e4nze selbst erledigen wollte \u2013 dennoch hatte sie zu jenem Zeitpunkt noch lange nicht daran gedacht aufzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Von Zeit zu Zeit \u2013 genauer gesagt jeden Dienstag um 20:15 Uhr \u2013 plagte Tante Emma jedoch das Fernweh. Denn da lief Universum im Fernsehen und sie genoss es, sich in ihren gem\u00fctlichen braun-gelb karierten Fernsehsessel zu kuscheln und mit einem Glas Brandy in der Hand die Welt im eigenen Wohnzimmer zu betrachten. Als w\u00fcrde man durch ein Kaleidoskop aus Siebzigerjahretapeten und -mustern in eine ferne Welt schauen.<\/p>\n<p>Von der Welt hatte sie ja bisher noch nicht viel gesehen und, um ehrlich zu sein, ist sie auch aus dem eigenen Bundesland nie wirklich herausgekommen. Dennoch wusste sie, dass da noch viel mehr existierte, dass es exotische Orte mit anderen Kulturen gab, die nach anderen Regeln spielten, und dass die Bananen aus ihrem Laden weiter gereist waren, als sie es sich jemals h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eIrgendwann\u201c, dachte sie sich dann jedes Mal, bevor sie friedlich in ihrem Sessel einschlief. \u201eIrgendwann werde ich doch noch einmal das Meer sehen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Ein Tag wie jeder andere<\/strong><\/p>\n<p>Es war ein ruhiger Vormittag in Tante Emmas Laden. Die Kinder st\u00fcrmten die S\u00fc\u00dfigkeitentheke bereits vor der Schule, die Arbeiter hatten ihre Jause schon abgeholt und die Hausfrauen waren zeitig zugegen gewesen, um das Mittagessen f\u00fcr ihre M\u00e4nner p\u00fcnktlich auf den Tisch zaubern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es war ein Tag, an dem sie keine Lieferungen erwartete, an dem nichts einzur\u00e4umen war und an dem auch der Stehtisch im hinteren Ladenbereich noch nicht besucht war. Da es gerade nichts zu tun gab, widmete sie sich dem Kreuzwortr\u00e4tsel der aktuellen Tageszeitung und wartete bis die n\u00e4chste Kundenschar zu Mittag wieder bei ihr einkehren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Als sie gerade stolz ein neues Wort in die K\u00e4stchen des R\u00e4tsels eintragen wollte, bimmelte jedoch die Ladenglocke \u00fcber der Eingangst\u00fcre. Tante Emma strich rasch die Falten ihrer Mantelsch\u00fcrze glatt, setzte ihr bestes L\u00e4cheln auf, f\u00fcr das sie im ganzen Ort bekannt war, und als sie nach oben blickte, konnte sie ihr Erstaunen kaum verbergen:<\/p>\n<p>Ein Fremder hatte ihren Laden betreten, das kam zwar \u00f6fter vor, aber dieser Fremde war speziell. Er war von gro\u00dfer Gestalt, sicher zwei K\u00f6pfe gr\u00f6\u00dfer als sie selbst, trug einen wei\u00dfen Vollbart, der ihm bis auf den gut gen\u00e4hrten Bauch reichte, und hatte das lange wei\u00dfe Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. In den H\u00e4nden hielt er einen schwarzen Motorradhelm, der zu Ledergilet und -hose passte, und die nackten Oberarme waren noch die eines Holzf\u00e4llers, oder sagen wir jene eines pensionierten Holzf\u00e4llers.<\/p>\n<p>Tante Emma war sichtlich beeindruckt von diesem Anblick, und als sie ihre Fassung endlich wiedergefunden hatte, fragte sie, was sie f\u00fcr ihn tun k\u00f6nne. Der Dialog zwischen ihnen trug sich wie folgt zu \u2026<\/p>\n<p>\u201eFremder\u201c: Guten Tag meine Liebe, h\u00e4tten Sie bitte ein paar Wurstsemmeln f\u00fcr mich und meine Freunde?<\/p>\n<p>Die Freunde warteten drau\u00dfen auf ihren Motorr\u00e4dern und auch sie hatten die f\u00fcnfzig bereits weit \u00fcberschritten.