{"id":1566,"date":"2014-08-04T07:20:57","date_gmt":"2014-08-04T07:20:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1566"},"modified":"2014-08-07T06:59:22","modified_gmt":"2014-08-07T06:59:22","slug":"die-insel-des-gluecks-strahlend","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1566","title":{"rendered":"Die Insel des Gl\u00fccks, strahlend"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1566&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1566&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>In dem Moment, als mich der automatische Newsfeed meines Handys stumm vibrierend \u00fcber den Beschluss Premierminister Abes, wieder in die Kernenergie einzusteigen, informiert, zerplatzt ein einsamer Regentropfen auf meiner Wange. Monoton tosend zerbricht Welle auf Welle an den Tetrapoden unter einem Himmel, so st\u00e4hlern grau, dass ich kaum noch den Horizont auszumachen vermag, vor mir nur fahle Weite.<\/p>\n<p>Meine zu gro\u00df geratene Umh\u00e4ngetasche fest an mich dr\u00fcckend, immer mehr Schlagseite bekommend, stapfe ich zwischen den schneewei\u00dfen Containerreihen hindurch den staubigen Weg hinab, erst suchend, dann findend; einer der gleichf\u00f6rmigen K\u00e4sten mit zu wenig Fenstern, aber je einer Miniterrasse und einem Klimaanlagenquader beherbergt die \u00dcbergangswohnung meines Onkels und meiner Tante. Heiser \u00e4chzend bleibe ich an der T\u00fcr stehen, verschnaufe noch, als Tante Keiko mir schon zuvorkommt und ihr Gesicht sich l\u00e4chelnd in mein Blickfeld schiebt. In ihren Z\u00fcgen erkenne ich, wie lange wir einander schon nicht mehr gesehen haben, aber ihr Lachen und ihre Augen sind klar wie eh und je. Durch einen engen Gang, vorbei an winzigen R\u00e4umen, liebevoll vollgestopft, folge ich ihrer kleinen Gestalt, ersch\u00f6pft auf ihre Fragen zur Anreise antwortend, ins Wohnzimmer.<br \/>\nBis unter die Decke fast reichen die h\u00f6lzernen Stellagen mit Pflanzen, unverkennbar Tantchens Handschrift, saftig gr\u00fcne Bl\u00e4tter, Bl\u00fcten in allen erdenklichen Farben und der Geruch von frischer Erde lassen mich beinahe wanken. Auch hier versteckt sich in mancher Ecke, auf K\u00e4sten und hinter dem Sofa ein Karton und entlarvt alles als Provisorium.<br \/>\nInmitten all dessen hockt klein und etwas verloren, fast als w\u00e4re er ein Teil der aufget\u00fcrmten Einrichtung, in sich zusammengesunken Onkel Kenji am zeitungsbedeckten Wohnzimmertisch. Beinahe h\u00e4tte ich ihn in diesem geordneten Chaos \u00fcbersehen, blass und grau wirkt sein Gesicht auf mich im harten Kontrast zum leuchtenden Gr\u00fcn um ihn. Er l\u00e4chelt m\u00fcde und Goro, ein grauschwarzer Fellball auf seinem Scho\u00df, hebt verschlafen den Kopf, das goldene Gl\u00f6ckchen um seinen Hals erklingt leise, er blickt mich aus kaum ge\u00f6ffneten, schlitzf\u00f6rmigen Augen pr\u00fcfend an. Noch einmal ein helles Klingeln und Goro, der mich f\u00fcr ungef\u00e4hrlich befunden hat, schl\u00e4ft weiter.<br \/>\nIrgendwo am Weg muss Tantchen wie immer nach Tee gefragt haben, und ich habe wohl automatisch bejaht, denn v\u00f6llig unvermittelt taucht sie nun wieder mit einem Tablett mit Tee und Keksen auf, ohne dass ich ihr Verschwinden davor \u00fcberhaupt bemerkt habe. Beh\u00e4nde schiebt sie einen Zeitungsberg auf dem Tisch mit der linken Hand zur Seite, stapelt auch noch zwei, drei vor Onkelchen liegende d\u00fcnne B\u00fcchlein oben auf, bevor sie vor mir, Onkel Kenji und sich Tee und Kekse platziert, beil\u00e4ufig ihm seine leere Keramiktasse aus der Hand nehmend, an die er sich bis jetzt geklammert hat. Als Tante Keiko sie zwischen mir und sich am Boden abstellt, rieche ich f\u00fcr einen kurzen Moment den scharfen Dunst von Sake.