{"id":1559,"date":"2014-07-28T16:27:54","date_gmt":"2014-07-28T16:27:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1559"},"modified":"2014-09-13T18:29:35","modified_gmt":"2014-09-13T18:29:35","slug":"august","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1559","title":{"rendered":"August"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1559&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1559&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Das k\u00fchle Wasser umschlie\u00dft dich, r\u00fcckt dir an die Haut. Es bedr\u00e4ngt deinen K\u00f6rper, der sonderbar schw\u00e4chelt und wenig Widerstand entgegensetzt. Der Wasserdruck presst dir den Bauch in die Flanken, du l\u00e4sst es ohne Gegenwehr zu. Dein Gesicht wird zu einer Grimasse verformt, w\u00e4hrend du dich unter Wasser mit halbherzigen Tempi fortbewegst.<\/p>\n<p>Die Tage werden schon wieder k\u00fcrzer, hat deine Frau gestern zu dir gesagt und dass der August genutzt werden sollte. Ein Ausflug ins Waldbad, bevor der Urlaub vorbei ist und die B\u00fcroarbeit wieder die Tage bestimmt. Ohne viele Worte liegt ihr nun nebeneinander im Schatten auf euren Liegen. Du starrst in dein Buch und die Augen kommen nicht vom Fleck. Denn immer denkst du an Peter, deinen besten Freund und Kollegen aus der Bank. Und an die Sache mit den Hedgefonds, die ihm zuerst den Job und euch beiden dann vieles andere gekostet hat, schlussendlich.<\/p>\n<p>Der Geruch von trockenem Gras wird von dem nach Sonnen\u00f6l \u00fcbertroffen. Wie jedes Jahr ist die Hitze fast \u00fcbergangslos da gewesen. Sonne in ihrer ganzen St\u00e4rke und im \u00dcberfluss. In der Jugend nahmst du die Sommer so hin, sie kamen und gingen. Sp\u00e4ter hast du sie bewusster erlebt und jetzt schlie\u00dflich fragst du dich, wie viele dir noch bleiben. Selbst im allerbesten Fall wird deren Anzahl \u00fcberschaubar sein.<br \/>\nSo wie du den deinen, hat die Natur im August ihren Zenit \u00fcberschritten, das Laub h\u00e4ngt dunkelgr\u00fcn und satt in den B\u00e4umen, ist morgens schon mit Tau bedeckt, dem gleichg\u00fcltigen Vorzeichen des Herbstes.<br \/>\nDas Buch legst du beiseite. Der See verhei\u00dft Linderung, wie er jetzt so ruhig im Schatten der B\u00e4ume daliegt. Das Wasser wird deine Aufmerksamkeit zerstreuen, auf K\u00f6rperliches fokussieren. Deine Haut wird lauter f\u00fchlen als dein Kopf denken kann, dein Herz wird heftig klopfen, und es wird nicht wegen Peter sein.<\/p>\n<p>Wie fragil dir der August erscheint. Kein anderer Monat tr\u00e4gt so wie dieser plakativ sein eigenes Ende vor sich her. Obwohl die Luft flirrt und die Sonne sticht, liegt die Endlichkeit des Sommers schon vorprogrammiert da, denkst du, als du \u00fcber die spitzen Steinchen ins Wasser steigst und dich von ersteren qu\u00e4len und von letzterem forttragen l\u00e4sst.<br \/>\nDein K\u00f6rper wird durch den K\u00e4ltereiz schlagartig munter. Das schnelle Schwimmen zum Flo\u00df in der Mitte des Waldsees bringt die erhoffte Erl\u00f6sung. Du ger\u00e4tst ordentlich aus der Puste, hast lange nicht gesportelt, und es gelingt dir erst im zweiten Versuch, dich aufs Flo\u00df hinaufzuziehen. Dort liegt ein M\u00e4dchen, das kurz den Kopf hebt und auf dein Hallo nickend reagiert. An ihrer K\u00f6rperhaltung erkennst du ihr Desinteresse, an ihrer Figur deine deutliche \u00dcberlegenheit an Jahren, an ihrem Bikini, den silberfarben lackierten Zehenn\u00e4geln und den langen fahlblonden Locken, dass ein Smalltalk wohl f\u00fcr beide unergiebig verlaufen w\u00fcrde. Du legst dich auf die hei\u00dfen Holzplanken, die deiner Haut unmittelbar und energisch die N\u00e4sse entziehen. Diesem Gef\u00fchl willst du nachsp\u00fcren, es konservieren f\u00fcr k\u00fchlere Zeiten, f\u00fcr schlechtere Tage.<br \/>\nBest\u00e4ndiges Kinderlachen im Hintergrund.<\/p>\n<p>Ob du deinen Weg zur\u00fcck ans Ufer mit einem Sprung kopfvoran starten sollst? Du traust es dir zu. Also ein K\u00f6pfler. Deine Haut erschrickt \u00fcber die K\u00e4lte, dein Herz zeigt sich solidarisch und h\u00e4mmert schwer.<br \/>\nDu willst es nicht und doch denkst du an Peter. Jetzt bei ihm zu sein, sei es nur, mit ihm im Gastgarten zu sitzen, bei einem Bier und \u00fcber die neue Chefin herzuziehen, daf\u00fcr w\u00fcrdest du vieles geben. Diese Vorstellung zieht dich mit gro\u00dfer Macht hinunter. Und genau dort willst du jetzt so lange wie m\u00f6glich bleiben. Unter Wasser.<br \/>\nDen Fischen werden deine Tr\u00e4nen nichts bedeuten. Atmen h\u00e4ltst du noch immer nicht f\u00fcr n\u00f6tig. Die Bilder im Kopf werden blasser, je weniger Sauerstoff du zuf\u00fchrst. Peter. Und jetzt sp\u00fcrst du dich ganz in seiner N\u00e4he, wissend, dass dieser Moment gleich wieder vorbei sein wird.<\/p>\n<p>Als du schlie\u00dflich im h\u00fcfthohen Wasser nahe dem Ufer lauthals nach Luft ringst, springen dir ein paar Badeg\u00e4ste entgegen und helfen dir an Land. Du setzt dich auf den Steg und wehrst jegliche Hilfe ab.<br \/>\nJetzt wei\u00dft du, dass man nie genug bekommen kann vom Sommer. Die Sonne verschwindet kurz hinter einer Wolkenbank und macht \u00fcberdeutlich klar, dass du auch nie genug bekommen wirst. \u00dcberf\u00fclle mit Ablaufdatum.<br \/>\nDeine Frau eilt mit besorgter Miene herbei, setzt sich zu dir und trocknet dich mit dem gelben Handtuch ab. Wieso sie deine Tr\u00e4nen zuerst abwischt, ja diese \u00fcberhaupt bemerkt, wo doch alles an dir nass ist, fragst du dich und sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 14061<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das k\u00fchle Wasser umschlie\u00dft dich, r\u00fcckt dir an die Haut. Es bedr\u00e4ngt deinen K\u00f6rper, der sonderbar schw\u00e4chelt und wenig Widerstand entgegensetzt. Der Wasserdruck presst dir den Bauch in die Flanken, du l\u00e4sst es ohne Gegenwehr zu. Dein Gesicht wird zu einer Grimasse verformt, w\u00e4hrend du dich unter Wasser mit halbherzigen Tempi fortbewegst. 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