<\/p>\n<p>\u201eGerne doch\u201c \u2013 hauchte Tante Emma dem Fremden zu und schwebte zur Wursttheke, um das Gew\u00fcnschte zuzubereiten.<\/p>\n<p>\u201eWie h\u00e4tten Sie es denn gerne?\u201c, fragte sie und blinzelte dabei kokett.<br \/>\n\u201eBitte Wurst, K\u00e4se und Essiggurken, Sie wissen sicher am besten, was gut schmeckt.\u201c<\/p>\n<p>Da kicherte Tante Emma, machte eine wegwerfende Handbewegung und meinte verlegen: \u201eAch Sie Charmeur, Sie \u2026 Ich mach Ihnen die Semmeln gleich fertig.\u201c<\/p>\n<p>Sobald sich der Fremde nach ein paar Getr\u00e4nken umsah, schnitt sie die Semmeln auf, belegte sie z\u00e4rtlich mit Wurst, die sie dann sogleich mit je einem Blatt K\u00e4se streichelte und f\u00fcgte die Essiggurken hinzu, die sie h\u00fcbsch zwischen Wurst und K\u00e4se drapierte.<\/p>\n<p>Es sollten verdammt nochmal die besten Wurstsemmeln werden, die dieser stattliche Fremde je gegessen hatte, und daf\u00fcr legte sie sich richtig ins Zeug! Sie packte alles in eine Papiert\u00fcte, f\u00fcgte heimlich ein paar Schoko-K\u00fcsschen hinzu und strahlte \u00fcber das ganze Gesicht \u2013 direkt in seines \u2013, als sie den Gesamtbetrag abrechnete.<\/p>\n<p>\u201eAuf Wiedersehen und kommen Sie bald wieder\u201c, rief sie ihm noch nach, als er zur T\u00fcr hinausging. Er drehte sich um und winkte ihr l\u00e4chelnd zu \u2013 vielleicht einen Wimpernschlag zu lange.<\/p>\n<p>Sobald ihr Kollege wieder zur\u00fcckkam, wurden die schweren Maschinen gestartet und die Gang zog laut, aber geruhsam von dannen. Tante Emma stand inzwischen an der T\u00fcr, winkte ihnen fr\u00f6hlich nach und war \u00fcber das, was eben geschehen war, v\u00f6llig perplex.<\/p>\n<p>Genau denselben Verkaufsdialog hatte sie bereits hundert-, ach was red ich, sicher schon tausendmal gef\u00fchrt, aber dieses Mal war es anders. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie sp\u00fcrte Schmetterlinge im Bauch. Das war nicht nur ein Verkaufsgespr\u00e4ch mit einem Wurstsemmelkunden, das war verdammt nochmal echte Erotik!<\/p>\n<p>Als sie am Abend desselben Tages nach Hause kam, gingen Tante Emma tausend Gedanken durch ihren Kopf. W\u00fcrde sie ihn wiedersehen, war das Karomuster des Fernsehsessels pl\u00f6tzlich bunter und schmeckte der Brandy heute besser als sonst? \u201eAch du dumme alte Nudel\u201c schalt sie sich selbst und versuchte sich ihre jugendliche Verliebtheit auszureden.<\/p>\n<p>Was sollte so ein r\u00fcstiger Biker schon von ihr wollen. Ihre Mantelsch\u00fcrze konnte seinem Leder-Outfit nicht das Wasser reichen und auch sonst hatte sie sich in den letzten Jahren etwas gehen lassen, was die Optimierung ihrer Optik betraf. Etwas grummelig ob dieser Erkenntnis versank sie ein bisschen tiefer in ihrem Sessel, doch sie war niemand, der jammerte, nein, wenn sie etwas st\u00f6rte, musste es ge\u00e4ndert werden. Und egal ob er wiederkam oder nicht, sie hatte genug Zeit damit verbracht, Dinge nicht zu tun und von den sch\u00f6nen Dingen lediglich zu tr\u00e4umen. Nun war es an der Zeit zu handeln, denn wenn sie das Meer sehen wollte, musste sie verdammt nochmal auch hinfahren.<\/p>\n<p>So tat sie, was sie noch nie getan hatte \u2026 Sie griff nach dem Telefon, w\u00e4hlte die Nummer von Gerti, ihrer Ladenhilfe, und fragte, ob sie morgen einen Extra-Tag \u00fcbernehmen wollte. Gerti war \u00e4u\u00dferst besorgt \u00fcber diese Frage, schlie\u00dflich war Emma in 45 Jahren nicht einen Tag krank gewesen und ihr Laden lief wie ein Schweizer Uhrwerk: exakt und nach klaren Abl\u00e4ufen. Doch Emma antwortete n\u00fcchtern:<\/p>\n<p>\u201eAlles ist gut, meine Liebe, ich muss mich nur mal einen Tag lang anderen Dingen widmen.