{"id":16706,"date":"2023-09-27T13:40:56","date_gmt":"2023-09-27T13:40:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16706"},"modified":"2023-10-14T16:10:52","modified_gmt":"2023-10-14T16:10:52","slug":"butterbrot","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16706","title":{"rendered":"Der Mann, der sein Butterbrot nicht aufa\u00df. Ein Kurzkrimi"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16706&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16706&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Schon eine Woche zuvor, als noch Licht gebrannt hat, oben, im schwarzgewordenen Betonneubau. Die Nacht rauschte und einige vergrabene Gedanken flackerten klammheimlich zum Mond, dem einen. \u00dcber dem lieben langen Tag lag nun ein Schatten und deine W\u00fcnsche auf den Lippen, die dich aus dem Innersten durchstiegen, glucksten heraus aus dem Fenster. Eulenschlau dachtest du die halbe Nacht in irgendeiner Logik, die das Ganze aber zu ernst machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Neun Stunden sp\u00e4ter krachte regennass der Brieftr\u00e4ger in das Haus und der schlaft\u00f6tende L\u00e4rm machte mir deutlich, dass auch aus diesem Morgen ein Tag werden w\u00fcrde. Und zeitweilig hatte es ja so ausgesehen, dass dieser ganze Mummenschanz seine Daseinsberechtigung gehabt h\u00e4tte mit einer Sprache, die das Ganze noch zusammenhalten sollte: Da lag sie nun, die Papierantwort auf die letzten Briefe von mir. Meine Augen begannen sich \u00fcber deinen Brief herzumachen. Ich begann, meine Butterstulle anzubei\u00dfen, nebenbei \u00f6ffnete ich das Salzfass und strich eine Prise heraus:<\/p>\n<p><em>Einen Haufen Unsinn schreiben, den ich dir zum Lesen ausborgen werde: Aus meinen Worten spricht das ichgewordene Erz\u00e4hlen, das Erzweifeln nach dem Sinn, das Herausgraben der Wahrheit, das Absch\u00e4len des Sch\u00f6nen. Ach, und was war denn mit dir?<\/em><\/p>\n<p><em>Deine zittrige Handschrift in dem Wutbrief, der deshalb seine Adresse knapp verfehlt hat. Doch ich hatte Gl\u00fcck. Gl\u00fcck, das ein anderer in dieser Situation nicht hatte. Unsere Nachbarin hatte unmittelbar nach dessen Lekt\u00fcre gestern einen Nervenzusammenbruch und ist an den Rosinen erstickt, die sie dabei geknabbert hat.<\/em><\/p>\n<p><em>Was dich beinahe \u00fcberf\u00fchrt h\u00e4tte: Das Durchstreichen deines Namens in der Liste. Die Graphitspur deines HB-Bleistiftes, einem Kardiogramm \u00e4hnlich, das auf ebenso eindeutige Weise dir zugeordnet werden k\u00f6nnte wie ein Fingerabdruck der rechten Hand.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Messer ist keine Kneifzange, das sollte man als Erwachsener gelernt haben. Etwas, das da war, lie\u00df sich nicht einfach aus der Welt schaffen, indem man es wegbr\u00fcllte. Die Zeilen, die dir nicht in den Sinn gekommen w\u00e4ren, h\u00e4ttest du zu deinem Leben das hinzugenommen, was auch ohne deinen Ehrgeiz zu erreichen gewesen w\u00e4re.<\/em><\/p>\n<p><em>Du aber, du \u00fcber den Bierkrug Gebeugter, dir fehlt es. Du kannst nicht den vertagten Tag heute, der nicht blau zu werden droht, in den ersten Abendstunden mit einer Flucht retten, die genauso sch\u00f6n zu sein verspricht wie die stille Anwesenheit des anderen. Gierte es dich zu mir hin? Du hast es in der Hand: das sch\u00f6nere Leben oder das verbrauchte Irgendetwas. Du armseliger, was dir dein Alter noch vers\u00fc\u00dft, sind zerstobene Erinnerungen und der Krimskrams, ohne den das Leben nicht geht: Schmerztabletten, Ausweis, Geldb\u00f6rse, Erdn\u00fcsse, Schl\u00fcsselanh\u00e4nger. Was dir dein achtunddrei\u00dfigj\u00e4hriges Leben beschert hat. Jeden Tag die gleichen Sonnenaufg\u00e4nge und -unterg\u00e4nge in deiner Wohnung. Die leeren Worth\u00fclsen. Der Aktenstapel und Guten-Tag-Herr-Kollege-Alltag. Genauso wie sich die anderen Gleichaltrigen in der Zwischenzeit in ihrem Leben eingerichtet haben. Ein jedes Kind hat, glaube ich zumindest, einmal in seinem Leben gut malen k\u00f6nnen. Wie der Alltag jenen Idealen standh\u00e4lt von au\u00dfen, dass immer noch alles so unzul\u00e4nglich ist, nachdem ich seit dreiundvierzig Jahre lang das Licht der Welt erblickt habe. Die Zwischenzeit unseres Sehens, unseres Daseins und das alles unter dem blaugrauen Himmel. G\u00e4be es keine Zeit. H\u00e4tte es doch nie eine Zeit gegeben!