{"id":1557,"date":"2014-07-28T16:23:46","date_gmt":"2014-07-28T16:23:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1557"},"modified":"2014-08-08T07:16:53","modified_gmt":"2014-08-08T07:16:53","slug":"best-control","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1557","title":{"rendered":"Best Control"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1557&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1557&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Sie trank ihr Glas Milch in einem Zug. Ein Genuss, den nur wenige nachvollziehen konnten, aber was wussten die schon?<br \/>\nWenn sich diese milchig-schleimige Schicht innen in ihrem Hals anschmiegte, \u00f6lig fast, das war es, was sie nach so einem Job dringend brauchte.<br \/>\nHeute war es besonders schlimm gewesen: n\u00e4chtens auf den Knien herumzukriechen, mit gekr\u00fcmmtem R\u00fccken, das Gesicht nahe dem Boden nach etwas suchend, von dem sie nicht wusste, wie es aussah, nur allzu oft dem Schmutz und dem Staub dort beinahe schutzlos ausgeliefert.<br \/>\nDie \u00e4u\u00dferliche Reinigung war ja schnell erledigt, duschen, umziehen, fertig.<br \/>\nAber innen drin in ihrer Kehle schien es, als habe sich all der Unrat der Orte festgesetzt, an denen sie zu tun hatte.<br \/>\nUnd es waren selten die sch\u00f6nen Seiten des Lebens, die sich ihr dort pr\u00e4sentierten.<br \/>\nHeruntergekommenes, der unterste Rand unserer Gesellschaft, so schien es ihr, sehr hart im Urteil, denn sehr oft waren es ganz normale H\u00e4user, die sie aufsuchen musste, mit belanglosen Menschen, die dort wohnten, arbeiteten, schliefen, ja, sogar a\u00dfen. Kaum vorstellbar, nach all ihren Entdeckungen dort, aber ihre Ma\u00dfst\u00e4be an Hygiene waren wohl kaum die \u00fcblichen, wie man so sagt.<br \/>\nDas h\u00e4tte sie sich auch nicht tr\u00e4umen lassen, eine akademische Ausbildung, dann eine Umschulung, und nun musste sie sich, ohne Aufsehen zu erregen (besser, die Nachbarschaft bekam nichts mit, was hei\u00dft, besser; unumg\u00e4nglich, wenn sie l\u00e4nger in diesem Job bestehen wollte, das wurde ihr von Beginn an eingetrichtert \u2026) meist mitten in der Nacht oder zumindest nach Einbruch der D\u00e4mmerung zu ihr unbekannten Behausungen kutschieren lassen, in einem unauff\u00e4lligen Wagen, versteht sich.<br \/>\nKeine Zeit verschwenden, systematisch vorgehen, analytisch denken, auch wenn ihr noch so graute vor dem, was sie fand, jeden Vorgang auch bildlich dokumentieren, bereits Notizen verfassen, diese sp\u00e4ter ausformulieren, das reichte aber am n\u00e4chsten Tag.<br \/>\nWenige waren so gut wie sie, so war sie ausgebucht bis zu ihrem Urlaub. Den verbrachte sie ausschlie\u00dflich bei ihr zu Hause. Da war alles sch\u00f6n, an seinem Platz, wenig zu bef\u00fcrchten.<br \/>\nSo wie jetzt. Alles in Ordnung. Morgen w\u00fcrde sie die Bilder sortieren m\u00fcssen, sich grausen, stundenlang nichts essen k\u00f6nnen, vielleicht in einer Arbeitspause Milch kaufen gehen, sie hatte einmal gelesen, dass Milch sehr reinigend wirken soll.<\/p>\n<p>Hatte ihr diese Arbeit jemals wirklich Spa\u00df gemacht? Sie wusste es nicht mehr. Eigentlich war sie pr\u00e4destiniert daf\u00fcr, mit ihrem Blick f\u00fcr die noch so kleinsten schmutzigen Details, die nachl\u00e4ssig verwischten Spuren, keine Ahnung hatten sie, die Menschen. Nicht davon, wie man Sachen ordentlich abwischt, wie man Verr\u00e4terisches endg\u00fcltig zum Verschwinden bringt, nicht, wie selbst mit freiem Auge sichtbar ganze Geschichten offen da liegen, von Vernachl\u00e4ssigung, von grobem Verschulden, ja, von vors\u00e4tzlichem Verbergen, von strafbarem Verhalten. Und daf\u00fcr war sie zust\u00e4ndig, unbestechlich in ihrem Blick.