<br \/>\nLange unterhalten wir uns, \u00fcber dies und das, geflissentlich das eine, die letzten zwei Jahre beherrschende Thema umschiffend. Vieles wollen Tantchens muntere Augen wissen, wie es mir denn ergangen sei, in der langen Zeit, wie lang wohl genau?, seit unserem letzten Treffen und auch den anderen, zu lange schon konnte man einander nicht mehr sehen, sind wir uns einig, w\u00e4hrend Tante Keikos frischer Tee mich einmal mehr begeistert und ich nebenbei gedankenverloren an einem etwas zu s\u00fc\u00dfen Keks knabbere. Hinter Onkel Kenji, der wenig spricht, mehr grummelt, dennoch stets l\u00e4chelt und zustimmend nickt, wenn ihn mein oder Tantchens fragender Blick trifft, sehe ich durch die blitzblank geputzte Terrassent\u00fcr, wie die Zeit vergeht. Der Weg, der auf der R\u00fcckseite des Containerh\u00e4uschens liegt, sieht jenem davor zum Verwechseln \u00e4hnlich und w\u00e4hrend es drau\u00dfen immer sp\u00e4ter wird, queren nur zwei- oder dreimal andere Menschen, grau, langsam und bed\u00e4chtig, den Boden fixierend als w\u00fcrden sie m\u00fchsam nach etwas Verlorenem suchen, mein schmales Blickrechteck.<\/p>\n<p>Als auch Tante Keiko bemerkt, wie dunkel es bereits geworden ist und sich erhebt, um die unpassend hoch h\u00e4ngende Lampe \u00fcber uns einzuschalten, werden die staubigen Pfade nur noch vom fahlen Licht einiger verstreuter kleiner Laternen erleuchtet. Sich f\u00fcr ihre Neugier, die uns so lange besch\u00e4ftigt hielt, entschuldigend, verschwindet ihre zierliche Figur leise wippend schon bald darauf, noch w\u00e4hrend ich beteuere, dass dem doch so nicht sei, mit dem Versprechen eines warmen Abendessens in die enge K\u00fcche, mein Hilfsangebot sanft, aber doch entschieden ablehnend.<br \/>\nW\u00e4hrend aus dem Nebenraum fr\u00f6hliches Geklimper und allerlei Kochger\u00e4usche zu uns dringen, f\u00e4llt mir erst jetzt auf, dass der Fernseher hinter mir eingeschaltet ist und ein flackerndes Licht auf den Boden wirft. Onkel Kenjis gutm\u00fctiger Blick wandert immer wieder zum stumm flimmernden Kasten in der Zimmerecke, der ein Programm zeigt, dessen tieferer Sinn sich mir nicht wirklich erschlie\u00dft. Viele lachende Gesichter, grotesk verzerrt traurige sind auch dabei, unruhig und quietschbunt ist das Bild, mit ein paar Gewinnern und noch viel mehr Verlierern, so scheint es und ich habe das Gef\u00fchl, dass der Fernseher es trotz seiner Tonlosigkeit schafft zu l\u00e4rmen.<br \/>\n\u201eAusmachen?\u201c, zieht Onkelchens ruhige Stimme meine Aufmerksamkeit auf sich. Abwehrend wende ich mich ihm wieder zu und versuche angestrengt, in meinem Ged\u00e4chtnis ein Bild des fr\u00fcheren Onkel Kenji an die Oberfl\u00e4che zu bewegen, um es mit dem vor mir sitzenden zu vergleichen. Ich bin \u00fcberzeugt, ihn anders in Erinnerung gehabt zu haben, aber es f\u00e4llt mir schwer, festzumachen, was sich ver\u00e4ndert hat. Seine Kleidung wirft formlose Falten an ihn, wie an einen drahtigen Kleiderst\u00e4nder, schmaler scheint er, kleiner auch, in sich zusammengesackt, vielleicht