{"id":16209,"date":"2023-07-01T12:28:07","date_gmt":"2023-07-01T12:28:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16209"},"modified":"2023-07-01T15:25:38","modified_gmt":"2023-07-01T15:25:38","slug":"ballprinzessin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=16209","title":{"rendered":"Ballprinzessin"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16209&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts16209&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong>\u00a0<\/strong>\u201eSie ist schon jetzt eine richtige Walk\u00fcre.\u201c<br \/>\nDas m\u00f6chte man als zw\u00f6lfj\u00e4hriges M\u00e4dchen am liebsten h\u00f6ren, wenn man der Gro\u00dfmutter den neuen Schottenrock vorf\u00fchrt. Claudia wei\u00df nat\u00fcrlich, was eine Walk\u00fcre ist. Schlie\u00dflich sind die \u201eDeutschen Heldensagen\u201c Bestandteil der elterlichen Bibliothek und Schullekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Sie wei\u00df also, dass sie keine Chance hat, ihrem Ideal auch nur in die N\u00e4he zu kommen. Das Role Model ist Olivia Newton-John als Mandy in \u201eGrease\u201c. Schon seit Wochen versucht Claudia, die Mutter zur Erlaubnis f\u00fcr eine Dauerwelle zu \u00fcberreden, weil die Selbstversuche mit in Zuckerwasser getr\u00e4nkten, fest geflochtenen Z\u00f6pfen, die \u00fcber Nacht trocknen, nicht das gew\u00fcnschte Ergebnis zeigten. Vergeblich. Schlecht f\u00fcr das Haar, teuer. Also m\u00f6chte Claudia wenigstens so aussehen wie Mandy vor der finalen Verwandlung: braver Pony, Faltenrock, Bluse, Weste. Schlie\u00dflich hat John Travolta sich in diese Mandy verliebt, nicht erst in jene mit den Lederhosen und dem ausgeschnittenen Top, wollte sich f\u00fcr die brave Mandy sogar ver\u00e4ndern. Und die Mutter ist eher bereit, Geld f\u00fcr einen neuen Rock als f\u00fcr Glockenhosen, die alle anderen M\u00e4dchen jetzt tragen \u2013 oder gerne tragen w\u00fcrden \u2013, auszugeben.<\/p>\n<p>Claudia wei\u00df selbst, dass sie nicht dem aktuellen Idealtyp entspricht. Schon mit zw\u00f6lf Jahren ist sie fast einen Meter und siebzig Zentimeter gro\u00df, ihre Figur ist eher die einer Kugelsto\u00dferin als die einer Ballerina. Aber wenigstens versuchen will sie es. Schon in der Volksschule war sie die weitaus Gr\u00f6\u00dfte in der Klasse, \u00fcberragte alle Buben, war dementsprechend uninteressant f\u00fcr sie. Dann der Wechsel ins Gymnasium. Eine der letzten reinen M\u00e4dchenschulen. Das hat sich als Segen erwiesen. Claudia ist zwar immer noch die Gr\u00f6\u00dfte ihres Jahrgangs, der Vergleich mit den Buben entf\u00e4llt aber wenigstens. Zu allem Ungl\u00fcck ist Claudia auch noch eine gute Sch\u00fclerin, eine sehr gute sogar. Sie muss aufpassen, nicht als Streberin abgestempelt zu werden. H\u00e4sslich und Streberin \u2013 v\u00f6llig unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die erste Klasse hat sie spielend hinter sich gebracht, zu Anfang der zweiten werden zum ersten Mal Freigegenst\u00e4nde an den Nachmittagen angeboten. Einige haben eher Nachhilfecharakter. Es gibt zus\u00e4tzlichen Sport, der Claudia interessieren w\u00fcrde. Wenn sie schon riesig ist, will sie wenigstens d\u00fcnn sein. Doch sie entscheidet sich schlie\u00dflich f\u00fcr \u201eB\u00fchnenspiel\u201c. Man darf in der zweiten Klasse nur einen Freigegenstand belegen, damit die schulischen Leistungen nicht leiden. Hungern kann sie zu Hause auch. Sie wird an den Wochenenden spazieren gehen und Gymnastik machen, um abzunehmen. Im Theater wird sie im Mittelpunkt stehen, der Star sein. Auf der B\u00fchne sehen gro\u00dfe Menschen viel besser aus als kleine.