{"id":15982,"date":"2023-05-27T16:54:23","date_gmt":"2023-05-27T16:54:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=15982"},"modified":"2023-06-03T12:44:02","modified_gmt":"2023-06-03T12:44:02","slug":"die-kaetzin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=15982","title":{"rendered":"Die K\u00e4tzin"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts15982&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts15982&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Sie ist. Und sie ist immer noch. Sie lebt. Und sie lebt immer noch. Jene grau-schwarze Tigerk\u00e4tzin mit den smaragdgr\u00fcnen Augen, die keinen Namen hat. Keinen Namen und keine Identit\u00e4t. Und keinen Herrn. Niemand besch\u00fctzt sie. Niemand gibt ihr ein Zuhause. Sie ist allein. Allein. Eine Einzelg\u00e4ngerin.<\/p>\n<p>Junge hat die K\u00e4tzin nie gehabt. Niemals. Wozu auch? Nachwuchs unerw\u00fcnscht. Doch ihr fehlt er nicht. Was man nicht kennt, so sagt man, vermisst man auch nicht. Alte Binsenweisheit. Warum aber schnurrt sie laut, wenn sie nur in die N\u00e4he von Katzenwelpen kommt?<\/p>\n<p>Man sagt, Katzen k\u00f6nnen ihr Spiegelbild nicht erkennen. Es bleibt zu hoffen, dass dies die K\u00e4tzin auch wei\u00df. Das Leben hat sie gezeichnet. Ihr Fell ist stumpf und Parasiten qu\u00e4len sie. In jungen Jahren war sie ein h\u00fcbsches Tier. Ein wenig kokett, wie es Katzen eben sind. Eitel? Nein. Bestimmt nicht. Nur kokett. Auf charmante Art.<\/p>\n<p>Ihre Vergangenheit ist nicht wichtig. Sie w\u00fcrde auch keinen interessieren. Doch f\u00fcr sich selbst scheint sie manchmal \u00fcber Vergangenes zu sinnieren. Dann hockt sie in einer Ecke, macht sich klein und starrt ins Nichts. Es ist, als w\u00fcrde sie nach innen schauen. Weggetreten sein. Der Wirklichkeit entr\u00fcckt sein. Was mag es wohl denken, das Tier? In jenen Stunden, in denen es seine Umgebung nicht mehr wahrnimmt? Man kann nur hoffen, dass es der Gedankenflut Einhalt gebieten kann, die ihm das Hier und Jetzt stiehlt.<\/p>\n<p>Drei Beine. Eines fehlt. Das rechte, hintere. Wie die K\u00e4tzin es verloren hat? Leider gibt es niemanden, der Zeugnis ablegen k\u00f6nnte. Vielleicht durch einen Unfall. Vielleicht hat sie mal jemandem geh\u00f6rt. Vor langer Zeit. Vielleicht ist sie deswegen herrenlos. Rausgeschmissen. Unbrauchbar. Unansehnlich. Mit einem solchen Tier ist kein Staat zu machen.<\/p>\n<p>Die K\u00e4tzin ist auf Mitleid angewiesen. Sie kann nie wieder unabh\u00e4ngig sein. Sie ist nicht f\u00e4hig, sich selbst zu versorgen. Wie soll das auch gehen, mit drei Beinen? Doch man ist g\u00fctig. Da ein Happen, dort ein paar Bissen. Katzen dauern Menschen. Nicht alle, versteht sich. Aber doch so viele, dass ein \u00dcberleben m\u00f6glich ist. Trotzdem kennt sie Hunger. Sie ist immer hungrig und wei\u00df nicht, was diesen Hunger stillen k\u00f6nnte. Vielleicht gilt ihre Gier den Jahren, die sie sich selbst gestohlen hat. Wer mit sich selbst k\u00e4mpft, kann nur verlieren. Ob so. Oder so. Am Ende des Tages bleibt die Selbstverleugnung. Sich abzufinden ohne zu resignieren, wie schwer ist das zu bewerkstelligen. Manchmal ist Resignation ein Selbstschutz. Doch meistens stellt sich die K\u00e4tzin dem \u00dcberlebenskampf \u2013 dem \u00e4u\u00dferen und auch dem inneren. Und ein Tier kann letztendlich nicht weinen.