{"id":16593,"date":"2023-09-04T16:07:13","date_gmt":"2023-09-04T16:07:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16593"},"modified":"2023-10-14T16:25:01","modified_gmt":"2023-10-14T16:25:01","slug":"lux","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16593","title":{"rendered":"Lux"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16593&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16593&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em> 2. Juli<\/em> Ein hei\u00dfer Sommertag k\u00fcndigt sich an. Fr\u00fchmorgens gie\u00dfe ich all die Str\u00e4ucher und Pflanzen, muss lachen, weil Lux \u00fcberm\u00fctig unter dem Gartenschlauch hin und her saust und bellend nach dem Wasserstrahl schnappt. Es freut mich, dass Lux sich so wie ich schnell hier eingelebt hat, sich zuhause f\u00fchlt \u2013 wieder kann ich kaum glauben, dass dieser bl\u00fchende Garten und das frisch gestrichene kleine Haus tats\u00e4chlich mir geh\u00f6ren. Meine Gro\u00dfeltern haben mir dieses Grundst\u00fcck, ihren Nebenwohnsitz, letztes Jahr \u00fcberschrieben. Wie dankbar ich ihnen daf\u00fcr bin! Ja, denke ich, es ist die richtige Entscheidung gewesen, die Stadtwohnung zu k\u00fcndigen und, nach Renovierungsarbeiten im Fr\u00fchjahr, hierher an den Stadtrand zu ziehen. Auch meinen Job habe ich gek\u00fcndigt, nachdem ich die Zusage einer Kanzlei in der N\u00e4he bekommen habe. Anfang September ist mein erster Arbeitstag, es liegen also zwei freie Monate vor mir, eine Zeit, die ich zum Krafttanken nutzen will, dazu, den Verlust von Anna zu verarbeiten.<\/p>\n<p><em> 5. Juli<\/em> Hitze umf\u00e4ngt mich, als ich aus dem klimatisierten Lebensmittelgesch\u00e4ft trete. Geblendet von der Mittagssonne taste ich nach Lux\u2019 Leine, die ich auf der daf\u00fcr vorgesehenen Stelle vor dem Gesch\u00e4ft befestigt habe. Meine Hand greift ins Leere. Ungl\u00e4ubig sehe ich auf den leeren Platz, auf den Lux sich doch vor kurzem folgsam hingelegt hat, um auf mich zu warten, starre auf den nackten Boden, kann nicht begreifen, dass er nicht hier ist.<\/p>\n<p>Am Abend habe ich es noch immer nicht realisiert. Jemand muss Lux gestohlen haben. Linda, meine Nachbarin, hat mir geholfen, eine Vermisstenanzeige anzufertigen. Bei br\u00fctender Hitze haben wir gemeinsam dutzende Kopien davon in der Umgebung aufgeh\u00e4ngt. Ohne Linda h\u00e4tte ich es nicht geschafft. Die ganze Zeit \u00fcber befinde ich mich in einer Art Schockstarre, denke an Anna, denke an Lux. Linda hat gemeint, ich solle es unbedingt bei der Polizei melden, doch ich entscheide mich dazu, abzuwarten, entscheide mich, daran zu glauben, dass Lux zur\u00fcckgebracht werden wird.<\/p>\n<p><em> 7. Juli<\/em> Zwei Anrufe, die sich als Fehlanzeigen herausstellen, doch nachmittags eine M\u00e4dchenstimme, leise, unsicher, an meinem Ohr:<\/p>\n<p>\u201eJa, Kim spricht hier, es ist so, \u2013 uns \u2013 uns ist ein Hund zugelaufen, ein Spaniel, sehr zutraulich, eindeutig der Hund auf der Vermisstenanzeige.