{"id":16800,"date":"2023-10-12T15:38:19","date_gmt":"2023-10-12T15:38:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16800"},"modified":"2023-10-14T15:48:06","modified_gmt":"2023-10-14T15:48:06","slug":"orlando-und-ich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16800","title":{"rendered":"Orlando und ich"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16800&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16800&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Freitag beginnt anstrengend. Ich bin ja generell kein Freund von Smalltalk, aber Smalltalk fr\u00fchmorgens ist mir ein Gr\u00e4uel. Und als ich gegen sieben Uhr au\u00dfer Haus gehe, wer steht da direkt vor meinem Gartentor und winkt mir freudig zu? Eine wahre Smalltalk-Meisterin: meine Nachbarin Ilse. Sie ist knapp achtzig Jahre alt, lebt wie ich allein und ist im Gegensatz zu mir immer gespr\u00e4chsfreudig. Sie winkt \u00fcbrigens nur mit einer Hand, in der anderen h\u00e4lt sie eine rote Leine. Am anderen Ende der Leine befindet sich der Hund, mit dem sie neuerdings unterwegs ist. Ein Spaniel-Mischling, der freundlich und ruhig wirkt. Als ich \u2013 was bleibt mir anderes \u00fcbrig! \u2013 auf sie zugehe, begr\u00fc\u00dft mich der Hund wedelnd. Ich b\u00fccke mich und streichle ihn, er dr\u00fcckt sich leicht gegen meine Beine. Ich habe nichts gegen Hunde. Die reden wenigstens nicht, sind bei weitem nicht so anstrengend wie ihre Besitzer. Wie eben Ilse, die mich sogleich mit einem Redeschwall \u00fcberf\u00e4llt:<\/p>\n<p>\u201eGuten Morgen, Oskar! Orlando mag Sie, wie sch\u00f6n! Ist er nicht s\u00fc\u00df? Wissen Sie, er ist ein unglaublich feiner, braver Hund. Habe ich Ihnen eigentlich schon erz\u00e4hlt, wie ich zu ihm gekommen bin? Richtig gesagt, wie er zu mir gekommen ist? Nein?! Das muss ich Ihnen erz\u00e4hlen, das glauben Sie nicht \u2013 haben Sie kurz Zeit?\u201c<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt sie mir nicht die M\u00f6glichkeit, \u201eNein\u201c zu sagen, sondern spricht ohne Punkt und Komma weiter:<\/p>\n<p>\u201eEs war vor zwei Wochen an einem sonnigen Morgen wie heute. Ich sa\u00df im Garten, fr\u00fchst\u00fcckte und las ein Buch. Pl\u00f6tzlich stand er vor mir. Vor Schreck fiel mir das Buch aus der Hand. Das Buch war \u00fcbrigens Virginia Woolfs \u201aOrlando\u2018. Darum nannte ich ihn so. Wahrscheinlich hat er den Fr\u00fchst\u00fccksschinken gerochen und ist dem Geruch nach \u2013 und Sie wissen ja, Oskar, dass meine Gartent\u00fcr immer offen ist. Der \u00c4rmste war v\u00f6llig ausgehungert. Ich f\u00fctterte ihn. Ging mit ihm zum Tierarzt. Danach schnurstracks zum Hundefriseur, sein Fell war furchtbar verfilzt. Orlando ist kerngesund, circa f\u00fcnf Jahre alt. Er ist jedoch nicht gechipt, nicht registriert. Ich h\u00e4tte ihn ins Tierheim bringen k\u00f6nnen, aber das habe ich nicht \u00fcbers Herz gebracht. Er ist so lieb und intelligent. Au\u00dferdem stubenrein, folgsam \u2013 ein richtiger Bilderbuchhund. Aber die Sache ist die: Ich bin leider zu alt f\u00fcr einen bewegungsfreudigen Hund, meine Knie und meine Bandscheiben, die spielen nicht mehr mit. Ja, und darum bin ich auf der Suche nach dem richtigen Menschen f\u00fcr Orlando, der ihn bei sich aufnehmen &#8230;\u201c<\/p>\n<p>An diesem heiklen Punkt schaffe ich es endlich, sie zu unterbrechen: \u201eDann w\u00fcnsche ich Orlando alles Gute und Ihnen einen sch\u00f6nen Tag, Ilse \u2013 ich muss jetzt wirklich dringend ins B\u00fcro.