{"id":15704,"date":"2023-03-26T08:14:12","date_gmt":"2023-03-26T08:14:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=15704"},"modified":"2023-04-01T12:35:01","modified_gmt":"2023-04-01T12:35:01","slug":"mein-traum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=15704","title":{"rendered":"Mein Traum"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts15704&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts15704&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Still liege ich da, mit offenen Augen, und h\u00e4nge meinem Traum nach. Wie seltsam und wie seltsam sch\u00f6n er gewesen ist! Ich bin v\u00f6llig ergriffen, richtiggehend verzaubert, was \u00e4u\u00dferst selten der Fall bei mir ist. Zuletzt f\u00fchlte ich mich so \u2013 f\u00e4llt mir ein \u2013 vor ungef\u00e4hr neun Jahren. Gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig werde ich nun zur\u00fcckkatapultiert zu diesen Momenten damals, als ich mich \u00e4hnlich \u00fcberw\u00e4ltigt f\u00fchlte wie jetzt. Es war am Tag von Mutters Begr\u00e4bnis. Ein Musiker-Kollege von Mutter sang ein Medley ihrer Lieblingssongs zu ihrem Abschied. Und bei einem der Songs liefen mir pl\u00f6tzlich Tr\u00e4nen \u00fcbers Gesicht. Unaufhaltsam. Nat\u00fcrlich werden alle, die mich damals weinen sahen, angenommen haben, dass ich wegen Mutter weinte. Doch es war rein jenes fremdsprachige, sanfte Lied, das mich zu Tr\u00e4nen r\u00fchrte. Um Mutter zu weinen, gab es keinen Grund.<\/p>\n<p>Sie ist immer abwesend gewesen. Es gab kaum Kontakt zwischen uns. Ich bin bei meinen Gro\u00dfeltern in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Die Gro\u00dfeltern waren flei\u00dfige, einfache Leute. \u201aUnd du, Kind, bist ganz aus unserem Holz geschnitzt\u2018, haben sie des \u00d6fteren stolz zu mir gesagt. Mutter aber tanzte aus der Reihe, sie tanzte weit, weit weg von uns. Sie war nicht das schwarze, sondern das buntschillernde Schaf der Familie. K\u00fcnstlerin war sie, S\u00e4ngerin, mit Leib und Seele. St\u00e4ndig war sie unterwegs, irgendwo, auf Tourneen mit ihrer Band. Sie starb bei einem Autounfall, mit reichlich Alkohol und Drogen intus. Ewig nicht daran gedacht. Schnell schiebe ich diese Gedanken weg und sp\u00fcre wieder dem Traum nach.<\/p>\n<p>Und \u2013 wie sch\u00f6n! \u2013 ich f\u00fchle mich nach wie vor als diejenige, die ich im Traum gewesen bin. Regungslos bleibe ich liegen, um so lange wie nur m\u00f6glich dieses Traum-Ich zu bleiben. Ich m\u00f6chte es halten, es mitnehmen in den Tag. Nein, eigentlich m\u00f6chte ich es nirgendwohin mitnehmen, eigentlich m\u00f6chte ich mich nirgendwohin bewegen. Ich m\u00f6chte im Moment bleiben, oder, noch besser, wieder zur\u00fcckgehen dorthin, wo ich nie zuvor, au\u00dfer vorhin im Traum, gewesen bin.<\/p>\n<p>Es ist ein mediterraner Ort. Zielbewusst gehe ich durch schmale G\u00e4sschen. Um mich: bunte Fensterl\u00e4den, hohe, bl\u00fchende Topfpflanzen, lebhafte Stimmen, Lachen, ab und zu knatternde Mopeds. Die Sonne scheint. Warm ist mir. H\u00fcbsche Sandalen und ein kurzes, luftiges Sommerkleid trage ich.<\/p>\n<p>Jetzt muss ich schmunzeln. Ich trage n\u00e4mlich nie Kleider. Immer Hosen. In einem Kleid w\u00fcrde ich verkleidet wirken. Unf\u00f6rmig sowieso. Vor allem w\u00fcrde ich mich f\u00fcr meine dicken Beine genieren.