\u201c<\/p>\n<p>Eine knappe Stunde sp\u00e4ter h\u00fcpft Lux freudig winselnd an mir hoch, \u00fcbergl\u00fccklich dr\u00fccke ich ihn an mich. \u201eIch bin so froh\u201c, sage ich immer wieder. \u201eLux ist mir unendlich wichtig, weil &#8230;\u201c Ich muss schlucken, kann nicht weitersprechen, sehe erst jetzt von Lux auf zu den beiden M\u00e4dchen, die ihn mir gebracht haben.<\/p>\n<p>Die Anruferin, Kim, ist auffallend d\u00fcnn. Eine riesige Sonnenbrille verdeckt beinahe g\u00e4nzlich ihr blasses Gesicht. Ihre Bewegungen sind fahrig, als sie stotternd erz\u00e4hlt, wo Lux ihnen zugelaufen ist. Es ist offensichtlich, dass sie l\u00fcgt. Das kleine M\u00e4dchen, vermutlich ihre Schwester, sch\u00e4tze ich ungef\u00e4hr acht Jahre alt. Sie sieht traurig, sieht verweint aus.<\/p>\n<p>\u201eMeine Tochter \u2013 sie hat Lux sehr ins Herz geschlossen.\u201c<\/p>\n<p>Meine Tochter? Eine sehr junge Mama also, denke ich, Kim wird dann wohl in meinem Alter sein, Mitte zwanzig.<\/p>\n<p>\u201eOh, das tut mir leid, dass du traurig bist\u201c, sage ich zu der Kleinen, und zu beiden: \u201eAber kommt bitte rein, ich mache Tee \u2013\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, danke\u201c, unterbricht mich Kim, f\u00e4hrt sich durchs str\u00e4hnige Haar. Ihre Hand zittert. \u201eWir haben es eilig, m\u00fcssen gehen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber, der Finderlohn \u2013\u201c, ich greife in meine Tasche, dr\u00fccke ihr einen Geldschein in die Hand. Eiskalte Finger, sp\u00fcre ich, eiskalt, trotz der Hitze.<\/p>\n<p>\u201eDanke\u201c, sagt sie beinahe tonlos. \u201eKomm, Stella.\u201c<\/p>\n<p>Die Kleine streichelt Lux liebevoll, rei\u00dft sich dann los, geht schnell zum Tor und hinaus, Kim hinter ihr her. Ich sehe ihnen nach, als sie den Gehsteig entlanggehen. Kim will den Arm um ihre Tochter legen, doch diese weicht der Umarmung aus, geht mit gesenktem Kopf neben ihr her.<\/p>\n<p><em> 8. Juli<\/em> Die beiden gehen mir nicht aus dem Kopf. Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck beschlie\u00dfe ich, Kim anzurufen, um sie und ihre Tochter einzuladen. In diesem Moment h\u00f6re ich drau\u00dfen freudiges Bellen, \u00f6ffne das Fenster, sehe Lux wedelnd vorm Zaun stehen. Ein M\u00e4dchen, ich erkenne eindeutig Stella, greift durch die Holzst\u00e4be und streichelt Lux. Ich rufe ihr zu:<\/p>\n<p>\u201eStella, gr\u00fc\u00df dich! Komm doch rein, das Tor ist offen, du kannst gerne mit Lux spielen!\u201c<\/p>\n<p>Stella sieht erschrocken zu mir und l\u00e4uft weg. Sie sch\u00e4mt sich, denke ich, wahrscheinlich hat sie Lux vorgestern vor dem Gesch\u00e4ft gesehen, sich in ihn verliebt, ihn einfach losgeleint und mitgenommen. Kim war bestimmt entsetzt, erst recht, nachdem sie meine Plakate entdeckt hat, hat aber ihre Tochter nicht verraten und mir eine L\u00fcgengeschichte aufgetischt.<\/p>\n<p>Ich denke daran, wie sehnlich ich mir als Kind einen Hund gew\u00fcnscht habe, nehme mein Handy und dr\u00fccke auf Kims Nummer, die ich nach ihrem Anruf gespeichert habe.<\/p>\n<p>\u201eJa, Kim hier.\u201c Ihre Stimme ist kaum vernehmbar.