{"id":1618,"date":"2014-08-31T16:52:38","date_gmt":"2014-08-31T16:52:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1618"},"modified":"2015-09-07T09:13:58","modified_gmt":"2015-09-07T09:13:58","slug":"haarig-oder-wie-ich-der-provinz-entfloh","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1618","title":{"rendered":"Haarig oder Wie ich der Provinz entfloh"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1618&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1618&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Oed. Oed bei Amstetten. Halbzeit. Ich sitze in meinem Ford Escort Baujahr 1975, der Motor auf Hochtouren, R\u00fccksitz und Kofferraum prall gef\u00fcllt mit meinem wichtigsten Hab und Gut. Ich hei\u00dfe Ferdinand, meine Freunde nennen mich Ferdl<i>, <\/i>und bin am Weg in die Hauptstadt. Die ungeliebte Hauptstadt &#8211; die Stadt der Raunzer, der arroganten Schn\u00f6sel und die Stadt in der sich auch das Parlament befindet. Dort, wo wiederum schn\u00f6selige Raunzer \u00fcber das Wohl des Landes bestimmen. Das Wohl, \u00fcber das sich die Leute gerne und bei jeder Gelegenheit beschweren (die \u00d6sterreicher sind ja bekanntlich Weltmeister im Raunzen und Beschweren) und sich sehr wohl in ihrem Wohl scheinbar \u00e4u\u00dferst unwohl f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur A1, kurz nach Oed, in meinen geliebten knallroten Ford Escort &#8211; liebevoll auch &#8222;Gock&#8220; genannt. Die Kassette im Autoradio leiert, und die ohnehin schon gezerrten und gedehnten Vokale von Liam Gallagher kommen dem Original noch n\u00e4her &#8211; dem Walross und den ewigen Erdbeerfeldern: &#8222;I&#8217;d like to be somebody eeelse \u2026&#8220; Psychedelic pur.<\/p>\n<p>Ich habe mich dazu entschlossen meine Heimat zu verlassen &#8211; ein in der tiefsten ober\u00f6sterreichischen Provinz liegendes Dorf, wo ich meine ersten zwanzig Lebensjahre verbracht habe. Jeden Baum und jeden Stein kenne und jedes Traktorger\u00e4usch auf Anhieb identifizieren kann. Aufgewachsen auf einem kleinen, idyllischen Bio-Bauernhof, im Stall eine Handvoll K\u00fche, ebenso viele K\u00e4lber und eine Ziege. Ringsherum gr\u00fcne, saftige Wiesen, diverse Obstb\u00e4ume, ein St\u00fcck Wald und ein dahinpl\u00e4tschernder Bach. Und ein kleines Dinkelfeld, wovon meine Mutter mithilfe einer kleinen M\u00fchle Dinkelmehl mahlt und ab Hof verkauft. &#8222;Liebhaberei&#8220; nennen das die Gro\u00dfbauern des Ortes absch\u00e4tzig. Die politisch tiefschwarz eingef\u00e4rbten mit ihren gr\u00fcnen, roten und manchmal auch blauen Traktoren. Und deren Viecher keine Namen, sondern Nummern tragen.<\/p>\n<p>Der Grund meines Umzugs in die Hauptstadt ist, nun, nennen wir es &#8222;Berufsumorientierung&#8220;. Ich werde auf einem privaten College einen Lehrgang f\u00fcr Tontechnik besuchen, ja eigentlich zwei &#8211; den des Tonassistenten und anschlie\u00dfend den &#8222;Audio Engineer&#8220;. Danach sollte ich f\u00e4hig sein, die bunten Kn\u00f6pfe eines Mischpultes zu unterscheiden, und dar\u00fcber hinaus nat\u00fcrlich noch mehr. Der Traum vom eigenen Studio, oder ein Job als Livemischer in einem etablierten Club &#8211; was es auch immer sein wird, die Entscheidung ist die einzig richtige. An die grantelnden Bewohner der Hauptstadt werde ich mich schon gew\u00f6hnen.