einfach nur \u00e4lter? Dann aber bleibt mein Blick an seinen Haaren h\u00e4ngen, oder besser gesagt, an dem sch\u00fctteren, grauen Rest, der von dem noch \u00fcbriggeblieben ist, woran meine Schwestern und ich uns als Kinder so oft festhielten, unter Onkelchens lachenden Schmerzbekundungen, als er uns auf den Schultern durch den riesigen Garten und das ganze stets nach frischen Tatamimatten und Holz riechende Haus trug. Sein Gesicht hellt sich auf, als er meine Gedanken err\u00e4t, und uns scherzhaft die Schuld an seinem d\u00fcnnen Haar in die Schuhe schiebt. Mit der Nase auf dem kalten Boden entschuldige ich mich, \u00fcbertrieben ernsthaft, w\u00e4hrend Onkel Kenji belustigt auch noch dem Alter oder dem Stress eine Teilschuld aufb\u00fcrdet. Mir aber schie\u00dft noch ein anderes begr\u00fcndendes Oder durch den Kopf, ein unaussprechliches, zusammen mit\u00a0 Kriegsbildern namenlosen Grauens, doch ich schlucke es trotzig hinunter und zwinge ein hohles Lachen dazu, auf meinem Gesicht zu verharren.<br \/>\nEine warme, w\u00fcrzig duftende Wolke weht zusammen mit Tante Keiko, um deren Beine nun auch Goro bettelnd t\u00e4nzelt, und dem Abendessen aus der K\u00fcche zu uns. Bis sp\u00e4t abends noch sitzen wir beieinander, je sp\u00e4ter es wird, umso stiller werden wir Frauen, ernst und m\u00fcde wird Tantchens Blick, schwerer auch die sorgf\u00e4ltigen Bewegungen, mit denen sie die Falten ihres schlichten Filzrockes glattstreicht, und umso gel\u00f6ster wird Onkelchen, der mehr zu trinken scheint, als zu essen und trotzdem n\u00fcchtern klingt. Mit gl\u00e4nzenden Augen erz\u00e4hlt er von seinen K\u00fchen, die er fr\u00fcher hatte, von deren Milch er lebte und seine Familie ern\u00e4hrte, von ihren lustigen Namen und all ihren Besonderheiten, vom unvergleichlichen Wohlgeschmack eigener, frischer Milch. \u00dcppig war es nicht, das Leben, aber doch sehr gl\u00fccklich, meint er versonnen zur Wand, hinter der ich die Vergangenheit vermute, und erz\u00e4hlt von all den Festtagsk\u00f6stlichkeiten, die sie sich damals gerne g\u00f6nnten. Ein nachgiebiges L\u00e4cheln schleicht \u00fcber sein Gesicht, auch \u00fcber Tantchens, kaum merklich, doch dann verfinstert sich sein verhangener Blick, wird hart, und Tante Keiko greift lautlos nach seiner d\u00fcrren Hand. \u201eAber jetzt ist das vorbei\u201c, schlie\u00dft er, trinkt hastig den letzten Rest seines Glases aus, das dann \u00fcberlaut in der Stille zwischen uns auf dem Tisch wieder aufsetzt, unsanft geweckt schaut auch Goro auf. Onkel Kenji starrt ins Leere, kurz nur, bevor er umst\u00e4ndlich aufsteht, der Tisch, auf den er sich st\u00fctzen muss, \u00e4chzt an seiner statt und schlurfend verschwindet er im Badezimmer, dem dunklen Flur Unverst\u00e4ndliches zumurmelnd.<br \/>\nBald darauf schl\u00fcpfe ich unter die dicke Decke auf meinem Sofabett und ahne jetzt schon, dass mir zu warm werden wird. Mein Kopf f\u00fchlt sich m\u00fcde an, das Einschlafen aber f\u00e4llt mir schwer. Bleich dringt mattes Licht von drau\u00dfen herein und Tante Keikos Ersatzgr\u00fcn wirft groteske Schatten an die bebilderten und doch kahlen W\u00e4nde. Hinter geschlossenen Augenlidern taucht der verwirrte Ausdruck meiner Arbeitskollegin auf, die sehr \u00fcberrascht war zu h\u00f6ren, wohin ich fahren w\u00fcrde, mehr noch, dass es solche Orte, Notunterk\u00fcnfte, \u00dcbergangswohnungen, mehr als zwei Jahre nach dem Ungl\u00fcck immer noch gab. War denn nicht schon lange wieder alles gut und sauber, schien sie zu fragen, verr\u00e4terische Mimik hinter ihrem Einwegkaffeebecherrand versteckend, nicht einmal dreihundert Kilometer entfernt, nicht als einzige.