<\/p>\n<p>\u201eHallo Kim, hier spricht Inka, ihr habt mir gestern Lux zur\u00fcckgebracht. Gerade vorhin war Stella vor meinem Haus, sie traute sich allerdings nicht herein. Bitte sage ihr, dass sie jederzeit kommen kann, um mit Lux zu spielen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, ich richte es ihr aus.\u201c Sie spricht schleppend, langsam. \u201eDanke, das \u2013 das ist sehr nett von dir.\u201c<\/p>\n<p><em> 9. Juli<\/em> Ich sitze am Gartentisch, fr\u00fchst\u00fccke und lese Zeitung, als ich Stella drau\u00dfen auf dem Gehsteig auf und ab gehen sehe, w\u00e4hrend sie immer wieder verstohlen zu mir \u00fcber den Zaun sieht. Endlich fasst sie sich ein Herz und kommt zur Gartent\u00fcr.<\/p>\n<p>\u201eStella, wie sch\u00f6n\u201c, sage ich, lege die Zeitung weg, \u00f6ffne ihr das Tor. \u201eSchau nur, da freut sich aber jemand sehr!\u201c<\/p>\n<p>Lux kommt angesaust, er springt an ihr hoch, sie geht in die Hocke, er leckt ihr \u00fcbers Gesicht. Das M\u00e4dchen quiekt, l\u00e4sst sich lachend ins Gras fallen, Lux h\u00fcpft begeistert um sie herum. \u201eEr mag dich sehr!\u201c, sage ich.<\/p>\n<p><em> 15. Juli <\/em>Lux sitzt wartend vorm Gartentor. Minuten sp\u00e4ter ist die Freude riesig, denn Stella ist wieder da. Wie die Tage zuvor begr\u00fc\u00dfen sich Hund und Kind st\u00fcrmisch. Dann kommt Stella zu mir, wir decken gemeinsam den Gartentisch. Stella trinkt Kakao, isst ein Honigbrot, wieder hat sie noch nicht gefr\u00fchst\u00fcckt. Sie tr\u00e4gt dasselbe fleckige Kleid wie seit zwei Tagen, f\u00e4llt mir auf, ihr Haar ist ungewaschen, ungek\u00e4mmt. Vage Sorge um sie steigt in mir auf.<\/p>\n<p>Sie kramt in ihrem Rucksack, reicht mir ein Kinderbuch \u00fcber den Tisch, sagt stolz: \u201eSchau, Inka, das hat Mama gezeichnet.\u201c Ich bewundere die fr\u00f6hlichen, fantasievollen Zeichnungen. Kim ist also Illustratorin. Es freut mich, dass Stella mich ein wenig in ihre und Kims Welt blicken l\u00e4sst, bisher hat sie kaum etwas \u00fcber sich erz\u00e4hlt. Was ich wei\u00df, ist, dass die beiden in einem Gemeindebau in meiner N\u00e4he wohnen, sie gerne Schokoeis isst, dass sie ihren Papa nicht kennt, nach den Ferien in die dritte Volksschulklasse kommt.<\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck machen wir einen langen Spaziergang mit Lux, gegen Mittag sagt Stella: \u201eBis morgen, Inka! Bis morgen, Lux! Jetzt ist Mama bestimmt schon aufgestanden!\u201c Ich sehe ihrer kleinen Gestalt nach, wieder wird mir schwer ums Herz.<\/p>\n<p><em> 18. Juli<\/em> Nach den Hitzetagen heute endlich erl\u00f6sender Regen. Wir machen es uns im Haus gem\u00fctlich, ich lege eine CD ein, singe laut zur Musik, Lux jault dazu, und Stella lacht.<\/p>\n<p>\u201eWarum hast du Lux eigentlich Lux getauft?\u201c, fragt sie sp\u00e4ter, als wir schokoeisessend am Sofa sitzen. \u201eEr ist ja ein Hund und kein Luchs.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMeine beste Freundin Anna hat ihm diesen Namen gegeben. Lux hat zwei Jahre lang Anna geh\u00f6rt, bevor er zu mir gekommen ist vor drei Monaten. Lux bedeutet Licht. Wei\u00dft du, Anna war oft sehr traurig. Sie hatte dunkle Tage, und Lux hat ihre Dunkelheit erhellt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber warum hat sie Lux dann dir gegeben?