{"id":167,"date":"2013-11-25T18:02:24","date_gmt":"2013-11-25T18:02:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=167"},"modified":"2014-03-25T12:32:18","modified_gmt":"2014-03-25T12:32:18","slug":"167","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=167","title":{"rendered":"Alles offen \u2013 an Tagen wie diesem"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts167&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts167&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es gibt Tage, da ist man gezwungen, grunds\u00e4tzliche Entscheidungen zu treffen, durch die man sich selbst ein bisschen besser kennen lernt. Was ist mir wichtig, wof\u00fcr stehe ich, wer bin ich, das alles kl\u00e4rt sich mit und aufgrund dieser Entscheidung.<\/p>\n<p>Und genau so ein Tag war dieser, auch wenn es zu Beginn gar nicht danach aussah.<br \/>\nDer Plan war simpel und in der Form auch nicht neu: mich in eine U-Bahn setzen, danach in einen Bus und kurz vor Ladenschluss bei einem Tr\u00f6dlerladen namens Fundgrube vorbeischauen. Ich brauchte eine Lampe, und als Studentin der Philologie hatte es mir dort nicht nur die wirklich humane Preisgestaltung angetan, sondern auch die Belesenheit der beiden \u00e4lteren Damen, die den Laden mit viel Charme betreuten. Meine h\u00e4ufigen Besuche dort waren gerne gesehen, wenn ich auch nicht immer etwas kaufte.<br \/>\nSo freute ich mich auf \u00a0gute Gespr\u00e4che \u00fcber Literatur, nachdem die anderen Kunden gegangen waren, und vielleicht sogar ein brauchbares Schn\u00e4ppchen. Nicht zu vergessen, Diego, den Enkelsohn einer der Besitzerinnen, der mich gl\u00fchend verehrte und mir schon so manches Mal hei\u00dfe Blicke zugeworfen hatte, fesch war er ja, ein Schnuckel und gar nicht dumm, vielleicht w\u00fcrde ich ihn diesmal erh\u00f6ren, irgendwie war ich heute zu allem aufgelegt.<\/p>\n<p>Der Weg ins Paradies ist oft steinig \u2026<br \/>\nIn der U-Bahn wurde ich angerempelt, sodass ich beinahe zu Boden ging, meine Tasche tat es tats\u00e4chlich. Das hat man davon, wenn man stehen bleibt, damit \u00e4ltere Passagiere sich gleich hinsetzen k\u00f6nnen. Der Vorfall veranlasste mich, von dieser guten Absicht Abstand und selbst Platz zu nehmen. Das bereute ich sofort.<br \/>\nBeim jungen Mann neben mir l\u00e4utete das Smartphone, und schon war es vorbei mit der Ruhe. Was am anderen Ende der Leitung gesprochen wurde, verstand ich nat\u00fcrlich nicht, der Stimmlage nach war es eine aufgeregte Frau. Aufgrund der Antworten des J\u00fcnglings wurde ich auch schnell nerv\u00f6s, hier\u00a0 nur ein leicht verk\u00fcrzter Auszug aus dem Gespr\u00e4ch zur Erkl\u00e4rung, ich will Sie nicht langweilen:<br \/>\n\u201eHi Rita! Wie geht\u2019s? &#8230; Ah, das ist aber bl\u00f6d. Was brauchst du? \u2026 Ein bestimmtes? \u2026 Also irgendeins, was gegen L\u00e4use hilft, aber nichts ganz Arges, f\u00fcr die Kinder, ok. \u2026 Passt, ich steige dann bei einer Apotheke aus. &#8230; Jaja, das passt schon, das Geld gibst du mir nachher, wenn ich bei dir bin. \u2026 Ich versteh dich grad schlecht: Wieso soll ich nicht hineingehen? &#8230; Nein, das auch noch. Ja, da hast du recht, Masern sind kein Spa\u00df, besonders nicht f\u00fcr Erwachsene.\u201c<\/p>\n<p>Mittlerweile juckte es mich nicht nur am Kopf, sondern am ganzen K\u00f6rper. Beim Hinausgehen h\u00f6rte ich noch, wie er etwas leiser zu Rita sagte: \u201eDu, die neben mir hat sich auch schon so gekratzt. Hoffentlich hole ich mir nichts von der.\u201c<br \/>\nDie darauffolgende Busfahrt verlief gl\u00fccklicherweise ereignislos, sodass ich mich ganz der Wiederherstellung meiner psychischen Gesundheit widmen konnte, sprich: Ich konnte endlich das Phantom-Jucken als solches erkennen und mit dem Kratzen aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Dann, das Eintauchen in die geliebte Altwaren-Welt, was f\u00fcr ein Vergn\u00fcgen, das alte Gl\u00f6ckchen bimmeln zu h\u00f6ren, wenn ich die T\u00fcre \u00f6ffnete.<br \/>\nEine der beiden Besitzerinnen st\u00fcrmte auf mich zu und begr\u00fc\u00dfte mich \u00fcberschw\u00e4nglich. Die andere war damit besch\u00e4ftigt, einer Runde von drei \u00e4lteren Damen und einem Herrn im Anzug Schnaps zu kredenzen. Ich hatte sie alle schon hier getroffen, es schienen Freunde oder Stammkunden zu sein.