<br \/>\nIm Dorf versteht nat\u00fcrlich niemand diesen Schritt: &#8222;In das graue, kalte und laute Wien will der Ferdl. Na das wird er sich bald anders \u00fcberlegen.&#8220;<br \/>\nAber der Ferdl ist Musiker, allerdings erfolglos. Und da muss sich was daran \u00e4ndern.<br \/>\nWobei es nat\u00fcrlich auch immer darauf ankommt, wie man Erfolg definiert, oder wer ihn definiert. Nat\u00fcrlich spiele ich regelm\u00e4\u00dfig Konzerte mit meiner Band, und die sind eigentlich auch ganz gut besucht. Allerdings sehe ich meist dieselben Gesichter vor mir &#8211; Freunde, Bekannte, manchmal auch Verwandte.<br \/>\nUnd nat\u00fcrlich wird nach einem absolvierten Konzert auf die Schulter geklopft: &#8222;War mal wieder so richtig geil heut!&#8220;. Nein, war es nat\u00fcrlich nicht. Wahrscheinlich haben wir \u00fcberhaupt noch nie ein &#8222;richtig geiles&#8220; Konzert gespielt, nicht mal ann\u00e4hernd geil. Im besten Fall w\u00fcrde ich es als durchschnittlich bezeichnen &#8211; also, mit im besten Fall sind da auch die besten F\u00e4lle gemeint. Manche Abende k\u00f6nnen dann auch besonders mies sein. Wenn in der Pause pl\u00f6tzlich fast alle Freunde abhauen, weil sie angeblich am n\u00e4chsten Tag fr\u00fch raus m\u00fcssen. Verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Mein Talent auf der Gitarre beschr\u00e4nkt sich auf ganze viereinhalb Akkorde. Klar, ein Neil Young hat mit diesen Akkorden Welthits geschrieben. Ein Noel Gallagher ebenfalls. Der hatte allerdings einen gut aussehenden Bruder, der und vor allem auch dessen Stimme das gewisse Etwas hatte und zur gottgleichen Figur einer ganzen Generation wurde. Sp\u00e4ter, als sie nur mehr eine Kopie der Kopie ver\u00f6ffentlichten (die allerdings urspr\u00fcnglich ohnehin schon nichts anderes als eine Kopie gewesen war), kamen wir uns n\u00e4her. Gallagher der \u00c4ltere und ich. Auf songwriterischem Niveau. Ich w\u00fcrd&#8216; jetzt mal sagen, dass ein paar meiner Songs auf Augenh\u00f6he mit Oasis-Songs der Sp\u00e4tphase mithalten k\u00f6nnen.<br \/>\nGut, mit den B-Seiten vielleicht. Und die der Sp\u00e4tphase sind ja nun wirklich nicht mehr der Rede wert. Realistisch gesehen beziehungsweise geh\u00f6rt sind sie Schrott. Die B-Seiten der Gallaghers. Also somit auch meine besten Songs.<\/p>\n<p>Meine musikalische &#8222;Karriere&#8220; begann \u2026 in der katholischen Jugend. Wer in der bereits erw\u00e4hnten tiefsten ober\u00f6sterreichischen Provinz aufw\u00e4chst, wird schnell vor schwierige lebenswichtige Entscheidungen gestellt:<br \/>\nFeuerwehr und\/oder Musikkapelle, Feuerwehr und\/oder Fu\u00dfballverein, Musikkapelle und\/oder Fu\u00dfballverein \u2026? Und zum Erwachsenseinwerden und der damit verbundenen Reifung geh\u00f6rt nat\u00fcrlich auch der Anschluss an die \u00f6rtliche Jugendgemeinschaft, meist zeitgleich mit dem Beginn einer Lehre oder einer weiterbildenden h\u00f6heren Schule.<br \/>\nIn meinem Fall fiel die Wahl zwischen der Landjugend im Nachbarort oder der katholischen Jugend meiner Heimatgemeinde. Schlussendlich machte Letztere das Rennen, man muss schlie\u00dflich wissen &#8222;wo man hingeh\u00f6rt&#8220;.