<\/p>\n<p>Der junge Kollege, der sie zum Essen hatte einladen wollen, wusste nicht, worauf er sich da eingelassen hatte. Ein Flirt, der ihn weiterbringen sollte in seinem Werdegang, k\u00f6nnte nicht schaden, hatte er wohl gedacht. Sie galt als das Mastermind im gesamten Team, und dar\u00fcber hinaus; und sie war sich dessen bewusst. Aber ein Essen in einem Restaurant, da war sie mal gespannt. Die Auswahl wollte sie sich schon ansehen, denn dass er ihr mehrere Lokalit\u00e4ten zur Begutachtung anbot, verstand sich wohl von selbst.<br \/>\nWie erstaunt war sie, als er sich erbot, f\u00fcr sie zu kochen, bei ihm zu Hause. Leichte Panik ergriff sie. Damit hatte sie nun nicht gerechnet. Aber manchmal gibt es selbst bei kontrolliertesten Menschen einen Moment, in dem sie unvorsichtig, ja \u00fcberm\u00fctig werden, und so sagte sie ihm f\u00fcr den n\u00e4chsten Samstagabend zu. Der Kollege wusste sich vor Freude kaum zu fassen. Sie sah sich gezwungen, ihm aufzuerlegen, dass im Kollegenkreis niemand Wind von ihrem bevorstehenden privaten Treffen bekommen sollte.<\/p>\n<p>Warum diese Aufregung, wozu das Treffen, und wann hatte sie zum letzten Mal etwas gegessen, das nicht sie selbst zubereitet hatte? Das konnte b\u00f6se enden.<br \/>\nSie hatte wohl zu lange ihre Freizeit in dieser eigenen, wenn auch gro\u00dfz\u00fcgigen Wohnung verbracht, sich alle ausw\u00e4rtigen Vergn\u00fcgungen versagt, und so hatte sie vielleicht einen Lagerkoller oder \u00e4hnliches, der sie zu solch gewagtem Tun verleitete.<br \/>\nAu\u00dferdem war der Mann immerhin ein ambitionierter Kollege, sie nahm also an, dass vom hygienischen Standpunkt aus alles in Ordnung sein m\u00fcsste, zumindest eher als beim Rest der arglosen Bev\u00f6lkerung. Sie wollte sich also \u00fcberraschen lassen, ganz entgegen ihrer vorsichtigen Natur.<\/p>\n<p>Die Begegnung warf ihre Schatten voraus. Bereits am Donnerstag traf sie den Hoffnungsvollen, als er seine Unterlagen f\u00fcr den n\u00e4chsten Auftrag im B\u00fcro abholte.<br \/>\nEr l\u00e4chelte sie verschw\u00f6rerisch an, w\u00e4hrend sie ihre Dokumentation des letzten Einsatzes der Sekret\u00e4rin \u00fcbergab. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Worauf hatte sie sich da blo\u00df eingelassen?<br \/>\nUm Ger\u00fcchten keinen Vorschub zu leisten, drehte sie sich abrupt um und verlie\u00df das B\u00fcro hastig und gru\u00dflos.<\/p>\n<p>Der Kollege rief sie am Freitag an, fast flehentlich, um sie zu fragen, ob ihr Treffen aufrecht sei, was sie bejahte. Die Neugierde \u00fcberwog doch, ein Einblick in seine Wohnung w\u00fcrde ihr viel \u00fcber seine Person verraten, aus der sie nicht recht schlau wurde. Zur Abwechslung war diese Wissbegier diesmal kein \u201eFall\u201c, der erledigt geh\u00f6rte, sondern eine Privatsache.<br \/>\nSie machte sich am Samstagabend auf den Weg, der Freitag war unerfreulich-unappetitlich zu Ende gegangen, und sie hatte dessen Dokumentation tags\u00fcber erledigt. So war sie froh, diese Bilder aus dem Kopf zu bekommen, nun Abwechslung zu\u00a0 haben, Aufregung sogar, und was f\u00fcr eine!