\u201c Gerti war sofort einverstanden, denn die wenigen Stunden, die sie im Laden arbeitete, waren ein karges Zubrot zu den Kosten, die sie und ihre Gro\u00dffamilie zu tragen hatten. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter musste sie sich einen anderen Job suchen, der ihr mehr Stunden und Geld einbrachte.<\/p>\n<p><strong>Eine Frage des Gef\u00fchls<\/strong><\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen erwachte Tante Emma p\u00fcnktlich um 5, da die innere Uhr, die sie sich in 45 Jahren im selben Alltag antrainiert hatte, keinen Wecker mehr forderte. Sie zog sich an, nahm ihren Geldbeutel und wartete auf den Bus um 7 Uhr 15, der sie in die n\u00e4chste Stadt bringen sollte.<\/p>\n<p>Als Erstes w\u00fcrde sie sich eine neue Frisur machen lassen. Sie wollte optisch keine \u201e\u00e4ltere Dame\u201c mehr sein, SIE wollte nun alles aus sich rausholen \u2013 schlie\u00dflich lebte sie gesund und die 70 sah man ihr, au\u00dfer von der \u00e4u\u00dferlichen Aufmachung, kaum an. Die wei\u00dfe Dauerwelle war obsolet geworden, sie wollte so aussehen, wie sie sich f\u00fchlte, und mit der jetzigen Frisur f\u00fchlte sie sich wie ein in die Jahre gekommenes Schaf.<\/p>\n<p>Gesagt, getan, betrat knappe sechzig Minuten sp\u00e4ter eine andere Frau den Gehsteig vor dem Friseurladen. Die wei\u00dfe Dauerwelle war geschoren und eine kesse Kurzhaarfrisur kr\u00f6nte nun Tante Emmas Haupt. Sie war mit dem Ergebnis sehr zufrieden, doch nun wollte sie auch ihrer Mantelsch\u00fcrze den Krieg erkl\u00e4ren, was sie drei H\u00e4user weiter prompt erledigte.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4teren Nachmittag dieses Tages stieg eine neue Tante Emma aus dem Bus in ihrer Heimatgemeinde und, um ihrem neuen Ich die n\u00f6tige B\u00fchne zu geben, f\u00fchrte sie ihr erster Weg direkt in ihren Laden.<\/p>\n<p>Man kann sich die VERwunderung der Leute vorstellen, die rasch in BEwunderung umschwenkte. Emma genoss es, sich in den Komplimenten ihrer langj\u00e4hrigen Weggef\u00e4hrten zu sonnen, und betrat ihre kleine Wohnung an diesem Tag zufrieden und voller neuer Ideen.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Wochen verbrachte Emma wieder wie gewohnt. Sie verkaufte S\u00fc\u00dfigkeiten, Jause und Dosenbier, doch es war etwas mit ihr geschehen, das sie nur schwer benennen konnte. Obwohl alles in geordneten Bahnen lief und auch sonst keine besonderen Vorkommnisse ihren Weg kreuzten, konnte sie sich nicht recht freuen. Es war, als w\u00fcrde ihr das eigene Leben zu eng werden und, obwohl die Fr\u00fchlingsgef\u00fchle zu ihrem r\u00fcstigen Biker langsam abebbten, war etwas in ihr gekeimt. Wie ein Pfl\u00e4nzchen, das nun mehr Raum forderte und einen gr\u00f6\u00dferen Topf brauchte.<\/p>\n<p>Eines Tages, als sie mittlerweile von Langeweile geplagt, ihrem t\u00e4glichen Gesch\u00e4ft nachging, h\u00f6rte sie Motorr\u00e4der, die vor ihrem Laden parkten. Sie warf einen Blick hinaus und tats\u00e4chlich, es waren dieselben M\u00e4nner. Ihr stattlicher Angebeteter betrat wieder den Laden und als er sie sah, strahlte er \u00fcber das ganze Gesicht.