<\/p>\n<p>Da ich st\u00e4ndig von meiner Heimatgemeinde erz\u00e4hle, m\u00f6chte ich diese auch kurz vorstellen:<br \/>\nDer besagte Ort (dessen Name ich aus privatsph\u00e4rischen Gr\u00fcnden hier nicht nennen werde) liegt am Fu\u00dfe des Hausruckwaldes, welcher die Grenze zum Innviertel bildet &#8211; dem Viertel, das sich durch einen etwas raueren Umgang auszeichnet und welches durch einen in Braunau am Inn geborenen Wahnsinnigen weltbekannt wurde.<br \/>\nDer Ortskern besteht aus einer etwas sehr \u00fcberpr\u00e4senten Kirche, umgeben vom \u00f6rtlichen Friedhof, einem Kirchenwirt, einem weiteren Wirt (f\u00fcr die Nichtkirchg\u00e4nger, damit auch diese unter sich sind) und einer Tankstelle. Und einem Friseur, direkt am Kirchplatz.<br \/>\nDer &#8222;Url-Sepp&#8220;, wie er liebevoll von allen genannt wird. Erfinder des Trademark-Haarschnitts in unserem Ort: vorne kurz, hinten kurz, Ohren frei.<br \/>\nIch hab mich seiner Tochter anvertraut &#8211; also, rein gesch\u00e4ftlich. Die schneidet mir hin und wieder nach Ladenschluss meine halblangen Haare.<br \/>\nDem Vater vertraue ich nicht mehr, seitdem er mir ohne mein Einverst\u00e4ndnis seinen Trademark-Haarschnitt verpasste, einen Tag bevor ich beim Fotografen in der benachbarten Marktgemeinde einen Termin f\u00fcr ein Passfoto hatte. Und dieser Fotograf es wiederum schaffte, mich so unvorteilhaft wie m\u00f6glich aussehen zu lassen! Dieses Foto ziert seitdem meinen F\u00fchrerschein, und ich sch\u00e4me mich jedes Mal, wenn ich mich damit ausweisen muss.<br \/>\nUnd dann noch unser Supermarkt. Aus insolvenzabh\u00e4ngigen Gr\u00fcnden wurde mehrmals der Besitzer gewechselt, zuletzt wurde der Laden um mehr als die H\u00e4lfte verkleinert. Die wichtigste Einrichtung ist die Fleischabteilung, damit das Arbeitervolk die t\u00e4gliche Wurstsemmel bekommt. Und die gestapelten Bierkisten. Ein Kasten Bier soll angeblich der durchschnittliche Tagesvorrat eines Maurers sein, und davon gab es mehrere im Ort. Im K\u00fchlregal genau eine einzige Packung Biomilch. Perfekt abgestimmt auf Angebot und Nachfrage.<\/p>\n<p>Die politische Gesinnung im Ort ist PECH.RABEN.SCHWARZ. Die rote Opposition ist geradezu l\u00e4cherlich, die blaue Fraktion besteht aus einer Handvoll Altnazis und Gr\u00fcn existiert nicht. Oder so gut wie nicht. Vielleicht ein oder zwei Ganzjahresstrickpullitr\u00e4ger mit verfilzten Rastalocken. Neuhippies, die sich in ein altes Haus am Waldesrand eingenistet haben, mit einem verbeulten VW-Bus rumkurven und tagein tagaus Hans S\u00f6llner h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Nun ja, wie gesagt: Hier in diesem idyllischen kleinen Ort begann meine Karriere. Als ich sechzehn war bekam ich von meiner Mutter zu Weihnachten eine Gitarre &#8211; nat\u00fcrlich eine Konzertgitarre, mit Nylonsaiten. Absolut uncool f\u00fcr einen 16-J\u00e4hrigen. Deshalb landete die Gitarre erstmal auch in der Ecke, wo sie monatelang fast unber\u00fchrt verweilte. Monate sp\u00e4ter versp\u00fcrte ich pl\u00f6tzlich den Drang, schnellstm\u00f6glich die lebenswichtigen (und vorhin bereits erw\u00e4hnten) paar Akkorde zu lernen, damit ich am Lagerfeuer mit dem Anspielen diverser Klassiker auftrumpfen und die M\u00e4dels unseres Dorfes beeindrucken konnte. G, D, C und E-Moll. Sp\u00e4ter dann auch E-Dur und A-Moll. Das reichte um die der Allgemeinheit bekannten Klassiker aufzuspielen: Fendrich, Ambros, STS und dann noch ein paar englischsprachige Schlager &#8211; Beatles, Dylan, Young. Und nat\u00fcrlich Reim, immer wieder Reim. Matthias Reim. Verdammt ich lieb dich. Die M\u00e4dels kreischen, die Jungs jaulen. Und ich war Gott. F\u00fcr viereinhalb Minuten. Am Lagerfeuer.