<\/p>\n<p>Der Mann war korrekt gekleidet, wie immer. Das sah sie gleich, als er die T\u00fcr \u00f6ffnete, sofort nach ihrem Klingeln, als h\u00e4tte er die ganze Zeit \u00fcber auf sie wartend dahinter gestanden. Ein vielversprechender Beginn also.<br \/>\nEr begr\u00fc\u00dfte sie f\u00f6rmlich, mit entgegengestrecktem rechtem Arm allerdings, das h\u00e4tte es nun wirklich nicht gebraucht. Als er sie bat, einzutreten und voranzugehen, bewunderte sie den blitzblanken Flur, die gekonnt auf Hochglanz polierte Garderobe und die in Reih und Glied aufgestellten Schuhe. Sie f\u00fchlte sich auf Anhieb wohl. Als sie ins Esszimmer trat, stockte ihr der Atem. Ein Luster \u00fcber einer geschmackvoll gedeckten Tafel verstr\u00f6mte warmes Licht, das eine fast unwirkliche Szene beleuchtete.<br \/>\nAuf dem Tisch schmiegten sich Pipetten an Reagenzgl\u00e4ser, lockte gl\u00e4nzendes Stahlbesteck neben Messinstrumenten jeglicher vorstellbarer Art, lagen dezent Kabel, wo welche f\u00fcr elektronische Vorrichtungen ben\u00f6tigt wurden, in sch\u00f6ner, abgestimmter Ausrichtung, insgesamt ein Bild herrlicher Ordnung, Kontrolle und Messbarkeit. Sie sp\u00fcrte die Lust, zu erforschen, allem auf den Grund zu gehen, was es zu wissen gab. Er strahlte sie an. Ihrem Gesichtsausdruck sah er an, dass er ins Schwarze getroffen hatte.<br \/>\n\u201eIch wusste, Sie w\u00fcrden nichts essen, was Sie nicht genau kennen. Darum darf ich Sie ganz herzlich zur gemeinsamen Analyse einladen. Es freut mich so, dass Sie hier sind, das kann ich Ihnen gar nicht sagen. Freude ist gar kein Ausdruck daf\u00fcr. Sie sind meine Muse \u2026\u201c<br \/>\nNur m\u00fchsam gelang es ihr, nachdem sie das erste Erstaunen \u00fcberwunden hatte, ihn zu unterbrechen, mit einem begierigen \u201eFangen wir an, Herr Kollege! Was wollen Sie uns als erstes auftragen?\u201c<br \/>\n\u201eWir beginnen mit Paradeiscremesuppe, Sie wissen, worauf das hinausl\u00e4uft?\u201c meinte er noch mit einem ausgelassenen Zwinkern, das sie so von ihm nicht kannte.<br \/>\n\u201eKeine Ahnung\u201c, meinte sie unschuldig. \u201eAber wenn es etwas zu finden gibt, lieber Kollege, so verlassen Sie sich darauf, wird es heute Abend entdeckt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 14062<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie trank ihr Glas Milch in einem Zug. Ein Genuss, den nur wenige nachvollziehen konnten, aber was wussten die schon? Wenn sich diese milchig-schleimige Schicht innen in ihrem Hals anschmiegte, \u00f6lig fast, das war es, was sie nach so einem Job dringend brauchte. Heute war es besonders schlimm gewesen: n\u00e4chtens auf den Knien herumzukriechen, mit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[11],"class_list":["post-1557","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rosina-carmen","tag-es-menschelt"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1557","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1557"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1557\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1565,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1557\/revisions\/1565"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1557"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1557"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1557"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}