<\/p>\n<p>In meinem Traum aber bin ich schlank, bin ich sch\u00f6n. Alles passt zusammen. Mein Inneres, mein \u00c4u\u00dferes und die Umgebung bilden eine harmonische Einheit. Anmutig spaziere ich die malerischen Gassen entlang, mit der Selbstverst\u00e4ndlichkeit derjenigen, die diese Wege unz\u00e4hlige Male gegangen ist. Diese Gelassenheit in mir! Und so also f\u00fchlt sich Selbstwertgef\u00fchl an: leichthin Leute gr\u00fc\u00dfen und ein paar Worte mit ihnen tauschen \u2013 ohne die \u00fcblichen qu\u00e4lenden Gedanken meiner Realwelt: \u201aWie komme ich an? Was denken die von mir?\u2018 Mein Traum-Ich wird gesch\u00e4tzt, ja, verehrt, das ist an der respektvollen Art, die mir entgegengebracht wird, klar ersichtlich. Vielleicht bin ich ja \u00c4rztin oder Schauspielerin, auf alle F\u00e4lle eine bekannte Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p>Und hier, jetzt, in meinem kleinen Zimmer, knurrt laut mein Magen. Da riecht es nach abgestandener Luft, da zwickt\u2019s mich im R\u00fccken, da sto\u00dfen meine Zehen an die harte Bettkante. Aber das wohlige Traum-Gef\u00fchl ist noch da, ist abrufbar.<\/p>\n<p>Vor mir erstreckt sich nun ein weitl\u00e4ufiger Platz, in dessen Mitte ein einladender, offener Gastgarten. Runde Tische mit wei\u00dfen Damast-Tischt\u00fcchern, Korbsessel mit blauen P\u00f6lstern. Davor eine kleine B\u00fchne. Hinter diesem ganzen Ambiente: Felsen, die K\u00fcste, ein tiefblaues Meer. Ich nehme Platz an meinem Tisch in der Mitte des Gastgartens, genie\u00dfe das Gef\u00fchl des Ankommens, des Willkommen-Seins. Andere G\u00e4ste gr\u00fc\u00dfen mich wohlwollend, sie scheinen mich zu kennen. Der Kellner kommt l\u00e4chelnd zu mir: \u201aDas \u00dcbliche?\u2018, fragt er. Ich neige leicht und zustimmend meinen sch\u00f6nen Kopf.<\/p>\n<p>Dieser unausgesprochene Respekt, der meinem Traum-Ich entgegengebracht wird!\u00a0 In meiner Wirklichkeit ist er mir fremd. Weder von meinen Mitmenschen noch von mir selbst erhalte ich ihn. Ich bin eine, die im besten Fall Mitleid erntet, eine, der man, falls man ein gutherziger Mensch ist, helfen will, weil man mir sofort ansieht, dass ich zu jenen geh\u00f6re, die zu k\u00e4mpfen haben, zu jenen, denen nichts in den Scho\u00df f\u00e4llt, die sich schwer tun im Leben. Eine Naive bin ich, eine Zaudernde, Schwerf\u00e4llige. Eine unh\u00fcbsche Dicke. Bestimmt hat Mutter sich gesch\u00e4mt f\u00fcr die uninteressante Tochter, die ihr mit knapp achtzehn \u2013 Vater unbekannt \u2013 passiert ist. Gesch\u00e4mt sicherlich auch f\u00fcr ihre biederen Eltern. Doch auch umgekehrt empfanden wir sie, die K\u00fcnstlerin, als Fremdk\u00f6rper \u2013 eine Verr\u00fcckte, deren unkonventionelle Lebensweise wir ablehnten.<\/p>\n<p>Ich reibe meine Stirn: raus mit diesen unangenehmen Gedanken aus meinem Kopf und zur\u00fcck in meinen Traum \u2013 zur\u00fcck in den sch\u00f6nen Gastgarten. Selbstbewusst sitze ich in der Mitte des Geschehens. Nun seufze ich selbstmitleidig auf. Normalerweise n\u00e4mlich, in meinem realen Leben, suche ich \u00fcberall nach Nischen, in denen ich mich gesch\u00fctzt f\u00fchle, setze mich an den Rand, wo ich hingeh\u00f6re, als Randfigur. Der Kellner serviert mit einer kleinen Verbeugung und einem Scherz mein Getr\u00e4nk, ich lacht laut und unbeschwert.<br \/>\nUm mich spr\u00fchen beinahe greifbar positive Energien. Dann wird es still, alle sehen gebannt zur B\u00fchne. Eine wundersch\u00f6ne Frau mit einem Mikrofon in der Hand steht oben. Sie nickt mir zu, beginnt dann mit samtener Stimme zu singen. Eine sanfte, eindringliche Melodie in einer fremden Sprache. Spanisch, vermute ich.<br \/>\nSie sieht mir dabei unentwegt in die Augen. Es ist offensichtlich, dass ihre wunderbare Darbietung einzig und allein mir gilt. Als der letzte Ton verklungen ist, l\u00e4chelt sie mir zu \u2013 und so endet der Traum, mit diesem, ja, z\u00e4rtlichen L\u00e4cheln und Blick der S\u00e4ngerin.