<br \/>\nBeeindruckt zeigte sich auch Herbert, ein in der katholischen Jugend sehr aktiver und ebenfalls musikalischer Sch\u00f6nling aus dem Nachbardorf. Herbert hatte Klavier gelernt, spielte aber auch Gitarre. Besser als ich. Er beherrschte sogar den Barr\u00e9griff und war mir somit um vieles voraus.<br \/>\nHerbert war auf der Suche nach Mitgliedern f\u00fcr eine Band, vor allem auch nach Gesangstalenten. Meine &#8222;Reimerei&#8220; d\u00fcrfte Eindruck hinterlassen haben: Eines Tages fragte er mich ob ich denn Lust h\u00e4tte in die geplante Formation mit einzusteigen. Was f\u00fcr eine Frage &#8211; und wie ich Lust hatte! Eine Band!! Hier in der Provinz!! Waaahnsinn! DER Traumboy f\u00fcr alle M\u00e4dels!<\/p>\n<p>Wenige Wochen sp\u00e4ter fanden wir uns wieder, im alten Saal des \u00f6rtlichen Pfarrheims. Wir probten f\u00fcr unseren ersten Auftritt, eine rhythmische Messe mit einem sehr gewagten Programm, unter anderem bestehend aus Liedern von &#8222;Jesus Christ Superstar&#8220; und &#8222;Hair&#8220;. Vor allem Letzteres hatte es uns angetan &#8211; &#8222;Let the Sunshine in&#8220; entpuppte sich als unsere Hymne! Textlich so einfach, dass selbst die nicht der englischen Sprache m\u00e4chtigen Einwohner mitsingen konnten: &#8222;L\u00e4\u00e4t se sannschaain! L\u00e4\u00e4t se sannschaain in!&#8220;<\/p>\n<p>Nach dem erwartungsgem\u00e4\u00df gro\u00dfen Erfolg unserer rhythmischen Messe (abgesehen von ein paar alteingesessenen, stockkonservativen Einwohnern, die irgendetwas von Hippies und &#8222;N-Wort&#8220;-Musik dahermurmelten) kam auch bald die erste Anfrage: Wir bekamen die gro\u00dfe Ehre am j\u00e4hrlichen Dorffest aufzutreten! Da ging quasi ein kleiner Traum f\u00fcr mich und uns in Erf\u00fcllung. Selbst meine Mutter erz\u00e4hlte es jedem Menschen, dass ihr geliebter und musikalisch so begabter Junge mit seiner neuen Band am Dorffest auftreten wird. &#8211; &#8222;Na wie hei\u00dft denn die Band?&#8220;<br \/>\nTja. Wie hei\u00dft denn die Band \u2026 ein gro\u00dfes und \u00e4u\u00dferst schnell zu l\u00f6sendes Problem stand somit an. Schlie\u00dflich musste auf den Plakaten der Name der neuen Local Heroes stehen.<br \/>\nAlso fanden wir uns beim Kirchenwirt ein, um uns &#8211; neugierig von allen Seiten beobachtet &#8211; in der ersten, offiziell angesetzten Bandsitzung \u00fcber einen Bandnamen Gedanken zu machen.<br \/>\nSehr schnell war klar, dass er irgendetwas mit unserer Hymne zu tun haben musste. Irgendjemand schlug dann einfach &#8222;Haar&#8220; als Bandnamen vor. &#8222;Haar&#8220;? Klar, warum nicht? Lag doch so nah.<br \/>\nErste Zweifel kamen uns, als wir uns vorstellten, wie der prall gef\u00fcllte Raiffeisensaal im Nachbarort (dies war der n\u00e4chste Step unseres Masterplans) nach unserer Hymne (die mit dem &#8222;Sannschain&#8220;) euphorisch und lautstark uns zur\u00fcck auf die B\u00fchne fordern w\u00fcrde: &#8222;Haar! Haar! Haar!