\u201c<\/p>\n<p>Und rasch gehe ich an den beiden vorbei und Richtung Arbeit.<\/p>\n<p>Nie im Leben, denke ich, w\u00fcrde ich einen Hund nehmen. Ich mag Hunde, aber sie sind etwas f\u00fcr extrovertierte Leute. Es w\u00e4re eine Qual f\u00fcr mich, mich st\u00e4ndig beim Gassigehen mit anderen Hundebesitzern unterhalten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Eine Viertelstunde sp\u00e4ter warte ich im B\u00fcrogeb\u00e4ude auf den Lift und freue mich auf mein stilles Arbeitszimmer. Ich sch\u00e4tze es sehr, allein in einem B\u00fcroraum zu arbeiten, ohne l\u00e4stige Kollegen. Der Lift kommt, ich trete ein. Die T\u00fcr schlie\u00dft, \u00f6ffnet sich aber nochmal, und eine Kollegin tritt schnell samt ihrem Beagle ein. Der Beagle ist einer der zwei B\u00fcrohunde. Mein Chef, ein absoluter Hundenarr, besitzt den zweiten.<\/p>\n<p>\u201eGuten Morgen\u201c, sagt die Kollegin.<\/p>\n<p>\u201eGuten Morgen\u201c, sage ich, dr\u00fccke auf den Liftknopf und starre ins Leere. Von dieser Kollegin wei\u00df ich, dass sie Marie hei\u00dft, dass sie wie ich um die vierzig Jahre alt ist und dass sich ihr B\u00fcrozimmer im selben Stockwerk wie meines befindet. Und ich finde, das reicht. Mehr braucht man von einer Kollegin nicht zu wissen.<\/p>\n<p>Der Beagle schn\u00fcffelt interessiert an meinen Hosenbeinen.<\/p>\n<p>\u201eLucy\u201c, sagt Marie tadelnd. \u201eEntschuldigung\u201c, sagt sie zu mir, \u201edas macht sie normalerweise nie.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKein Problem\u201c, sage ich, \u201esie riecht wahrscheinlich Orlando.\u201c Und als Marie mich fragend ansieht, f\u00fcge ich erkl\u00e4rend dazu: \u201eDen Hund meiner Nachbarin.\u201c<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck h\u00e4lt nun der Lift, wir steigen aus, w\u00fcnschen einander einen sch\u00f6nen Tag und jeder verschwindet in seinem B\u00fcrozimmer.<\/p>\n<p>Aufatmend lasse ich mich in meinen Schreibtischsessel fallen. So viel Kommunikation vor acht Uhr morgens strengt mich sehr an. Doch kaum fange ich an, mich etwas zu entspannen, tritt mein Chef mit seinem Sch\u00e4ferhund Rex ein. Und dann wird es so richtig anstrengend. Zuerst lobt mich mein Chef f\u00fcr meine jahrelange gute Arbeit, die ich leiste. Doch dann kommt er zur Sache. Er bittet mich eindringlich, doch etwas sozialer zu agieren, mehr mit meinen KollegInnen zu kommunizieren, in den Mittagspausen nicht immer zu verschwinden, doch mal auf eine Betriebsfeier mitzugehen. Dann entschuldigt er sich, weil Rex die ganze Zeit \u00fcber an meinen Hosenbeinen schn\u00fcffelt, und ich stottere denselben Satz wie zuvor im Lift, dass Rex wohl den Hund meiner Nachbarin riechen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201eSoso, der Nachbarshund\u201c, sagt mein Chef nachdenklich. Und dann: \u201eJetzt sage ich Ihnen mal was, Oskar. Ich bin \u00fcberzeugt, dass Ihnen ein eigener Hund sehr guttun w\u00fcrde. Denken Sie dar\u00fcber nach. Hunde sozialisieren Menschen, sage ich immer.