{"id":1647,"date":"2014-08-26T19:39:15","date_gmt":"2014-08-26T19:39:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1647"},"modified":"2014-08-27T08:16:25","modified_gmt":"2014-08-27T08:16:25","slug":"reflexionen-in-der-u-bahn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1647","title":{"rendered":"Reflexionen in der U-Bahn"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1647&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1647&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Er mag sie ja alle, die Dicken, die D\u00fcnnen, sogar die, die so aufdringlich riechen. Ihm macht es nichts, wenn sie fluchen, meckern, sich zieren und unm\u00f6glich benehmen. Ob die Frau da dr\u00fcben wirklich meint, was sie sagt? Er ist ihr nicht b\u00f6se, und wenn sie noch so Herzloses von sich gibt.<br \/>\nEigentlich versteht er sie alle. Das Leben ist kein Honiglecken. Wer sich dar\u00fcber beschwert, war immer schon im Recht. Und diese so genannte Fahne, die so viele um diese Zeit hier vor sich hertragen, der Geruch nach Alkohol, nur zu verst\u00e4ndlich. Ein Tr\u00f6ster in der Not. Wer kennt das nicht?<br \/>\nEin Unmensch, wer glaubt, \u00fcber andere urteilen zu d\u00fcrfen. Was wei\u00df er schon von deren Schicksalen?<br \/>\nDie Einsamkeit, die tut das ihre dazu. Da werden die Menschen nun einmal eigenartig. Einzigartig waren sie vorher, eigenartig werden sie mit der Zeit, mit dem Alleinsein ganz von alleine.<br \/>\nEr sinniert gerne, so in der U-Bahn. Die ist ein Symbol f\u00fcr ihn: Um irgendwo anzukommen, wo man hin m\u00f6chte, muss man zuerst einmal ganz hinunter.<br \/>\nEr f\u00e4hrt gerne einfach so durch den Untergrund. Das Gr\u00fcbeln kommt da ganz von selbst.<\/p>\n<p>Ihm gegen\u00fcber sitzt ein Mann, dem man anmerkt, dass er fr\u00fcher viel trainiert hat, das erkennt er auf den ersten Blick. Er hat einen breiten, f\u00fclligen Oberk\u00f6rper. Die Oberarme stehen leicht davon ab, sogar im Sitzen. Er muss seine muskul\u00f6sen Arme im Scho\u00df verschr\u00e4nken, damit sie nicht seitlich an andere Fahrg\u00e4ste sto\u00dfen. So sitzt er da, irgendwie eingeklemmt in sein eigenes Dasein, sich selbst zu viel, und bem\u00fcht, anderen nicht im Weg zu sein.<\/p>\n<p>Was die anderen von ihm halten m\u00f6gen? Ein Spiegel-Affe, denken sie sich vielleicht, ein K\u00f6rperfetischist, der nichts im Kopf hat au\u00dfer Trainieren.<br \/>\nEr aber denkt nicht so \u00fcber sein Gegen\u00fcber. Bestimmt hat auch dieser Mann eine Geschichte, die zu erz\u00e4hlen lohnt. Er will nicht nach dem \u00c4u\u00dferen urteilen, das machen schon viel zu viele andere. Ob er die Vorurteilsbehafteten auch leiden kann, wo er doch alle Menschen mag, dar\u00fcber will er bei seiner n\u00e4chsten U-Bahn-Fahrt nachdenken, alles der Reihe nach.<\/p>\n<p>Er betrachtet also sein Gegen\u00fcber, das gro\u00df und fehl am Platz die anderen Fahrg\u00e4ste fast sch\u00fcchtern aus den Augenwinkeln ansieht, einen nach dem anderen, auch ihn selbst, den er nun am Fenster gegen\u00fcber entdeckt hat. Beinahe scheint der Koloss hoffend, dass sie alle, alle anderen, ihm nichts antun, ihn in Ruhe hier sitzen und schauen lassen. Ihn nicht anreden, ihm nichts vorhalten, ihn mit nichts konfrontieren. Der Mann wirkt nerv\u00f6s, Schwei\u00df bildet sich auf seiner breiten Stirn. Oder bildet er sich das ein?<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Mann sieht freundlich aus, und wenn er nicht gerade umherschweift, ist sein Blick ein wenig verloren, wie der eines tagtr\u00e4umenden Kindes. Nachdem er alle anderen Mitfahrenden gemustert hat, wandert sein Blick schneller im Abteil umher. Wonach sucht er denn? Kann er ihm helfen? F\u00e4hrt er etwa ohne Fahrschein mit und ist deshalb so unruhig? Er wird den Mann nicht danach fragen. Der will seine Ruhe haben, keine Frage.<br \/>\nEr kennt das ja von sich selbst zur Gen\u00fcge. So viele Wohlmeinende, die mitmischen, sobald man eine R\u00fcckzugsphase hat. Oder eine schlimme, egal. Das st\u00f6rt wirklich, nur die Wenigsten wissen, wann es genug ist mit diesen Ratschl\u00e4gen, die keiner braucht.<\/p>\n<p>Der Mann gegen\u00fcber f\u00e4hrt nun schon einige Stationen lang mit, und das Spiel wiederholt sich. Es steigen Menschen ein und aus, welche mit Kindern (um diese Zeit?), andere mit Hunden, sogar ein Mann mit Katze ist dabei. Und der Mann betrachtet sie alle, sch\u00fcchtern, hektisch, als w\u00e4ren sie eine im Dunklen lauernde Gefahr, die er noch nicht absch\u00e4tzen kann. Die Augen schie\u00dfen hin und her, sobald eine neue Station erreicht ist. Noch sitzt er, aber er wirkt jederzeit bereit zum Sprung.<br \/>\nJetzt ist er, der ihn vom Gang gegen\u00fcber Beobachtende, sicher, dass der unruhige Riese weder Fahrkarte noch Geld hat. Daher die Nervosit\u00e4t, verst\u00e4ndlich, auch das ist ihm selbst nicht fremd.<\/p>\n<p>Es wird Zeit, auszusteigen, er erhebt sich und wirft noch einen Seitenblick auf sein Studienobjekt gegen\u00fcber. Erstaunt nimmt er wahr, dass auch dieses aufsteht, zeitgleich mit ihm. Er blickt ihm direkt in die Augen, nur eine schwache Reflexion des Fensterglases im Licht des Abteils nimmt ihm die letzte Illusion.<br \/>\nSie gehen beide gleichzeitig, nat\u00fcrlich spiegelverkehrt, wenden sich dem Ausgang zu, nicht ohne sich noch einen versch\u00e4mten Blick zugeworfen zu haben.<br \/>\nSie beide wissen von einander, aber f\u00fcr alle anderen hier verlassen sie die U-Bahn als ein und die selbe Person.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=426\">schr\u00e4g &amp; abgedreht<\/a> | Inventarnummer: 14067<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er mag sie ja alle, die Dicken, die D\u00fcnnen, sogar die, die so aufdringlich riechen. Ihm macht es nichts, wenn sie fluchen, meckern, sich zieren und unm\u00f6glich benehmen. Ob die Frau da dr\u00fcben wirklich meint, was sie sagt? 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