&#8220;<\/p>\n<p>Das klang einerseits nach Kater Karlos Lachen, andererseits auch nach gar nichts. Vor allem, wo doch in unseren Breitengraden das rollende R sehr stark verbreitet ist. Das kann man den Leuten doch nicht antun: &#8222;HaaRR! HaaRR!&#8220;. Da musste was anderes her.<br \/>\nUnd so begannen wir alles M\u00f6gliche mit dem Haar zu kombinieren. Mein grenzgeniales &#8222;Haarit\u00e4t&#8220; wurde leider abgelehnt, ebenso (und Gottseidank) auch das &#8222;Haaribo&#8220; unseres Schlagzeugers G\u00fcnter. Herbert konnte sich durchsetzen (klar, er war ja auch quasi Bandleader) und so wurde aus der eben noch namenlosen Gruppe die Band<\/p>\n<p>HAARIG.<\/p>\n<p>Sinnlos zu erw\u00e4hnen, dass unser Auftritt am Dorffest zu einem \u00fcberaus gro\u00dfen Erfolg wurde. Manche sprachen von einem Meilenstein, vor allem die Bandmitglieder. Dass die meisten Leute akustisch nichts verstehen konnten, weil unsere zusammengebastelte Anlage &#8211; kombiniert mit einem billigen blaufarbigen Mikrophon einer ebenso billigen Stereoanlage &#8211; nur brummte und jegliche Frequenzen oberhalb 1000 Hertz quasi gar nicht oder kaum vorhanden waren \u2026 nun, diesen Aspekt ignorierten wir einfach. Der erste Schritt zur Welteroberung war getan und wir genossen das omnipr\u00e4sente Schulterklopfen der darauffolgenden Wochen.<\/p>\n<p>Ein paar Monate sp\u00e4ter l\u00f6ste sich in einem Nachbarort die Konkurrenzband auf. Der Name der Band ist mir nicht h\u00e4ngengeblieben, ist auch v\u00f6llig nebens\u00e4chlich. Aus heutiger Sicht. Damals war das ein gro\u00dfes Ding &#8211; in etwa vergleichbar mit dem gro\u00dfen Britpop-Battle zwischen Oasis und Blur. Mindestens. Die Auftrittsm\u00f6glichkeiten waren in der Gegend \u00e4u\u00dferst rar, und unsere Konkurrenten hatten einen gro\u00dfen Trumpf im \u00c4rmel: Sie verf\u00fcgten \u00fcber eine Anlage! Inklusive eines Mischpults mit vielen bunten Kn\u00f6pfen. Ein Traum. Nachdem sich die Band aufl\u00f6ste, musste sie nat\u00fcrlich auch ihren Traum von Anlage verkaufen &#8211; und da waren wir am Zug! \u00dcbergl\u00fccklich unterschrieben wir den Kaufvertrag, schleppten und luden die \u00fcbergro\u00dfen Boxen in den Kleinbus von Herberts Vater. Dass uns unsere ehemaligen Konkurrenten gewaltig \u00fcber den Tisch zogen, war uns damals nicht bewusst. Hauptsache, wir konnten ab sofort Konzerte geben, wo und wann immer wir wollten.<br \/>\nUnd vor allem die Anlage f\u00fcr diverse Parties in der Umgebung verleihen, f\u00fcr eine l\u00e4cherliche Leihgeb\u00fchr eines unbeschr\u00e4nkten Getr\u00e4nkekonsums aller Bandmitglieder. Und ich bot mich auch noch gleich als DJ an &#8211; wiederum eine gute Gelegenheit M\u00e4dels zu beindrucken. Dachte ich zumindest.<br \/>\nIrgendwann hatte ich dann auch keine Lust mehr, st\u00e4ndig &#8222;Summer of 69&#8220; und andere abgedroschene Gassenhauer aufzulegen. Ich dachte ja, ich k\u00f6nnte der Jugend der Provinz kulturtechnisch weiterhelfen und ihren Musikgeschmack pr\u00e4gen. Mit &#8222;Wonderwall&#8220; klappte das noch einigerma\u00dfen, bei &#8222;Common People&#8220; von Pulp stiegen sie schon alle aus. Forget it.<\/p>\n<p>Von hier an nutzte ich das neue revolution\u00e4re Medium Minidisc, um bereits im Vorfeld 74-min\u00fctige Playlists zu erstellen. W\u00fcnsche wurden kaum noch erf\u00fcllt, der DJ betrank sich w\u00e4hrenddessen an der Bar oder hinter seinem Pult.