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie ist gestorben, Stella. Ihre Eltern haben mir Lux gegeben. Sie sagten, Anna h\u00e4tte das bestimmt so gewollt. Und darum war ich auch doppelt froh, dass deine Mama und du ihn mir wiedergebracht habt. Erstens weil ich Lux sehr liebe, und zweitens, weil ich das Gef\u00fchl habe, dass durch Lux auch Anna bei mir ist.\u201c<\/p>\n<p>Stella schweigt, dann fragt sie: \u201eInka, und wer ist jetzt deine beste Freundin?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMhm, ich kenne sehr liebe Menschen, aber eine beste Freundin habe ich nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe auch keine beste Freundin\u201c, sagt Stella. \u201eObwohl.. Zoe, die wohnt im Stock unter uns, sie ist sehr nett, aber ich kann sie nicht mehr zu mir einladen, weil &#8230;\u201c Sie stockt. \u201eInka, wir beide k\u00f6nnen ja beste Freundinnen sein, du bist zwar schon alt, aber &#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas hei\u00dft das, ich bin alt, na warte, du!\u201c Ich nehme sie in den Arm und kitzle sie, sie lacht und lacht, und ich sage: \u201eGerne, kleiner Stern, ich m\u00f6chte sehr gerne deine beste Freundin sein.\u201c<\/p>\n<p>\u201eStern? Ich bin doch kein Stern.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDein Name Stella bedeutet Stern.\u201c<\/p>\n<p>Stella wirkt nun nachdenklich, verabschiedet sich dann bald.<\/p>\n<p><em> 19. Juli<\/em> Ich soll mich aufs Sofa setzen, meinen Arm ausstrecken und die Augen schlie\u00dfen. Als ich sie wieder \u00f6ffnen darf, ist ein buntes Perlenband um mein Handgelenk gebunden.<\/p>\n<p>\u201eEin Freundschaftsband. Selbst gemacht\u201c, erkl\u00e4rt Stella. \u201eSieh nur, ich trage das gleiche.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie sch\u00f6n, S\u00fc\u00dfe! Danke! Ich werde es immer tragen.\u201c<\/p>\n<p>Ger\u00fchrt umarme ich sie. Sie kuschelt sich an mich.<\/p>\n<p>\u201eInka, ich sage dir ein Geheimnis, weil wir ja beste Freundinnen sind. Ich wei\u00df, warum ich Stella hei\u00dfe. Ein Stern macht Licht in der Nacht, und das braucht meine Mama, weil sie dunkle Tage hat, so wie Anna.\u201c<\/p>\n<p>Ich bin sprachlos.<\/p>\n<p>\u201eSchw\u00f6re mir, dass du es niemandem erz\u00e4hlst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch schw\u00f6re, Stella.\u201c<\/p>\n<p>In der Nacht kann ich nicht schlafen. Ich beschlie\u00dfe, Kim gleich morgen fr\u00fch anzurufen, um ein Treffen mit ihr zu vereinbaren. Seit dem Tag, an dem sie und Stella Lux gebracht haben, habe ich Kim nicht wiedergesehen. Sie richtete Gr\u00fc\u00dfe aus, aber nie begleitete sie Stella zu mir. Ich muss unbedingt mit ihr reden, denke ich. Je l\u00e4nger ich wach liege, desto mehr alarmierende Zeichen fallen mir ein.