<\/p>\n<p>Das Schulgeb\u00e4ude ist alt, wurde w\u00e4hrend des Sommers renoviert, hat nicht nur einen neuen Turnsaal bekommen, sondern im Keller auch einen gro\u00dfen Veranstaltungsraum mit einer richtigen B\u00fchne. Die Deutschprofessorin, die \u201eB\u00fchnenspiel\u201c leitet, wurde nicht renoviert. Sie hat ausgerechnet \u201eSchneewittchen\u201c als das Theaterst\u00fcck ausgesucht, das zu Semesterende aufgef\u00fchrt werden soll. Eine kluge Wahl f\u00fcr eine M\u00e4dchenschule, kaum Frauenrollen. Aber eine davon wird Claudia ergattern. Sie wird Schneewittchen spielen. Eventuell noch die b\u00f6se Stiefmutter. Die muss ja auch attraktiv gewesen sein, sonst h\u00e4tte der K\u00f6nig sie nicht geheiratet. Keinesfalls wird sie den Prinzen spielen. Nur weil sie gro\u00df ist. Nein. Es gibt schlie\u00dflich auch kleine M\u00e4nner. Und sie sieht viel zu weiblich aus. Wenn sie sich von allen Seiten im Spiegel anschaut, ist sie sicher: Prinz geht gar nicht. Sie bekommt ja schon einen richtigen Busen. Es gibt kein Kost\u00fcm, das den verdecken k\u00f6nnte. Prinzessin oder Stiefmutter!<\/p>\n<p>Eigentlich hat sie ja Angst davor, auf der B\u00fchne zu stehen, sich von Publikum begaffen zu lassen. Angst davor, dass sie schlecht wegkommt. Doch sie wird allen Mut zusammennehmen. Sie wird die anmutigste Prinzessin sein. Oder die b\u00f6seste Stiefmutter. Auf jeden Fall wird sie blendend aussehen, allen zeigen, dass sie das h\u00fcbscheste M\u00e4dchen weit und breit ist. Oder wenigstens das h\u00fcbscheste an diesem Nachmittag in diesem Festsaal.<br \/>\nUnd dann die Katastrophe: Claudia wird krank. Nichts Ernstes, nur eine starke Verk\u00fchlung. Aber sie kann nicht in die Schule gehen. Was sonst ein gro\u00dfes Gl\u00fcck ist, ist nun die schlimmste Strafe. Sie vers\u00e4umt die Verteilung der Rollen.<\/p>\n<p>Endlich wieder in der Schule. Montagnachmittag. \u201eB\u00fchnenspiel\u201c. Die Professorin k\u00fcndigt an, noch einmal \u00fcber die Rollenverteilung zu sprechen. Man kann auch einmal Gl\u00fcck haben. Schnell auf die Toilette, bevor es losgeht. Claudia beeilt sich, Bluse und Pullover wieder ordentlich zu richten.<br \/>\nDas T\u00fcrschloss klemmt. Das gibts doch nicht! Nicht nerv\u00f6s werden! Ganz ruhig noch einmal probieren. Nichts. Vielleicht funktioniert es, wenn man die T\u00fcr ein bisschen anhebt. Nein. Dagegendr\u00fcckt. Zu sich zieht. Hinunterdr\u00fcckt. Keine Chance. Das Schloss klemmt. Weder unter noch \u00fcber der T\u00fcr gibt es einen Ausweg. Um Hilfe rufen. So peinlich. Aber was bleibt ihr \u00fcbrig. Keine Reaktion. Die Toiletten sind gleich beim Eingang des Festsaals, weit entfernt von der B\u00fchne. Sie muss lauter rufen. Noch immer kommt niemand. Irgendwann wird sie den anderen abgehen. Nach Stunden kommt jemand. Es war eigentlich nur eine halbe Stunde. Auch die Professorin schafft es nicht, die T\u00fcr zu \u00f6ffnen. Sie holt den Schulwart. Der r\u00fcckt mit seinem Werkzeugkoffer an. Claudia wird befreit.<\/p>\n<p>Doch die Erleichterung w\u00e4hrt nur kurz. Nun sind die Rollen wirklich vergeben. \u00dcbrig sind noch: einer der Zwerge oder Hilfe bei der Technik. Hilfe bei der Technik bedeutet, nichts zu tun, denn der Schulwart l\u00e4sst niemanden an die Anlage. Aber Zwerg? Ausgerechnet sie? Der gr\u00f6\u00dfte Zwerg aller Zeiten? Und nur ein Satz Text. Die Professorin meint, das mit den Zwergen d\u00fcrfe man nicht so eng sehen, man k\u00f6nne sie auch als Bergleute bezeichnen. Kann man. Aber die Rolle hei\u00dft \u201eZwerg\u201c. Zwerg! Claudia sieht die anderen M\u00e4dchen verstohlen lachen. Und was werden die Eltern sagen, wenn sie erz\u00e4hlt, dass sie einen Zwerg spielen wird? Sie wollte auf der B\u00fchne stehen, der ganzen Schule beweisen, dass sie ein h\u00fcbsches und talentiertes M\u00e4dchen ist. Aber als Zwerg? Claudia entscheidet sich f\u00fcr die Technik. Am liebsten h\u00e4tte sie \u00fcberhaupt alles hingeschmissen, aber dann h\u00e4tten die anderen nur noch mehr gelacht.