<\/p>\n<p>Einen Sommer sp\u00e4ter widmeten wir uns dem n\u00e4chsten Meilenstein: Unsere erste Demokassette sollte entstehen!! In der Zwischenzeit hatte ich begonnen, mit meinen viereinhalb Akkorden Songs zu schreiben. Besser gesagt: Adaptionen von meinen Lieblingsbands &#8211; hier ein Schuss Lennon, da eine Prise McCartney, dort ein wenig Neil Young. Die Texte waren nat\u00fcrlich zutiefst tragische Teenageralltagsproblem<i>&#8211;<\/i>Oden<i>.<\/i> Generation X, mehr muss man wohl nicht sagen.<br \/>\nIm Nachbarort, einer stattlichen Marktgemeinde, gab es einen audiotechnisch versierten Typen, der sowohl \u00fcber ein kleines Mehrspuraufnahmeger\u00e4t als auch &#8222;richtig gute Studiomikros&#8220; verf\u00fcgte. Er borgte uns f\u00fcr ein paar Tage sein ganzes Equipment &#8211; Zeit genug, um eine 5-Track-Demokassette einzuspielen. Dachten wir zumindest.<br \/>\nUnser Schlagzeuger scheiterte gleich mal an der ersten H\u00fcrde &#8211; dem laufenden Metronom, in tontechnischen Kreisen schlicht und einfach &#8222;Click&#8220; genannt. Und so eierte er sich erstmal einen halben Tag durch die Songs und fluchte was das Zeug hielt. Die hochsommerlichen Au\u00dfentemperaturen trugen ebenfalls ihren Teil bei, und dass unser tempor\u00e4res Studio &#8211; der ehemalige Proberaum der Musikkapelle, im ersten Stock des Feuerwehrhauses &#8211; auch noch s\u00fcdlich lag, machte die Situation ebenfalls nicht besser. Wir leerten literweise Eisteepackungen &#8211; abwechselnd Pfirsich und Zitrone.<br \/>\nNach einer m\u00fchsamen Woche des Aufnehmens dann die Erkenntnis, dass der Weltruhm weiter in die Ferne ger\u00fcckt war, kaum noch erkennbar am Horizont, denn Weltruhm hat in erster Linie auch mit Weltklasse zu tun, und von Weltklasse waren wir noch weit entfernt, und hier untertreibe ich sogar gewaltig. Abschlie\u00dfend \u00fcbergaben wir das ADAT-Band (ein digitales Band, das aussieht wie eine VHS-Kassette) zum Abmischen der Songs an unseren Hobbytonmeister. Das gro\u00dfe, erwartete Wunder passierte bei diesem Vorgang leider auch nicht und so blieb es bei einer, in erster Linie f\u00fcr die Bemusterung von Veranstaltern, reinen Demokassette.<\/p>\n<p>Viel passiert ist dann allerdings auch nicht, aber zumindest wurden wir zu einem Bandcontest in die Hauptstadt geladen. Was hei\u00dft geladen &#8211; wir durften uns bewerben und gleichzeitig dem Veranstalter ein gewisses Kontingent an Karten abnehmen. Dem Bewerbungsbogen lag noch ein Informationsblatt bei, in dem teilnehmenden Bands vorgerechnet wurde, wie sie denn mit diesem Kontingent Geld machen konnten.<br \/>\nN\u00e4mlich indem sie die ohnehin schon viel zu teuren Tickets nochmals um den doppelten Preis an ihre Fans &#8211; also Freunde, deren Freunde und vielleicht nochmals deren Freunde &#8211; verkauften. Ein vollkommen d\u00e4mliches System, mit dem diverse Clubs junge unerfahrene Bands k\u00f6dern, um ihre H\u00fctten an konzertfreien Tagen auszulasten und damit auch noch der \u00d6ffentlichkeit verkaufen, dass sie dabei die Nachwuchsmusikszene unterst\u00fctzen!<br \/>\nUnd auch wir waren so bl\u00f6d und fielen drauf rein, und dachten noch dazu, wir h\u00e4tten Chancen auf die zweite Runde und eventuell auch noch auf das Finale.