<br \/>\nLangsam sinke ich in einen wirren Schlaf, voll von verzerrten Erinnerungen an Tantchens Paradiesgarten, die steile Treppe in Gro\u00dfm\u00fctterchens Haus, die wir Kinder immer auf allen Vieren, oft um die Wette, erklommen und Onkelchens Kuhstall mit all seinem Muhen. Erst sp\u00e4t merke ich, dass ein Ger\u00e4usch, unverwandt, leise erst, nach und nach alles \u00fcbert\u00f6nt, bis es ohrenbet\u00e4ubend wird und mich aus meiner seichten Ruhe rei\u00dft.<br \/>\nHei\u00df ist es, stickig und schwarz. Wie die Trommeln des Jumanji-Spiels, die mich als Kind bis in den Schlaf verfolgt haben, war es nun ein bedrohliches Knarzen und Knattern, eigentlich Sicherheit bringen wollend, das aus dem Ged\u00e4chtnis in meine Tr\u00e4ume hineinschwappte. Die bleierne Stille danach l\u00e4sst meine schlaftrunkenen Gedanken gegen wattierte Polsterw\u00e4nde, die Grenzen des M\u00f6glichen, rasen und stumm zu Boden fallen.<\/p>\n<p>Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen treiben mich schon fr\u00fch zu Tantchens morgendlichem K\u00fcchengeklimper, dessen sorgenvollem Verstummen ich bei meinem Eintreten sogleich seine Unschuld versichern muss. W\u00e4hrend im Wasserglas munter eine Brausetablette auf und ab h\u00fcpft, sprudelnd immer mehr zerfallend, pl\u00e4tschert Tante Keikos Wegbeschreibung f\u00fcr meine heutige Fahrt in das friedliche Prickeln vor mir.<br \/>\nSp\u00e4ter bin ich zu fr\u00fch dran und muss warten, bis mein Leihwagen auch bereit f\u00fcr mich ist. Also vertrete ich mir etwas die Beine in dem, was nun denselben Namen tr\u00e4gt wie das Dorf, in dem ich fr\u00fcher so oft meine Sommer verbrachte, sorglos, in dem nie etwas zu passieren schien, und das dennoch ganz woanders liegt, eingemeindet in der Fremde, noch nicht einmal entfernt daran erinnernd, einer Pappkulisse nicht un\u00e4hnlich. W\u00e4hrend mein Blick am umz\u00e4unten Spielplatz eines Kindergartens h\u00e4ngenbleibt, frage ich mich, ob ein Ort nicht viel mehr durch seine \u00d6rtlichkeit bestimmt wird als durch seine letztendlich ja doch fluktuierende Bewohnerschaft, kann aber keine Antwort finden. In der sanften Fr\u00fchlingssonne gl\u00e4nzen die metallenen Ger\u00fcste der leeren Schaukeln und Rutschen und die Mauer aus unz\u00e4hligen, in hilfloser Ohnmacht aufgereihten Plastikflaschen voller Wasser am Rande des Spielplatzzaunes wirft flimmernde Lichtreflexionen in den Sand, wie zur Ablenkung vor dem, was sie sch\u00fctzend absorbieren soll, spielerisch tanzend, als hinter mit Buntpapierblumen und Seidenpapierschmetterlingen beklebten Fenstern lachendes Kinderstimmengewirr hervordringt. Ein Schwarm kleiner bunter Gestalten st\u00fcrmt in den Garten, die mahnenden Rufe hinter sich, \u201eAber nicht zu lange!\u201c, \u201eNicht mehr als zwanzig Minuten!