<br \/>\nDie Runde sa\u00df eintr\u00e4chtig an einem gro\u00dfen (nat\u00fcrlich sehr alten) runden Tisch und blickte abwechselnd in ihre halbgef\u00fcllten Gl\u00e4ser und auf eine geheimnisvolle Schachtel in der Mitte. Die Fundgrube hatte an diesem Tag eine besondere Lieferung bekommen, verriet mir die noch stehende Dame, verschiedenste Schn\u00e4pse und Lik\u00f6re, weit \u00fcber f\u00fcnfzig Jahre alt, etwas ganz Besonderes.<br \/>\nWarum sie die kleinen Beh\u00e4ltnisse der Reihe nach austranken, statt sie f\u00fcr eventuelle K\u00e4ufer aufzuheben, erkl\u00e4rte sie damit, dass die leeren Fl\u00e4schchen weit wertvoller f\u00fcr Sammler seien als volle. Nun denn, weg damit, schien die Devise zu sein. Mich verwunderte in der Fundgrube fast gar nichts, es war eben eine eigene Welt.<\/p>\n<p>Und da war auch schon Diego, hinter einer alten Kommode lauernd, hocherfreut, als ihn die Dame, die sich gerne dazusetzen und an der Geselligkeit teilhaben wollte, bat, er m\u00f6ge sich doch um meine W\u00fcnsche k\u00fcmmern \u2026<br \/>\nEr f\u00fchrte mich in einen Nebenraum, um mir eine Lampe zu zeigen, zu dumm nur, dass da keine war. Wir waren gerade am Weg in das n\u00e4chste Hinterzimmer, als uns der dringlich scheinende Ruf seiner Oma erreichte, und er, der brave Enkel, zwinkerte mir zu und meinte, er sei gleich wieder da.<br \/>\nDie Wartezeit vertrieb ich mir mit Herumgest\u00f6bere, was sich als sehr lohnend herausstellen sollte. Eine Schatulle hatte es mir angetan, ich \u00f6ffnete den Deckel, sah mir alles sehr genau an. Und entdeckte das Unfassbare, wie aus einem Roman: einen doppelten Boden. Hastig hob ich die d\u00fcnne Abdeckung an, darunter lagen &#8211; tatatata! &#8211; zwanzigtausend Schilling. Mein Herz klopfte, ich versuchte, schnell durch 13 Komma irgendwas zu dividieren, es misslang. Die Rendite war auf jeden Fall sensationell, angeschrieben war die Schatulle mit \u20ac 13,-.<\/p>\n<p>Ich rang mit mir. Diego w\u00fcrde gleich zur\u00fcckkommen. Es war viel Geld f\u00fcr mich, die ich jeden Cent umdrehen musste. Ich gab die Abdeckung wieder auf den Boden, stellte die Schatulle zur\u00fcck, atmete tief durch, ging in den Hauptraum zur\u00fcck, das musste ich mir jetzt gut \u00fcberlegen.<br \/>\nDiego war nirgendwo zu sehen, er hatte f\u00fcr seine Oma etwas holen m\u00fcssen, w\u00fcrde aber gleich wieder da sein, wurde mir gesagt. In der Zwischenzeit hatte sich die Runde um zwei Personen reduziert und ich wurde eingeladen, mich dazuzusetzen und ein oder zwei Gl\u00e4schen mitzutrinken. Eine Frau wankte leicht beim Aufstehen, verabschiedete sich herzlich und entfernte sich ebenfalls Richtung T\u00fcre.<br \/>\nIch hatte mich schlie\u00dflich hingesetzt, v\u00f6llig \u00fcberfordert mit der Entscheidung: Geld oder Moral? Sollte ich die Schatulle um \u20ac 13,- kaufen, ohne etwas zu sagen? Keiner h\u00e4tte einen Schaden davon \u2026 Oder den Damen Bescheid geben? Vielleicht doch zuvor noch Diego meine W\u00fcnsche erf\u00fcllen und die Schatulle warten lassen? So sah ich in mein frisch gef\u00fclltes Glas und war leicht \u00fcberfordert.<br \/>\nEine Besitzerin ging Richtung Ladent\u00fcre, um sie abzuschlie\u00dfen, und kam freudestrahlend zur\u00fcck: \u201eSchaut mal, die Elfi ist noch gekommen, die Elfi! So eine Freude aber auch, wir haben uns schon ewig nicht mehr gesehen! Gut schaust du aus, sehr gut! Komm, setz dich zu uns, sei unser Gast.\u201c<br \/>\nDamit war die Zeit der Entscheidung gekommen. Ich setzte meine Priorit\u00e4ten, lie\u00df Schatulle Schatulle sein und den mittlerweile zur\u00fcckgekehrten Diego Diego.<\/p>\n<p>So kam es, dass ich einen langen Abend in der Fundgrube verbrachte.<br \/>\nAn einem Gr\u00fcnderzeit-Tisch Schnaps aus Jugendstilgl\u00e4sern trinkend, gemeinsam mit Elfriede Jelinek. Schluck.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=408\">an Tagen wie diesen &#8230;<\/a> | Inventarnummer: 13002<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Tage, da ist man gezwungen, grunds\u00e4tzliche Entscheidungen zu treffen, durch die man sich selbst ein bisschen besser kennen lernt. Was ist mir wichtig, wof\u00fcr stehe ich, wer bin ich, das alles kl\u00e4rt sich mit und aufgrund dieser Entscheidung. 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