{"id":15557,"date":"2023-02-20T09:02:57","date_gmt":"2023-02-20T09:02:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=15557"},"modified":"2023-02-25T13:21:23","modified_gmt":"2023-02-25T13:21:23","slug":"ein-sommermaerchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=15557","title":{"rendered":"Ein Sommerm\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts15557&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts15557&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Jedes Kind hatte fr\u00fcher einmal einen Zauberkasten. Und wenn es keinen hatte, dann hat es sich doch immer einen gew\u00fcnscht. Heute scheint so etwas ja aus der Mode gekommen zu sein. Ich k\u00f6nnte nicht einmal genau sagen, wann das war, aber es h\u00e4ngt wahrscheinlich mit dem Aufkommen\u00a0 des Computers und des Internets zusammen.<\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zu meiner Geschichte: Damals war ich im Ferienlager und es gefiel mir leidlich gut. Ich mochte zwar die t\u00e4glichen Wanderungen und Ausfl\u00fcge, aber je mehr ich mit den anderen zusammen war, entpuppte sich ihr kindisches Gehabe. Das ging mir geh\u00f6rig auf die Nerven und es tr\u00fcbte auch meine ansonsten durchaus sch\u00f6nen Erinnerungen: das frische Gr\u00fcn und die schattenspendenden B\u00e4ume bei den Waldwanderungen. Die Naturerlebnispfade und die eine oder andere Stadtrallye \u2013 oder besser gesagt: St\u00e4dtchenrallye. Nat\u00fcrlich war das das erste Mal, dass ich die Sch\u00f6nheiten der Provinz kennenlernte. Damals war ich zehn oder elf.<\/p>\n<p>Aber es tat sich noch etwas auf, was ich, wenn man es altmodisch ausdr\u00fccken wollte, durchaus als \u201eAufbruchstimmung\u201c beschreiben konnte. Ich erahnte eine sch\u00f6ne, erfolgversprechende Zukunft, die sich aus imaginierten Welten speist. Das Erwachen der eigenen Jugend, der Bildungshunger, das Fernweh und nat\u00fcrlich das erste, sch\u00fcchterne Interesse am anderen Geschlecht. Dieses Gef\u00fchl tat sich in einigen Momenten auf und es machte mich auch ein bisschen stolz, wenn ich die Geschichten aus fr\u00fcheren Zeiten las. Ich wusste nicht, ob es heutzutage noch m\u00f6glich w\u00e4re, solche Abenteuer zu erleben und irgendwie kamen mir die Gleichaltrigen, die vielleicht 15 Jahre vor mir in diesem Alter waren, viel reifer, viel \u201eerwachsener\u201c vor.<\/p>\n<p>Wie gesagt, fand ich das Gehabe der anderen kindisch, und als die langersehnte Nachtwanderung anstand, war ich schon vorher aufgeregt. So etwas Spannendes hatte ich davor noch nicht gekannt. Die Entt\u00e4uschung kam aber, als die anderen anfingen, Kindergartenlieder zu singen. So kann man die Stimmung auch ruinieren \u2026<\/p>\n<p>Nach einigen Tagen fiel mir aber eine Erzieherin von einer anderen Gruppe auf. Sie gefiel mir sehr gut und sie spielte abends vor ihrer Gruppe immer Gitarre. Leider w\u00e4re es f\u00fcr mich unm\u00f6glich gewesen, sie anzusprechen, da sie eine Autorit\u00e4tsperson war und zu einer anderen Gruppe geh\u00f6rte. In den n\u00e4chsten Tagen plagte mich immer wieder ein ungutes Gef\u00fchl, das von einer vagen Verliebtheit, aber auch dem Schmerz der Unm\u00f6glichkeit gepr\u00e4gt war.