\u201c, kaum h\u00f6rend. An jedem kleinen H\u00e4lschen baumelt ein kaltes Kettchen, dessen steriler Anh\u00e4nger misst, st\u00e4ndig, Tag und Nacht, misst, was sich ja doch nicht abhalten l\u00e4sst, wovon ein d\u00fcrrer Arzt mit treuem Blick dann folgsam alle paar Monate besorgten M\u00fctterohren erkl\u00e4rt, dass es v\u00f6llig unbedenklich sei, auch wenn auf den stummen M\u00fctterzungen tausend berechtigte \u00c4ngste liegen. Die Kinder aber wissen nichts von Grenzwerten und ihren angeordneten Erh\u00f6hungen, sie k\u00f6nnen nur vage erahnen, welche formlose Furcht hinter den Augen ihrer M\u00fctter nistet und darum noch unbek\u00fcmmert spielen und singen, mit klaren Stimmchen, fast so wie auch wir es taten, wenn auch mehr drinnen als drau\u00dfen und unter st\u00e4ndigen Nicht-Hinweisen, \u201eKagome, Kagome, der Vogel im K\u00e4fig, wann nur, wann wird er hinausk\u00f6nnen?\u201c, schallt es durch das eingez\u00e4unte G\u00e4rtlein.<\/p>\n<p>Gehorsam tr\u00e4gt mein kleines Gef\u00e4hrt mich durch zu leere Stra\u00dfen, ausdruckslos nickt die kleine h\u00f6lzerne Akabeko am Armaturenbrett meinen Gedanken zu, w\u00e4hrend aus blauem Himmel, wolkenlos, die Sonne herabl\u00e4chelt auf zu fr\u00f6hliche Hinweisschilder mit den obligaten Lasst-uns-Aufforderungen. Zu viele flackernde rote Zahlen auf mattschwarzem Messger\u00e4tgrund, an zu vielen Ecken lauernd versuchen sie das Unberechenbare zu berechnen, lassen nicht vergessen, womit eingemauerte Asphaltpl\u00e4tze mit blauen und schwarzen M\u00fcllsackbergen unheimlich drohen, gleich wie malerisch die Blumen und B\u00e4ume auch bl\u00fchen m\u00f6gen, hier in dieser Pr\u00e4fektur, deren Name doch eigentlich \u201eInsel des Gl\u00fccks\u201c bedeutet. Jetzt aber scheint er nur noch Hohn zu sein, heute m\u00f6chte niemand mehr die samtigen, rosafarbenen Pfirsiche und knackigen, gr\u00fcnen Bohnenschoten essen, von denen meine bunten Schulb\u00fccher mit grinsenden Fig\u00fcrchen mir noch beibrachten, dass die Region f\u00fcr sie ber\u00fchmt sei, sie verrotten an den knorrigen \u00c4sten, die sich unter ihrer bet\u00e4ubend s\u00fc\u00dflich riechenden Last kr\u00fcmmen. Ein Grauen jenseits des Begreiflichen hat hier alles durchdrungen und \u00fcbrig bleibt nur eine bizarr sch\u00f6ne, fruchtbare H\u00fclle des Fr\u00fcheren, von tief innen heraus verfaulend.<br \/>\nBald schon lasse ich alle bekannten Wege hinter mir, folge den verschlungenen Routenempfehlungen von Onkel Kenjis Freund Naoto, auf Waldwegen, \u00fcber Stock und Stein, um dorthin zu gelangen, wo man nicht hinzuwollen hat, in die Sperrzone, aus der nur Todesangst die Menschen trieb, viele, meist \u00e4ltere, nur an ihren ebenso verseuchten Rand, tagein, tagaus hoffnungsvoll zur\u00fcckblickend, der Furcht nur mit dem stummen Mut der Verzweiflung trotzend, an Orte verbannt, an denen sie noch nicht einmal sterben wollen. Tantchen hat mir von Herrn Naoto erz\u00e4hlt, mir Fotos von fr\u00fcher gezeigt, auf denen auch er, ein kleiner st\u00e4mmiger Mann mit freundlichem Lachen und festem Blick, mit anderen Bauern des Dorfes zu sehen war. In dem, was manche f\u00fcr abgestumpfte Dummheit und andere f\u00fcr bewundernswerte Selbstlosigkeit halten, ist er dort geblieben, wo sonst keiner mehr bleiben konnte und beschloss, jene aus ihrem Leid zu retten, f\u00fcr die die hilflose Regierung nur sinnlosen Tod, Notschlachtung, als Erl\u00f6sung verordnete. Er befreite und sammelte die lebenden Tiere um sich, begrub die toten, sah die H\u00f6lle in den Augen elend verhungernder Rinder, denen nicht mehr zu helfen war, eingesperrt in verlassenen St\u00e4llen, h\u00f6rte ihre schw\u00e4cher werdenden Rufe, durfte Wunder des \u00dcberlebens, musste aber auch vergeblich an ausgemergelten Eutern schon fast verendeter Muttertiere und zitzen\u00e4hnlichen Seilen nuckelnde K\u00e4lber zwischen den Kadavern ihrer Artgenossen mitansehen.