<\/p>\n<p><em> 20. Juli<\/em> Kims Handy ist ausgeschaltet. Ich hinterlasse eine Nachricht, bitte sie um einen R\u00fcckruf. Lux sitzt vorm Gartentor und wartet auf Stella, die uns \u00fcblicherweise vormittags besucht. Doch Stella kommt nicht. Als sie gegen Mittag noch nicht aufgetaucht ist, rufe ich ein weiteres Mal Kim an, da Stella noch kein Handy besitzt. Es ist nach wie vor ausgeschaltet.<\/p>\n<p>Am Nachmittag parkt ein Auto direkt vor meinem Haus. Eine \u00e4ltere Frau mit verh\u00e4rmten Gesichtsz\u00fcgen steigt aus. Und Stella. Ich erschrecke, als ich ihr blasses, verweintes Gesicht sehe. Sie st\u00fcrzt sich in meine Arme, als sie mich sieht, schluchzt herzzerrei\u00dfend.<\/p>\n<p>\u201eMeine S\u00fc\u00dfe, ist gut, ist ja gut\u201c, umarme ich sie.<\/p>\n<p>\u201eEntschuldigen Sie den unangemeldeten Besuch\u201c, sagt die Frau, \u201eaber Stella wollte sich unbedingt noch von Ihnen verabschieden. Ich bin Maria, Kims Mutter.\u201c<\/p>\n<p>\u201eVerabschieden?\u201c, frage ich, streichle Stella, die sich an mich klammert. \u201eIch verstehe nicht. Bitte, erkl\u00e4ren Sie mir.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, es ist eine Trag\u00f6die. Meine Tochter, Sie wissen ja sicher \u00fcber ihren psychischen Zustand Bescheid, gestern ging\u2019s ihr wieder schlecht, sie ging zum Arzt \u2013\u201c Sie seufzt. \u201eEr hat Kim in eine Klinik \u00fcberwiesen, und Stella wird nun bei uns wohnen, bis &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Da l\u00f6st sich Stella von mir und rennt laut weinend ins Haus hinein, Lux hinter ihr her.<\/p>\n<p>\u201eArme Kleine &#8230; \u201c Ich bin schockiert.<\/p>\n<p>\u201eJa, und ich sage Ihnen, ich habe immer gewusst, dass es schiefgehen w\u00fcrde, Kim h\u00e4tte das Kind nicht bekommen d\u00fcrfen, wird mit 16 Jahren schwanger, von irgendwem, das muss man sich mal vorstellen \u2013 will es alleine gro\u00dfziehen, ich hab ihr gleich gesagt, von uns brauchst du dir keine Hilfe erwarten \u2013 ach, schon als Kind war Kim so stur, stur und labil, immer nur Zeichnen im Kopf, nie hat sie auf uns geh\u00f6rt, ach, ich habe ihr gesagt, es ist ein Fehler, das Kind zu bekommen, du wirst das nicht schaffen, und jetzt &#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch sehe jetzt nach Stella\u201c, unterbreche ich sie w\u00fctend, keine Sekunde will ich ihr mehr zuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Stella kauert mit Lux in ihrem Zelt aus P\u00f6lstern und Decken, das wir an einem Regentag gemeinsam gebaut haben. Ich krieche zu ihr, nehme sie in den Arm.<\/p>\n<p>\u201eIch will nicht zu Oma und Opa, ich will nicht\u201c, weint sie, \u201eich will bei dir bleiben, Inka. Bitte, darf ich bei dir bleiben, bis es Mama wieder gut geht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch rede mit deiner Oma, Stella.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOb ich bei dir bleiben darf?\u201c Sie blickt mich hoffnungsvoll an.<\/p>\n<p>\u201eJa\u201c, sage ich.<\/p>\n<p>\u201eDas kommt nicht in Frage\u201c, wischt Maria sogleich unwirsch mein Angebot vom Tisch. \u201eIch trage Verantwortung f\u00fcr meine Enkeltochter.\u201c Sie ruft laut, \u201eStella, komm jetzt endlich, wir fahren!