<\/p>\n<p>Dienstag. Bei Claudia zeigen sich keinerlei Zeichen eines Krankheitsr\u00fcckfalls. Kein Grund, nicht in die Schule zu gehen. Erste Stunde Turnen. In der Pause danach nimmt die Turnlehrerin sie beiseite. In vier Wochen sei das erste Handballmatch der Sch\u00fclerinnenmeisterschaft, aber es seien gleich f\u00fcnf Spielerinnen ausgefallen. Ob Claudia nicht einspringen k\u00f6nne? Sie w\u00e4re zwar die J\u00fcngste in der Mannschaft, aber mit ihrer Gr\u00f6\u00dfe. Au\u00dferdem stelle sie sich bei Ballspielen doch sehr geschickt an.<br \/>\nHandball. Das ist doch total unweiblich, brutal. W\u00fcrde Mandy Handball spielen? Niemals! Die wollte zu den Cheerleadern. Akrobatische \u00dcbungen in h\u00fcbschen, engen Kost\u00fcmen. Alle Burschen haben nur Augen f\u00fcr sie. Andererseits k\u00f6nnte sie die Mannschaft retten. Au\u00dferdem gibt es in \u00d6sterreich keine Cheerleader. Claudia sagt zu.<br \/>\nDass sie wegen des Trainings nun nicht an \u201eB\u00fchnenspiel\u201c teilnehmen kann und die Auff\u00fchrung nicht im Technikraum verbringen wird, ist kein gro\u00dfer Verlust. Weder f\u00fcr Claudia noch f\u00fcr die Auff\u00fchrung.<\/p>\n<p>Ein Samstagnachmittag im November. Das Match gegen das andere Gymnasium im Bezirk. Aufw\u00e4rmen in der Halle. Es kommt tats\u00e4chlich Publikum, Eltern, Geschwister der Spielerinnen. Anpfiff. Claudia sitzt vorerst auf der Ersatzbank. Die ganze erste H\u00e4lfte \u00fcber. Anpfiff zur zweiten Halbzeit. Ihre Mannschaft hat schon f\u00fcnf Tore R\u00fcckstand. Doch die aufmunternden Worte der Turnprofessorin in der Pause haben gewirkt. Der R\u00fcckstand wird kleiner. Nur noch zwei Tore. Eines. Da: Die Spielerin am linken Fl\u00fcgel kn\u00f6chelt um, humpelt zum Spielfeldrand. Die Lehrerin gibt Claudia ein Zeichen, sich bereit zu machen. Wechsel. Fehlpass. Mehr Konzentration! Ihre Mannschaft erobert den Ball zur\u00fcck. Claudia l\u00e4uft, so schnell sie kann. Bekommt den Ball zugespielt. Sie ist alleine vor der Torfrau. Springt. Ausgleich. Ausgleich! Die ganze Mannschaft kreischt. Die Schiedsrichterin pfeift das Match ab. Unentschieden immerhin. Claudia ist die Heldin. Ausgerechnet die J\u00fcngste. Das hat Mandy nicht geschafft.<br \/>\nUnd jetzt kommt sogar der Bruder der Kreisspielerin, um zu gratulieren. Der ist bestimmt schon vierzehn und einen Kopf gr\u00f6\u00dfer als Claudia.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Sascha Wittmann<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.saschawittmann.at\" target=\"_blank\">www.saschawittmann.at<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=14487\">let it grow<\/a> | Inventarnummer: 23140<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u201eSie ist schon jetzt eine richtige Walk\u00fcre.\u201c Das m\u00f6chte man als zw\u00f6lfj\u00e4hriges M\u00e4dchen am liebsten h\u00f6ren, wenn man der Gro\u00dfmutter den neuen Schottenrock vorf\u00fchrt. Claudia wei\u00df nat\u00fcrlich, was eine Walk\u00fcre ist. Schlie\u00dflich sind die \u201eDeutschen Heldensagen\u201c Bestandteil der elterlichen Bibliothek und Schullekt\u00fcre. 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