{"id":16247,"date":"2023-07-06T12:18:24","date_gmt":"2023-07-06T12:18:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16247"},"modified":"2023-07-09T12:21:54","modified_gmt":"2023-07-09T12:21:54","slug":"und-phora-wuchs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16247","title":{"rendered":"Und Phora wuchs"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16247&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16247&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Olga wurde von einem feuchten, klatschenden Ger\u00e4usch geweckt. Sie befand sich noch halb in ihrem Traum, war in ihrer alten Volksschule und hielt einen Vortrag \u00fcber Wildkr\u00e4uter. Fast 60 Jahre war sie nicht mehr dort gewesen, doch das Klassenzimmer weckte immer noch mulmige Gef\u00fchle in ihr.<\/p>\n<p>Verwirrt und aus dem Zusammenhang gerissen, richtete sie sich im Bett auf. Dem schwachen grauen Licht zufolge war es gerade erst Morgen geworden. Abwesend wischte sie \u00fcber die feuchte, klebrige Stelle neben ihrem Mund.<\/p>\n<p>Warum war sie nochmal wach?<\/p>\n<p>Das Einzige, das sie mit Sicherheit wusste, war, dass sie jetzt noch schlafen sollte. Und wollte. Sie war schon dabei, sich wieder zur\u00fcckzulegen, als sie ein klatschendes Ger\u00e4usch, gepaart mit einem dumpfen Schlag, erneut zusammenzucken lie\u00df. Olga konnte gerade noch sehen, wie ein schlammiger Brocken Erde von ihrem Fenster herabrutschte. Mit einem Mal war sie hellwach und die feindseligen Mienen ihrer Mitsch\u00fcler verblassten vor ihrem Auge.<\/p>\n<p>Ehe sie hinausst\u00fcrmte, schl\u00fcpfte sie hektisch in ihre Pantoffeln. Die morgendliche Luft war k\u00fchl und mit Nebelschwaden durchzogen, die ihr kleine Wassertr\u00f6pfchen ins Gesicht dr\u00fcckten. Die letzten 20 Jahre hatten sie morgens Vogelgezwitscher und der Geruch von moosigen B\u00e4umen empfangen. Seit 37 Wochen roch sie als Erstes Benzin und Abgase. Gleich danach erreichten die Ausd\u00fcnstungen des Mobilklos ihre Nase, das 3,5 Meter von ihrem Haus entfernt stand \u2013 exakt 3,5 Meter, weil das Gericht bestimmt hatte, dass es nicht n\u00e4her sein durfte.<\/p>\n<p>\u00abSie \u00fcberschreiten meine Intimsph\u00e4re!\u00bb, br\u00fcllte Olga quer \u00fcber die Baustelle. Die Arbeiter waren unbeeindruckt. Mittlerweile waren sie ihr Gebr\u00fcll genauso gewohnt wie ihren Anblick in dem verwaschenen, knielangen Nachthemd.<\/p>\n<p>\u00abWir halten den Mindestabstand ein. Wie immer\u00bb, rief der Vorarbeiter mit einer Zigarette im Mundwinkel \u00fcber die plattgewalzte Wiese. Es war offensichtlich, dass er sich dabei ein Grinsen verkniff.<\/p>\n<p>Dieser Mistkerl.<\/p>\n<p>Als ob es in ihrem Leben nicht schon genug Leute gegeben hatte, die sich ihr gegen\u00fcber ein Grinsen verkniffen h\u00e4tten. Wutentbrannt stapfte sie durch den Schlamm zu ihrem Schlafzimmerfenster. Anklagend zeigte sie auf das Glas, auf dem die Erdklumpen klebten.<\/p>\n<p>\u00abDas muss wohl beim Ausheben passiert sein\u00bb, erkl\u00e4rte der Vorarbeiter mit einem derartigen Unschuldston in der Stimme, dass es nur Absicht gewesen sein konnte. \u00abSie k\u00f6nnen uns nicht daf\u00fcr verantwortlich machen, was eine Maschine anstellt.\u00bb Unterdr\u00fccktes Gel\u00e4chter war von den anderen Arbeitern zu vernehmen.<\/p>\n<p>\u00abSie werden das reinigen!