\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein\u201c, br\u00fcllt diese zur\u00fcck. \u201eIch will hierbleiben, bei Inka und Lux.\u201c<\/p>\n<p>Nach einer halben Stunde gibt Maria auf.<\/p>\n<p>\u201eIch kann nicht mehr. Ein unm\u00f6gliches Kind, frech, ungehorsam, ganz wie Kim.\u201c<\/p>\n<p>Am liebsten w\u00fcrde ich diese Frau anschreien, es gelingt mir aber, halbwegs ruhig mit ihr zu vereinbaren, dass Stella vorerst \u00fcbers Wochenende bei mir bleibt. Wir w\u00fcrden telefonieren.<\/p>\n<p><em> 25. Juli <\/em>\u201eJa, Mama, ich rufe dich morgen wieder an\u201c, Stella kommt telefonierend ins Zimmer. \u201eIch habe dich auch lieb! Ja, ich gebe dir jetzt Inka. Bis morgen!\u201c<\/p>\n<p>Sie reicht mir das Handy, l\u00e4uft wieder zu Lux in den Garten. Wie bei jedem Telefonat versichere ich Kim, dass es Stella gut geht, dass sie Kim nat\u00fcrlich vermisst, aber trotz allem ausgeglichen ist. Und Kim sagt wieder, wie unendlich dankbar, wie froh sie ist, Stella bei mir zu wissen.<\/p>\n<p><em> 8. August<\/em> Ich sitze im Vorzimmer der Kinderpsychologin und warte auf Stella. Bevor Stella zu ihr hineinging, sprach ich kurz allein mit der Psychologin, wie beil\u00e4ufig fragte sie:<\/p>\n<p>\u201eWarum tun Sie das alles eigentlich f\u00fcr sie? Sie kennen Stella und ihre Mutter doch kaum.\u201c<\/p>\n<p>Die Frage trifft mich, geht mir nicht aus dem Kopf. Handle ich aus egoistischen Gr\u00fcnden? Will ich unbewusst die Leere f\u00fcllen, die Annas Tod in mir hinterlassen hat? Ich muss an den furchtbaren Tag denken, an dem Annas Mutter anrief, mir weinend sagte, dass Anna tot sei, dass sie mit \u00fcberh\u00f6htem Tempo gegen einen Baum gefahren ist. Wir hatten verloren, Annas Depressionen waren st\u00e4rker als all unsere Bem\u00fchungen um sie.<\/p>\n<p>Stella kommt heraus, all die schweren Gedanken l\u00f6sen sich auf, als sie mich anl\u00e4chelt, sich an mich schmiegt. Wie sehr dieses Kind mir ans Herz gewachsen ist..<\/p>\n<p><em> 10. August <\/em>Kim hat mich vorgewarnt. Als ich ihre Wohnung betrete, bin ich trotzdem ersch\u00fcttert von der Unordnung, dem Schmutz. Der Gedanke, dass Stella in diesem Mief leben musste, tut weh. Ich \u00f6ffne alle Fenster, drau\u00dfen regnet es stark.<\/p>\n<p>Alles hier l\u00e4sst mich an Anna denken, die in ihren depressiven Phasen zu keinem Handgriff f\u00e4hig gewesen ist, alles verkommen, sich nicht helfen lie\u00df. Ich gehe auf den kleinen Balkon, sehe auf verdorrte Pflanzen und leere Bierflaschen, atme tief durch. Der Regen h\u00f6rt langsam auf. Am dunklen Himmel bildet sich ein Regenbogen, unwirklich sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Dann, als ich die Kleidung und die B\u00fccher f\u00fcr Kim zusammensuche, um die sie mich gebeten hat, finde ich, in einem Eck gestapelt, dutzende Zeichnungen und Acrylbilder von Kim. Allesamt sind sie energievoll, eigenwillig, farbenpr\u00e4chtig, ich sehe auf zarte Abbildungen von Stella, in jeder davon ist f\u00fcr mich deutlich erkennbar, wie sehr Kim ihre Tochter liebt.