\u201c Er klopft mir auf die Schulter, und l\u00e4sst mich endlich allein. Allein mit meiner schlechten Laune.<\/p>\n<p>Als ich mittags das B\u00fcrogeb\u00e4ude verlasse, umf\u00e4ngt mich sogleich die ganz spezielle Energie, die an einem beginnenden Wochenende herrscht: l\u00e4rmende Schulkinder, Gel\u00e4chter, Musik aus ge\u00f6ffneten Fenstern. Diese sp\u00fcrbare Lebensfreude um mich herum macht mich noch missmutiger, als ich es ohnehin bin.<\/p>\n<p>Frustriert kicke ich einen Stein vor mich hin und denke an die Aussagen meines Chefs. An seine Schnapsidee, mir einen Hund anzuschaffen. An die sogenannte soziale Kompetenz, die von mir erwartet wird. Kann nicht akzeptiert werden, dass ich meine Ruhe haben will? Reicht es denn nicht, verl\u00e4sslich meine Arbeit zu erledigen? Meine KollegInnen sind ja nicht unsympathisch, aber ich sehe keinerlei Anlass, nach B\u00fcroschluss mit ihnen auf ein Getr\u00e4nk zu gehen.<\/p>\n<p>Ich bin eben Oskar, ein stiller Mensch, und nicht Ilse, die ihr Herz auf der Zunge tr\u00e4gt, und die \u2013 oh nein, das darf doch nicht wahr sein! \u2013 die mir tats\u00e4chlich soeben, zum zweiten Mal heute, mit einer Hand fr\u00f6hlich entgegenwinkt. In der anderen Hand h\u00e4lt sie Orlandos Leine und eine Einkaufstasche. Es ist zu sp\u00e4t, rasch die Stra\u00dfenseite zu wechseln. Nicht schon wieder, fluche ich innerlich.<\/p>\n<p>Orlando scheint mich zu erkennen, denn er wedelt freudig, als er mich sieht, und zieht leicht in meine Richtung. Und da passiert es: Ilse verheddert sich irgendwie mit Leine und Einkaufstasche, stolpert und st\u00fcrzt. Und liegt nun auf dem Gehsteig vor mir. Orlando schleckt ihr \u00fcber H\u00e4nde und Gesicht. Instinktiv nehme ich seine Leine.<\/p>\n<p>\u201eOjemine\u201c, jammert Ilse, greift auf ihr linkes Bein. \u201eIch kann nicht aufstehen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch rufe die Rettung\u201c, sage ich nerv\u00f6s, w\u00e4hle sogleich die Nummer, gebe durch, was die sachliche Stimme am Telefon wissen will.<\/p>\n<p>\u201eAber was mache ich denn nun mit Orlando?\u201c, h\u00f6re ich Ilse w\u00e4hrenddessen rufen. \u201eWer k\u00fcmmert sich jetzt um ihn?\u201c<\/p>\n<p>Und als ich das Telefonat beendet habe, sagt sie eindringlich zu mir: \u201eOskar, ich bitte Sie inst\u00e4ndig, k\u00fcmmern Sie sich um ihn, bis ich wieder zuhause bin. Bitte! Schauen Sie, in der Tasche hier ist reichlich Hundefutter, ich war vorhin einkaufen.\u201c<\/p>\n<p>Ich schnappe nach Luft, und dann geht alles blitzschnell. Das Rettungsauto h\u00e4lt, zwei Sanit\u00e4ter kommen zu uns, stellen Ilse ein paar Fragen, legen sie vorsichtig auf eine Trage, Ilse und ich tauschen unsere Handynummern aus \u2013 und schlussendlich stehe ich da, die Einkaufstasche in der einen und Orlandos rote Leine in der anderen Hand. Orlando schaut angespannt in die Richtung, in die das Rettungsauto mit Ilse gefahren ist, und fiept leise.<\/p>\n<p>\u201eTja, also\u201c, sage ich hilflos. \u201eAlles gut, Orlando.\u201c<\/p>\n<p>Als ich seinem Namen sage, hebt er seinen Kopf und sieht mich aus warmen braunen Hundeaugen an. Der Arme ist sicher genauso durcheinander wie ich, denke ich, gehe in die Hocke und streichle ihn.