\u00bb Olga stie\u00df jedes Wort mit giftiger K\u00e4lte hervor.<\/p>\n<p>\u00abWerte Dame\u00bb, der Vorarbeiter ging ein paar Schritte auf sie zu, die Zigarette locker in der Hand. \u00abJetzt h\u00f6ren Sie doch endlich auf, sich so zu wehren. Das ist nun mal der Lauf der Dinge.\u00bb<\/p>\n<p>Er drehte ihr den R\u00fccken zu, drehte ihr einfach den R\u00fccken zu, als ob er fertig mit ihr w\u00e4re, und ignorierte ihr Gezeter. Die anderen Arbeiter lachten noch, w\u00e4hrend sie weiter ihrer m\u00f6rderischen Arbeit nachgingen, um den Wald zu zerst\u00f6ren. Olgas Hals f\u00fchlte sich rau an. Sie hatte zu zittern begonnen, doch nicht, wie sie anfangs angenommen hatte, aus Wut, sondern weil die K\u00e4lte durch ihr d\u00fcnnes Nachthemd gekrochen war.<\/p>\n<p>Sie warf einen erbosten Blick auf das verdreckte Fenster. Nein, sie w\u00fcrde das nicht wegputzen. Olga w\u00fcrde das den Anw\u00e4lten zeigen, wenn sie das n\u00e4chste Mal hier auftauchten. Als sie schon dabei war, sich wieder abzuwenden, um zur\u00fcck ins Haus zu gehen und ihre schmerzenden Gelenke aufzuw\u00e4rmen, erkannte sie etwas in dem bereits trocken werdenden Schlamm. Etwas Zartes, Zerbrechliches. Hilfloses. Eine Pflanze, komplett mit Wurzeln und kleinen gr\u00fcnen Sprossen.<\/p>\n<p>\u00abDiese Barbaren\u00bb, zischte Olga, als sie das halb zerdr\u00fcckte Gew\u00e4chs vorsichtig mit beiden H\u00e4nden aufklaubte. Ihre Pantoffeln machten schmatzende Ger\u00e4usche im Schlamm, als sie zur\u00fcck zur Haust\u00fcr stapfte.<\/p>\n<p>Sie setzte die Pflanze in ein kleines Gef\u00e4\u00df und dr\u00fcckte z\u00e4rtlich die frische Erde fest. Andere h\u00e4tten sie \u00fcbersehen, doch Olga hatte ein Auge f\u00fcr Lebewesen, waren sie auch noch so klein und unscheinbar. Dieses schien es ihr bereits zu danken, die ovalen Bl\u00e4tter lie\u00dfen sich schon nicht mehr h\u00e4ngen, der d\u00fcnne St\u00e4ngel richtete sich wieder auf. Sie betrachtete ihr Werk wohlwollend, w\u00e4hrend sie den Schlamm von ihren Pantoffeln klopfte.<\/p>\n<p>Das Vibrieren und Poltern der Maschinen endete erst am Abend. Sie nutzten das Sonnenlicht, so lange sie konnten, wollten so viel wie m\u00f6glich zerst\u00f6rt haben, ehe das endg\u00fcltige Gerichtsurteil gef\u00e4llt werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u00abStadtstra\u00dfe, pah!\u00bb, murmelte Olga, als sie sich mit ihrem allabendlichen Kr\u00e4utertee zu der kleinen Pflanze an den Tisch setzte. Die Feuchtigkeit kroch durch die W\u00e4nde in ihre H\u00fcfte und Knie. Es bereitete ihr Sorgen, jedes Jahr mehr. Nicht, weil sie noch vorgehabt h\u00e4tte, einen Marathon zu laufen, doch es fiel ihr zunehmend schwerer, sich um ihre Kr\u00e4uter und Blumen, ihre Salate und Str\u00e4ucher zu k\u00fcmmern. Ihre Sorgen bekamen einen bitteren Geschmack, als ihr bewusst wurde, dass ihr Garten vermutlich nicht mehr lange \u00fcberleben w\u00fcrde, genauso wie ihr kleines H\u00e4uschen. Mit grimmiger Sturheit hatte sie sich am Optimismus festgeklammert, hatte sich nicht eingestehen wollen, was unausweichlich war. Nur abends, wenn sie h\u00f6rte, dass die Bauarbeiter abzogen und ihre st\u00e4hlernen Zerst\u00f6rungsmonster abk\u00fchlten, konnte sie die Fassade nicht mehr aufrechterhalten. Der Dampf ihres Kr\u00e4utertees vermischte sich mit ihren Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p>\u00abStadtstra\u00dfe, pah!