<br \/>\nUnd so lebt er nun, umgeben von einem bunten Reigen verschiedenster Tiere, Rinder, Katzen, Hunde, Strau\u00dfe, in einem strahlenden Garten Eden, verboten sind hier alle Fr\u00fcchte, nicht nur eine, untrinkbar auch das Wasser, drohend die Einsamkeit, ein Tantalos ohne S\u00fcnde.<br \/>\n\u00dcbergro\u00df flankiert allerorts wuchernde Vegetation meine Fahrt \u00fcber Stra\u00dfen, die bald v\u00f6llig intakt, bald ins Nichts f\u00fchrend einfach abbrechen, vorbei an fr\u00fcher ern\u00e4hrenden \u00c4ckern, in denen jetzt nutzlos gewordene Autowracks, zerdr\u00fcckt und scheibenlos, ruhen. Kilometerweit ins Landesinnere gesp\u00fclt zerrei\u00dfen die gestrandeten \u00dcberreste von gr\u00f6\u00dferen und kleineren Schiffen aus den H\u00e4fen entlang der K\u00fcste die Ein\u00f6de um sich, bauen sich lautlos mahnend vor mir auf, surreal gegen jede Sinnhaftigkeit, auf freiem Feld, halb auf den zerplatzten Asphalt gest\u00fcrzt, von der Witterung gezeichnete Zivilisationsskelette.<br \/>\nSp\u00e4ter lasse ich mein W\u00e4gelchen stehen, will die letzte Strecke zu meinem Ziel zu Fu\u00df zur\u00fccklegen, durch den Erinnerungsort so vieler Sommer meiner Kindheit, den Heimatort meiner Mutter und auch Tante Keikos, die als \u00e4lteste der Schwestern hier geblieben war, die Eltern versorgend, den Hof mit den K\u00fchen \u00fcbernehmend. In manchen der Stra\u00dfenz\u00fcge, durch die ich schweigend streiche, sind nur noch Ruinen der Geb\u00e4ude \u00fcbriggeblieben, kalt und leer starren sie mich an, den Verfall einrahmende Betonskulpturen, doch in anderen beschleicht mich f\u00fcr einen kurzen Moment sogar das Gef\u00fchl, nur ein etwas zu starker Wind w\u00e4re \u00fcber das Dorf hinweggebraust. In den Schaufenstern der B\u00e4ckerei liegen die frischen Brote von vor zwei Jahren, bedeckt mit einem samtenen gr\u00fcnen Flaum, und ein zu Boden gerutschtes Schild, fein s\u00e4uberlich mit Hand beschrieben, dekoriert mit getrockneten Blumen, bietet das Tagesangebot vom 11. M\u00e4rz, drei Melonenbr\u00f6tchen zum Preis von zweien, feil. Schutt und Scherben bedecken viele der Gehsteige, manche Schaufenster sind zerborsten, Hecken und Farne sprie\u00dfen in ungekannte H\u00f6hen, aus aufgeplatzter Stra\u00dfenhaut wuchert es gr\u00fcn, bl\u00fchend um unbewegte Autos herum. An gr\u00f6\u00dferen Kreuzungen blinken verwaiste Ampeln in ihren Kabelnetzen ins Leere und in einigen G\u00e4rten entdecke ich die K\u00f6rper einst geliebter Haustiere zu Fellumrissen und abgenagten Gerippen verkommen, das Gl\u00f6ckchen am Schulrucksack eines Kindes, ordentlich an die Wand der Veranda gestellt zur\u00fcckgelassen, ausgebleicht von unbarmherziger Sonne, fleckig vom Regen, klingelt leise im Wind.