<\/p>\n<p>\u201eVielleicht gehen wir mal eine Runde im Park, Orlando, und \u00fcberlegen, wie\u2019s nun weitergehen soll\u201c, sage ich, w\u00e4hrend ich ihn hinter seinen lockigen H\u00e4ngeohren kraule. Das mag er offensichtlich besonders gern, denn nach einer Weile wirkt er tats\u00e4chlich entspannter. Und dann gehen wir los, Orlando dicht an meinen Beinen. Unfassbar. Ich und ein Hund. Eigentlich gehe ich nach der Arbeit immer sofort nach Hause. Fu\u00dfballschauen, ein Bier trinken, entspannen. Und nun gehe ich mit einem Hund spazieren, der an Hausecken und B\u00e4umen schnuppert und markiert. Mir gehen tausend Gedanken durch den Kopf. Wo richte ich ihm einen Schlafplatz? Wie besch\u00e4ftige ich ihn? Wie oft muss er fressen?<\/p>\n<p>Im Park befindet sich ein Trinkbrunnen, aus dem Orlando trinkt. Wir spazieren weiter, dann bleibt Orlando stehen, macht ein gro\u00dfes Gesch\u00e4ft, und ich b\u00fccke mich, um es zu beseitigen.<\/p>\n<p>Als ich mich wieder aufrichte, steht ein Mann mit einem Labrador vor uns.<\/p>\n<p>\u201eM\u00e4nnchen oder Weibchen?\u201c, fragt der Mann, w\u00e4hrend sich die Hunde beschn\u00fcffeln.<\/p>\n<p>\u201eM\u00e4nnchen\u201c, antworte ich widerstrebend, und wei\u00df wieder, warum ich nie einen Hund haben will.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter setze ich mich auf eine Parkbank im Schatten. Orlando platziert sich direkt vor mich, und sieht mich fragend an. Ich krame in Ilses Einkauftasche: Hundefutterdosen, Leberwurst, Packungen mit Leckerlis. Ich \u00f6ffne eine davon. Orlando frisst mir aus der Hand. Ich streichle ihn. Wie weich sein schwarz-wei\u00dfes Fell ist. Und wie h\u00fcbsch er ist. Ilse hat recht, er ist ein ausgesprochen liebes Tier. Er schleckt mir ein paarmal \u00fcber meine H\u00e4nde, dann streckt er sich zu meinen F\u00fcssen aus, schnauft einige Male und schl\u00e4ft ein.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich l\u00e4utet mein Handy. Ich zucke zusammen. Mein Handy l\u00e4utet n\u00e4mlich sehr selten. Es ist Ilse.<\/p>\n<p>\u201eIch bin hier in besten H\u00e4nden, Oskar\u201c, berichtet sie. \u201eNur wird mein Spitalaufenthalt wohl l\u00e4nger dauern. Oberschenkelhalsbruch. Ich muss operiert werden. Aber wie geht es Orlando? Und Ihnen? Kommen Sie zurecht mit ihm?\u201c<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re mich \u2013 und kann es selbst nicht glauben \u2013 ganz ruhig antworten: \u201eMachen Sie sich keine Sorgen, Ilse. Wir sitzen im Park. Orlando hat getrunken und gefressen und schl\u00e4ft gerade. Ich k\u00fcmmere mich um ihn, bis Sie wieder auf den Beinen sind.\u201c<\/p>\n<p>\u201eTausend Dank, Oskar! Sie wissen nicht, wie sehr mich das beruhigt.\u201c<\/p>\n<p>Sie erkl\u00e4rt mir nun ausf\u00fchrlich, wie viel und welches Futter Orlando morgens und abends bekommen soll, dann muss sie das Telefonat beenden, weil sie f\u00fcr die Operation vorbereitet wird.<\/p>\n<p>Ich stecke das Handy weg, betrachte den schlafenden Hund zu meinen F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Da \u00f6ffnet er die Augen, setzt sich, sich gen\u00fcsslich streckend, auf, und sieht sich g\u00e4hnend um.<\/p>\n<p>\u201eOh, ist der s\u00fc\u00df!\u201c Zwei Kinder bleiben stehen. \u201eD\u00fcrfen wir ihn streicheln?