\u00bb, rief sie erneut und donnerte die Tasse so heftig auf den zerfurchten Holztisch, dass die Bl\u00e4tter der kleinen Pflanze zitterten. \u00abDas wird eine Autobahn, aber damit k\u00f6nnen Politiker nicht hausieren gehen.\u00bb<\/p>\n<p>Pflanzen wuchsen besser, wenn man mit ihnen redete, da war sich Olga sicher, und dieses kleine Exemplar brauchte gerade jede Hilfe, um nicht einzugehen. Au\u00dferdem bek\u00e4mpfte das ihre Einsamkeit. Zuerst waren ihre Nachbarn verschwunden, einer nach dem anderen. Vor drei Wochen waren dann auch die Reporter abgezogen. Das Thema hatte ihre Leser gelangweilt. Ein paar B\u00e4ume mehr gef\u00e4llt, ein paar Wiesen mehr niedergewalzt \u2013 was machte das schon f\u00fcr einen Unterschied? Immerhin mussten die Autos ja irgendwo fahren. Wen k\u00fcmmerte das schon?<\/p>\n<p>\u00abMich k\u00fcmmert es\u00bb, fl\u00fcsterte Olga und sie meinte, die Bl\u00e4tter der Pflanze erneut zittern zu sehen.<\/p>\n<p>Als sie am n\u00e4chsten Morgen das Wohnzimmer betrat, geisterte ihr ein Satz im Kopf herum, den die Bauarbeiter immer wieder von sich gaben: \u00abV\u00f6llig durchgeknallt, die Alte.\u00bb<\/p>\n<p>Die Pflanze war in die H\u00f6he geschossen, gute 30 cm. Die kleinen, zerdr\u00fcckten Bl\u00e4tter hatten sich nicht nur erholt, sondern vermehrt und waren handtellergro\u00df angewachsen. Bl\u00fctenknospen hatten sich gebildet. Noch bevor sie sich einen Kaffee machte, noch bevor sie auf die Toilette ging, begann sie in ihrem dicken Botanikbuch zu bl\u00e4ttern.<\/p>\n<p>Nichts.<\/p>\n<p>Die Pflanze hatte entfernte \u00c4hnlichkeit mit <em>Heliamphora tatei<\/em>, einem Schlauchpflanzengew\u00e4chs aus S\u00fcdamerika. Allerdings passten die Bl\u00fcten nicht, die erinnerten eher an eine Orchidee.<\/p>\n<p>\u00abHmmpf\u00bb, machte Olga. Im Grunde konnte es ihr egal sein. Der Pflanze ging es gut, sie gedieh. Und das nur, weil sie sich hier wohl f\u00fchlte. Ein Gef\u00fchl, an das sie sich kaum noch erinnern konnte, schoss durch ihre alten Knochen. Hoffnung. Vielleicht war das der Ausweg aus diesem Albtraum. Wenn das ein seltenes Gew\u00e4chs war, k\u00f6nnte hier alles zum Naturschutzgebiet erkl\u00e4rt werden und sie w\u00e4re gerettet.<\/p>\n<p>\u00abIch werde dich Phora nennen, selbst wenn du keine Heliamphora bist, in Ordnung?\u00bb<\/p>\n<p>Die Bl\u00e4tter der Pflanzen zitterten, wie um ihr zu zustimmen. Aber vielleicht lag es auch an den Baumaschinen, die vor ihrer Haust\u00fcr gerade aus dem Schlaf erwachten und den Boden zum Beben brachten.<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter ragte Phora schon bis zu Olgas Stirn.<\/p>\n<p>\u00abSie glauben mir nicht, pah!\u00bb, erz\u00e4hlte sie der Pflanze, als sie sp\u00e4tnachmittags nach Hause kam. \u00abSie denken, ich h\u00e4tte dich von irgendeinem Exotenh\u00e4ndler!\u00bb<\/p>\n<p>Die zwei gr\u00f6\u00dften Kelche in Phoras Mitte bewegten sich hin und her, wie um Olga zuzustimmen und gleichzeitig den Kopf zu sch\u00fctteln, \u00fcber die Verkommenheit dieser Welt. Die alte Frau verstand die Sprache, weil sie sich mittlerweile schon mehrere Stunden am Tag unterhielten. Olga bespr\u00fchte die Bl\u00e4tter mit Wasser und streichelte z\u00e4rtlich ihren Strunk, der so dick wie ein Oberarm war. Eine fette Fliege flog brummend in einen von Phoras Kelchen und verschwand in den burgunderroten Tiefen. Das Brummen endete abrupt.