<br \/>\nNun, nachdem wir in dem Laden ankamen, die Belegschaft und auch die Juroren sahen &#8211; da wussten wir, dass die Konkurrenzbands bedeutend mehr Chancen hatten und wir mit unserem angloamerikanischen Alternativepop (so bezeichnete man seinerzeit die Art von Musik die wir machten &#8211; sp\u00e4ter \u00e4nderte man st\u00e4ndig die Kategorien, obwohl sich die Musik kaum ver\u00e4nderte) v\u00f6llig fehl am Platze waren. Das restliche Programm bestand n\u00e4mlich ausschlie\u00dflich aus Metalbands, wo langhaarige Typen in enormer Geschwindigkeit versuchten, m\u00f6glichst viele Riffs und T\u00f6ne auf ihren Sechs- und Viersaitern innerhalb einer Minute zu platzieren, w\u00e4hrend ihre S\u00e4nger grunzten und gr\u00f6lten, was das Zeug hielt und die Schlagzeuger auf ihre \u00fcberdimensionalen Drumsets (wof\u00fcr zum Teufel braucht man f\u00fcnf oder sechs Toms?) einpr\u00fcgelten. Und die Nonstopdoppelbassdrumkickerei l\u00f6ste zudem beinahe Herzrhythmusst\u00f6rungen aus.<br \/>\nWie auch immer das passiert sein mag &#8211; wir landeten trotz allem auf dem zweiten Platz. Was zwar bedeutete, dass wir f\u00fcr die n\u00e4chste Runde nicht nach Wien reisen durften, allerdings doch gen\u00fcgend Grund war, unseren &#8222;Erfolg&#8220; feuchtfr\u00f6hlich zu feiern.<\/p>\n<p>Dies war das letzte musikalische Erfolgserlebnis, oder \u00fcberhaupt Erlebnis der &#8222;haarigen&#8220; Bande. F\u00fcr unseren Schlagzeuger ist&#8217;s vorerst mal vorbei mit haarig, dem seine Haare wurden n\u00e4mlich um einen betr\u00e4chtlichen Teil gek\u00fcrzt. Der tr\u00e4gt nun auch den Trademarkschnitt vom &#8222;Url-Sepp&#8220;, allerdings nicht freiwillig, sondern aufgrund einer Einladung zum Wehrdienst.<br \/>\nHerbert studiert seit ein paar Monaten in Graz, Hauptstadt der Steiermark, dem selbsternannten &#8222;gr\u00fcnen Herz \u00d6sterreichs&#8220;. Die traditionellen Sonntagsproben fallen somit weg, da er fr\u00fch genug die Reise antreten muss. Fr\u00fcher als eigentlich sein m\u00fcsste. Die Steiermark und Ober\u00f6sterreich trennt eine Gebirgskette, die man zwar bereits durchbrochen hatte und durch die diverse Tunnel f\u00fchren. Die zu nutzen kostet allerdings Maut, und so entschlossen sich die armen Studenten, den Tunnel gro\u00dfr\u00e4umig zu umfahren, um die in etwa hundert Schilling zu sparen. Dies kostet ihnen zwar zwei Stunden ihres Sonntags (und in schneereichen Monaten auch einiges an Nerven), f\u00fcr das ersparte Geld kann sich aber die gesamte Fahrgemeinschaft eine Runde Bier spendieren und das ist doch eindeutig ein wesentlicher Punkt, der f\u00fcr die Umfahrung spricht.<\/p>\n<p>Und ich? Ich sitze in meinem knallroten Ford Escort, auf der A1 kurz nach Loosdorf, und frage mich gerade, wie ich denn ohne Stadtplan mein Ziel finden soll? Erstmal abwarten, wird schon werden.<br \/>\nIch lasse St. P\u00f6lten hinter mir und durchquere anschlie\u00dfend zum ersten und mit Sicherheit nicht letzten Mal den Wienerwald.