\u201c<\/p>\n<p>Z\u00f6gernd nicke ich. Sie knuddeln und herzen ihn, und Orlando scheint es zu genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Als die beiden gegangen sind, sage ich. \u201eNun gut, Orlando. Ich schlage vor, dass ich dir jetzt zeige, wo du vor\u00fcbergehend wohnen wirst.\u201c<\/p>\n<p>Wir marschieren los. Beim Parkausgang kommen wir direkt an der Hundezone vorbei. Orlando wedelt und winselt aufgeregt, als er einige Hunde entdeckt, die drinnen auf der gro\u00dfen Wiese leinenlos miteinander herumtollen. Und ich jaule innerlich auf, als ich eine Gruppe von Hundebesitzern sehe, die sich angeregt miteinander unterhalten.<\/p>\n<p>Das schaffe ich nicht, da reinzugehen, denke ich. Aber Orlando zieht mich Richtung Eingang, und winselt derart sehns\u00fcchtig, dass ich meinen ganzen Mut zusammennehme und die T\u00fcr \u00f6ffne.<\/p>\n<p>\u201eAber nur kurz, Orlando\u201c, sage ich. Zwei gro\u00dfe Hunde laufen direkt auf uns zu. Ich bekomme Angst. Hoffentlich tun sie Orlando nichts. Zum Gl\u00fcck rennen die beiden an uns vorbei.<\/p>\n<p>\u201eOh, du bist doch \u2013 Oskar?\u201c, sagt eine Frauenstimme.<\/p>\n<p>Ich drehe mich erschrocken um. Vor mir steht meine Kollegin, Marie, und l\u00e4chelt mich an. Neben ihr wedelt Lucy. Sie und Orlando beschnuppern sich sofort interessiert und wirken freudig aufgeregt.<\/p>\n<p>\u201eIst das der Hund, von dem du im Lift geredet hast? Der von deiner Nachbarin?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, das ist Orlando, er geh\u00f6rt Ilse. Aber die ist jetzt im Spital \u2013 \u201c, stottere ich. \u201eAch, es ist eine komplizierte Geschichte.\u201c<\/p>\n<p>Marie l\u00e4chelt mir aufmunternd zu. \u201eJedenfalls ist Orlando ein sehr freundlicher Hund. Lass ihn doch mit Lucy spielen und erz\u00e4hle mir alles\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>\u201eMeinst du, ich kann ihn losleinen?\u201c<\/p>\n<p>Marie nickt. \u201eJa, das erkenne ich an seiner K\u00f6rpersprache. Er und Lucy sind sich sympathisch. Und die Hunde hier sind alle sehr soziale Tiere, du brauchst dir keine Sorgen machen.\u201c<\/p>\n<p>Ich leine Orlando los.<\/p>\n<p>Sofort laufen Lucy und er auf die Wiese, umkreisen einander spielerisch.<\/p>\n<p>\u201eSehr sch\u00f6n\u201c, lacht Marie, \u201esie verstehen sich pr\u00e4chtig. Komm, setzen wir uns und erz\u00e4hle mir.\u201c<\/p>\n<p>Wir setzen uns auf eine der Parkb\u00e4nke, und ich erz\u00e4hle Marie die ganze Story von Ilse und Orlando. Ich wei\u00df nicht, wann ich zuletzt an einem einzigen Tag so viel geredet habe.<\/p>\n<p>\u201eIch finde es gro\u00dfartig, dass du dich um Orlando k\u00fcmmerst\u201c, sagt Marie.<\/p>\n<p>\u201eAch, ich wurde \u00fcberrumpelt. Und ich hoffe sehr, dass Ilse m\u00f6glichst bald zuhause und Orlando wieder bei ihr sein kann.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMhm\u201c, sagt Marie. \u201eEin Oberschenkelhalsbruch ist eine langwierige Sache. Und nach dem, was du \u00fcber Ilse erz\u00e4hlt hast, sehe ich ehrlich gesagt im Grunde nur zwei Optionen f\u00fcr Orlando. Ein Zuhause bei dir \u2013 oder Tierheim.\u201c<\/p>\n<p>Ich erstarre vor Schreck \u00fcber ihre Worte.