<br \/>\nVier Jahre zuvor hatte Onkel Kenji das Haus erst erneuert, viel M\u00fche und Arbeit, freilich auch Geld, in die Renovierung und die Erweiterung des Stalls gesteckt, in dessen Dunkelheit meine Schritte nun hohl verklingen und nicht einmal der Geruch mehr an seinen Zweck erinnert, k\u00fchl gl\u00e4nzen die Stahlverstrebungen im fahl einfallenden Tageslicht. Selbst nach dem Ungl\u00fcck wollte er nicht aufgeben, tat es nicht, erst, doch wer w\u00fcrde diese Milch noch kaufen wollen? Nach und nach musste er all seine geliebten K\u00fche schlachten, bis keine einzige mehr \u00fcbrig geblieben war und auch er Grund und Willen zum Dableiben verloren hatte, sein Durchhalten, das er immer zu einer Tugend erkl\u00e4rt hatte, zur Macht, war zur Ohnmacht geworden. Auch Tantchens Garten ist jeder Form entwachsen, unabl\u00e4ssig weiterbl\u00fchend. Schwer nur l\u00e4sst sich der kalte Schl\u00fcssel im Schloss drehen. Drinnen ist vieles genauso geblieben, wie ich es in Erinnerung hatte, im Wohnzimmer steht noch immer jener gro\u00dfe Tisch, unter dessen wohlig warmer Kotatsudecke wir zum Neujahrsfest alle unsere Beine dr\u00e4ngten, w\u00e4hrend Gro\u00dfmutter geduldig f\u00fcr all ihre Enkel Mikan sch\u00e4lte und Gro\u00dfvater, im Sitzen eingenickt, japsend schnarchte. Manches harrt abgedeckt der Wiederkehr seiner Besitzer, vergeblich wohl, und w\u00e4hrend ich zwischen unendlich vielen Erinnerungen nach jenen Dingen suche, die ich gebeten worden war mitzubringen, Kimonos meiner Mutter, Fotos meiner Familie, w\u00e4chst die Stille um mich herum immer weiter an, bedrohlich ohrenbet\u00e4ubend unertr\u00e4glich werdend, und beinahe \u00fcber meine eigenen F\u00fc\u00dfe stolpernd haste ich abschiedslos zur\u00fcck zu meinem Wagen.<br \/>\nUnter einem roten Himmel \u00fcber schattigen Reisfeldrechtecken rase ich dem Schweigen der finsteren Nacht entgegen, bemerke selbst erst sp\u00e4t meine Anspannung, meine seit Stunden flache Atmung, wage nicht durchzuatmen, denn in dieser Welt ist der Schrecken geruchlos, er stinkt ebenso wenig wie Geld, nicht sp\u00fcrbar, unsichtbar und doch \u00fcberall, in der Erde, den Wassern, den Winden. Er verbreitet sich wie ein Baum, der sprie\u00dft, in feinen und feinsten Ver\u00e4stelungen, wie auf Japanpapier ausgelaufene Tusche, immer weiter. In Ermangelung eines Endlagers haben wir unseren eigenen Lebensraum zum finalen Endlager gemacht.<br \/>\nAls ich die Containersiedlung wieder erreiche, proben deren ergraute Bewohner im harten Licht der Stra\u00dfenlaternen, umringt von erbarmungsloser Schw\u00e4rze, ein letztes Mal f\u00fcr das morgige Fest, singen mit m\u00fcden Stimmen, tanzen mit schweren Gliedern und ich begreife, dass auch Traditionen von innen heraus verfaulen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die K\u00fchle der Morgend\u00e4mmerung schleicht durch das ge\u00f6ffnete Fenster und l\u00e4sst mich f\u00fcr einen Moment fr\u00f6steln, als Tante Keiko mir hilft, den Kimono zu binden, bleiern lastet der traditionstrunkene Stoff auf meinen Schultern, w\u00e4hrend ich mein Haar k\u00e4mme und der schwarze Ballen loser Haare, die ich aus der B\u00fcrste ziehe, in meiner linken Hand stetig anw\u00e4chst.<br \/>\nDie Angst hat den Zeitplan der Schreinfeierlichkeiten gestrafft, s\u00e4mtliche St\u00e4nde mit Spielen oder duftenden Imbissen verbannt und so manches festlich gekleidete Gesicht hinter steriles Mundschutzwei\u00df gezwungen. Die Prozession schreitet leise singend, der Kannushi und die Mikos voran, unter den Kirschb\u00e4umen der Tempelallee des alten Dorfes zum Schrein, dessen jahrhundertealter Grund, nun da er nur noch einmal im Jahr betreten wird, wohl noch heiliger geworden ist, zu Boden sinken Kirschbl\u00fcten. Onkelchens Blick neben mir wirkt leer und ich muss an seine ausdruckslose Miene denken, als ich ihn zur Aufheiterung, kl\u00e4glich scheiternd, aufgekratzt von Erinnerungen berichtend, nach seiner liebsten Erinnerung fragte. \u201eIch habe keine mehr\u201c, antwortete er tonlos, nach bedr\u00e4ngender Pause, aus eingefallenen Z\u00fcgen.