<\/p>\n<p>Wieder seufze ich laut auf. Wie unglaublich klar und detailreich mein Traum doch gewesen ist, im puren Gegensatz zu meinen bisherigen Tr\u00e4umen stehend, von denen ich mir, wenn \u00fcberhaupt, nur verwischte Szenen merken konnte.<\/p>\n<p>Mein Magen knurrt wieder. Nun stehe ich doch auf, \u00e4chzend wegen meiner R\u00fcckenbeschwerden. Es gelingt mir jedoch, das ungewohnte Hochgef\u00fchl durch den Tag zu tragen. Bestimmt auch, weil heute Sonntag ist und ich nicht arbeiten muss. Ich verbringe fast den ganzen Tag auf der Couch, versorge mich mit Pizza, Naschereien und Cola und sehe fern. Abends, als ich die Vorh\u00e4nge zuziehe und die Nachtlampe einschalte, taucht unvermutet etwas in mir auf. Eine tief in mir gelagerte Erinnerung? Ein Wunschbild? Jedenfalls sehe ich deutlich mein altes Kinderzimmer im Haus meiner Gro\u00dfeltern vor mir. Es ist abgedunkelt, nur der zartgelbe Schimmer einer Nachtlampe f\u00e4llt in den Raum. Ich sehe mich als winzig kleines Kind in den Armen meiner Mutter. Langsam geht sie mit mir im Zimmer auf und ab, mich liebevoll wiegend, und singt dabei leise und z\u00e4rtlich ein Lied in einer fremden Sprache.<\/p>\n<p>Mir kommen die Tr\u00e4nen. Aufgew\u00fchlt suche ich nach Zigaretten, \u00f6ffne ein Fenster und rauche. Sp\u00e4ter dann schalte ich, einem Impuls folgend, den Laptop ein, und suche in abgelegten Ordnern nach dem Video von Mutters Begr\u00e4bnis, das mir damals, vor neun Jahren, irgendjemand geschickt hat.<\/p>\n<p>Nach ewiger Zeit finde ich es endlich. Noch nie habe ich dieses Video angesehen. Tief atme ich ein und aus, bevor ich auf Start dr\u00fccke. Dann sehe ich den Friedhof. Mutters Grab. Meine Gro\u00dfeltern, ihre alten, traurigen Gesichter. Daneben ich, mit versteinerter Miene. Ein paar Dorfbewohner hinter uns. Ich sehe mir unbekannte Freunde meiner Mutter, die bewegt leise Abschiedsworte sagen. Und dann Mutters Musiker-Kollege. Das Medley. Klare, eindringliche Melodien. Wie vor neun Jahren muss ich beim selben Lied weinen. Ich erkenne es sofort. Beim ersten Ton. Es ist das Lied von meinem Traum. Dasselbe Lied, das Mutter vor langer, langer Zeit mir, ihrer kleinen Tochter, so z\u00e4rtlich vorgesungen hat.<\/p>\n<p>Immer wieder spule ich zur\u00fcck und h\u00f6re es mir an, pr\u00e4ge mir das Lied ein. Dann tippe ich die Worte des Refrains in mein Handy: \u201aMi amada hija hermosa\u2018. Lasse es auf Deutsch \u00fcbersetzen. Und lese wieder und wieder die vier W\u00f6rter, die schwarz auf wei\u00df da stehen: \u201aMeine geliebte sch\u00f6ne Tochter.\u2018<br \/>\nSage sie leise vor mich hin, ungl\u00e4ubig, schlie\u00dfe die Augen. Die Traum- und die Erinnerungsbilder von heute tauchen wieder in mir auf und verschmelzen zu einem einzigen Bild. Und dieses Bild breitet sich in meinem Inneren aus und l\u00e4sst mich sp\u00fcren, was ich mein bisheriges Leben vermisst habe: Ich sp\u00fcre Liebe, W\u00e4rme und Sicherheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 23088<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Still liege ich da, mit offenen Augen, und h\u00e4nge meinem Traum nach. Wie seltsam und wie seltsam sch\u00f6n er gewesen ist! Ich bin v\u00f6llig ergriffen, richtiggehend verzaubert, was \u00e4u\u00dferst selten der Fall bei mir ist. Zuletzt f\u00fchlte ich mich so \u2013 f\u00e4llt mir ein \u2013 vor ungef\u00e4hr neun Jahren. 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