<\/p>\n<p>Es war drei Uhr morgens, als Olga von einem Klirren geweckt wurde. Es hatte immer \u00f6fter Vandalenakte an ihrem Haus gegeben. Ihr Kr\u00e4uterbeet war zertrampelt worden, einer ihrer Holunderstr\u00e4ucher herausgerissen. Das hatte ihr Herz st\u00e4rker bluten lassen als die beschmierten Hausw\u00e4nde und die F\u00e4kalien auf ihrer T\u00fcrmatte. Es dauerte ihnen schon zu lange. Die absch\u00e4tzigen Witze \u00fcber die verr\u00fcckte Alte waren unverhohlenem Hass gewichen. Der Geruch des fl\u00fcssigen Betons n\u00e4herte sich nun immer mehr ihrem H\u00e4uschen und verdr\u00e4ngte den Duft von gr\u00fcnen Bl\u00e4ttern und Moos. Es war, als ob der Sauerstoff von hier verschwand.<\/p>\n<p>Sie dachte, das Klirren stammte von einem zerbrochenen Fenster, aber es war nur Phora. Sie hatte den Topf gesprengt. Den gr\u00f6\u00dften, den Olga hatte auftreiben k\u00f6nnen. Die Wurzeln schienen sich zu bewegen, als ob sie sich strecken wollten, nach der langen Zeit des Eingesperrtseins. Vor ein paar Wochen h\u00e4tte ein solcher Anblick Olga in Panik versetzt, sie an ihrem Verstand zweifeln lassen. Doch Phoras Bewegungen und rasantes Wachstum waren mittlerweile zur Konstanten im Leben der alten Frau geworden. Das Einzige, was ihr in diesem trostlosen Dasein keine Angst oder Sorge bereitete. Sie \u00fcberlegte nur f\u00fcr einen Moment, dann zerrte sie die gro\u00dfen S\u00e4cke mit Erde aus der Kammer, schnitt sie auf und verteilte sie auf den Wohnzimmerboden.<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter hatte sich Phora im ganzen Haus ausgebreitet. Olga hatte sich anfangs noch bem\u00fcht, \u00fcberall Erde zu verstreuen \u2013 selbst auf den Fliesen im Badezimmer. Doch ihre Pflanze schien das gar nicht zu ben\u00f6tigen. Ihre Wurzeln waren h\u00f6lzern und kr\u00e4ftig, einige ihre Kegel reichten mittlerweile bis zur Zimmerdecke, andere nur bis zu Olgas H\u00fcfte oder Waden. Ihre W\u00e4nde waren dick und innen klebrig feucht. Insekten waren Phora nicht mehr genug, sie bekam seit ein paar Tagen zus\u00e4tzliche N\u00e4hrstoffe von ihrer menschlichen Mitbewohnerin. Kartoffeln, N\u00fcsse, Karotten, Fleisch \u2013 was auch immer zur Hand war, verschwand in den dankbaren Kelchen. Und Phora wuchs.<br \/>\nDie Fenster waren mit Zeitungspapier abgedeckt, weil die Vorh\u00e4nge zerschlissen waren und Olga die b\u00f6sartigen Gesichter nicht mehr ertrug. Die Politiker und Anw\u00e4lte waren gekommen, ihr herablassender Ton war Drohungen gewichen. Bald w\u00fcrden sie sie ins Irrenhaus schleppen und das Haus niederwalzen. Eine Frau, die mit einer Pflanze auf Erdreich lebte, war nicht zurechnungsf\u00e4hig. So eine Frau d\u00fcrfte sich nicht mehr dem Fortschritt in den Weg stellen.<\/p>\n<p>Abends duckte sich Olga unter Phoras Ranken durch, um in ihr Bett kriechen zu k\u00f6nnen. Wenn dann die Tr\u00e4nen \u00fcber ihre vertrockneten Wangen glitten, sp\u00fcrte sie schon, wie sich die Kelche ihrer Pflanze unter die Bettdecke schoben. Wie sie tr\u00f6stend \u00fcber ihre Haut strichen, wie sie sich vorsichtig an ihrem K\u00f6rper festsaugten. An ihrem Hals, ihren Br\u00fcsten, zwischen ihren Schenkeln. Olga streichelte die Kelche z\u00e4rtlich und wusste, dass sie einen Menschen nie so geliebt hatte wie diese Pflanze.