<\/p>\n<p><em> 11. August<\/em> Ich bin bei Kim in der Klinik. Stella ist mit Lux bei Linda, sie m\u00f6chte ihre Mama nicht in der Klinik besuchen, sondern erst wieder gesund zuhause sehen. Lange sprechen wir \u00fcber Stella.<\/p>\n<p>\u201eMeine Kleine\u201c, fl\u00fcstert Kim, \u201ewas habe ich ihr nur zugemutet letzte Zeit.\u201c<\/p>\n<p>Und dann erz\u00e4hlt sie mir stockend, dass bis vor ein paar Monaten all die Jahre \u00fcber alles sehr gut gegangen ist, es sei zwar anstrengend gewesen, allein mit einem kleinen Kind, nebenbei die Ausbildung, sp\u00e4ter die Arbeit, doch immer zu schaffen. Doch Ende M\u00e4rz ging ihr Verlag in Konkurs, sie verlor ihre Arbeit, beinahe zeitgleich ging eine anfangs vielversprechende Beziehung in Br\u00fcche. Dies alles zog ihr den Boden unter den F\u00fc\u00dfen weg. Von heute auf morgen war ihr alles, war ihr jeder Handgriff zu viel, sie f\u00fchlte sich ersch\u00f6pft, ausgelaugt, konnte nachts nicht schlafen, morgens nicht aufstehen, konnte sich nicht mehr ausreichend um Stella k\u00fcmmern, griff zu Tabletten, zu Alkohol, etwas, was sie zuvor nie getan hatte. Sie sch\u00e4mte sich, erz\u00e4hlte niemandem davon, kapselte sich und damit auch Stella ab, jeden Tag entglitt ihr alles ein wenig mehr \u2026<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Kim erz\u00e4hlt, muss ich an die unsch\u00f6ne Begegnung mit ihrer Mutter denken, an deren harte Worte \u00fcber Kim, denke, wie sich wohl alles entwickelt h\u00e4tte, wenn Kim Unterst\u00fctzung, Liebe, Ermutigung bekommen h\u00e4tte, denke, welches Gl\u00fcck ich im Gegensatz mit meiner Familie habe.<\/p>\n<p>\u201eInka\u201c, sagt Kim leise, \u201eich war betrunken an jenem Tag, betrunken und verzweifelt deswegen, habe an Stella gedacht, wie ich alles wiedergutmachen, ihr eine Freude machen kann \u2013 da habe ich Lux vor dem Gesch\u00e4ft gesehen, es war wie ein Blackout \u2013 ich habe ihn losgeleint und einfach mitgenommen. Es ist unverzeihlich.\u201c<\/p>\n<p><em> 27. August<\/em> Im Stiegenhaus begegnen wir zwei Kindern. Es sind Zoe, von der Stella mir erz\u00e4hlt hat, und deren Bruder. Die beiden streicheln Lux, der Kinder liebt und freudig wedelt. Ich schlage vor, dass sie im sicheren Innenhof eine Runde mit ihm spazieren gehen, w\u00e4hrend ich in der Wohnung werke. Vom Balkon aus sehe ich, wie sie mit Lux spielen. Stella blickt zu mir herauf, winkt lachend. Wie sch\u00f6n es ist, sie unbeschwert mit anderen Kindern zu sehen.<\/p>\n<p><em> 28. August<\/em> Ungl\u00e4ubig sieht sich Kim in ihrer sauberen, ordentlichen Wohnung um.<\/p>\n<p>\u201eIst das wirklich unsere Wohnung? Waren Heinzelm\u00e4nnchen bei uns, Stella?\u201c fragt sie Stella, die voller Freude auf dem Sofa h\u00fcpft.<\/p>\n<p>\u201eJa, ja\u201c, ruft Stella \u00fcberm\u00fctig. \u201eWir haben sie gesehen, stimmts, Inka? Viele kleine Heinzelm\u00e4nnchen, die haben alles geputzt.\u201c<\/p>\n<p>Sie springt vom Sofa, zieht Kim auf den Balkon, zeigt ihr die bl\u00fchenden Pflanzen, die wir eingesetzt haben. Kim ist voll der Bewunderung und des Lobes.<\/p>\n<p>Stella entdeckt Zoe, die mit anderen Kindern unten auf dem Spielplatz ist, und die ihr zuruft: \u201eKomm runter zu uns, Stella! Ist Lux bei dir?