<\/p>\n<p>Eines Tages aber, als es besonders hei\u00df war, gingen meine Zimmerkameraden zum Fu\u00dfballspielen, ich aber blieb alleine im Zimmer und las am Schreibtisch ein Buch. Da klopfte es auf einmal an der T\u00fcr. Es war die von mir bewunderte Erzieherin und fragte, ob sie sich kurz ausruhen d\u00fcrfe, da es ihr schwindlig sei und sie es nicht mehr auf ihr Zimmer schaffen w\u00fcrde. Ich war zun\u00e4chst baff, dann bot ich ihr aber an, sich in mein Bett zu legen, und sie nahm mein Angebot an.<\/p>\n<p>Sie legte sich in voller Montur auf das Bett, lediglich den Hosenknopf \u00f6ffnete sie und machte ein Nickerchen. And\u00e4chtig schaute ich ihr beim Schlafen zu und \u00fcberlegte, was ich zu ihr sagen oder womit ich sie beeindrucken k\u00f6nnte. Da entdeckte ich den Zauberkasten im Schrank, den ein fr\u00fcherer Gast dagelassen hatte. Eifrig las ich mich durch die Spielanleitung und entdeckte bald einen Zaubertrick, den ich lernen wollte und, sobald die Erzieherin aufgewacht w\u00e4re, ihr zeigen wollte. Es war der Trick, wie man ein Kaninchen aus dem Hut zaubert. Einen Hut hatte ich keinen und erst recht kein Kaninchen. Wie sollte das also funktionieren? Hektisch suchte ich nach einem anderen Trick. Da h\u00f6rte ich eine Stimme \u201eDu suchst wohl nach einem Zaubertrick, nicht wahr?\u201c, sagte die Erzieherin und schaute mich verdutzt an. \u201eDa gebe ich dir einen Rat: Mach nicht mit bei dem, was deine Gleichaltrigen als \u201eerwachsen\u201c ansehen, und begib dich auf die Suche nach dem, was dich in deinem Innersten am meisten bewegt, schreib es auf und warte, vielleicht f\u00fcnf, zehn Jahre und begib dich dann nochmals auf die Suche und du wirst sehen, dass du dann diese Zeit mit anderen Augen sehen wirst.\u201c Da mir das Herz noch zu stark klopfte, brachte ich keine Antwort heraus. In diesem Moment erkannte ich die ganze Magie dieses Moments. Dass mir so etwas Unwahrscheinliches geschah, mit dem ich nie und nimmer gerechnet h\u00e4tte. Als ich versuchte zu antworten, musste ich tief Luft holen. Aber ich brachte keinen einzigen Laut heraus. Also versuchte ich es nochmal. Und nochmal. Pl\u00f6tzlich sprang die T\u00fcr auf und die l\u00e4rmenden Zimmergenossen kamen zur\u00fcck. Von der Erzieherin keine Spur. Ich merkte, dass ich eingenickt war und das Ganze eine Traumphantasie war.<\/p>\n<p>Von der Erzieherin nahm ich in der n\u00e4chsten Zeit nichts mehr wahr. Es war m\u00f6glich, dass sie und ihre Gruppe schon abgereist waren. Ich behielt aber die Worte aus dem Traum in Erinnerung und versuchte mich \u201ef\u00fcnf oder zehn Jahre sp\u00e4ter\u201c wieder daran zu erinnern. Als ich das sp\u00e4ter tat, kam mir der Ausflug fast m\u00e4rchenhaft vor: Welche tollen Abenteuer wir erlebt h\u00e4tten und wie aufregend das Ganze doch gewesen sei. In diesem Moment wurde ich mir aber auch bewusst, dass dies nur die Arbeit der Phantasie gewesen ist, die der Realit\u00e4t auf die Spr\u00fcnge geholfen hat &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Bauer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"spazierensehen\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a>| Inventarnummer: 23079<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedes Kind hatte fr\u00fcher einmal einen Zauberkasten. Und wenn es keinen hatte, dann hat es sich doch immer einen gew\u00fcnscht. Heute scheint so etwas ja aus der Mode gekommen zu sein. Ich k\u00f6nnte nicht einmal genau sagen, wann das war, aber es h\u00e4ngt wahrscheinlich mit dem Aufkommen\u00a0 des Computers und des Internets zusammen. 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