<br \/>\nDie leiernde Oasis-Kassette musste inzwischen dem Radio weichen, wegen Verkehrsfunk und so. Der seit kurzem zum reinen Formatradio mutierte gr\u00f6\u00dfte Sender des Landes spielt die neue Single von Paul McCartney. Klingt wie Electric Light Orchestra f\u00fcr Arme, inklusive eines furchtbaren Gitarrensolos mittendrin. Warum schneidet denn dies bitte niemand raus? Normalerweise m\u00fcssen doch Gitarrensoli immer daran glauben, wenn ein Song nicht ins Formatradioformat passt. Aber wer erwartet denn bitte von Herrn McCartney noch irgendwelche musikalischen Wundertaten? Nach dem Verbrechen im Zuge der Beatles-Anthology-Ver\u00f6ffentlichung, dem aufgepeppten Demo eines Songs von John Lennon, den dieser zu Recht niemals ver\u00f6ffentlicht hatte.<br \/>\nW\u00e4hrend ich mich noch \u00fcber dieses St\u00fcck Schei\u00dfe (welches uns der staatliche, also von Steuergeldern finanzierte Sender als einen der &#8222;gr\u00f6\u00dften Hits der 70er, 80er und 90er&#8220; verkaufen m\u00f6chte) \u00e4rgere, taucht vor mir die Ortstafel auf \u2026 W I E N. Here we are!<br \/>\nEin paar hundert Meter weiter entdecke ich eine Tankstelle, gleich daneben ein hoffentlich rettendes Infoschild. Nachdem ich meinen Escort mit bleihaltiger Fl\u00fcssigkeit gef\u00fcllt habe, wandere ich zur Infostelle, wo ich auch sogleich von einer freundlichen Dame begr\u00fc\u00dft werde. Auf meine Frage dr\u00fcckt sie mir einen kleinen Stadtplan in die Hand, ein \u00fcbergro\u00dfes Manner-Logo erkl\u00e4rt dann auch warum dieser gratis ist. Ich erfreue mich an meiner Errungenschaft, die Dame l\u00e4chelt mir nochmal zu und w\u00fcnscht einen &#8222;sch\u00f6nen Aufenthalt in Wien&#8220;.<br \/>\nGl\u00fccklich und zufrieden latsche ich zur\u00fcck zum Auto. Die Sache mit den Vorurteilen werde ich wohl noch etwas \u00fcberdenken m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernhard Eder<br \/>\nLinks: <span><a href=\"http:\/\/www.bernhardeder.net\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" shape=\"rect\">www.bernhardeder.net<\/a><\/span>, <span><a href=\"http:\/\/bernhardedermusic.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">Blog<\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 14066<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #c0c0c0;\"><em>(Auf Wunsch des Autors wurde bei diesem Text auf manche Lektoratskorrektur verzichtet und der Text teilweise im Original belassen.)<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oed. Oed bei Amstetten. Halbzeit. Ich sitze in meinem Ford Escort Baujahr 1975, der Motor auf Hochtouren, R\u00fccksitz und Kofferraum prall gef\u00fcllt mit meinem wichtigsten Hab und Gut. Ich hei\u00dfe Ferdinand, meine Freunde nennen mich Ferdl, und bin am Weg in die Hauptstadt. Die ungeliebte Hauptstadt &#8211; die Stadt der Raunzer, der arroganten Schn\u00f6sel und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[69],"tags":[10],"class_list":["post-1618","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-eder-bernhard","tag-hin-weg"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1618","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1618"}],"version-history":[{"count":11,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1618\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1620,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1618\/revisions\/1620"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1618"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1618"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1618"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}