<br \/>\nDer Kannushi leitet die Zeremonie, der scheppernde Klang der Tempelglocken unterbricht das blaue Meerestosen, aufgereiht zur Rechten und Linken des Altars verbeugen wir uns tief, klatschen zweimal in die hohle Stille, schlie\u00dfen die Augen, sollen beten, doch mein Kopf f\u00fcllt sich mit grauem Nichts. Fromm versuche ich den Namen Gottes in das Nichts zu schieben, Kami, doch alles, woran ich denken kann, sind die formlosen Laute seines Namens, Ka, Mi, die in dieser Sprache so voller Homonyme, genauso Papier, geduldiges, Haare, in B\u00fcscheln ausfallende, oder Obrigkeiten wie die Regierung, den drei \u00c4ffchen aus Nikko so \u00e4hnlich, meinen k\u00f6nnen. Noch einmal verbeugen wir uns, das Verklingen der Tempelglocken dauert \u00fcberlang.<br \/>\nIm bleichen Morgenlicht scheint auch Tantchens ernstes Gesicht ausgemergelt und die matte Vormittagssonne im R\u00fccken, blasse, lange Schatten vor uns, kann auch ich verstehen, warum Vergessen Erl\u00f6sung w\u00e4re, wie sie mir nachsichtig l\u00e4chelnd, in nerv\u00f6ser M\u00fcdigkeit zittrig geworden, sorgsam jedes Pfl\u00e4nzchen gie\u00dfend, anvertraute.<\/p>\n<p>Der Wind, der zusammen mit der grauen Gischt in den kleinen Hafen gesp\u00fclt wird, ist bei\u00dfend kalt und schmeckt salzig. Ich vergrabe meine eisigen H\u00e4nde in den Taschen meiner viel zu d\u00fcnnen Jacke, schon wieder gewachsenes Gep\u00e4ck noch fester an mich pressend, beobachte ich das Treiben um mich. Gedrungene M\u00e4nner verladen mit harten Gesichtern Kisten von einem gerade eingelaufenen Fischerboot an Land, bringen sie nach und nach unter das Vordach der kleinen, etwas heruntergekommenen Hafenhalle. Dort werden die Paletten einzeln gewogen, fangfrische Fische zappeln in ihnen, nach Leben schnappend, w\u00e4hrend die Arbeiter ausdruckskarg das Geschehen betrachten. Einer aber sp\u00fcrt meinen mitleidsvollen Stadtkindblick und seine verkniffenen Z\u00fcge entspannen sich etwas, als er mich, eine bereits gewogene Kiste ergreifend, dar\u00fcber aufkl\u00e4rt, dass diese Fische hier Gl\u00fcck h\u00e4tten. Sie l\u00e4gen ohnedies alle \u00fcber den Grenzwerten, niemand wolle sie essen, auch wenn die Fischer dennoch von TEPCO je nach Gewicht f\u00fcr ihren Fang bezahlt w\u00fcrden.<br \/>\nIrgendwo in meinem Hinterkopf donnert Sisyphos\u2018 Felsbrocken zu Tale.<br \/>\nEin mildes L\u00e4cheln spielt um seine schmalen, trockenen Lippen, in den klaren Augen etwas trotzige Trauer, als er die sich immer noch windenden Fische mit einem ge\u00fcbten Schwung wieder zur\u00fcck in den tr\u00fcbe rauschenden Ozean kippt. Mit einem kr\u00e4ftigen Schlag ihrer farblosen Schwanzflossen verschwinden sie ins tiefe Grau.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Sarah Victoria Hoch<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 14063<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dem Moment, als mich der automatische Newsfeed meines Handys stumm vibrierend \u00fcber den Beschluss Premierminister Abes, wieder in die Kernenergie einzusteigen, informiert, zerplatzt ein einsamer Regentropfen auf meiner Wange. 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