<\/p>\n<p>\u201eWir sind wieder da, danke f\u00fcr die Schoko-K\u00fcsse und die besten Wurstsemmeln meines Lebens\u201c, sagte er und erkl\u00e4rte, dass sie eine l\u00e4ngere Tour gemacht h\u00e4tten und sich nun auf dem R\u00fcckweg bef\u00e4nden. Emma wollte ihr Gl\u00fcck nicht noch einmal verpassen und flirtete, als ob es kein Morgen g\u00e4be. Der \u201eFremde\u201c, der wie sie nun wusste, Hans hie\u00df, stieg umgehend darauf ein und sie verabredeten sich f\u00fcr das kommende Wochenende, um gemeinsam einen Eiskaffee in der Stadt zu trinken. Und er w\u00fcrde sie abholen kommen.<\/p>\n<p>Hans und seine Gang wohnten nur vierzig Autominuten von dem kleinen \u00d6rtchen weg, in dem Tante Emma ihr gesamtes Leben verbracht hatte, und so stand dem Wiedersehen nichts im Wege.<\/p>\n<p>Tante Emma hatte also ein Date. Sie konnte es kaum glauben! Sie f\u00fchlte sich wie ein junges M\u00e4dchen, als sie ihren Kleiderkasten durchst\u00f6berte, um das richtige Ensemble f\u00fcr diesen Tag zu finden. Sie war bereits drei Stunden fr\u00fcher fertig als abgemacht, und als ihr Galan vor der T\u00fcr stand und ihr artig einen Strau\u00df Blumen \u00fcberreichte, war es g\u00e4nzlich um sie geschehen.<\/p>\n<p>Dieses Mal war er mit dem Auto gekommen und der gemeinsame Tag in der Stadt war regelrecht berauschend.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Monate vergingen wie Tage und die beiden verstanden sich auf Anhieb. Durch Hans\u2019 Weltoffenheit weitete sich auch Emmas Horizont um ein Vielfaches. Die Welt erschien nun nicht mehr durch ein Kaleidoskop aus alten Gewohnheiten, denn das Leben war endlich real und mit ihm auch die Ver\u00e4nderung, die sie so dringend brauchte.<\/p>\n<p><strong>Geben und nehmen<\/strong><\/p>\n<p>Tante Emma war nun in festen H\u00e4nden. Hans war bereits seit einigen Jahren in Rente und auch sie wollte nicht l\u00e4nger ihre Tage in ihrem Laden verbringen. Sie wollte ihren sicheren Hafen eintauschen und JA, sie wollte mit Hans ans Meer.<\/p>\n<p>Doch Tante Emma wusste, dass sie in dem kleinen Ort auch eine Verpflichtung hatte. Denn der Laden war der soziale Treffpunkt aller. Da sie wusste, wie gerne Gerti bei ihr aushalf, entschloss sie sich, ihr den Laden zu \u00fcberschreiben, was f\u00fcr diese ein wahrer Segen sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Emma hatte nun alles gegeben, was sie sich ihr ganzes Leben lang aufgebaut hatte, doch was sie in ihrem neuen Leben stattdessen empfangen w\u00fcrde, war f\u00fcr sie von gr\u00f6\u00dferem Wert als alle Sicherheit.<\/p>\n<p>Die Dorfgemeinde verabschiedete sie mit Pauken und Trompeten. Sie wussten um Tante Emmas Engagement und ihre F\u00fcrsorge f\u00fcr die Gemeinde, doch nun war es an der Zeit, neue Wege zu beschreiten. Alle kamen, um Lebwohl zu sagen, und auch wenn ihr der eine oder andere Dorfbewohner dabei neidische Blicke zuwarf, war das bei weitem nicht ihr Problem.<\/p>\n<p>In einem letzten Akt des Abschieds f\u00e4rbte Tante Emma all ihre Mantelsch\u00fcrzen schwarz. Sie k\u00fcrzte sie auf Kniel\u00e4nge und fertig war ihr selbstkreiertes Biker-Outfit. Sie machte den F\u00fchrerschein nach \u2013 A und B wohlgemerkt \u2013 und als sie erstmals in ihrem Biker-Outfit auf ihrer eigenen Maschine sa\u00df und mit Hans ausfuhr, sp\u00fcrten beide das Verlangen nach mehr. Sie wollten leben, lieben, lachen und all das erleben, was miteinander so viel sch\u00f6ner war. Das taten sie und dabei lie\u00dfen sie sich von nichts abhalten. Wenn sie nicht gerade mit dem Motorrad unterwegs waren, redeten sie bei einem Bierchen \u00fcber Gott und die Welt oder sie machten es sich nach einem ereignisreichen Tag vor seinem Kamin gem\u00fctlich.