<\/p>\n<p>Sie kamen an einem warmen Sommermorgen. Die alte Frau kannte die Ger\u00e4usche der Bauarbeiter und ihrer m\u00f6rderischen Maschinen. Doch diesmal klang es anders. Automotoren, entfernte Sirenen. Angsterf\u00fcllt zog sie sich an und wartete. Ihr fiel nichts anderes ein. Sie setzte sich auf Phoras Wurzeln, denn f\u00fcr Sessel oder einen Tisch war in dem Haus schon l\u00e4nger kein Platz mehr. Unter sich sp\u00fcrte sie das Beben und Zittern, das durch jede Faser ihrer Pflanze dr\u00e4ngte. Keine Angst, nein. Es war Wut. Olga streichelte \u00fcber die Wurzeln, die Ranken und Bl\u00e4tter und Kelche. Mehr, um sich selbst zu beruhigen als ihre Freundin. Ihr Herz blieb fast stehen, als der Ton der T\u00fcrklingel durch das Haus schepperte. Ein eiskalter Klumpen bildete sich in ihrem Magen und drohte, sie immer weiter hinabzuziehen, bei jedem m\u00fchevollen Schritt zur Eingangst\u00fcre.<\/p>\n<p>Die zwei M\u00e4nner im Anzug sahen einsch\u00fcchternder aus als die vier in Uniform. Einer der Anzugm\u00e4nner \u00f6ffnete den Mund, um etwas mit grimmiger Miene zu verk\u00fcnden. Da schoss einer von Phoras Kelchen vor und umschloss sein Gesicht mit einem schmatzenden Ger\u00e4usch. Ein dumpfer Schrei k\u00e4mpfte sich dahinter hervor. Die anderen M\u00e4nner schreckten instinktiv zur\u00fcck, doch ihre Gehirne schienen nicht verarbeiten zu k\u00f6nnen, was ihre Augen sahen. Bevor sie handeln konnten \u2013 nach Hilfe rufen oder schlicht wegrennen \u2013, fegten weitere Kelche an Olga vorbei und saugten sich an den M\u00e4nnern fest. Alle sanken zu Boden, wie leblose Puppen, ihre hilflosen K\u00f6rper waren nur noch zu einzelnen Zuckungen imstande. Fenster zerbarsten, Mauerwerk br\u00f6ckelte, als sich die Pflanze neue Wege aus dem Haus bahnte. Wurzeln, Ranken und weitere Kelche k\u00fcmmerten sich um Schaulustige, Arbeiter und Maschinen.<\/p>\n<p>Olga war von einer seltsamen Ruhe erf\u00fcllt. Als ob die Geschichte nur so enden konnte, indem ihre Pflanze die Ungerechtigkeit, die der Natur hier widerfahren war, r\u00e4chte. Weit hinten sah sie den Vorarbeiter in ihre Richtung rennen, verfolgt von einer Ranke.<\/p>\n<p>\u00abMachen Sie was!\u00bb Seine Miene war verzerrt vor Angst und Fassungslosigkeit. \u00abSie m\u00fcssen was machen!\u00bb<\/p>\n<p>\u00abJetzt h\u00f6ren Sie doch endlich auf, sich so zu wehren\u00bb, rief Olga ihm zu. \u00abDas ist nun mal der Lauf der Dinge.\u00bb<\/p>\n<p>Sie glaubte nicht, dass er sie noch geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">C. N. Stance<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.constanzescheib.at\/c-n-stance\/\" target=\"_blank\">www.constanzescheib.at\/c-n-stance\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=14487\">let it grow<\/a> | Inventarnummer: 23145<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Olga wurde von einem feuchten, klatschenden Ger\u00e4usch geweckt. Sie befand sich noch halb in ihrem Traum, war in ihrer alten Volksschule und hielt einen Vortrag \u00fcber Wildkr\u00e4uter. Fast 60 Jahre war sie nicht mehr dort gewesen, doch das Klassenzimmer weckte immer noch mulmige Gef\u00fchle in ihr. 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