\u201c<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter sehen wir Stella mit Lux unten, lachend, umringt von den Kindern.<\/p>\n<p>Kim strahlt. \u201eStella ist wie ausgewechselt, offen, fr\u00f6hlich. Du hast sie aufgefangen \u2013 und an mich geglaubt, mir Mut zugesprochen. Es ist unglaublich, was ein einzelner Mensch alles bewirken kann! Ich wei\u00df nicht, wie ich dir f\u00fcr alles danken kann, Inka.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber ich wei\u00df es\u201c, umarme ich sie, \u201eindem du so weitermachst, gut auf dich und Stella achtest, dich nicht unterkriegen l\u00e4sst. Alles andere wird sich von allein einstellen, du wirst sehen.\u201c<\/p>\n<p><em> 31. August <\/em>Heute w\u00fcrde Anna ihren 25. Geburtstag feiern. Ich bin traurig, vermisse sie schmerzlich, lange telefoniere ich mit einem gemeinsamen Freund und mit ihrer Mutter. Am Nachmittag werden Kim, Stella und Zoe zu mir kommen, auch Linda habe ich eingeladen. Doch sogar der Gedanke an ihren Besuch stimmt mich wehm\u00fctig. Der Sommer neigt sich dem Ende zu. F\u00fcr Stella beginnt \u00fcbermorgen wieder die Schule, f\u00fcr mich meine neue Arbeit. Nat\u00fcrlich w\u00fcrden wir uns weiterhin oft sehen, aber unsere intensive gemeinsame Zeit ist wohl vor\u00fcber.<\/p>\n<p>Und dann sind sie alle da, bringen Eis und Blumen und Fr\u00f6hlichkeit mit, wir unterhalten uns, essen Eis, Stella und Zoe spielen ausgelassen mit Lux. Kim erz\u00e4hlt von einem bekannten Autor, mit dem sie sich getroffen hat und dessen Buch sie illustrieren wird. Immer wieder muss ich sie ansehen, sie strahlt, scheint ein paar Kilo zugenommen zu haben, tr\u00e4gt einen neuen Haarschnitt, wirkt frisch und ausgeglichen.<\/p>\n<p>Es ist ein sch\u00f6nes, vertrautes Zusammensein, doch sp\u00e4tabends, als sie gegangen sind, kommt meine Traurigkeit zur\u00fcck. Ich streichle Lux, denke an Anna. Als ich ins Haus gehen will, sehe ich auf dem Gartentisch ein Paket liegen. Auf einem K\u00e4rtchen steht schlicht: \u201eF\u00fcr Inka.\u201c<\/p>\n<p>Vorsichtig l\u00f6se ich das Geschenkpapier, halte ein Bild in meinen H\u00e4nden. In strahlenden Farben hat Kim mein Haus und den Garten gemalt, mich mit Lux im Gras sitzend. Am Horizont leuchtet wie besch\u00fctzend ein Regenbogen. Ich wei\u00df, dass er symbolisch f\u00fcr Anna gemeint ist. Ich betrachte Kims kraftvolle und zugleich sensible Darstellung, all die liebevollen Details, den Schwung, die Farben des Regenbogens, und sp\u00fcre, wie sich meine Traurigkeit aufl\u00f6st, und es stattdessen leicht und licht in mir wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=14487\">let it grow<\/a> | Inventarnummer: 23136<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Juli Ein hei\u00dfer Sommertag k\u00fcndigt sich an. Fr\u00fchmorgens gie\u00dfe ich all die Str\u00e4ucher und Pflanzen, muss lachen, weil Lux \u00fcberm\u00fctig unter dem Gartenschlauch hin und her saust und bellend nach dem Wasserstrahl schnappt. 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