<\/p>\n<p>Als Emma zum ersten Mal in ihrem Leben das Meer sah, kullerten ihr Freudentr\u00e4nen \u00fcber das Gesicht. Hans stand neben ihr und auch er konnte sich ein feuchtes Blinzeln \u00fcber diese Freude nicht verkneifen. Er nahm sie in den Arm, sie umfasste sein Gesicht und sagte:<\/p>\n<p>\u201eLass uns gemeinsam die Welt rocken, Baby.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Epilog<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Emma und Hans planten ihre Weltreise akribisch, und als es endlich losging, waren sie wie kleine, neugierige Kinder: aufgeregt, \u00fcberm\u00fctig und ein wenig rebellisch. So blieb es nicht aus, dass das illustre Paar auch ein paar Schlagzeilen f\u00fcllte \u2026<\/p>\n<p>Unter anderem:<\/p>\n<p><strong><em>Seniorenp\u00e4rchen st\u00fcrmt B\u00fchne bei Rock-Festival \u2013 keine Verletzten<\/em><\/strong><br \/>\n<em>Nachdem das P\u00e4rchen die B\u00fchne st\u00fcrmte, durfte es mit der Band gemeinsam performen.<\/em><br \/>\n<em>Kommentar des Paares: Das war der geilste Trip ever!<\/em><\/p>\n<p><strong><em>R\u00fcstiges Biker-Paar beim Nacktbaden in Stadtbrunnen erwischt<\/em><\/strong><br \/>\n<em>Von Konsequenzen wird abgesehen, da die Frau den Beamten eine k\u00f6stliche Jause servierte.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>\u00c4lteres Paar \u00fcberf\u00fchrt Bankr\u00e4uber, der Kind bei Bankraub verletzte \u2013 Teil der Beute wird vermisst<\/em><\/strong><br \/>\n<em>Das \u00e4ltere Paar verfolgte den Bankr\u00e4uber auf ihren Motorr\u00e4dern und konnte ihn nach zehn Kilometern stellen. Die Polizei musste den Bankr\u00e4uber beruhigen, da dieser nach eigenen Aussagen um sein Leben bangen musste. Paar bestreitet alle Vorw\u00fcrfe.<\/em><br \/>\n<em>Gro\u00dfz\u00fcgige Geldspende in bar vor Kinderheim abgegeben \u2013 die Polizei dankt f\u00fcr Hinweise!<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Trickbetr\u00fcger von \u00e4lterem Paar ausgetrickst<\/em><\/strong><br \/>\n<em>\u00c4lteres Paar gab sich als weit entfernte Angeh\u00f6rige aus und versprach Erbe bei Zahlung eines Betrages!<\/em><\/p>\n<p>Und da sie in s\u00e4mtlichen Schlagzeilen nur als \u201ePaar\u201c erschienen, entschlossen sie sich zu heiraten. K\u00fcnftig wollten sie als Ehepaar bezeichnet werden und wo konnte man besser heiraten als in LAS VEGAS, denn: What happens in Vegas, stays in Vegas! Psst<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Verena Tretter<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=14487\">let it grow<\/a> | Inventarnummer: 23162<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Wie das Leben so spielt Tante Emma war bereits Anfang siebzig, doch von alt und gebrechlich war sie weit entfernt. Sie war im ganzen Dorf bekannt und jeder mochte sie, denn sie war die gute Seele, die mit ihrem Laden jenen sozialen Raum bot, den es f\u00fcr die Dorfbewohner sonst nicht gegeben h\u00e4tte. Obwohl sie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[111],"tags":[168],"class_list":["post-17007","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tretter-verena","tag-let-it-grow"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17007","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17007"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17007\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17024,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17007\/revisions\/17024"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17007"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17007"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17007"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}