<\/p>\n<p>Herrenlos. Eine streunende, alternde K\u00e4tzin. Eine, die das Alleinsein sucht. Es gewohnt ist. Einsamkeit kann auch sch\u00fctzen. Sie kann fast ein Freund sein. Fast. Nur manchmal, da sitzt die K\u00e4tzin vor der T\u00fcr aus Glas und schaut begehrlich in die Stube. W\u00e4rme. Geborgenheit. Frieden. Liebe? Doch die T\u00fcre bleibt zu. Ja, es f\u00e4llt gar nicht auf, dass ein Lebewesen davorsitzt. Wenn es n\u00e4mlich Schritte h\u00f6rt, huscht es davon. Wie gesagt, nicht alle Menschen sind Katzen wohlgesonnen. Und die K\u00e4tzin ist zu alt und zu feige, um sich auf Experimente einzulassen. Sie k\u00f6nnte nicht schnell genug fliehen mit ihren drei Beinen. So ist die Angst ihr st\u00e4ndiger Begleiter. Eine diffuse Angst. Eine berechtigte Angst? Wer w\u00fcrde es wohl \u00fcber sich bringen, einer dreibeinigen Katze einen Tritt zu geben?<\/p>\n<p>Die K\u00e4tzin hat auch ihre guten Stunden. Dann w\u00e4chst sie \u00fcber sich hinaus. Versucht, aufrecht zu gehen. Versucht, Kopf und Schwanz zu heben. Tr\u00e4gt Mut, Erhabenheit und Stolz zur Schau. So lange, bis das Almosen sie wieder daran erinnert, dass es keinen Grund daf\u00fcr gibt. Wenn es im Bauch rumort, ist es schnell vorbei mit Erhabenheit. Sie nimmt den ihr zugedachten Teil ohne Fauchen entgegen. Frisst schnell, als wolle sie den vollen Teller vernichten. Ob sie \u201eDanke\u201c sagen w\u00fcrde, wenn sie es k\u00f6nnte? Oder ob sie zu gekr\u00e4nkt ist? Hinsetzen, den Kopf beugen, fressen. Und immer ausbalancieren. W\u00e4re doch eine Schande, vor der gef\u00fcllten Sch\u00fcssel umzufallen.<\/p>\n<p>Ein wirkliches Zuhause hat die K\u00e4tzin nicht. Ob sie sich eines w\u00fcnscht in jenen kalten N\u00e4chten, die sie in irgendeinem Keller oder Schuppen oder Verschlag verbringt? Ein weicher Polster, eine alte Kuscheldecke, die niemand mehr braucht. Noch gut genug f\u00fcr ein Tier. Gut genug f\u00fcr die K\u00e4tzin. Doch ihre N\u00e4chte bleiben kalt. Kein Licht leuchtet f\u00fcr sie in dunklen Stunden. Kein Feuer brennt f\u00fcr sie, um sie sanft mit W\u00e4rme zu umarmen.<\/p>\n<p>Manchmal tr\u00e4umt die K\u00e4tzin. Dann zucken ihre drei Pfoten unkontrolliert; es ist, als wollten sie im Schlaf davonlaufen. Vielleicht laufen sie in ein besseres Leben. Zumindest im Traum, denn in ihm ist alles m\u00f6glich. Auch das bessere Leben. Doch das Erwachen ist bitter. Es ist ern\u00fcchternd. Die lieblose Umgebung l\u00e4sst die K\u00e4tzin sehr schnell wieder in die Gegenwart zur\u00fcckfinden.<\/p>\n<p>Silvester ist ein furchtbarer Tag. Es wird geschossen und geknallt, man k\u00f6nnte meinen, der Krieg sei ausgebrochen. Die K\u00e4tzin versteht nicht, dass der L\u00e4rm zwar unangenehm, aber ungef\u00e4hrlich ist. F\u00fcr sie geht es um ihr Leben. Soll sie davonlaufen? Die Erfahrung zeigt, dass der Krach \u00fcberall gleich ist. Soll sie sich verstecken? Und sich im Verschlag zu Tode f\u00fcrchten? Verstecken scheint ihr die bessere L\u00f6sung zu sein. Das neue Jahr beginnt, wie das alte geendet hat, n\u00e4mlich in Angst. Doch sie \u00fcberlebt. Und niemand streichelt sie oder sagt ihr ein tr\u00f6stliches Wort, damit sie sich beruhigt.