<\/p>\n<p>\u201eAlso die erste Option ist nicht m\u00f6glich. Ein Hund passt \u00fcberhaupt nicht zu meiner Lebensweise \u2013 zu mir \u2013 das sieht man doch sofort!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas sehe ich v\u00f6llig anders. Ich habe ein sehr gutes Gef\u00fchl bei euch beiden. Orlando hat bereits eine gute Bindung zu dir aufgebaut. Und du kannst richtig gut mit ihm umgehen, Oskar. Du h\u00e4ttest doch gen\u00fcgend Zeit f\u00fcr ihn, oder? Und du k\u00f6nntest ihn ins B\u00fcro mitnehmen. \u00dcberlege es dir bitte. \u2013 Aber ja, nat\u00fcrlich, einen Hund aufzunehmen, ist keine leichte Entscheidung. Ein Hund ver\u00e4ndert das Leben seines Menschen grundlegend.\u201c<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich zu verwirrt und zu ersch\u00f6pft, um zu antworten. Da st\u00fcrmen Orlando und Lucy mit wehenden Ohren zu uns, schmiegen sich an unsere Beine, wollen gestreichelt werden. Zuf\u00e4llig ber\u00fchren sich Maries und meine H\u00e4nde beim Hunde-Streicheln \u2013 und pl\u00f6tzlich schauen wir uns direkt in die Augen. Marie hat wundersch\u00f6ne gr\u00fcne Augen. Schnell muss ich wieder wegschauen.<\/p>\n<p>Marie r\u00e4uspert sich. \u201eWir m\u00fcssen jetzt gehen, Oskar. Lucy bekommt um die Zeit immer ihr Abendessen.\u201c<\/p>\n<p>Sie leint ihre H\u00fcndin an, greift in ihre Tasche und gibt mir ein K\u00e4rtchen.<\/p>\n<p>\u201eMeine Handynummer\u201c, sagt sie, \u201efalls du Fragen bez\u00fcglich Orlando hast. Du kannst mich jederzeit anrufen.\u201c<\/p>\n<p>Und dann sitze ich, bevor ich mit Orlando nach Hause gehe, noch minutenlang da, betrachte Maries Visitenkarte und denke nach. Orlando h\u00fcpft neben mich auf die Bank und legt seinen Kopf auf meine Knie. Ich kraule ihn hinter den Ohren, und er schnauft zufrieden. Da wird es auf einmal ganz weit und leicht in mir drin. Und mir ist ganz klar, dass es nur eine einzige Option gibt. Auch wenn es bestimmt oft anstrengend werden wird, Ilse hat heute den richtigen Menschen f\u00fcr Orlando gefunden: mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=7515\">Von M\u00fccke zu Elefant<\/a> | Inventarnummer: 23173<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Freitag beginnt anstrengend. Ich bin ja generell kein Freund von Smalltalk, aber Smalltalk fr\u00fchmorgens ist mir ein Gr\u00e4uel. Und als ich gegen sieben Uhr au\u00dfer Haus gehe, wer steht da direkt vor meinem Gartentor und winkt mir freudig zu? Eine wahre Smalltalk-Meisterin: meine Nachbarin Ilse. Sie ist knapp achtzig Jahre alt, lebt wie ich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[176],"tags":[141],"class_list":["post-16800","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-dvoracek-iby-claudia","tag-von-muecke-zu-elefant"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16800","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16800"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16800\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16803,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16800\/revisions\/16803"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16800"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16800"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16800"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}