<\/em><\/p>\n<p><em>Sieh es dir heute noch an, zweiundzwanzig Jahre sp\u00e4ter. Das Getane einiger weniger Stunden, das \u00fcber dich noch immer einen so langen Schatten wirft. Hereinbrach in unsere Welt, als ich nur aufgrund deiner Fiktionen Deutsch zu lernen begann und du eventuell meine Ergebnisse brauchtest, um ernst genommen zu werden als Mensch. Du kamst herein damals, schon nach einer Weile und meine Sinne waren mit etwas ganz anderem besch\u00e4ftigt. Die vergehende, vergangene Zeit. Mir kam die Gewissheit, dass die Welt ihre ganze tausendj\u00e4hrige Existenz nur f\u00fcr diesen einen Moment ausgehalten hat. Das andere, vormals laut Niedergeschriebene: Ich gierte noch nach allem. Wie Perlen die Erfahrungen auf eine Kette reihen, ich gierte nach der Welt, nach dem Leben.<\/em><\/p>\n<p><em>Armut, \u00e4u\u00dfere, die ich als Bereicherung verstand von meinem F\u00fcr-sich-Sein, und es waren immer die N\u00e4chte und das andere Sein der Nacht. Du konntest es, ich meine nicht, wof\u00fcr man dir Geld in die Hand dr\u00fccken konnte, du konntest dich noch frei artikulieren: Ein Baum war f\u00fcr dich ein Baum, ein Haus war f\u00fcr dich ein Haus. Manche Ziele waren noch klar und unverr\u00fcckbar.<\/em><\/p>\n<p><em>Sieh dich doch an! Dir, dem, der so oft keine Worte ben\u00f6tigt und dem, der doch noch einfache Worte findet, wo anderen l\u00e4ngst Zweifel gekommen w\u00e4ren, dir w\u00fcrde ich sagen, dass das Leben mehr ist als das in seine scheinbare Ordnung Gebrachte. Wenn alles auf Deutsch gelesen werden m\u00fcsste, m\u00fcsste das hier ein Deutschlehrbuch sein! Man gibt seinen Fingern keine Namen, sondern ist jemand, der die in der Postmoderne abgeschnittenen Zungen sammelt. Polyphonie. Bewusstsein, dass sich auch die letzten Gewissheiten in Staub reden lie\u00dfen.<\/em><\/p>\n<p><em>Warum nicht jeder Mensch dazu verpflichtet w\u00e4re, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben? Genauso wie er Ausweis, Steuerkarten und \u00c4hnliches besitzen w\u00fcrde. Nicht nur die, die es schlussendlich taten: die gro\u00dfen Menschen und wer sonst auch immer den ganzen Alltag gemacht hat, den stummen, den gehassten, den gewohnten.<\/em><\/p>\n<p><em>Als der Singsang noch anderen \u00fcberlassen war: Erz\u00e4hlg\u00f6ttinnen, Zornesg\u00f6ttinnen. Sprache, unsere Achillesverse imitierte tats\u00e4chlich noch Ger\u00e4usche: V\u00f6gel, Donner, menschliche Stimmen. Ger\u00e4usche: Schritte. Ausdruck, sprachlicher Ausdruck in irgendwelchen Farben. Du kannst es nicht beschreiben wie damals noch, 1998. Farben, die immer noch dieselben sind. Manche W\u00f6rter, die sich nicht mehr als dieselben identifizieren lassen und dazwischen das Ganze.<\/em><\/p>\n<p><em>Wie viel Farbe das Leben heute noch l\u00e4sst. Du h\u00e4ttest dir selbst gegen\u00fcber konsequenter sein m\u00fcssen und genau das Gegenteil davon ist der Fall geworden. Du in den Erscheinungen Vertiefter. Du unter Sternenzelten Beh\u00fcteter. Schon die alten Griechen pflegten ja bekanntlich zu behaupten, Rettung und Schutz f\u00fcr das Ganze sei demnach nur zu bekommen, wenn die Sprache auch sch\u00f6n sei. Was mir der heutige, zugegebene sehr warme und sonnige Tag versprochen hat am Morgen. Vergangen ist seitdem dieser Akt meines Lebens: besser f\u00fcr dich, besser f\u00fcr uns. Das innewohnende Produktive dieser Zeilen: Trost f\u00fcr vieles, Trost f\u00fcr alles!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Bauer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"spazierensehen\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 23125<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon eine Woche zuvor, als noch Licht gebrannt hat, oben, im schwarzgewordenen Betonneubau. Die Nacht rauschte und einige vergrabene Gedanken flackerten klammheimlich zum Mond, dem einen. \u00dcber dem lieben langen Tag lag nun ein Schatten und deine W\u00fcnsche auf den Lippen, die dich aus dem Innersten durchstiegen, glucksten heraus aus dem Fenster. 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