<\/p>\n<p>Ob sie sich \u00fcberhaupt streicheln lassen w\u00fcrde? Nein. Bis auf eine Ausnahme. Eine alte Frau, die sie manchmal f\u00fcttert, darf sie angreifen. Aber nur am R\u00fccken. Nicht dort, wo normalerweise das rechte hintere Bein w\u00e4re. Das Privileg, ihre Wunde zu streicheln, besitzt niemand. Vielleicht bef\u00fcrchtet sie, dass die Ber\u00fchrung weht\u00e4te. Nach all der Zeit noch weht\u00e4te. Es gibt Wunden, die heilen nie so richtig. Doch man lernt, mit ihnen zu leben. Sie zu integrieren. Denn ein blo\u00dfes Zur-Kenntnis-Nehmen reicht nicht. Wunden k\u00f6nnen penetrant sein. Viel Aufmerksamkeit fordern. Es hat lange gedauert, bis die alte Frau die K\u00e4tzin streicheln durfte. Sehr lange. Hunger ist die eine Sache. Vertrauen eine ganz andere. Aber es kommt sogar vor, dass die K\u00e4tzin ihren Kopf an den Beinen der alten Frau reibt. Dass sie schnurrt. Und das menschliche Gesch\u00f6pf erfreut sich am tierischen. Ob es umgekehrt auch so ist?<\/p>\n<p>Immer wieder kommt es vor, dass die K\u00e4tzin krank ist. Dass sie erbricht. Und dass ihr \u00fcbel ist. Doch wie eine Tierarztpraxis von innen aussieht, das wei\u00df sie l\u00e4ngst nicht mehr. Nach Katzenart verkriecht sie sich. Leidet stumm vor sich hin. Eine Katze, die niemandem geh\u00f6rt, kann sich das Kranksein nicht leisten. Das Wildtier in ihr r\u00e4t zum R\u00fcckzug. Es kann und darf nach au\u00dfen nicht zugeben, dass es zeitweise am Ende ist. Ist es angeschlagen, kann dies lebensbedrohend sein. So wartet die K\u00e4tzin, bis die K\u00f6rperlichkeit wieder intakt ist. Bis sie ihr Versteck wieder verlassen kann. Freilich, die alte Frau vermisst sie. Doch die alte Frau ist auch klug genug, um zu wissen, dass Krankheit und Tod st\u00e4ndige Begleiter sind. Sie wei\u00df, dass die K\u00e4tzin eines Tages \u00fcberhaupt nicht mehr kommen wird. Dass sie irgendwo ihr Ende empfangen wird. Sie wird sich nicht wehren. Daf\u00fcr ist sie zu lebenssatt.<\/p>\n<p>Bei dieser Gelegenheit \u2013 was wei\u00df eine Katze von Gott? Sie fristet ihr Dasein und nimmt klaglos auf sich, was Er ihr zumutet. Es gibt kein Entrinnen. Tiere sind gottergeben. Sie gehorchen ihrem Sch\u00f6pfer und unterwerfen sich Ihm. Ohne Fragen. Denn Fragen stellt nur der Mensch. Und w\u00e4re die K\u00e4tzin ein Mensch, w\u00fcrde sie sicher fragen: Warum ich? Warum muss ich so leiden? Und sie w\u00fcrde erfahren, dass der Himmel stumm bleibt. Dass Er nicht geneigt ist, Antworten zu geben. Seine Wege sind schlie\u00dflich unergr\u00fcndlich. Und nur der Mensch begehrt ein Wissen, das f\u00fcr ihn nicht bestimmt ist. Was dem Menschen nicht bewusst ist \u2013 ob es das f\u00fcr ein Tier ist? Woher kommt seine Gottergebenheit? Vielleicht r\u00fchrt sie daher, dass ein Tier nicht \u00fcber sich selbst nachdenken kann? Oder kann es dies doch? Und wir Menschen sprechen ihm diese F\u00e4higkeit einfach ab? Vielleicht sieht es ein, dass jede Schlacht einmal geschlagen ist. Dass es nichts bringt, der Vergangenheit nachzuweinen. Dass die Lebensenergie f\u00fcr das Hier und Jetzt verwendet werden sollte.<\/p>\n<p>Die K\u00e4tzin ist alt. Versehrt. Aber sie ist. Und sie ist immer noch. Sie lebt. Und sie lebt immer noch. Sie kann alleine stehen, trotz der fehlenden Pfote. Ihre Augen sind unergr\u00fcndlich. Weisheit tut weh. Nein. Nicht die Weisheit tut weh. Aber all die Erfahrungen, die zur Weisheit f\u00fchrten. Die K\u00e4tzin kann \u00fcber ihre Erfahrungen nicht berichten. Doch ihre Augen spiegeln sie wider. Und wieder \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Luise F\u00f6tsch<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=7515\">Von M\u00fccke zu Elefant<\/a> | Inventarnummer: 23114<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie ist. Und sie ist immer noch. Sie lebt. Und sie lebt immer noch. 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